Straße in Bergedorf

Kurt A. Körber: Kommission verteidigt Gutachten zu NS-Zeit

Die Kurt-A.-Körber-Chaussee in Bergedorf

Die Kurt-A.-Körber-Chaussee in Bergedorf

Foto: Andreas Laible

Darf eine Straße noch nach Kurt A. Körber benannt sein? Man habe die bekannten Quellen „sorgfältig geprüft“, betont das Gremium.

Hamburg.  Eine nach Kurt A. Körber getaufte Straße in Bergedorf umzubenennen, weil der Hamburger Ehrenbürger und große Stifter für den Einsatz von KZ-Häftlingen während der NS-Zeit eine „mindestens moralische Mitverantwortung“ trage – mit dieser Empfehlung hat sich eine Hamburger Kommission viel Kritik eingehandelt. In Zuschriften von Abendblatt-Lesern war von Verunglimpfung und „moralischer Selbstgefälligkeit der Ankläger“ die Rede. Der Hamburger Historiker Josef Schmid, auf dessen 2011 veröffentlichte Studie über Körber („Gewöhnlicher unternehmerischer Opportunismus?“) sich die Kommission maßgeblich stützt, schrieb, er sei „einigermaßen entsetzt über das Kommissionsurteil, denn es beruht letztlich auf Spekulation“.

Das Gutachten

Diese Vorwürfe will das ehrenamtlich tätige Gremium nicht so stehen lassen: In der Aufregung um die Stellungnahme seien „einige Punkte durcheinandergeraten“, schreiben Alyn Beßmann (KZ-Gedenkstätte Neuengamme), Torkild Hinrichsen (Beirat der Bergedorfer Museumslandschaft), Bernd Reinert (Staatsrat a. D.), Geerd Dahms (Vorsitzender der Geschichtswerkstätten Hamburg) und Christian Römmer (Leiter des Kultur- und Geschichtskontors Bergedorf).

Sechs Beiträge wurden offline gestellt

Sie betonen, dass die Kommission nicht aus eigenem Antrieb handelte, sondern im Auftrag der Bergedorfer Bezirksversammlung die NS-Vergangenheit von zehn Namensgebern für Straßen untersucht hat, unter ihnen Kurt Körber. Man habe „die bisher bekannten Informationen zu diesen Personen sorgfältig geprüft“, so das Gremium. „Die detaillierte und kritische Bewertung der Datenbankeinträge hat dazu geführt, dass die Landeszentrale sechs der zehn Beiträge zur Überarbeitung offline gestellt hat.“

Die Landeszentrale für politische Bildung hatte 2016 eine Datenbank zu Menschen veröffentlicht, die auf unterschiedliche Weise Anteil an NS-Verbrechen hatten. Zehn Einträge bezogen sich auf Personen, nach denen Straßen im Bezirk Bergedorf benannt sind. Die neue Kommission sollte klären, wie Bergedorf mit diesen „möglicherweise NS-belasteten Namen“ umgehen kann.

Die Aufgabe habe allerdings nicht sein können, „durch Erschließung neuen Materials komplette Lebensbilder der zehn fraglichen Personen zu erarbeiten“, teilt das Gremium nun mit. Vielmehr habe man „auf der Grundlage des vorhandenen Materials zur Frage einer eventuell erforderlichen Straßenumbenennung Stellung genommen“.

"Körber trug eine mindestens moralische Mitverantwortung"

Bei der Beurteilung von Körbers NS-Vergangenheit geht es um dessen Tätigkeit als Mitglied der Geschäftsführung der Dresdner Firma Universelle, die 3000 Zwangsarbeiter beschäftigte und bei der ein Außenlager des KZ Flossenbürg mit mindestens 700 weiblichen KZ-Häftlingen angesiedelt war.

Dazu stellt die Kommission nun fest: „Die Aufgabenverteilung zwischen der Firma und der SS folgte in solchen Fällen festen Standards. Die Firma war etwa für die Unterbringung der Häftlinge verantwortlich. Dies zieht unsere Stellungnahme in Betracht.“ Damit verteidigt die Kommission ihre Einschätzung, dass Körber aufgrund seiner leitenden Position eine „mindestens moralische Mitverantwortung“ trage.

Das sei „keine abenteuerliche Schlussfolgerung“, sagt Kommissionsmitglied Christian Römmer mit Bezug auf die Kritik des Historikers Josef Schmid. Dieser schrieb, es sei „mehr als abenteuerlich“, aus allgemeinen Erkenntnissen der Forschung – die auf die individuellen Besonderheiten von Firmen und Unternehmerpersönlichkeiten hinweise – auf Körbers persönliche Verantwortung zu schließen.

Dazu sagt Kommissionsmitglied Alyn Beßmann: „Ich habe mich gewundert, wie man mit den gleichen Quellen zu so unterschiedlichen Einschätzungen kommen kann.“ Beßmann erzählt, sie habe zuletzt viele Anrufe erhalten. „Darunter war nicht nur Kritik, sondern es gab auch Rückfragen und Zuspruch.“

Öffentliche Debatte heute Abend im Hauptausschuss

Die Körber-Stiftung äußert sich ähnlich wie Josef Schmid. „Es ist nicht mehr entscheidend, ob einer Person individuelle Schuld nachgewiesen werden kann“, sagt Körber-Sprecher Martin Meister. „Stattdessen soll sie so lange als schuldig gelten, bis ihre Unschuld bewiesen ist. Wir weisen ein solches Vorgehen zurück.“ Der Schuldnachweis sei nicht erbracht. „Und nach wie vor erkennen wir keine neuen historischen Fakten.“ Tatsache sei allerdings, dass Kurt Körber Mitglied der NSDAP war und sich in der NS-Zeit „sicherlich opportunistisch“ verhalten habe.

Am Dienstag stand der Vorstandsvorsitzende der Körber-Stiftung, Lothar Dittmer, den Fraktionschefs der Bezirksversammlung Rede und Antwort. Heute, Donnerstag, soll das Gutachten ab 18 Uhr im öffentlichen Teil des Hauptausschusses debattiert werden. „Ich denke nicht, dass es schon zu einem Beschluss kommen wird“, sagt Paul Kleszcz, der Vorsitzende der SPD-Fraktion. „Es gibt noch Beratungsbedarf.“ Wahrscheinlich würden sich die Fraktionen zunächst eingehender mit dem Gutachten beschäftigen und mit der Kommission und kundigen Historikern sprechen.