Neuengamme

Deichkind stürmen die Album-Charts

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Thomas Heyen

Bergedorfer Band auf dem Weg zur Nummer eins

Der kommende Montag ist ein Tag, den die Musiker von Deichkind nicht vergessen werden: Dann wird die Band mit großer Wahrscheinlichkeit Platz eins der deutschen Album-Charts erobern - zum ersten Mal in ihrer 18-jährigen Geschichte. Mit ihrer neuen, sechsten CD "Niveau Weshalb Warum" würden die Musiker die Charts-Spitze aus dem Stand erobern. Deichkind wäre die erste Bergedorfer Band überhaupt, die ein Nummer-eins-Album platzieren kann.

Mit den Singles "So 'ne Musik" und "Denken Sie groß" sind die Deichkinder bereits in den Charts vertreten. Die Tournee, die am 8. April startet, dürfte ebenfalls ein Riesenerfolg werden. Zwei der 20 Konzerte, die Deichkind in den größten Hallen und Arenen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz geben, sind ausverkauft (Frankfurt, Düsseldorf). Die Tour endet am Freitag, 1. Mai, in der Hamburger 02 World.

Deichkind-Konzerte sind wohl durchdachte Inszenierungen, deren Aufwand an Auftritte von Rammstein oder Madonna erinnert. Nur dass es bei den Bergedorfern abgedrehter zugeht, etwa wenn sie auf der Bühne Bier aus einer riesigen Zitze zapfen, in überdimensionalen Bierfässern über die Köpfe des Publikums rudern oder die Massen zur kollektiven Bierdusche, dem "Atom-Pils", einladen. Dann verteilt die Band Tausende Bierbüchsen, die auf Kommando geschüttelt und geöffnet werden. Henning "La Perla" Besser (36) ist als Regisseur für den Bilderrausch zuständig, gibt seinen Kollegen auf der Bühne Anweisungen in deren Kopfhörer.

Auf den Namen Deichkind kamen die Gründer der Band, Philipp Grütering, Malte Pittner und Bartosch "Buddy" Jeznach, weil Pittner damals, in den späten 90er-Jahren, am Neuengammer Hausdeich lebte. Der Musiker stieg 2006 nach einem Streit aus der Band aus, ist heute Mitglied von Olli Dittrichs Countryband Texas Lightning und schreibt auch Songs für Blitzkids mvt. und Annett Louisan.

Pittner war auch einer der Autoren des Megahits "Remmi Demmi (Yippie Yippie Yeah)", der auf dem dritten Album, "Aufstand im Schlaraffenland" (2006), veröffentlicht wurde. Die Party-Hymne wurde von diversen Musikern - darunter Jan Delay und Nena - gecovert.

Mit dem "Aufstand im Schlaraffenland" vollzogen Deichkind eine Metamorphose. "Das Projekt wurde eigentlich an die Wand gefahren. Nur leider war die Wand nicht stabil genug", heißt es in der Chronik der Band. Hatten die Musiker bis vor zehn Jahren noch ironischen Hip-Hop geliefert und mit einem reinen Rap-Track ("Bon Voyage", 2000) ihren bisher größten Single-Hit gelandet, war nun Tech-Rap angesagt - von Elektro-Beats geprägter Sprechgesang. Auch äußerlich waren die Musiker kaum wiederzuerkennen. Schirmmützen und Kapuzenpullis wichen Müllsäcken, bunten Bändern und Hüten aus LED-Leuchten. Laut Band erinnern die Auftritte seit dem Kurswechsel an einen "Kindergeburtstag für Erwachsene".

Was die Texte angeht, mischen Deichkind nach wie vor in der ersten Liga mit. Denn ihren Humor haben die Jungs nie verloren: "Trinken Sie den Baikalsee auf ex - Zum Frühstück Blattgold auf die Smacks" und "Kaufen Sie kein Weed, kaufen Sie Jamaica - Bauen Sie kein Reihenhaus, bauen Sie ein'n Vorort" heißt es in dem neuen Song "Denken Sie groß". Der Songtitel "Leider geil" prägte sich besonders tief im kollektiven Sprachschatz der Jugend ein, wurde in Österreich sogar zum "Jugendwort des Jahres 2012" ernannt. In ihrem ersten Lied ("Fachjargon") auf ihrem ersten Album ("Bitte ziehen Sie durch", 2000) reimten die Rapper "Hier kommt der derbe Talk mit Leistung - Wir machen Schlagzeilen wie die Bergedorfer Zeitung".

Von den Gründungsmitgliedern ist heute nur noch Philipp "Kryptik Joe" Grütering (40) dabei. Der aus Kirchwerder stammende Musiker lebt mit Frau und Kind in Berlin. Obwohl er seinen "Mittelpunkt in Berlin gefunden" hat, schließt Grütering, dessen Eltern und Schwester in Kirchwerder leben, eine Rückkehr in die alte Heimat nicht aus: "Ich kann mir gut vorstellen, wieder in Bergedorf zu leben."

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