Hamburg

Paternoster-Sensation auf Kampnagel – Anlage freigelegt

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Er funktioniert noch: Kultursenator Carsten Brosda und Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard erproben den wieder belebten Paternoster.

Er funktioniert noch: Kultursenator Carsten Brosda und Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard erproben den wieder belebten Paternoster.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / FUNKE Foto Services

Der vergessene Fahrstuhl aus dem Jahr 1953 soll bald wieder laufen. Hamburger sollen das besondere Gefährt dann besichtigen können.

Hamburg. Er ist ein Meisterwerk der Ingenieurkunst, das in den vergangenen Jahren zu Unrecht in Vergessenheit geraten war. Doch das wird sich ändern.

Im Treppenhaus des Verwaltungsgebäudes der „Kulturfabrik“ Kampnagel wurde bei Sanierungen eine Paternosteranlage aus dem Jahr 1953 freigelegt, die bald – nach Abschluss der Arbeiten – wieder zum Einsatz kommen soll. Das Ganze ist so ungewöhnlich, dass Kultursenator Carsten Brosda (SPD) und Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard die Baustelle im Kampnagel-Verwaltungsgebäude nicht nur besichtigten, sondern spaßeshalber sogar eine Runde mit dem Paternoster drehten. Deuflhards Fazit nach überstandener Fahrt: „Es war schon toll, aber auch ganz schön geisterbahnmäßig.“

Paternoster in Hamburg freigelegt: Ausbau gestaltet sich sehr aufwendig

Als Architekt Clemens Doerr am Montagnachmittag das rot-weiße Flatterband entfernte, mit dem der Zugang zu den Kabinen gesperrt war, wirkten Brosda und Deuflhard geradezu aufgeräumt, aber auch etwas nervös. Kein Wunder. Zwar war der Paternoster vorab bereits in Betrieb gesetzt worden, und erste Untersuchungen zeigten auch, dass er seinen Dornröschenschlaf bemerkenswert gut überstanden hat. Aber die eigentliche Sanierung der Kabinen beginnt erst jetzt – und sie sehen zurzeit noch ganz schön ramponiert aus. Doch die Fahrt glückte, nicht zuletzt deshalb, weil Doerr seinem Technik-Team via Walkie-Talkie genaue Anweisungen gab.

Es war die letzte Fahrt für längere Zeit. Denn schon am heutigen Dienstag beginnt der Ausbau der zwölf Kabinen, der sich sehr aufwendig gestaltet. Der Grund: Das Stahlgehäuse der Anlage ist, vereinfacht beschrieben, so fest und eng im Fahrstuhlschacht verankert, dass die einzelnen Kabinen nur mithilfe eines Krans aus dem höchsten Punkt herausgehoben werden können. Dafür musste oberhalb der Anlage eigens ein Stück aus dem Dach herausgeschnitten werden. Doch vor Ort waren sich am Montag alle einig: Der Einsatz wird sich lohnen.

Die Geschichte dieses Paternosters ist eng verbunden mit der Maschinenfabrik Kehrhahn, deren Verbindungen zu Kamp-nagel weit zurückreichen. Kehrhahn gehörte einst zu den deutschlandweiten Marktführern im Aufzugsbau. 1944 wurde das Unternehmen der Kampnagel-AG angegliedert, wo es seinen Verwaltungssitz auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch hatte.

Paternoster in Hamburg freigelegt: Kabinen sind unterschiedlich gestaltet

Das eigentlich Besondere: Bei dem nun wieder belebten Paternoster handelte es sich um eine Vorführanlage, mit der Kehrhahn die damalige Bandbreite der Gestaltungsmöglichkeiten demonstrieren konnte. Entsprechend sind die zwölf Kabinen völlig unterschiedlich ausgestattet. Kaufinteressenten konnten sich anhand dieser beweglichen Muster-Kabinen ein Bild davon machen, wie die Anlage in Bürohäusern und sonstigen Firmensitzen wirken könnte und welche Optionen auf den jeweiligen Kundenstamm wie abzustimmen seien.

Ungläubiges Staunen, als sich der Paternoster in Gang setzte und die kuriosen Kabinen an den Gästen vorbeirumpelten. Eine ist mit schwarzem Polster ausgekleidet, eine andere mit silberfarbenen Platten, in die einst kreisrunde Löcher gestanzt wurden. Eine dritte leuchtet altrosa, während bei einer vierten alle Wände mit schmalen Längsstreifen versehen sind. Von einem „rollenden Katalog“ war vor Ort die Rede, und Carsten Brosda sprach von einem nostalgischen Ausflug in die „Wirtschaftswundernation“.

Paternoster verbraucht nur zwei Kilowattstunden Strom

Paternoster-Anlagen hatte es einst in etlichen Hamburger Bürohäusern gegeben. Mit der Zeit schrumpfte ihre Zahl drastisch. Die einen fanden sie altmodisch und zu langsam, andere sahen sie als Sicherheitsrisiko. Wie Clemens Doerr vor Ort ausführte, verhinderte schließlich die deutsche Wiedervereinigung das Aus für die noch verbliebenen Paternoster. Man einigte sich darauf, sie in West und Ost zu erhalten – zum Glück.

Jonas Zipf, kaufmännischer Geschäftsführer von Kampnagel, verwies jetzt darauf, dass ein Paternoster als Transportmittel im Grunde nicht nur zeitlos, sondern geradezu modern ist. Da sind zum einen die wenig aufwendige Konstruktionsweise und die lange Lebensdauer. Obwohl die Anlage über Jahrzehnte nicht benutzt werden konnte, weil sie hinter Brettern verborgen war, reichten eine oberflächliche Reinigung und jede Menge Schmieröl, um sie innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit wieder zum Laufen zu bekommen. Vor allem: Der Paternoster verbraucht nur zwei Kilowattstunden Strom. „Das nenne ich alles in allem sehr nachhaltig“, so Zipf.

Kabinen werden unter Aufsicht des Denkmalamts restauriert

Die Kabinen werden nun unter Aufsicht des Denkmalamts restauriert – Arbeiten, die im Laufe des Jahres abgeschlossen sein sollen. Sie sind auch deshalb aufwendig, weil es nicht reicht, die Kabinen originalgetreu zu sanieren (was schon schwer genug ist). Vielmehr müssen auch moderne Anforderungen, zum Beispiel an die Sicherheit, berücksichtigt werden.

Die offizielle Bezeichnung für einen Paternoster (lateinisch: pater noster – „unser Vater“) ist eigentlich Umlaufaufzug. Der Name, der sich im Laufe der Zeit dafür eingebürgert hat, steht mit dem Rosenkranz, einer Zählkette für Gebete, im Zusammenhang. Beim Rosenkranz folgt auf zehn kleinere Perlen für je ein Ave Maria eine davon abgesetzte größere für das Vaterunser (Paternoster). Der Rosenkranz wurde früher auch als Paternosterschnur bezeichnet. Auf gleiche Weise sind bei einem Umlaufaufzug die Personenkabinen wie auf einer Schnur aufgefädelt.

Die Restaurierungsarbeiten an der Paternoster-Anlage und an einem Portalkran auf dem Kampnagel-Gelände sind der Anfang der aufwendigen Gesamtsanierung der Kulturfabrik. Sie beginnt im Jahr 2025 und soll, wie berichtet, rund 120 Millionen Euro kosten. Das Projekt ist auch deshalb ehrgeizig, weil der Spielbetrieb währen der langen Sanierungsphase aufrechterhalten werden soll. Für Kultursenator Brosda ist die Sanierung des Paternosters dann auch eine Art „Mini-Generalprobe“ für die anstehenden Arbeiten, zumal dieser ja auch während des laufenden Betriebs instand gesetzt wird.

Paternoster kann nach Sanierung voraussichtlich besichtigt werden

„Es ist erstaunlich“, so Carsten Brosda, „aber irgendwie macht ein Paternoster immer sofort gute Laune. Das muss an der Luftigkeit und der Originalität liegen.“

Nach Abschluss der Arbeiten soll das Gefährt, das selbst altgediente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Kampnagel nicht in Betrieb kannten, dann für deutlich mehr Hamburgerinnen und Hamburger zu sehen sein. Besichtigungsmöglichkeiten sind angedacht, wie Amelie Deuflhard vor Ort sagte, allerdings voraussichtlich nur nach vorheriger Anmeldung.

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