Einrichtung überlaufen

Jugendnotdienst muss Kinder in Turnhalle unterbringen

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In der Feuerbergstraße gibt es auch ein Kinderschutzhaus. Dramatisch überbelegt sind derzeit aber vor allem die Bereiche der älteren Kinder und Jugendlichen.

In der Feuerbergstraße gibt es auch ein Kinderschutzhaus. Dramatisch überbelegt sind derzeit aber vor allem die Bereiche der älteren Kinder und Jugendlichen.

Foto: Bertold Fabricius

Kinder- und Jugendnotdienst „vor dem Kollaps“. Sogar fachfremdes Personal muss helfen. Die Gründe – und was nun passieren soll.

Hamburg.  Immer mehr Kinder und Jugendliche müssen in Hamburg wegen Konflikten in ihren Familien, als unbegleitete Flüchtlinge oder aus anderen Gründen vom Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) in Obhut genommen und untergebracht werden. Mittlerweile sind die Einrichtungen des KJND an der Feuerbergstraße so überlaufen, dass dort auch eine Turn- und Mehrzweckhalle zur Unterbringung für die in Not geratenen Jugendlichen genutzt werden muss.

Im KJND werden Kinder und Jugend­liche in Notfällen vorübergehend aufgenommen, die etwa aufgrund von persön­lichen Problemen, Überforderung der Eltern, Kriminalität oder Misshandlungen nicht in ihren Familien bleiben können. Auch für minderjährige Flüchtlinge, die ohne ihre Eltern nach Hamburg kommen, ist der KJND zuständig.

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Die Zahl der Jungen und Mädchen, die in den Einrichtungen an der Feuerbergstraße untergebracht sind, ist zuletzt so dramatisch gestiegen, dass der KJND an den Rand seiner Arbeitsfähigkeit gelangen könnte. Laut einer Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktionsvorsitzenden in der Bürgerschaft, Sabine Boeddinghaus, waren zuletzt in den drei Einrichtungen Unterbringungshilfe, Mädchenhaus und Erstaufnahme zeitweise mehr als doppelt so viele Kinder und Jugendliche untergebracht wie durch die Betriebserlaubnis genehmigt.

Zunächst waren nur sporadisch Jugendliche in der für Sport und Veranstaltungen gedachten Mehrzweckhalle auf dem KJND-Gelände einquartiert. Im November lebten in der Halle laut Senat aber bereits durchschnittlich 28 junge Menschen.

Deutlich mehr Gewalt, Diebstähle und entlaufene Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen

Wohl auch aufgrund von Enge und Überlastung der Beschäftigten ist die Zahl der sogenannten „besonderen Vorkommnisse“ im KJND 2022 deutlich gegenüber 2021 angestiegen. Zu diesen werden etwa gewalttätige Übergriffe, Diebstähle oder das Entlaufen aus der Einrichtung gezählt. Auch die durchschnittliche Dauer der Unterbringung ist gestiegen. Als ein Grund des Andrangs galt zuletzt noch die besondere Belastung von Familien durch die Pandemie. Mittlerweile nennt der Senat als Hauptgrund die steigende Zahl jugendlicher Flüchtlinge, unter anderem aus der Ukraine, die oft ohne Eltern kommen.

„Die Lage ist desolater denn je“, sagt Linken-Politikerin Boeddinghaus. „Es ist bitter, aber der KJND ist kein sicherer Ort für schutzbedürftige Kinder und Jugendliche – egal, ob sie hier aufgewachsen oder hierher geflüchtet sind.“ Die Linke fordert eine Neugestaltung des gesamten Systems. Der Senat will mit neuen Einrichtungen und mehr Stellen gegensteuern. Fachpersonal allerdings ist knapp.

Linken-Anfrage zeigt den dramatischen Umfang der Überlastung des KJND

Schon im Sommer hatte die Heimaufsicht wegen der massiven Überbelegung der Einrichtungen an der Hamburger Feuerbergstraße die Aufnahme weiterer Jugendlicher untersagt. Der rot-grüne Senat aber setzte sich mit Verweis auf staatliche Pflichten darüber hinweg. Seither hat der Andrang weiter zugenommen.

In der Unterbringungshilfe waren statt der zugelassenen 42 Jungen und Mädchen im November teilweise 108 untergebracht. Im für elf Personen ausgelegten Mädchenhaus waren im November 23 Mädchen einquartiert. Und in der Erstaufnahme lebten im November 124 statt der zugelassenen 44 Jugendlichen. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus hervor. Mittlerweile werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nun auch in der Einrichtung an der Kollaustraße untergebracht.

Jetzt sollen auch fachfremde Kräfte bei der Betreuung eingesetzt werden

Auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der untergebrachten Kinder und Jugendlichen hat sich zuletzt deutlich erhöht. Bei den 14- bis 18-Jährigen (ohne unbegleitete Flüchtlinge) stieg sie in der Unterbringungshilfe von rund 21 Tagen im Oktober auf fast 32 Tage im November. Bei den jungen Geflüchteten dieser Altersgruppe lag die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im August noch bei 23 Tagen – im November waren es bereits 107. Seit längerer Zeit werden daher mehr Kinder und Jugendliche aufgenommen, als die Einrichtungen wieder verlassen können.

Aus der zuständigen Sozialbehörde werden unterschiedliche Faktoren für die derzeit „nicht einfache Lage im Kinder- und Jugendnotdienst“ verantwortlich gemacht. Zum einen gebe es eine hohe Zahl von jungen Flüchtlingen, die ohne Eltern nach Hamburg kämen. Zum anderen sei auch der zuständige Landesbetrieb Erziehung und Beratung (LEB) „vom aktuell flächendeckend hohen Krankenstand beim Personal betroffen“, sagte der bi­sherige Sozialbehördensprecher Martin Helfrich dem Abendblatt.

Behörde will mit neuen Einrichtungen gegensteuern

„Die Auslastung ist ohne Zweifel sehr hoch, und es erfordert große Anstrengungen der Beschäftigten im LEB, eine gute Betreuung der Kinder und Jugendlichen sicherzustellen“, so der Behördensprecher. Zudem seien mittlerweile „zahlreiche Maßnahmen umgesetzt worden und in Planung“. Als Beispiel nannte Helfrich die Einrichtung weiterer Unterkünfte mithilfe von „Modulbauten“ auf dem Gelände an der Feuerbergstraße. So seien mehr Platzkapazitäten geschaffen worden, die mittlerweile zur Verfügung stünden.

„Zudem sind an insgesamt vier Objekten konkrete Vorbereitungen im Gang, um weitere Einrichtungen des LEB zu schaffen“, sagte Helfrich. „Ein weiterer Standort kommt hinzu, indem eine Einrichtung bei einem freien Träger belegt wird.“ Außerdem werde „mit einem freien Träger ein verbindliches und verlässliches Vormittagsangebot entwickelt“.

Mehr Personal soll helfen – aber es ist kaum zu finden. Jetzt sollen auch Nicht-Fachleute ran

Um dem Andrang gerecht zu werden, seien zudem weitere Personalstellen ausgeschrieben worden. Allerdings hatte der Senat schon im Sommer eingeräumt, dass geeignete Fachkräfte derzeit schwer zu bekommen seien. In seiner aktuellen Antwort auf die Linken-Anfrage räumt der Senat ein, dass „in einem bestimmten Umfang auch andere Professionen“ beim Kinder- und Jugenddienst eingesetzt würden, „um weitere Betreuungskräfte gewinnen zu können“. Mithin: Es werden angesichts der Personalnot bei der Betreuung der oft sehr belasteten, aber auch fordernden Kinder und Jugendlichen auch Menschen eingesetzt, die nicht über die eigentlich notwendige Ausbildung dafür verfügen.

Laut dem Sozialbehördensprecher gehe es darum, „ausreichende Platzkapazitäten vorzuhalten und die Situation für alle Beteiligten zu verbessern“. Da sich aber künftige Entwicklungen schwer voraussagen ließen, müssten die Angebote sich stets an den „aktuellen Gegebenheiten und Zugangszahlen bei den minderjährigen Flüchtlingen ausrichten“. Die Stadt müsse also weiterhin flexibel reagieren.

Linke warnt vor „Kollaps“ und fordert Umbau des Hilfesystems

Die Linke würdigt zwar die Bemühungen des Senats – sie reichen ihr aber nicht aus. Seit Monaten drohe dem KJND „der Kollaps angesichts von Überlastung in den Familien durch Corona, steigender Zahlen an Inobhutnahmen aufgrund von Kindeswohlgefährdung sowie vieler Jugendlicher aus der Ukraine, aus Afghanistan und Syrien“, so die Fraktionsvorsitzende Sabine Boeddinghaus.

„Aus eigentlich kurzfristigen Schutzmaßnahmen werden oft wochenlange Aufenthalte auf engstem Raum.“ Da sei es kaum verwunderlich, dass es mehr „besondere Vorkommnisse“ wie Körperverletzung und Entlaufen gebe als im Jahr 2021. Noch dazu drohe eine Absenkung des Betreuungsstandards aufgrund des Fachkräftemangels.

„Eine Absenkung der pädagogischen Standards und ein Querbeeteinsatz durch verschiedene Professionen hindurch darf nicht zur Dauerlösung werden“, so Boeddinghaus. „Angemessene Entlohnung sollte ebenso selbstverständlich sein. Daher darf es keine Einsparungen in diesem Bereich geben. Außerdem müssen wir das System der Krisenintervention und Notunterbringung im KJND grundlegend überprüfen und gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Praxis und ehemalig im KJND untergebrachten jungen Menschen neu gestalten.“

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