Situation kritisch

Lebensmittel werden knapp: Hamburger Tafel bittet um Hilfe

| Lesedauer: 6 Minuten
Paula Muche
Lebensmittelausgabe bei der Hamburger Tafel. Immer mehr Menschen sind auf Spenden angewiesen.

Lebensmittelausgabe bei der Hamburger Tafel. Immer mehr Menschen sind auf Spenden angewiesen.

Foto: Michael Rauhe

Durch Inflation und Energiekrise steigt die Nachfrage. Am Donnerstag gibt es eine große Spendenaktion in drei Einkaufszentren.

Hamburg.  Die Nachfrage steigt, die Spendenbereitschaft sinkt: Das erlebt die Hamburger Tafel, wie viele wohltätige Organisationen, nun schon seit einigen Monaten. Mit Blick auf den kommenden Winter sehe man die Situation äußerst kritisch, sagt die Vorständin Julia Bauer: „Eines unserer größten Probleme ist momentan, dass wir nicht genügend Lebensmittel gespendet bekommen. Dann kommen noch die permanent steigende Nachfrage an unseren Ausgabestellen und die hohen Preise für Energie und Lebensmittel hinzu.“

Auch das teure Benzin belastet die Tafel: Im Schnitt legen die 16 Autos der Organisation insgesamt rund 3000 Kilometer pro Woche zurück, um die gespendete Ware zu den Ausgabestellen zu bringen.

Hamburger Tafel ruft zur Mithilfe auf

All dies spüren vor allem die Menschen, die auf die Spenden angewiesen sind: Seit dem Frühjahr und über den Sommer gibt es in den meisten der 31 Ausgabestellen der Tafel in und um Hamburg einen Aufnahmestopp. Dort werden Lebensmittel derzeit nur an bereits registrierte Bedürftige verteilt. In dieser Situation, so Julia Bauer, sei die Idee entstanden, Hamburgerinnen und Hamburger zur Mithilfe aufzurufen und Lebensmittel für Bedürftige zu sammeln.

In der Europa Passage, im Alstertal-Einkaufszentrum und im Elbe-Einkaufszentrum werden nun an diesem Donnerstag zwischen 12 und 18 Uhr Lebensmittelspenden entgegengenommen. Auch am 27. Oktober und am 24. November soll die Aktion wieder stattfinden, ebenfalls in der Zeit von 12 bis 18 Uhr in den drei Einkaufszentren.

Hygieneprodukte immer gesucht

„Wir wollten Anlaufstellen schaffen, die für viele Menschen einfach und schnell erreichbar sind“, sagt Julia Bauer. „So kam die Zusammenarbeit mit den Einkaufszentren zustande.“ Die kooperierenden Passagen hätten sofort zugesagt und das Vorhaben unterstützt. Gespendet werden könne alles, was haltbar ist. „Das ist Ware, die wir aktuell einfach gar nicht mehr bekommen“, sagt die Tafel-Vorständin. Dazu gehören etwa Nudeln, Reis und Konserven aller Art. Außerdem seien Hygieneprodukte, zum Beispiel Shampoos, Rasierschaum oder Menstruationsprodukte, immer gesucht. „Solche Produkte sind auch sehr teuer geworden – 2, 3 Euro sind für einige Menschen und gerade für die Kunden der Hamburger Tafel wirklich viel Geld.“

Nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges im Frühjahr sei zunächst eine große Spendenflut eingetroffen, so Bauer. Im Sommer sei die Spendenbereitschaft jedoch immer weiter abgeebbt: „Seitdem ging es immer weiter bergab.“ Ähnliche Erfahrungen haben auch viele andere Hilfsorganisationen gemacht. Bauer sagte, sie verstehe, dass alle Bürgerinnen und Bürger die steigenden Preise zu spüren bekommen.

Auch kleine Spenden bewirken Großes

Aber auch vermeintlich kleine Spenden könnten Großes bewirken: „Ein Einzelner muss natürlich nicht sofort 50 Euro spenden, es geht eher darum, dass man beim Einkaufen guckt, ob man vielleicht noch ein Paket Nudeln, ein Glas Apfelmus oder eine Dosensuppe zusätzlich kaufen und spenden kann. Wenn das am Donnerstag viele Menschen tun, dann bekommen wir am Ende jede Menge Lebensmittel zusammen – und es tut dem Einzelnen nicht weh.“ Sie hoffe, dass sich möglichst viele Menschen angesprochen fühlen und für die Aktion zusammentun.

Neben den Spenden aus der Bevölkerung erhält die Tafel einen Großteil der Güter vom Handel selbst und direkt von Lebensmittelherstellern. Rund 200 Spender sind es, die der Tafel regelmäßig und kostenlos überschüssige Ware zur Verfügung stellen. Darunter sind Supermärkte, Lebensmittelhersteller oder Großküchen. Von dort werden die Produkte eingesammelt und an die 31 Ausgabestellen in und um die Hansestadt verteilt.

Auch Einzelhandel gibt weniger Lebensmittel ab

Aber auch hier zeige sich mittlerweile ein spürbarer Unterschied, vor allem im Lebensmitteleinzelhandel: „Die können es sich natürlich auch nicht mehr leisten, Überschuss zu haben“, sagt Julia Bauer. Sie glaube, dass auch der Einzelhandel durch die steigenden Lebensmittelpreise nun vorsichtiger kalkuliere und bestelle. „Und letztendlich ist das, was wir bekommen, natürlich das, was überbleibt. Zum Beispiel, weil es nicht mehr so schön aussieht.“

Die Menschen, die das Angebot der Tafel in Anspruch nehmen, kommen aus unterschiedlichen Gruppen. Julia Bauer schätzt, dass sich aktuell rund 45.000 Menschen bei der Hamburger Tafel versorgen. Seit dem Frühjahr sind darunter auch viele Geflüchtete aus der Ukraine, für sie wurde sogar eine eigene Ausgabestelle eingerichtet.

Hamburger Tafel: Monatsende besonders hart

In letzter Zeit seien aber kaum weitere Geflüchtete hinzugekommen. Dafür seien es nun vor allem Menschen aus dem Niedriglohnsegment, bei denen die Nachfrage aktuell besonders stark steigt. „Zu uns kommen Familien, in denen Mutter und Vater arbeiten, aber die durch die extrem gestiegenen Lebensmittelpreise am Ende des Monats einfach nicht mehr klarkommen.“

Das spürt die Tafel vor allem am Monatsende: „Ab dem 20. jedes Monats wird es immer kritischer für die Leute, sich in den letzten zehn Tagen über Wasser zu halten.“ Hinzu kämen große Zukunftsängste, wie viele Menschen sie gerade spüren: Julia Bauer: „Die Leute wissen nicht, was noch auf sie zukommt, in Bezug auf Strom- und Heizkosten.“ Wer die Tafel mit einer Geldspende oder ehrenamtlichem Engagement bei ihrer Arbeit unterstützen möchte, kann dies unter hamburger-tafel.de tun.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg