Wohnung mieten Hamburg

Saga-Chef Krebs: „Warmmieten explodieren geradezu“

| Lesedauer: 8 Minuten
Seit sieben Jahren Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Saga: Thomas Krebs.

Seit sieben Jahren Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Saga: Thomas Krebs.

Foto: Thorsten Ahlf / FUNKE Foto Services

Thomas Krebs verspricht Mietern in Hamburg: Keine Kündigungen wegen Notlagen. Er fürchtet jedoch „Riesenherausforderungen“.

Hamburg.  Die Hochrechnungen sprengen alle Maßstäbe: Schätzungen zufolge drohen einem Vierpersonenhaushalt jährliche Energiemehrkosten zwischen 1360 und 3800 Euro. 39 Prozent der Erwachsenen fürchten, im Winter ihre Rechnungen nicht oder nur mit erheblichen Schwierigkeiten bezahlen zu können.

Saga-Chef: Wohnung mieten in Hamburg wird teurer

Thomas Krebs, Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Saga, fordert einen Gaspreisdeckel, hält niedrigere Raumtemperaturen für möglich und gründet eine Stiftung.

Hamburger Abendblatt: Wie hart wird der Winter?

Thomas Krebs: Das weiß niemand – aber wenn es ein kalter Winter wird, dann stehen wir vor Riesenherausforderungen. Die Gaspreise haben ein Niveau erreicht, das viele Menschen vor massive Probleme stellt. Wir sprechen hier teilweise von Verfünf- oder gar Versechsfachung der Kosten. Bei der Fernwärme – jede zweite Saga-Wohnung wird darüber beheizt – haben sich die Kosten immer noch verdoppelt.

Was bedeutet das für die Miete?

Krebs: Sie setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen: Unsere Kaltmiete liegt aktuell um rund 30 Prozent unter dem Mietenspiegel auf einem Durchschnittsniveau von rund 7 Euro pro Quadratmeter. In den vergangenen Jahren gab es hier nur marginale Steigerungen. Auch die Betriebs­kosten sind mit rund 2 Euro stabil. Die schlechte Nachricht sind die Warmmieten, die geradezu explodieren. Das wird viele überfordern.

Hängen Sie doch mal ein Preisschild dran ...

Krebs: Allein beim Gas liegen wir jetzt schnell pro Quadratmeter bei 3 Euro warm – dann liegt die Miete insgesamt bei 12 Euro. Warm- und Kaltmiete nähern sich einander an. Das werden sich viele Menschen nicht mehr leisten können. Und das macht mir große Sorgen.

Spüren Sie Unsicherheit bei den Mietern?

Krebs: Wir stehen am Beginn der Welle, sie rollt gerade an. Die Zahl der Anfragen etwa wegen Nebenkostenabrechnungen nimmt zu. Und wir treffen vermehrt gerade alte Menschen, die existenzielle Ängste haben.

Was passiert mit den Mietern, die die Kosten nicht stemmen können? Müssen sie um ihre Wohnung fürchten?

Krebs: Nein. Da sehen wir uns in der Verantwortung. Kündigungen wegen Notlagen setzen wir bis mindestens Ende 2023 aus. Um unsere Kunden vor zu hohen Einmal-nachzahlungen zu bewahren, haben wir die Vorauszahlungen angepasst, Ratenzahlungen und Stundungen möglich gemacht. Zudem werden wir eine gemeinnützige Stiftung gründen. Das Geld stammt aus einem außerplanmäßigen Ergebnis einer Beteiligung. Diese von der Saga unabhängige und gemeinnützige Stiftung mit dem Arbeitstitel „Zuhause“ soll allen Menschen in Not helfen, wenn staatliche Unterstützung nicht mehr greift. Dafür wollen wir einen hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Millionenbetrag bereitstellen und hoffen, dass sich viele Partner im Bündnis für das Wohnen daran beteiligen werden.

Lassen sich durch technische und bauliche Maßnahmen die Verbräuche weiter senken?

Krebs: Wir prüfen flächen­deckend unsere Bestände, um Heizkosten zu senken. Wir checken alle Heizungen, setzen smarte Thermostatköpfe ein, führen den hydraulischen Abgleich durch und optimieren die Beleuchtung. Zudem investieren wir ins Energiesparen und in Modernisierungen. Unser Pro­blem ist derzeit der Mangel an Handwerkern. Wir bekommen nicht die Kräfte, die wir benötigen. Da sind die Auflagen der Politik, etwa über die Energiesicherungsmaßnahmenverordnung, weltfremd. Das kann die Wohnungswirtschaft bis 2023/24 gar nicht schaffen – weder personell noch wirtschaftlich. Allein uns kosten diese Auflagen noch einmal rund 70 Millionen Euro.

Was kann ein jeder zur Linderung beitragen? Sollte die Temperatur auf 20 Grad tagsüber und 17 Grad in der Nacht beschränkt werden?

Krebs: Wir setzen selbstverständlich die gesetzlichen Vorgaben um. Aber wenn da 19 Grad reichen, wäre das auch gesamtgesellschaftlich vertretbar und ein Gebot der Solidarität. Ein Grad weniger bringen sechs Prozent Ersparnis. Wir haben Krieg in Europa und eine Energiekrise, da müssen alle ihren Beitrag leisten. Wir stehen mit unseren Mietern zum Thema Energiesparen im engen Kontakt, haben Hotlines geschaltet und bilden Energieberater aus. Nur ein Beispiel: Wir hatten einen Fall, bei dem sich ein Mieter über Nachzahlungen in Höhe von 4500 Euro beklagt hatte. In derselben Siedlung bekam ein anderer Mieter in einem baugleichen Gebäude eine Rückzahlung von 1500 Euro. Daran sieht man, wie wichtig das eigene Verhalten ist. Jeder kann sich prüfen, wie lange er badet oder duscht, wie er lüftet oder heizt.

Und wenn das nicht reicht?

Krebs: Die Saga ist auf die Krise vorbereitet, hat einen Krisenstab eingerichtet und einen Notfallplan erarbeitet. Wir tragen Verantwortung für 270.000 Menschen in der Stadt. Wenn es zu Ausfällen oder nur großen Schwankungen im Netz kommt, schalten sich die Gasbrenner ab. Unsere Hauswarte sind jetzt ausgebildet, die Anlagen schnell wieder einschalten zu können. Im Umfeld unserer Senioren­wohnanlagen haben wir für den Fall der Fälle 27 Wärmeräume mit Notstrom­aggregaten für betagte und hilfsbedürftige Mieterinnen und Mieter organisiert. Unsere Experten sind auch für Befreiungen aus Aufzügen vorbereitet, wenn sie wegen eines Blackouts stecken bleiben. Die Devise lautet: Das Beste hoffen, auf das Schlimmste vorbereitet sein.

Das hätte vor einem Jahr niemand gesagt ...

Krebs: Wir alle stellen uns auf Szenarien ein, die noch vor wenigen Monaten unvorstellbar waren. Historisch betrachtet, hatten wir in den vergangenen 70 Jahren aber einen Wohlstand, der nie selbstverständlich war. Wir müssen nun wieder neu lernen, mit Krisen umzugehen.

Manche Mieter werden die Energiekosten am Ende nicht zahlen können, die Vermieter müssen heute in Vorleistung gehen. Bringt das die Saga in Bedrängnis?

Krebs: Das ist so. Wir sind mit einer massiven Kostenexplosion konfrontiert. Deshalb haben wir die Vorauszahlungen zweimal erhöhen müssen. Aber das reicht nicht. Wir müssen mit 75 Millionen Euro in Vorleistung gehen. Die große Saga schafft das, aber kleine Genossenschaften sind in ihrer Existenz bedroht.

Dann werden bald die Kaltmieten erhöht?

Krebs: In den vergangenen Jahren haben wir unsere Kaltmieten jeweils auf Inflationsniveau um zwei Prozent angehoben, das entspricht unserem Geschäftsmodell als sozialer Vermieter. Nun trifft uns die Inflation überall, bei Personalkosten, bei der Altersvorsorge, bei der Bestandspflege. Da summieren sich hohe Millionen­beträge, die wir nicht eingeplant haben. Diese Preiskeule trifft die gesamte Branche: Alle werden sozialverträglich die Mieten erhöhen müssen, sonst geht es an die Substanz.

Wohnung mieten: Saga-Chef fordert befristetes Energiegeld für Haushalte

Die Politik hat inzwischen drei Maßnahmenpakete geschnürt – reicht das?

Krebs: Die Hilfspakete der Bundesregierung sind politisch nachvollziehbar, setzen aber zu sehr auf das Gießkannenprinzip. Die Ampel hat das Pferd falsch aufgezäumt. Wenn sie die Marktpreise per Gasumlage durchreichen will, muss sie Hilfen für bedürftige Bürger und den Mittelstand und die Wirtschaft sicherstellen. Das bedeutet also mehr Wohngeld und ein befristetes Energiegeld für die Haushalte. Unsere bisherigen Hilfspakete waren zu wenig zielgenau – der Tankrabatt und das 9-Euro-Ticket haben auch Menschen geholfen, die es nicht nötig haben. Der französische Weg eines Gaspreisdeckels halte ich für wesentlich besser geeignet. Er bietet einen Anreiz zu sparen, nimmt aber den ganz großen Druck heraus, der zu schwersten sozialen Verwerfungen führen kann. Er würde uns und unseren Mietern ganz viele Sorgen nehmen – aber auch der Wirtschaft insgesamt.

Hamburg hat ehrgeizige Ziele bei der Energie- und Wärmewende, plant ein neues Gaskraftwerk mit Fernwärmeauskopplung. Die Saga ist der größte Fernwärmekunde. Fürchten Sie, dass am Ende die Mieter die Zeche zahlen?

Krebs: Das werden wir sehen. Klar ist: Klimaschutz gibt es nicht umsonst! Um die Klimaschutzziele sicher zu erreichen, müssten wir allein bis 2030 rund 100 Millionen Euro jährlich zusätzlich investieren. Und unser Investitionsvolumen müsste mittelfristig von 500 auf insgesamt 800 Millionen Euro insgesamt aufwachsen. Das ist angesichts des aktuellen Kostendrucks kaum zu stemmen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg