Besonderer Beruf

Ein Künstler wird zum Barkeeper – mit besonderer Idee

| Lesedauer: 7 Minuten
Patrick Folkerts serviert auf dem Hamburger Habitat Festival Cocktails aus dem Kühlschrank.

Patrick Folkerts serviert auf dem Hamburger Habitat Festival Cocktails aus dem Kühlschrank.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Lebenskünstler Patrick Folkerts aus Hamburg serviert auf Feiern und Festivals Cocktails aus der Kühlbox – und eine faszinierende Show.

Hamburg. Quiekende Kunststoff­ferkel, die bei heimlichem Öffnen des Kühlschranks und Lichteinfall Alarm schlagen, sind hausbackene Überraschungen im Vergleich zu „Patricks Minibar“. In diesem spektakulären Fall nimmt der Barkeeper und Bauherr leibhaftig im Inneren Platz. Wer den Griffhebel betätigt und die Tür öffnet, staunt nicht schlecht: Ein Gentleman mit gezwirbeltem Bart, Schiebermütze und ausgefallenem Sakko kredenzt formvollendet einen zuvor gemixten und geschüttelten Cocktail. Wohl bekomms!

Mit dieser und weiteren unkonventionellen Ideen produziert der Hamburger Patrick Folkerts Coups der gehaltvollen Art. Der Mann fantasiert nicht nur – er handelt. Bei seinen künstlerisch fundierten Aktionen steht die Verblüffung Pate. Als einer der namhaftesten deutschen Zauberkünstler beherrscht Folkerts das Geschäft mit Illusionen, Geistesblitzen und Ahaeffekten meisterhaft. Das Kind in der Seele des 33-Jährigen ist ganz schön groß.

Besonderer Beruf: Folkerts ist ein Paradiesvogel

Machen wir uns auf den Weg in das Reich eines der niveauvollsten Paradiesvögel und Individualisten unserer Stadt. In einer früheren Kürschnerei an der Holstenstraße ist das Besondere, das Extravagante zu Hause. Folkerts entwickelt, tüftelt und schafft in einer Melange aus Werkstatt, Erfinderstube und Ideenkabinett. Seine Spezialität: Objektkunst eigenwilligen Stils. Handwerklich raffiniert baut er erstaunliche Gegenstände, die in neuem Zusammenhang zur Geltung kommen. Mehr oder weniger nützlich.

So wie „Patricks Minibar“. Zum Internationalen Händewaschtag (den gibt’s tatsächlich!) immer am 15. Oktober schuf er ein mobiles Waschbecken. Das passende Emaillebassin entdeckte Folkerts bei einem Ausflug ins Wendland, am Straßenrand, vor einer Ruine. Mit Wassertank und einem ausgeklügelten Pumpmechanismus zog Folkerts mit einer Sackkarre Richtung Fischmarkt, Alsterufer oder Elbstrand. Wer wollte, konnte für diese Leistung spenden.

„Eau de Coron“ – ein besonderes Handdesinfektionsmittel

Während der Pandemie stellte er gegen eine freiwillige Gabe ein „Eau de Coron“ her: ein Handdesinfektionsmittel in einem Flakon à la Kölnisch Wasser. Mit vergoldetem Etikett. Einer Startauflage von 200 Exemplaren folgten weitere Serien. Vor zwei Jahren entwickelte er einen Adventskalender mit Videos, Zaubertricks, weiteren Überraschungen – gemeinsam mit den Zauberkollegen Jan Logemann und Lucas Kaminski sowie Freundin Valerie.

Für 2023 ist eine Wiederholungstat geplant. Nicht minder sehenswert ist ein aus Holz und Glas hergestellter Mobilofen. Darin befördert der unorthodoxe Aktivist in der kühlen Jahreszeit 30 aufgeheizte Wärmflaschen dorthin, wo man sie prima gebrauchen kann: in Parks, auf Märkte, in Fußgängerzonen. Leihgebühr, wie gehabt. Wenn man will.

Folkerts entwickelte eine ganz besondere Minibar

Folkerts hat reihenweise spannender Erlebnisse auf Lager. Der Besuch in seinem persönlichen Wunderland hat reizvollen Charakter. Auf Anhieb ist klar: Dieser Tausendsassa lebt so, wie er es mag. Wenn er bei Mitmenschen Verwunderung weckt, geht die Rechnung auf. So und so. Denn auch ein filigraner Zauberkünstler mit Faible für doppelte Böden und optische Täuschungen hat Rechnungen zu bezahlen. Echt.

Wie der kultivierte Feingeist mit dem betont nostalgischen Kleidungsstil unter dem Strich wirtschaftlich solide über die Runden kommt, beweist das Beispiel der wohl kreativsten Minibar hierzulande. Auf eine solche Schnapsidee, sagt er selbst, muss man erst einmal kommen. Bei Ebay-Kleinanzeigen erwarb er kurzentschlossen einen Kühlschrank aus den 1960er-Jahren. Marke: Eisfink. Gewicht: 70 Kilogramm. Preis: 1 Euro pro Kilo. Ein Kumpel transportierte den Kaventsmann aus Hannover nach St. Pauli.

„Patricks Minibar ist keine Gastronomie"

Sodann legte der Künstler Hand an. Er schlachtete das stabile Stück komplett aus, entfernte die Technik, gestaltete neu. Er gestaltete den äußerlich unveränderten Blechschrank nach seinem Geschmack: Holzregale, Kronleuchter, Tapete, kleine Requisiten wie Buddelschiff und Grünpflanze. Aus Konzeptgründen sind Spirituosenflaschen, Gläser, der Shaker sowie die Barhocker davor eine Nummer kleiner als gewöhnlich.

Eine Trinkgeldglocke zählt dazu. „Patricks Minibar ist keine Gastronomie, sondern Kunst“, philosophiert Folkerts. „Ich verkaufe keine Cocktails – ich verschenke Momente.“ Diese grandiose Show, die regelmäßig Überraschungsschreie und Frohsinn provoziert, kommt an. Firmen, größere Geburtstagsgesellschaften oder andersartige Familienrunden lassen sich den Spaß gerne etwas kosten. Bei rund 900 Euro geht’s los. Abhängig von Einsatzdauer und Anlass. Der Individualist ist ein besserer Künstler als gewiefter Kaufmann. Es passt ins Bild, dass der Hamburger mit Baujahr 1988 nie einen Führerschein machte. Bei Bedarf hilft Freundin Valerie, eine freiberufliche Art-Direktorin. Oder ein Freund mit Kombi.

Mit 13 Jahren trat der Schüler dem „Magischen Zirkel“ bei

Mit dieser abgefahrenen Eisschranknummer ist der Barmann vielerorts präsent. Im vergangenen Monat gastierte er mit seiner Bar auf dem Presseball im Hotel Grand Elysée, zudem auf Festivals wie Dockville, Fusion, Habitat. Im September wurde er für die Nacht der Lampions in Luxemburg gebucht. Nach der Führung durch seine kuriose Welt der Fantasie setzt Patrick Folkerts einen Kaffee auf. Hand aufs Herz: Wie wird man eigentlich Paradiesvogel?

Derweil das Wasser brodelt, eilt er im hohen Tempo durch sein Leben. Vielleicht war ein Zauberbuch als Geburtstagsgeschenk des Patenonkels die Initialzündung. Mit 13 Jahren trat der Schüler dem „Magischen Zirkel“ bei. Seine Schulpraktika absolvierte er in der Requisitenabteilung der Staatsoper sowie beim professionellen Märchenerzähler Jörn-Uwe Wulf, dem Vater einer Schulfreundin. Schließlich zog er als selbstständiger Zauberer ins Wendland. Der Grund war Lola, die Tochter eines Zauberkünstlers.

„Praktisch Nützliches gibt es genug“

Zwischendurch flanierte er mit einem nach seinem Gusto gefertigten Bauchladen über Flohmärkte und Volksfeste. Er bot Handfächer, Naschkram oder Wasserpistolen feil. Wohlgemerkt erst in zweiter Linie aus finanziellen Gründen. Denn vom „Hutgeld“ alleine kann man seine Fantasien nicht in die Tat umsetzen. Triebfedern waren mehr der Kitzel des Unkonventionellen, der Reiz neuer Kontakte, der Verblüffungsfaktor.

„Wenn andere Bauklötze staunen“, sagt er, „bin ich auf dem richtigen Weg.“ Die Reaktionspalette bewege sich „zwischen vorsichtiger Zurückhaltung und Begeisterung“. Seine Mission sei es, Lächeln in die Welt zu bringen: „Praktisch Nützliches gibt es genug.“

Besonderer Beruf: Folkerts hospitierte bei einem Goldschmied

In seiner Heimatstadt Hamburg hospitierte der junge Mann früher auch bei einem Goldschmied namens Cornelius Degen in Ottensen. Dessen Credo übernahm Patrick Folkerts als Programm für sein Wirken: „Die bunten Hunde haben’s leichter im Leben.“

Beim Abschied an der Werkstatttür erbittet er noch einen Moment Geduld. Mit spitzbübischem Lächeln zieht er einen blauen Kasten hervor. Per Knopfdruck startet er eine Windmaschine. Wenn man es davor aus einer Gießkanne tropfen lässt, sprüht ein feiner Wassernebel über den Fußweg.Wahrscheinlich hatte der Goldschmied recht mit seiner Lebensweisheit.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg