Überraschende Senatsantwort

Wie viele Millionäre gibt es in Hamburg wirklich?

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Laut Senatsangaben gibt es 994 Millionäre in Hamburg. Die Zahl liegt aber wohl deutlich höher (Symbolbild).

Laut Senatsangaben gibt es 994 Millionäre in Hamburg. Die Zahl liegt aber wohl deutlich höher (Symbolbild).

Foto: imago/ Hanno Bode

In der Hansestadt leben die meisten Millionäre: Laut offiziellen Angaben sind es 994 – doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Hamburg.  Die Zahl überraschte – so oder so: Die Zahl der Einkommensmillionäre in Hamburg ist von 610 im Jahre 2010 auf 994 im Jahr 2019 gestiegen. Das ging, neben vielen anderen Angaben, aus den Antworten des Senats auf eine Große Anfrage der Linkspartei zum Thema Steuerverwaltung hervor, über die das Abendblatt groß berichtet hatte.

Während der Haushaltsexperte der Linken, David Stoop, den kräftigen Anstieg hervorhob und kritisierte, dass auch Wohlhabende wegen des Personalmangels in der Steuerverwaltung viel zu selten überprüft würden, mögen sich andere gewundert haben: Gibt es im großen Hamburg mit seinen 1,9 Millionen Einwohnern, darunter Tausende erfolgreiche Unternehmer, Geschäftsleute, Fußball- und Filmstars, wirklich nur 994 Millionäre? Die Antwort ist: Nein, es gibt viel mehr von ihnen.

Millionäre in Hamburg: Unternehmer fallen nicht in Statistik

Die Verwirrung beginnt schon mit der Definition für „Millionär“: Da Stoop ausdrücklich gefragt hat, wie sich die „Zahl der Steuerpflichtigen mit bedeutenden Einkünften (bE-Fälle) in Hamburg seit 2010 entwickelt“ hat, hat der Senat entsprechend geantwortet. Doch auch wenn der Begriff „bE-Fall“ landläufig mit „Einkommensmillionär“ übersetzt wird, sind damit nur solche Steuerpflichtige gemeint, die ausschließlich „Einkünfte aus nichtselbstständiger Arbeit, aus Kapitalvermögen, aus Vermietung und Verpachtung oder sonstige Einkünfte erzielen“, wie die Finanzbehörde auf Abendblatt-Nachfrage erklärte.

Mit anderen Worten: Diese 994 Personen sind ganz überwiegend Angestellte – Unternehmer und sonstige Selbstständige fallen nicht darunter. Ebenfalls wichtig: Als bE-Fall gilt schon, wer mehr als 500.000 Euro pro Jahr verdient – die Einstufung „Millionär“ stammt aus der Vor-Euro-Zeit, als diese Summe einer Million D-Mark entsprach.

In Hamburg gibt es die meisten Millionäre

Wer dagegen fragt, wie viele Hamburger wirklich mehr als eine Million Euro im Jahr zu versteuern haben, und das unabhängig davon, ob als Angestellte oder Selbstständige, erhält zwei verschiedene Antworten: Die Finanzbehörde kam vor einigen Monaten für das Jahr 2019 (eine neuere Auswertung gibt es wegen der langen Fristen zur Abgabe der Steuererklärung nicht) lediglich auf 862 Fälle. Das Statistikamt Nord wies dagegen kürzlich für das Jahr 2018 exakt 1247 Lohn- und Einkommensteuerpflichtige als Einkommensmillionäre aus – zusammenveranlagte Ehepaare wurden dabei als ein Steuerpflichtiger gezählt.

Auf 10.000 Steuerpflichtige kämen zwölf Millionäre, so die Statistiker, damit halte Hamburg bundesweit die Spitzenposition. Seit 2013 habe die Anzahl der Millionäre zum sechsten Mal in Folge zugenommen – von 2017 zu 2018 um 4,3 Prozent oder 51 Steuerpflichtige. Die durchschnittlichen Einkünfte seien dabei um 1,1 Prozent auf gut 2,9 Millionen Euro pro Person gestiegen. Obwohl Millionäre nur 0,1 Prozent aller Steuerpflichtigen stellen, erzielten sie mit 3,6 von 46 Milliarden Euro 7,8 Prozent der Einkünfte in Hamburg. Im Durchschnitt verdienen Steuerpflichtige in der Hansestadt gut 46.000 Euro. Laut Statistikamt erzielten drei von vier Einkommensmillionären ihre Einkünfte vor allem aus Gewerbebetrieben.

Einkünfte aus Kapitalvermögen nicht berücksichtigt

Einkünfte aus Kapitalvermögen werden dagegen seit Einführung der Abgeltungsteuer 2009 durch die Statistiker nicht mehr berücksichtigt. Denn diese Einnahmen würden in der Regel einheitlich mit 25 Prozent an der Quelle besteuert und müssten daher nicht mehr in der Steuererklärung angegeben werden, so das Statistikamt. Auch der reine Besitz von Immobilien, Aktien oder Schmuck mit einem Millionenwert fließt nicht in die Statistik ein. Mit anderen Worten: In Wahrheit gibt es wohl noch viel mehr als 1247 Millionäre in Hamburg.

Wie berichtet, hatte die Große Anfrage der Linken ergeben, dass die Steuerfahndung in Hamburg in den vergangenen vier Jahren 300 Millionen Euro eingetrieben hat – doppelt so viel wie in den vier Jahren davor. Gleichzeitig war aus den Senatsangaben aber auch hervorgegangen, dass rund 300 Stellen in der Steuerverwaltung unbesetzt sind, unter anderem fehlen fast 200 Betriebsprüfer. Auch daher war die Zahl der Steuerprüfungen seit Jahren rückläufig.

Andreas Dressel verwies auf Erfolg der Steuerfahnder

David Stoop hatte das scharf kritisiert: „Wir fordern den Senat auf, die Steuerprüfung in Hamburg bei Einkommensmillionären und Großbetrieben endlich bedarfsgerecht auszustatten. Und das nicht nur auf dem Papier, sondern durch tatsächlich und vollständig besetzte Stellen. Es kann und darf doch nicht sein, dass Unternehmen und Beschäftigte, die ihre Steuern korrekt zahlen, die Dummen sind, weil diejenigen, die Steuern hinterziehen, nicht geprüft werden.“

Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) hatte dagegen auf den Erfolg der Steuerfahnder verwiesen und betont, dass man die Ausbildungszahlen hoch halten werde. Diese waren schon vor Jahren gesteigert worden, sodass 2021 dreimal so viele neue Mitarbeiter eingestellt oder übernommen wurden wie noch 2011- nämlich 186 statt 62. „Gerade angesichts der Personallage habe ich entschieden, die Ausbildungsoffensive bis weit in die zweite Hälfte der 20er Jahre fortzuführen“, sagte Dressel.

Finanzbehörde: Steuerverwaltung braucht Nachwuchs

„Um die Personalbedarfe strukturell aufzufangen, ist eine nachhaltige und langfristige Nachwuchsstärkung erforderlich - dafür haben wir in den Haushaltsberatungen kürzlich die Weichen gestellt. Schlussendlich wird der Nachwuchs auch in alle Bereiche der Steuerverwaltung durchwachsen, bis hin zu Betriebsprüfung und zur Steuerfahndung.“

Allerdings arbeite die Ausbildung der Hamburger Steuerverwaltung bereits heute an der Kapazitätsobergrenze, zudem gebe es starke Konkurrent um geeignete Anwärterinnen und Anwärter, so Dressel. Unter www.Fiskuss.Hamburg hat der Senat daher eine eigene Werbekampagne für Berufe in der Steuerverwaltung gestartet.

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