Geflüchtete in Hamburg

Wie ukrainische Kinder ihre Ängste verarbeiten können

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Der Spielplatz im Schrøedingers. In der Burg suchen Kinder Schutz vor „Putin“.

Der Spielplatz im Schrøedingers. In der Burg suchen Kinder Schutz vor „Putin“.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Das „Schrødingers City Kids“ ist ein Treffpunkt für geflüchtete Familien. Viele Kinder versuchen hier, Erlebtes zu verarbeiten.

Hamburg. Sie sind vor dem Krieg geflüchtet und haben in Hamburg einen sicheren Hafen gefunden. Hier werden sie intensiv betreut und erfahren viel Hilfsbereitschaft. Und doch können viele ukrainische Kinder den Krieg und das Leid zu Hause nicht hinter sich lassen. Sie leiden unter ihren Ängsten. Das erlebt Regina Grabbet im „Schrødingers City Kids“ Tag für Tag: Die Kinder spielen Krieg. Einer übernimmt die Rolle von Wladimir Putin und die übrigen bringen sich in einem Spielturm in Sicherheit.

Regina Grabbet hat viel Erfahrung im Umgang mit geflüchteten Kindern. Sie bildet ehrenamtliche Kinderbetreuer in den Hamburger Unterkünften fort, hat zwei Bücher über das Thema geschrieben. Seit einigen Wochen engagiert sie sich ehrenamtlich in dem Hilfsprojekt und offenen Treffpunkt für geflüchtete ukrainische Familien im Schanzenpark, den das Schrøe­dingers zusammen mit dem Hamburger Abendblatt auf die Beine gestellt hat. Hier werden die Kinder betreut, während ihre Mütter einen Sprachkursus absolvieren können.

Geflüchtete in Hamburg: Kinder spielen Krieg

„Der Park ist so schön angelegt, dass die Kinder ihre Spiele selbst gestalten können“, erzählt sie. Und immer wieder hat sie erlebt, dass die Jungen und Mädchen – die allermeisten noch keine Schulkinder – das freie Spiel nutzen, um Krieg zu spielen. Die Älteren bestimmen meist, wer in welcher Gruppe ist. Einer übernimmt die Rolle von Wladimir Putin, dann laufen alle anderen weg und flüchten oben in den Turm. Wenn das Kind, das Putin spielt, mit seinen zwei, drei Mitstreitern, die russische Soldaten darstellen, weg ist, kommen sie schnell wieder heraus.

Die Plastikschwerter haben die Betreuerinnen einkassiert, da war die Verletzungsgefahr zu groß. Die Kinder behelfen sich jetzt mit Stöcken. „Die anderen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und ich sind uns einig, dass es in einem gewissen Rahmen wichtig ist, dass die Kinder ihre Erlebnisse spielend und auch malend verarbeiten“, erzählt Regina Grabbet im Familienpodcast „Morgens Zirkus, abends Theater“. „Hierfür geben wir ihnen den Raum, passen aber auf, dass es nicht eskaliert.“

Traumatisierte Kinder sind eher schüchtern

Wer die Frau erlebt, die vor Engagement nur so übersprudelt, würde nie für möglich halten, dass sie im Januar 70 Jahre alt wird. Lange hat sie an der Fachschule in der Wagnerstraße Erzieherinnen und Erzieher unterrichtet, ist Expertin im Umgang mit kindlichen Ängsten, hat als Spieltherapeutin gearbeitet und traumatisierte Kinder in einer Beratungsstelle betreut. Sie weiß: Kinder brauchen einen Raum, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten. „Es ist besser, wenn sie es auf diese Weise tun, als es in andere Bahnen zu lenken“, ist sie überzeugt.

Regina Grabbet erkennt es, wenn Kinder traumatisiert sind. „Das sehen wir meist daran, dass sie sehr schüchtern und zurückhaltend auftreten und wir sie erst mal ins Spiel bringen oder kreative Angebote machen.“ Die Betreuer beobachten, dass einige Kinder lange brauchen, bis sie eine Beziehung zu anderen herstellen. Sie bitten die Mütter, die einen Sprachkursus auf dem Gelände absolvieren, nicht sofort wegzugehen, wenn sie ihre Kinder abgegeben haben. Für die ist es wichtig zu wissen: Meine Mutter ist in der Nähe.

Ukrainische Kinder sind sehr in Sorge um ihre Mütter

Und die Situation ihrer Mütter beschäftigt die Mädchen und Jungen stark. „Den Kindern hilft es sehr, wenn es ihren Müttern immer stückchenweise besser geht“, sagt Grabbet. Die Betreuerinnen versuchen, beispielsweise in Tanzspielen, für Kinder und Mütter gemeinsame fröhliche Momente zu schaffen. Der Kidsclub hilft ihnen, hier fühlen sie sich sicher und unterstützt, es ist ein Raum des Rückzugs. Am liebsten würden viele jeden Tag kommen.

Die Mütter sind in Sorge um ihre daheimgebliebenen Männer. „Manche der Väter kämpfen im Krieg, ich beobachte manchmal, wie die Mütter in der Mittagspause an die Seite gehen und am Handy mit ihren Männern telefonieren“, sagt Grabbet. Da fließen bisweilen Tränen. „Das berührt mich“, sagt sie. „Die Mütter haben mir erzählt, dass sie versuchen, das von den kleineren Kindern fernzuhalten. Die sind oftmals erstaunlich fröhlich.“ Sie sagen: Mein Papa ist in der Ukraine und arbeitet.

Auch Bilderbücher helfen bei der Verarbeitung

Die Betreuerinnen und Betreuer versuchen den Kindern dabei zu helfen, ihre Ängste zu verarbeiten. Ein Spiel: Die Helfer zeigen Bilder mit einem bestimmten Gesichtsausdruck – Angst oder Wut oder Freunde – und die Kinder sollen diesen Ausdruck nachmachen. Ein anderes Spiel: Alle tanzen, wenn die Musik stoppt, sollen die Kinder ein bestimmtes Gefühl ausdrücken, mit ihrem Gesicht oder den passenden Geräuschen. Ein Betreuer singt Lieder auf Ukrainisch, bei denen es um Gefühle geht. „Was auch sehr hilft sind Bilderbücher auf Ukrainisch. Wenn die Kinder solche Geschichten lesen oder hören, dann erzählen sie auch selbst“, sagt Grabbet.

„Es ist wichtig, dass die Kinder ihre Ängste zeigen oder aufmalen können, dass sie lernen, mit dem Chaos an Gefühlen umzugehen.“ Was keinesfalls geht, sind Spiele wie die „Reise nach Jerusalem“, bei denen es zu wenig Plätze gibt und in jeder Runde Kinder ausscheiden.

Kinder lernen, sich in der Gruppe stark zu fühlen

„Ganz stark beobachten wir in ihren Spielen, dass Kinder in der Gruppe Schutz suchen und dann mit dieser Gruppe eine Lösung überlegen. Das sind Situationen, in denen sie Angst spielen, dann aber in der Gruppe stark sind“, erzählt Grabbet. „Wir versuchen darauf hinzuwirken, dass dieses Feinddenken im Spiel nicht zu krass wird, und bieten kooperative Spiele an.“

Regina Grabbet liegen auch die geflüchteten Kinder aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea, die überwiegend in der großen Welle 2015/16 nach Deutschland kamen, sehr am Herzen. Zwar hätten sie es insofern leichter, als oftmals auch ihre Väter mitkamen, also die ganze Familie beisammen ist. Dafür haben sie oft viel schlimmere Erfahrungen auf ihrer teils monatelangen Flucht gemacht als die Ukrainer. „Um es mal positiv auszudrücken: Die ukrainischen Kinder und ihre Mütter erfahren sehr sehr viel Zuwendung, es kommen viele Spenden herein, im Nu war genug Spielzeug da“, sagt Grabbet.

Andere Flüchtlinge bekamen weniger Angebote

Das sei bei den Flüchtlingen, die vor einigen Jahren aus den anderen Ländern kamen, weniger der Fall gewesen. „Ich habe ganz früh in einer Flüchtlingsunterkunft im Holstenweg gearbeitet – da gab es kaum etwas, nur einen kleinen Raum. Es dauerte, bis wir im Lehrerkollegium Spenden gesammelt hatten. Die Ausgangsvoraussetzungen im Hinblick auf Räumlichkeiten und Material, um mit den Kindern zu arbeiten, waren damals wesentlich schlechter.“

Wegen der Corona-Pandemie blieben zudem viele ehrenamtliche Helfer zu Hause, eine große Zahl ist noch nicht zurückgekehrt. „Es ging mir nahe, als ich in der Unterkunft in Poppenbüttel beobachtet habe, wie Kinder draußen im Freien etwas verloren herumstanden. Ich dachte: Die müssten mal in den Kidspark kommen.“ Doch der wurde speziell für ukrainische Flüchtlinge geschaffen. „Die Angebote sind derzeit sehr stark auf die ukrainischen Frauen und ihre Kinder ausgerichtet“, sagt Grabbet. „Man muss schauen, dass man auch die übrigen Flüchtlinge im Blick behält.“

Krieg, steigende Preise und drohende Energieknappheit belasten Kinder

Angst haben derzeit aber nicht nur die kleinen Flüchtlinge, sondern auch Kinder aus Hamburger Familien. In der gegenwärtig so problembeladenen Zeit bereitet ihnen vieles Sorgen: Corona, der Krieg in der Ukraine, die steigenden Lebensmittelpreise, die drohende Energieknappheit. „Darüber wird viel zu wenig geredet“, findet Grabbet. Dabei beschäftigten diese Themen die Kinder sehr. Regina Grabbet hat einen Workshop gegeben, in dem die Erzieherinnen und Erzieher dafür sensibilisiert wurden, diese Probleme nicht einfach zu verdrängen, sondern mit den Kindern zu besprechen, um ihnen die Angst zu nehmen.

Das muss aber auf einfühlsame Weise geschehen: „Ich habe erlebt, dass Eltern zu viel mit ihren Kindern darüber gesprochen haben. Dass Eltern mit ihren Kindern im Alter von fünf oder sechs Jahren gemeinsam die „Tagesschau“ gucken, das geht gar nicht – selbst wenn man anschließend gemeinsam darüber spricht. Man sollte versuchen, das Thema anzusprechen, aber positiv zu reflektieren: Da wird es Lösungen geben. Wir glauben daran, dass der Konflikt befriedet wird“, rät Grabbet. Helfen könne es auch, sich gemeinsam Bücher über Krieg und Frieden anzuschauen, die gut enden. „Man sollte die Ängste der Kinder unbedingt ernst nehmen und mit ihnen darüber sprechen, auch in den Schulen, aber die brutalen Bilder von ihnen fernhalten. Und gerade in diesen Zeiten viele positive Erlebnisse schaffen.“

Eltern können Ängste äußern – aber nicht vor den Kindern

Auch die teurer werdenden Lebensmittel und die Furcht, dass Wohnungen im Winter womöglich kalt bleiben, prägen die Schlagzeilen und viele Diskussionen. „Das belastet die Erwachsenen, macht aber auch den Kindern Angst – gerade Jungen und Mädchen aus ärmeren Familien“, sagt Regina Grabbet. Die Eltern können diese Themen ansprechen, aber aufpassen, dass sie dabei die Sorgen ihrer Kinder nicht verstärken. Sie sollten die eigenen Ängste möglichst von den Kindern fernhalten. Sätze wie „um Gottes willen, alles wird teurer, bald können wir uns gar nichts mehr leisten“ oder „hoffentlich müssen wir nicht im Winter frieren“ sollten nicht vor Kindern fallen. Darüber kann man sprechen, wenn der Nachwuchs abends im Bett ist.

Zumal auch die Corona-Pandemie und die Schulschließungen bei vielen Kindern noch nachwirken. „Ich wünsche mir, dass man mehr psychologische Hilfe möglich macht für die Kinder – da gibt es viel zu wenig Angebote“, so Grabbet. Kinderpsychologen und Sozialpädagogen an Stadtteilschulen erlebten, dass Kinder sprachlos geworden seien während der Pandemie, weil ihnen das soziale Miteinander fehlte und sie viel vor dem Fernseher oder dem Computer saßen – „gerade in den unteren Bildungsschichten“. Auch wenn sie online Aufgaben bekommen haben, fehlte ihnen doch der direkte Umgang mit ihren Freunden und den Bezugspersonen. Manche Kinder hatten zu Hause auch Erlebnisse, über die sie nicht sprechen möchten.

Lehrende benötigen mehr Fortbildungen

„Die Psychologen und Sozialpädagogen an den Schulen sagen, sie können das gar nicht alles auffangen, was da zu bearbeiten ist.“ Großartige Arbeit, findet Regina Grabbet, leiste das Hilfswerk „Children for tomorrow“, aber da sei die Warteliste sehr lang. Lehrer können tolle Projekte starten, damit die Kinder ihre schlimmen Erfahrungen aufarbeiten, doch teilweise benötigten die Lehrerinnen und Lehrer dafür mehr Fortbildungen.

Ein lapidarer Satz wie „Du brauchst keine Angst zu haben“ helfe nicht, sagt Grabbet. Besser wäre: „Ich verstehe gut, dass du Angst hast, ich habe auch Angst, aber ich glaube, das wird gut enden.“ Die fünfjährige Tochter einer Freundin von Grabbet hat ihre Mutter kürzlich gefragt: ,In welchen Keller gehen wir, wenn es bei uns losgeht und dei Bomben fallen?‘“ In ihren Erzählungen zeige sich oft, dass die Kinder viel mitbekommen. Darüber möchten sie reden.

In Kinder-Talkrunden können Jungen und Mädchen selbst zu Wort kommen

„Da könnten Kinder-Talkrunden helfen, wie einige Kitas sie bereits veranstalten“, schlägt Grabbet vor. „Dort kommen die Kinder selbst zu Wort, eines der Kinder ist Moderatorin oder Moderator. Da können sie darüber sprechen und Erzieherinnen, Lehrerinnen oder Ehrenamtliche sollten erst dann einschreiten, wenn das Gesagte für die Kinder nicht mehr zu verkraften ist.“ Also: Die Kinder ernst nehmen und „mehr Möglichkeiten schaffen, damit sie sich über ihre Fragen und Meinungen austauschen können“. In vielen Kitas gebe es bereits Kinderkonferenzen, „da geht einem das Herz auf, das ist einfach toll“. Wenn Kinder über ihre Sorgen sprechen könnten und man damit gut umgehe, helfe das auch, die Ängste zu verarbeiten.

Hilfreich fände Regina Grabbet es auch, ukrainische Kinder mit Hamburger Mädchen und Jungen zusammenzubringen. Beide Seiten könnten davon profitieren zu erfahren, was die jeweils anderen erlebt haben. Begegnungen wie diese müssten aber unbedingt sensibel pädagogisch begleitet werden. Grabbet selbst möchte dies im kleinen Rahmen ausprobieren. Der Kids Park sei im Übrigen offen, auch für Hamburger Familien. „Die ukrainischen Mütter und Kinder freuen sich über den Kontakt. Das wollen wir gezielt ermöglichen.“

Geflüchtete in Hamburg: Kinder „fast schon überangepasst"

Den Betreuern falle im Übrigen immer wieder auf, wie unglaublich diszipliniert die ukrainischen Kinder sind – „fast schon überangepasst“, sagt Grabbet. Sie malen gern etwas aus, das schon vorgegeben ist. Wenn Material zum Basteln auf den Tisch gelegt wird oder sie etwas haben möchten, schauen sie erst einmal vorsichtig und warten auf ein Zeichen, ein Nicken der Betreuerinnen und Betreuer, bevor sie es nehmen. Ein oder zwei Kinder drückten ihr Trauma oder ihre Angst auch durch Aggressionen aus – aber das ist die Ausnahme.

Grabbet selbst lernt gerade etwas Ukrainisch – allein für sich und mit den Kindern. Für Letzteres benutzt sie Handpuppen. Eine Puppe spricht deutsch, die andere Puppe ukrainisch; „dann schauen wir, was wir uns zu sagen haben“. Die Hamburgerin möchte die Kinder unbedingt besser verstehen lernen.

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