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Rassismus: Streit um Emily Ruete geht weiter

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Porträt von Emily Ruete (Sayyida Salme) in traditioneller Kleidung als Prinzessin von Sansibar (1886).

Porträt von Emily Ruete (Sayyida Salme) in traditioneller Kleidung als Prinzessin von Sansibar (1886).

Foto: Leiden University Libraries

Streit um den Platz auf der Uhlenhorst, der zwischenzeitlich nach der Tochter des Sultans von Sansibar benannt war, findet kein Ende.

Hamburg. Der politsche Streit um die Benennung eines Platzes nach Emily Ruete (1844 bis 1924) geht in die nächste Runde. Nachdem schon klar zu sein schien, dass der Emily-Ruete-Platz auf der Uhlenhorst umbenannt werden soll, scheint die Angelegenheit inzwischen wieder offen zu sein.

Zum Hintergrund: Erst im Januar 2020 hatte der Platz am Ende der Leo-Leistikow-Allee den Namen Emily-Ruete-Platz erhalten. Die Tochter des Sultans von Sansibar, die von 1867 an mit dem Hamburger Kaufmann Rudolph Heinrich Ruete verheiratet war, hatte die mutmaßlich erste Autobiografie einer arabischstämmigen Frau in der Literaturgeschichte geschrieben.

Rassismus: Emily-Ruete-Platz soll anders heißen – oder doch nicht?

Eine Weile nach der Benennung waren aber Aufzeichnungen Ruetes ruchbar geworden, die aus heutiger Sicht als rassistisch eingestuft werden müssen ("Der N***r ist bekanntlich sehr arbeitsscheu"). Danach wurden die Schilder mit dem Namen Emily-Ruete-Platz auf Beschluss der Bezirksversammlung Hamburg Nord zunächst abgebaut, dann aber wieder aufgestellt worden, weil der nötige Umbenennungsantrag noch gar nicht vorgelegen hatte.

Aber: Mittlerweile lässt ein Gutachten der Hamburger Historikerin Tania Mancheno wiederum einen neuen Blick auf Ruete zu, deren Grab sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof befindet. Die Expertin für Kolonialgeschichte kommt zu dem Urteil, dass man den Platz sehr wohl nach Ruete benennen könnte, die in ihren Schriften auch immer wieder versucht hatte, zwischen ihrer neuen Kultur und der arabischen Welt Brücken zu schlagen.

"Feministische Erinnerungskultur" mache kritische Reflektion des Rassismus möglich

Eine „feministische Erinnerungskultur“ an sie wäre möglich, so Mancheno, indem ihr Rassismus „kritisch reflektiert“ werde. Zudem warnt die Historikerin bei einer Umbenennung vor dem Eindruck, dass eine „Erinnerungspolizei aus dem globalen Norden“ entscheide, wie richtig oder falsch an Personen wie Ruete erinnert werden solle. So riskiere man, „sich eurozentrischer Sichtweisen zu bedienen“.

Vor diesem Hintergrund war die Sitzung des Regionalausschusses der Bezirksversammlung am Montagabend mit Spannung erwartet worden, bei der die Platzbenennung auf der Tagesordnung stand. Eine Entscheidung darüber, wie der Platz denn nun heißen soll, wurde indes nicht getroffen. Vielmehr wird dazu im nächsten bezirklichen Hauptausschuss – entweder in der kommenden Woche oder im September – eine Stellungnahme des Staatsarchivs zum Thema Straßen-/Platzbenennung abgewartet.

Nur die FDP ist gegen eine Umbenennung des Platzes

So oder so: Ausschussmitglied Christoph Reiffert (Grüne) bekräftigte für seine Fraktion gegenüber dem Abendblatt, dass der Platz nicht mehr nach Emily Ruete heißen solle. Stattdessen werde man sich weiterhin dafür einsetzen, eine würdigende und zugleich kritische Gedenktafel für sie erstellen zu lassen. Der Platz solle stattdessen Teressa-Platz heißen.

Diese Haltung wird auch von der SPD unterstützt, die CDU ist dem Vernehmen nach ebenfalls gegen den Emily-Ruete-Platz im Bezirk. Der FDP-Abgeordnete Claus-Joachim Dickow kritisiert das. „Dass wir als Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts darüber richten, was eine Frau vor mehr als 100 Jahren hätte denken und schreiben sollen, empfinde ich als Kulturkolonialismus“, so Dickow zum Abendblatt.

Letzte Entscheidung liegt bei Senat

Die letzte Entscheidung über die Platzbenennung liegt indes beim Senat, welcher den jeweiligen Vorschlägen der Bezirksversammlungen folgen kann, dies aber nicht muss. Wie die Senats-Entscheidung nun im Licht des Gutachtens ausfallen wird, ist offen. „Wir betrachten das Gutachten als eine gute Diskussionsgrundlage“, sagt der Sprecher der Kulturbehörde, Enno Isermann. „Doch zunächst warten wir die Entscheidungsfindung im Bezirk ab.“

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