Frauen-Netzwerk

Familie und Beruf: Karriere beginnt am Küchentisch

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Die Coachin Antje Rach (l.) und die Modedesignerin Irina Rohpeter sind im Netzwerk der BusinessMoms  aktiv.

Die Coachin Antje Rach (l.) und die Modedesignerin Irina Rohpeter sind im Netzwerk der BusinessMoms aktiv.

Foto: MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Selbstständigkeit und Familie – wie geht das zusammen? Ein Hamburger Netzwerk bietet dafür nun eine mögliche Lösung an.

Hamburg.  Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ohne permanent überfordert zu sein: Diese Herausforderung ist wohl die Königsdisziplin für die meisten Eltern mit kleinen Kindern – und insbesondere immer noch für die allermeisten Frauen. In Hamburg feiert nun ein Frauen-Netzwerk fünfjähriges Bestehen, das für dieses Problem eine Lösung anbietet, an die viele vermutlich nicht sofort denken werden: Die BusinessMoms sind überwiegend Unternehmerinnen, die sich mit ihrem Beruf selbstständig gemacht haben. Und diese Selbstständigkeit hat gerade für Mütter viele Vorteile, sagen die Modedesignerin Irina Rohpeter und Antje Rach, Coachin für Vereinbarkeit von Familie und Beruf, im Familien-Podcast „Morgens Zirkus, abends Theater“.

Irina Rohpeter war bereits einige Jahre selbstständig, als sie ihr erstes Kind bekam und von dem Netzwerk hörte, das gerade im Entstehen war. Alle Frauen, die sich beim ersten Treffen versammelten, standen vor denselben Herausforderungen wie sie selbst. „Da öffneten sich für mich ganz neue Horizonte“, sagt sie. Die BusinessMoms veranstalten Seminare und organisieren Vorträge, sie tauschen sich miteinander aus und helfen einander – auch in beruflicher Hinsicht. Auf ihrer Internetseite bieten sie ein Verzeichnis von Geschäftspartnerinnen an, als eine Art Kooperationsbörse. Und manchmal kommen sie auch miteinander ins Geschäft. Also bewusst eine Art Frauen-Seilschaft? „Definitiv, im positiven Sinne“, sagt Rach.

Karriere beginnt am Küchentisch: Kindern mitgeben, dass Arbeit, die man liebt, Spaß macht

Rund 90 Prozent der BusinessMoms sind selbstständig. „Und das hat gerade für viele Mütter durchaus Vorteile“, so Rach. Modedesignerin Rohpeter beispielsweise arbeitet viel von zu Hause aus, wo sie auch einen Showroom hat. Sie kann sich ihre Zeit freier einteilen, als wenn sie angestellt wäre. „Es kann auch mal sein, dass eine Anprobe mit Kind stattfindet“, erzählt sie – ihre Kunden nehmen das in der Regel gut auf. Extrem wichtige Termine, die sie nicht verpassen darf, werden betreuungsmäßig doppelt abgesichert. Sie möchte ihren Kindern mitgeben, dass Arbeit, die man liebt, Spaß macht. Und weil sie ihre eigene Chefin ist, muss Irina Rohpeter nicht auf das Verständnis ihres Arbeitgebers hoffen, wenn mal wieder ein Kind krank ist. „Selbstständigkeit sollten Mütter auf jeden Fall immer als Möglichkeit in Erwägung ziehen“, findet sie.

Als Coachin und bei ihren Mitstreiterinnen erlebt Antje Rach, dass Mütter unzufrieden sind oder auf Dauer werden, wenn sie als Angestellte Teilzeit arbeiten. „Selbstständigkeit kann da schon die bessere Alternative sein“, findet auch sie. „Relativ viele BusinessMoms haben sich erst mit Kindern selbstständig gemacht. Sie wollten nicht mehr häufig in den Konflikt geraten, ihre Kinder oftmals erst in letzter Minute in der Betreuung abzuholen und ständig gestresst zu sein. Viele Frauen haben gesagt: Jetzt probiere ich es aus.“

Nicht jeder kann sich den Sprung in die Selbstständigkeit leisten

Wobei es natürlich auch Haken gibt: Elternzeit zu nehmen, ohne mit seinem eigenen Unternehmen abgehängt zu werden, ist für selbstständige Mütter schwer. „Die macht man eher auf dem Papier“, sagt Rohpeter. Und nicht jede kann sich den Sprung in die Selbstständigkeit leisten, denn da braucht man einen langen Atem, auch finanziell. „Das muss ich mit meinem Partner absprechen und schauen, was realistisch ist: Wie lange braucht mein Unternehmen, bis es schwarze Zahlen schreibt? Geht es, dass ich für zwei Jahre nichts oder kaum etwas zum Familieneinkommen beitrage?“ Wenn das möglich ist, kann frau auch in Teilzeit ein Unternehmen gründen und so arbeiten, dass sie gut für die Familie da sein kann. Bei den BusinessMoms rund um Gründerin Tanja Haberkorn erhalten sie in den Veranstaltungen, zu denen je nach Format zehn bis 50 Frauen kommen, ganz konkrete Hilfestellungen. Da geht es um Finanzen, aber auch um solche Fragen: Wie baue ich meine Website auf, was muss ich beachten, wenn ich meine Marke nach draußen trage, wie geht gründen?

Willkommen sind auch Mütter, die angestellt und (noch) nicht selbstständig sind, und Selbstständige, die (noch) nicht Mutter sind. Bei Instagram folgen rund 2000 Frauen dem Netzwerk, Zielgruppe sind die 30- bis 55-Jährigen. „Man kann als Soloselbstständige auch sehr einsam sein“, sagt Irina Rohpeter. „Die BusinessMoms sind wie unsere Kolleginnen.“

Familie und Beruf: Macherinnen wünschen sich auch eine Vernetzung der Väter

Nun ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht allein Frauensache. Viele Mütter, die zu Coachin Antje Rach kommen, wünschen sich mehr Beruf – „und da sind wir schnell bei der partnerschaftlichen Aufteilung“. Niemand könne zu 100 Prozent betreuendes Elternteil sein und zugleich zu 100 Prozent arbeitende Frau oder Mann, manchmal helfe es, den Arbeitgeber mit ins Boot zu holen. „Häufig fängt die Karriere aber am Küchentisch an – also beim Partner“, sagt Antje Rach. „Manche Männer fallen aus allen Wolken, wenn sie hören, was ihre Partnerin alles leistet und was sie sich wünscht. Da muss man immer im Gespräch bleiben.“ Prägend ist auch das Rollenmodell, das die Männer in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben. Wenn sie sehr traditionell aufgewachsen sind, tun sie sich schwer, es grundlegend anders zu machen.

Zwar nähmen rund 40 Prozent der Väter mittlerweile Elternzeit, drei Viertel von ihnen aber nur zwei Monate am Ende der Elternzeit der Frau. Viele sagten: Mein Arbeitgeber sieht es nicht gern, wenn ich in Elternzeit gehe, weiß Antje Rach. „Da sage ich: Glaubt ihr, die Arbeitgeber fanden es gut, als wir Frauen Elternzeit nahmen? Wir kämpfen seit Hunderten von Jahren. Dieses müsst ihr jetzt mal für euch durchkämpfen.“ Sie fände es gut, wenn sich Väter ebenfalls vernetzen würden und damit zeigten, dass sie sich mit ihrer Rolle als
Papa identifizieren – denn auch sie stehen vor Herausforderungen, die andere Männer nicht haben. „In dieser Situation kann man jede Unterstützung gebrauchen.“

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