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Klimagerecht und bezahlbar wohnen – wie geht das?

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Dachdecker bringen Isolierplatten am Dach eines Gebäudes an – das spart Energie und damit auch CO2.

Dachdecker bringen Isolierplatten am Dach eines Gebäudes an – das spart Energie und damit auch CO2.

Foto: dpa Picture-Alliance / Markus Scholz / picture alliance / dpa Themendie

262.000 Gebäude in Hamburg müssen saniert werden, um CO2 zu sparen. Studie klärt, wie das ohne Mietenexplosion funktionieren soll.

Hamburg. Die Ungeduld wächst. Seit vielen Monaten warten Wohnungswirtschaft, Mieterverein, Klimabeirat und Umweltverbände darauf, dass SPD-Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt sie endlich vorlegt: die Machbarkeitsstudie zur energetischen Sanierung aller etwa 262.000 Bestandsgebäuden in Hamburg.

Wohnen in Hamburg: CO-Ausstoß durch Beheizen muss schnell sinken

Denn wenn Hamburg seine ehrgeizigen Klimaziele erreichen will, muss der CO2-Ausstoß durch das Beheizen von Wohnungen und Häusern schnell sinken – und dafür müssen die meisten saniert werden. Auch die EU hat dazu jetzt Vorgaben gemacht. Die bereits Ende 2019 beschlossene Machbarkeitsstudie soll nun klären, wie man den Zielkonflikt zwischen teuren Sanierungen für den Klimaschutz und bezahlbaren Wohnkosten auflösen könnte – wie also der CO2-Ausstoß je nach Gebäudeart am effizientesten gesenkt werden kann.

Schon für die zweite Jahreshälfte 2020 hatte Stapelfeldt Teilergebnisse angekündigt. Bis heute aber liegt die Studie immer noch nicht vor – weder in Teilen noch als Gesamtwerk. Das habe vor allem damit zu tun, dass es eine so umfassende Untersuchung bisher noch nicht gegeben habe und man auch methodisch damit Neuland betrete, heißt es aus der Stadtentwicklungsbehörde.

„Die sozialen Vermieter warten mit Ungeduld auf die Ergebnisse der Studie“, sagte An­dreas Breitner, Direktor des Verbandes norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW). „An dem langen Entstehungsprozess kann man jedoch erkennen, wie kompliziert und wie komplex die Materie ist, die da untersucht wird.“

Sanierungsplan für sämtliche Gebäude sollen entwickelt werden

Tatsächlich hat die Behörde nach Abendblatt-Informationen fünf Einzelgutachten in Auftrag gegeben, mit denen ein Sanierungsplan für sämtliche Gebäude entwickelt werden soll. Im ersten Gutachten werden zehn Gebäudetypen identifiziert, die je nach Alter und Ausgangszustand in 200 Varianten aufgeteilt werden – für die jeweils die beste Sanierungsweise empfohlen wird. In weiteren Teilen der Studie geht es um die Energieversorgung, um Investitionskosten und Auswirkungen auf Mieten und Nebenkosten.

Außerdem wurden in einer repräsentativen Erhebung die Eigentümer von 55.000 Wohnungen nach Bau- und Sanierungsdaten gefragt, um herauszufinden, wie viele Gebäude von welchen Typen mit welchen Sanierungsbedarfen es in Hamburg überhaupt gibt. Und schließlich ist geprüft worden, bei welchen Gebäuden die Fassaden als baukulturell so wertvoll gelten, dass sie nicht gedämmt werden können.

Die fünf Einzelteile der Studie müssen jetzt noch zusammengeführt werden. Man wolle die Ergebnisse noch vor der Sommerpause vorlegen, heißt es aus der Behörde. Es geht auch darum, ob es in jedem Fall sinnvoll ist, Gebäude immer stärker zu dämmen – was sehr teuer ist und ab einem gewissen Punkt nicht mehr viel an CO2-Einsparungen bringt.

Auch Quartieransätze werden diskutiert

Ein anderer Ansatz ist es, stattdessen die Heizungen so zu modernisieren, dass die Wärme aus regenerativer Energie kommt. Ebenfalls diskutiert werden Quartiersansätze. Dabei geht es nicht mehr darum, dass jedes einzelne Gebäude unbedingt teuer saniert werden muss – wichtig ist eine deutliche Absenkung des CO2-Ausstoßes des gesamten Viertels durch unterschiedliche Maßnahmen.

Klar ist: Die Zeit drängt. Laut Klimaplan sollen seit 2020 jährlich zwei Prozent der Gebäude saniert werden, um die Klimaziele zu erreichen. Zuletzt waren es aber lediglich um die 0,6 Prozent. Bliebe das so, würde die Stadt ihre Klimaziele kaum erreichen. „Hier muss dringend etwas getan werden“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Hamburger Klimabeirats, Jörg Knieling.

„Wie dies gelingen kann, soll die bereits überfällige Machbarkeitsstudie aufzeigen. Bei der Umsetzung sind Wohnungswirtschaft und private Gebäudeeigentümer gefordert, aber auch Handwerk und Baugewerbe“, so Knieling. „Und Hamburg sollte schnell seine Förderprogramme optimieren. Insgesamt braucht es mehr Schwung bei der energetischen Sanierung, wenn wir die Klimaschutzziele bis 2030 erreichen wollen.“

Das sagt der Mieterverein Hamburg

Der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg, Rolf Bosse, legt vor allem Wert darauf, dass „sozial gerechte und bezahlbare“ Lösungen gefunden werden. Dabei müsse die von der Wohnungswirtschaft geforderte Absenkung energetischer Standards diskutiert werden. Zum anderen solle aber auch geprüft werden, wie sich die Unternehmen an den Belastungen beteiligen könnten, „die durch diese Mammutaufgabe der gesamten Gesellschaft entstehen“, so Bosse. „Es kann nicht sein, dass die Wohnungswirtschaft nach dem Credo verfährt: Egal was wir machen, es muss sich für uns rentieren.“

Hintergrund: Bei Modernisierungen können Vermieter Teile der Kosten auf die Mieter umlegen, was angesichts der anstehenden Sanierung fast aller Gebäude zu einem flächendeckenden Anstieg der ohnedies rasant wachsenden Wohnkosten führen könnte – wenn der Staat nicht gezielt gegensteuert.

Stapelfeld: "Alle Aspekte des Themas in der Gesamtschau betrachten"

„Wir werden mit der Machbarkeitsstudie und den vorlaufenden Einzelgutachten erstmals einen fachübergreifenden, realitätsbezogenen und praxisnahen Ansatz am konkreten Beispiel der Stadt Hamburg entwickeln“, sagte Stadtentwicklungssenatorin Stapelfeldt dem Abendblatt. „Dabei wollen wir alle Aspekte des Themas in der Gesamtschau betrachten. Und selbstverständlich entwickeln wir daraus unsere Förderstrategie für die nächsten Jahre.“

Zwar habe der umfassende Ansatz „zu zeitlichen Verzögerungen geführt“, so Stapelfeldt. Es sei aber erforderlich gewesen, alle Aspekte sorgfältig einzubeziehen – „insbesondere weil der Immobiliensektor sehr langfristige Investitionszyklen aufweist“.

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