Verbrechen Hamburg

Auftragsmord im Kiez-Milieu – Anwohner beobachten die Tat

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Das Oper machte auf dem Kiez in Hamburg mit illegalem Glücksspiel sein Geld (Symbolbild).

Das Oper machte auf dem Kiez in Hamburg mit illegalem Glücksspiel sein Geld (Symbolbild).

Foto: picture alliance/dpa | Jonas Walzberg

Er wurde hinterrücks erschossen: Bahri Berisha machte mit illegalem Glücksspiel sein Geld – und hatte bei den falschen Leuten Schulden.

Hamburg. Er hat sich mit den falschen Leuten angelegt. Er hat sich mächtige Feinde gemacht, Männer mit Kontakten zur Mafia. Bahri Berisha, der auf dem Kiez in Hamburg mit illegalem Glücksspiel sein Geld gemacht hat, hat wohl geglaubt, er könne sich alles leisten und jedem trotzen. Doch schließlich haben es zwei Sizilianer übernommen, am 4. August 1993 das Leben des unliebsamen 34-Jährigen auszulöschen, indem sie ihn kaltblütig und hinterrücks erschießen. Sie sind für den schmutzigen Job angeheuert worden.

„Hintergrund für das Verbrechen ist unter anderem, dass Bahri Berisha seinem Bekannten Salvatore L. 60.000 D-Mark Schulden nicht zurückgezahlt hat“, erklärt Rechtsmediziner Klaus Püschel im Abendblatt-Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ mit Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher. „Das macht Salvatore L., einen 36-Jährigen mit sizilianischen Wurzeln, wütend. Er möchte dem Schuldner eine Lektion erteilen lassen, die auch anderen Geldleihern als abschreckendes Beispiel dienen soll. Darüber hinaus will der 36-Jährige seine Stellung in der Glückspielszene festigen.“

Kiez Hamburg: Schulden und eine verletzte Ehre führen zum Mord

Auch Fazli G., ein einschlägig bekannter Albaner, verspricht sich von der Ausschaltung des Konkurrenten Bahri Berisha ein besseres Standing auf dem Kiez. „Außerdem hat der 29-Jährige, dem manche eine enge Verbindung zum eigentlichen ,Paten‘ von St. Pauli nachsagen, noch ein weiteres Motiv“, erzählt Mittelacher. „Er hatte Monate zuvor mit Berisha eine körperliche Auseinandersetzung, bei der er der Unterlegene war.“ Nun will Fazli G. seine verletzte Ehre wiederherstellen. Nachdrücklich und endgültig.

Den tödliche Lektion aber sollen andere erledigen. Männer, die nicht in Hamburg ansässig sind, sondern auf Sizilien. Salvatore L. hat beste Kontakte auf die italienische Insel.

Also heuert er einen früheren Freund für den Job an und überredet ihn, einen zweiten Italiener mit ins Boot zu holen. 100.000 D-Mark sollen Giovanni G. und Daniele S. erhalten, wenn sie den verhassten Berisha ausschalten. Eine Maxime der Täter in spe lautet, dass alle am Mord Beteiligten straffrei davonkommen sollen.

Erster Hamburg-Besuch der Killer wird zum Flop

Ein erster Hamburg-Besuch der gedungenen Killer Anfang Juli 1993 wird zum Flop. Gut drei Wochen später fliegen die beiden Sizilianer erneut an die Elbe. „Sie werden mit einer 357er Magnum und einer 38er ausgestattet, sollen das avisierte Opfer überrumpeln. Der 34-Jährige soll keine Chance zur Gegenwehr bekommen“, so Mittelacher.

Anfang August 1993 soll die Tat über die Bühne gehen. Einer der Auftraggeber, nämlich Fazli G., geht in eine Bar, in der viel los ist, damit er auf jeden Fall für die Tatzeit ein Alibi hat. Der andere Auftraggeber indes, Salvatore L., setzt die beiden Sizilianer in der Nähe des Kulturvereins ab, wo sie dem 34-Jährigen auflauern und ihn erschießen sollen. Danach sollen sie die knapp 100 Meter dorthin zurücklegen, wo ihr Auftraggeber in einer Seitenstraße mit einem Fluchtfahrzeug warten würde.

Es dauert einige Stunden, bis ihr Zielobjekt sich blicken lässt. Die beiden Killer greifen ihre Pistolen und folgen Bahri Berisha. „Nun geht alles ganz schnell. Fünf Schüsse peitschten durch die Luft, vier von ihnen treffen den 34-Jährigen aus kürzester Entfernung. Das Opfer sackt tödlich getroffen zusammen“, schildert Püschel. Im diffusen Licht einer Lampe über dem Eingang zum „Kulturverein“ liegt sein Körper nun da, mit dem Gesicht nach unten. Er hatte keine Chance.

Lohnkiller steigen im Licht der Straßenlaterne ins Fluchtauto

Fünf Schüsse, abgegeben ohne Schalldämpfer, in einer belebten Gegend: Das bleibt nicht unbemerkt. Zwei Anwohner beobachten, wie im Dunkel zwei Gestalten eine Straße entlangrennen, auf ein Auto zu. Der Wagen, der sich schon langsam in Bewegung gesetzt hat, stoppt nun kurz, die Flüchtenden springen in das Fahrzeug, das nun losfährt.

Aber: Um die beiden Lohnkiller einsteigen zu lassen, hat Salvatore L. seinen BMW ausgerechnet unter einer Straßenlaterne angehalten. Deshalb können die Zeugen der Polizei das Autonummernschild melden. Wenig später werden Salvatore L., Giovanni G. und Daniele S. verhaftet und im Mai 1994 vor Gericht gestellt. Alle drei erhalten „lebenslänglich“ wegen Mordes. Doch Salvatore L. geht erfolgreich in Revision. Gegen ihn muss später erneut verhandelt werden.

Mord im Kiez-Milieu: Auftraggeber bekommt lebenslänglich

„Aber nicht nur gegen ihn“, erklärt Püschel. „Und das kommt so: Eigentlich gilt in den Kreisen der Mafia die „Omertà“, das Gesetz des Schweigens. Seine Befolgung wird auch von Außenstehenden verlangt. Doch einer der Killer, Daniele S., hat inzwischen bei der Polizei ausgepackt. Er nennt nun Fazli G. als einen der Auftraggeber.

So landet auch der 29-Jährige im Prozess vom Sommer 1996 mit auf der Anklagebank. Im Ergebnis kommt das Gericht in dieser neuen Verhandlung gegen Salvatore L. und Fazli G. schließlich zu einer Verurteilung von Salvatore L. zu lebenslanger Freiheitsstrafe wegen Mordes. Nach Überzeugung der Kammer hat dieser daran mitgewirkt, die Erschießung des Bahri Berisha zu planen und durchzuführen. Fazli G. wird wegen Beihilfe zum Mord zu zwölf Jahren und vier Monate Gefängnis verurteilt.

( HA )

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