Corona Hamburg

Schmidt-Chanasit: „Zwischen März und Mai sind wir durch“

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Für den Hamburger Virologen Jonas Schmidt-Chanasit ist ein Ende der Corona-Pandemie in Sicht (Archivbild).

Für den Hamburger Virologen Jonas Schmidt-Chanasit ist ein Ende der Corona-Pandemie in Sicht (Archivbild).

Foto: Roland Magunia / FUNKE Foto Services

Für den Virologen ist das Pandemie-Ende in Sicht. Er erklärt, warum die Inzidenz bei Kindern hoch ist und was Deutschland falsch macht.

Hamburg. Am Montag hat die EU-Kommission das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin ausgezeichnet: Die Abteilung Arbovirologie unter der Leitung von Prof. Jonas Schmidt-Chanasit hat in einem Konsortium das Epidemie-Frühwarnsystem „EYWA“ entwickelt, das nun mit dem Preisgeld ausgebaut werden soll. „Ein vergleichbares System in China hätte bei der Ausbreitung der Pandemie am Anfang helfen können“, sagt Schmidt-Chanasit. „Hätte man zwei Wochen früher reagiert, wäre vielleicht eine Pandemie in diesem Ausmaß verhindert worden.“ Nun rollt die Omikron-Welle über das Land – doch der 42-jährige Virologe ist zuversichtlich.

Hamburger Abendblatt: Die Zahl der Neuinfektionen bundesweit ist inzwischen sechsstellig, die Inzidenz in Hamburg vierstellig – wie nervös sind Sie?

Jonas Schmidt-Chanasit: Als Wissenschaftler sollte man nie nervös werden, sondern professionell und sachlich bleiben. Zur Nervosität besteht auch kein Anlass, wenn wir in andere Länder blicken, die zwei, dreimal so hohe Inzidenzen haben. Die Inzidenz hat sich von der Hospitalisierung und der Situation auf den Intensivstationen entkoppelt.

Sie waren gerade in Gibraltar. Spanien wagt den Kurswechsel und lässt die Pandemie eher laufen – ist das ein Modell für Deutschland?

Schmidt-Chanasit: Ich würde nicht sagen, dass die Spanier die Pandemie laufen lassen. Das macht meines Erachtens kein Land. Fast überall gibt es noch Maßnahmen. In Spanien mit seiner sehr hohen Impfquote von über 90 Prozent tragen die Menschen trotzdem konsequent Masken. Das Notwendige ist auf wenige Regeln begrenzt und die meisten Menschen halten sich daran. In Gibraltar, dem Land mit einer der höchsten Impfquoten weltweit, gibt es inzwischen so etwas wie Normalität, aber auch dort trägt man in Innenräumen konsequent Masken. Bei uns hat sich leider ein Regel-Wirrwarr etabliert.


Und die Briten? Was halten Sie von der Boris-Johnson-Strategie? Auf der Insel sind die Stadien randvoll mit 73.000 Menschen, bei uns dürfen nur 2000 mit Maske in die Arenen. Und die Masken sollen in England jetzt auch noch fallen.

Schmidt-Chanasit: Wir haben in den vergangenen Monaten gesehen, dass die Briten uns scheinbar immer einen Schritt voraus sind, im Guten wie im Schlechten. Einige Entscheidungen mussten sie wieder rückgängig machen, weil sie an die Kapazitätsgrenze ihrer Gesundheitsversorgung gekommen sind. Vielleicht ist die Ankündigung von Boris Johnson, demnächst die Maskenpflicht abzuschaffen, eher ein politischer Selbstrettungsversuch. Aber die Mehrheit der Briten trägt diese Politik offenbar mit. Jedenfalls sehe ich keine großen Demonstrationen für einen anderen Umgang mit der Pandemie in Großbritannien. Für Deutschland ist so eine Entscheidung in der jetzigen Situation keine Option.

In Großbritannien fällt die Inzidenz inzwischen …

Schmidt-Chanasit: Wir können die Daten aus Großbritannien oder Spanien nicht Eins zu Eins auf Deutschland übertragen. Aber es gibt auch keine vernünftigen Gründe, warum Omikron sich hierzulande ganz anders auswirken sollte. Ein massiver Anstieg auf den Intensivstationen ist ein unwahrscheinliches Szenario. Omikron infiziert maximal, geht aber mit milderen Verläufen einher. Trotzdem müssen wir die Zahlen im Blick behalten: Wenn sich 400.000 oder 500.000 Menschen am Tag infizieren, wird auch bei einem geringen Anteil schwerer Fälle die schiere Masse die Krankenhäuser belasten. Das werden wir in den nächsten ein bis zwei Wochen besser wissen. In Bundesländern wie Bremen ist bereits ein Bruch der Dynamik zu beobachten.

Davon ist in Hamburg wenig zu spüren…

Schmidt-Chanasit: Das stimmt. Aber ich bin optimistisch, dass es auch in Hamburg demnächst zu einer Verlangsamung des Anstiegs kommt und wir den Scheitelpunkt des Infektionsgeschehens erreichen. Die Frage wird sein, ob die Inzidenz danach ein Plateau erreicht oder wie in Großbritannien sinkt. Auch das werden wir in den nächsten ein bis zwei Wochen besser beurteilen können. Was nach wie vor oberste Priorität hat, ist, zu verhindern, dass die Infektionen in die Krankenhäuser und Pflegeheim getragen werden.

Wo sehen Sie weitere Probleme?

Schmidt-Chanasit: In der starken Fixierung auf die Zahl der Geimpften. Die Zahl der Genesenen wird fast völlig außer Acht gelassen. Dabei ist der Genesenen-Status durchaus etwas Positives. Gerade wenn man zweimal geimpft ist, sich infiziert und wieder genesen ist, kann man das aus immunologischer Sicht als die beste Situation betrachten. Einfach weil die Immunantwort sehr breit ist.

Plötzlich erleben viele in ihrem direkten Umfeld mehrere Erkrankungen. Wird das Corona-Virus seinen Schrecken verlieren, weil man nicht mehr die Horrorgeschichten sieht, sondern nun auch viele kennt, die die Erkrankung schnell abschütteln?

Schmidt-Chanasit: Vor allem durch die Omikron-Variante des Virus erleben wir eine Normalisierung im Umgang mit der Infektion. Wir werden sie über kurz oder lang wie andere Atemwegsinfektionen annehmen und behandeln. Das heißt nicht, dass wir die Erkrankung auf die leichte Schulter nehmen können, wenn wir an die vielen schwer verlaufenden Influenza-Infektionen der vergangenen Jahre denken.

Wie hoch ist eigentlich die Dunkelziffer der Infektionen?

Schmidt-Chanasit: Konservativ geschätzt mindestens zwei- bis dreimal mal so hoch. Leider wissen wir das auch nach zwei Jahren Pandemie immer noch nicht exakt, weil wir bis heute keine repräsentative Kohorte in Deutschland haben. Bei Kindern und Jugendlichen sieht es anders aus. Da an Schulen und Kitas sehr viel getestet wird, ist die Dunkelziffer hier niedrig.

Hätte die Pandemie mit Omikron begonnen – hätte es dann überhaupt einen Lockdown gegeben?

Schmidt-Chanasit: Diese Variante des Virus hätte sicherlich zu weniger drastischen Maßnahmen geführt. Aber man muss wissen: Omikron ist eine Variante, die ohne Impfstoff und Immunität in der Bevölkerung ebenfalls gefährlich gewesen wäre. Auch Omikron hätten wir nicht einfach durchlaufen lassen können.

Wäre die Pandemie ein Marathonlauf, bei welchen Kilometer sind wir dann?

Schmidt-Chanasit: Schätzungsweise bei Kilometer 40.

Wann erwarten Sie den Scheitelpunkt – und wo wird er liegen?

Schmidt-Chanasit: Die Omikron-Welle dürfte uns noch ein, zwei Monate beschäftigen. Zwischen März und Mai sollten wir durch sein, wenn wir die Daten aus anderen Ländern zugrunde legen. Im Frühjahr wirkt die starke Saisonalität des Virus. Das wird helfen, die Infektionszahlen deutlich zu senken, unabhängig von den geltenden Einschränkungen. Spätestens dann sollten wir uns als Gesellschaft Gedanken machen, welche Maßnahmen wir tatsächlich noch benötigen und ob diese als Empfehlungen oder Verpflichtungen formuliert sein sollten. Was in den kommenden Jahren bleiben wird, ist der besondere Schutz von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Etwa durch den Einsatz von Tests und Masken.

Wird Hamburg früher diesen Scheitelpunkt erreichen?

Schmidt-Chanasit: Erkennbar sind große Unterschiede zu Sachsen oder Thüringen, die jetzt niedrige Inzidenzen verzeichnen. Man könnte vermuten, dass dort die frisch Genesenen einen höheren Schutz vor Omikron haben. Entscheidend wird sein, wann wie viele Menschen Antikörper gebildet haben – entweder durch Impfung oder Genesung. Liegt dieser Wert bei 90 oder 95 Prozent, bewegen wir uns in Richtung eines endemischen Zustands.

Sollten wir eigentlich noch Schulkinder testen angesichts knapper Kapazitäten?

Schmidt-Chanasit: Schulen sind ein hochemotionales Thema. Klar ist: Schulschließungen darf es nicht mehr geben. Da helfen uns die Tests – auf Tests zu verzichten, um dann Schulen schließen zu müssen, kann keine Alternative sein. Trotzdem empfehle ich angesichts begrenzter Ressourcen, die Labore stehen gerade am Anschlag, sich zu konzentrieren auf die kritischen Bereiche und auf die Personen, die am meisten gefährdet sind. Also auf Einrichtungen wie Pflegeheime und Krankenhäuser. Ich sehe keinen Sinn darin, PCR-Tests für junge asymptomatische Menschen zu verbrauchen. Wir werden priorisieren müssen. Es bringt auch wenig, die Kontakte von jungen Leuten mit großem Aufwand nachzuverfolgen, die zusammen gefeiert haben. Bei diesen massiven Infektionszahlen müssen wir uns auf die kritischen Gruppen fokussieren, also auf Menschen über 60. Dem Rest sollte man sagen: Wenn Eure Nase läuft, bleibt zuhause, macht einen Schnelltest und informiert eure Kontakte.

Ist es also doch Zeit für einen Strategiewechsel? Selbst Markus Söder hat das Team Vorsicht verlassen und ist ins Team Augenmaß gewechselt…

Schmidt-Chanasit: Mich stört diese ständige Team-Definition. Das hat uns in der Pandemie keinen Schritt vorangebracht, ganz im Gegenteil. Es gibt nur ein Team – das Team Deutschland. In einer Pandemie sollte man immer beides haben: Augenmaß und Vorsicht.

Stichwort Team Deutschland. Ich staune über unsere Lernkurve, die arg flach verläuft. Auch zwei Jahre nach dem Start der Pandemie scheitern wir an der Digitalisierung, am Datenschutz.

Schmidt-Chanasit: Die Datenerhebung und Datenauswertung in Deutschland ist eine Katastrophe. Wir profitieren nach wie vor von den Daten aus England, aus Dänemark, aus Israel. Im wissenschaftlichen Wettbewerb sind wir in dieser Hinsicht nicht die Besten. Das beginnt bei einem nicht vorhandenen Impfregister und reicht bis zur digitalen Patientenakte. Wir berauben uns elementarer Forschungsvoraussetzungen. Dänemark ist ein Vorbild im Hinblick auf die Vernetzung der Gesundheitsdaten.

Fürchten Sie, wie jüngst durch die Medien geisterte, eine Variante, die so ansteckend ist wie Omikron, aber so aggressiv wie Delta. Ist das für Sie als Virologen ein realistisches Szenario?

Schmidt-Chanasit: Nein, das ist absolut spekulativ und bewirkt nur eins, die Verunsicherung der Leute. Vielleicht hat da einer zu viele Horrorfilme geguckt.

Wenn man auf die großen Pandemien blickt, hatten wir seit der Hongkong-Grippe 1968/69 mehr oder minder 50 Jahre Ruhe. War das ein seltenes Glück? Oder muss sich die Menschheit darauf einstellen, dass in zehn Jahren ein neues Virus um die Ecke biegt?

Schmidt-Chanasit: Wenn der Mensch in Zukunft weiter in Naturräume eindringt, näher an die Wildtiere heranrückt oder Nutz- mit Wildtieren zusammenbringt, werden uns häufiger Pandemien ereilen. Genau das versuchen wir mit unserem Frühwarnsystem ja zu verhindern. Aber das kann nur ein Baustein sein: Wir müssen den Klimaschutz voranbringen und die Zerstörung natürlicher Lebensräume verhindern. Machen wir einfach weiter wie bisher, werden wir in immer kürzeren Abständen mit solchen Erregern konfrontiert werden. Das ist eine Lehre aus dieser Pandemie.

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