Nobelpreise

Hamburger Klimaforscher erhält Nobelpreis in Berlin

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Der Hamburger Klimaforscher Klaus Hasselmann (l) mit der Medaille des Nobelpreises für Physik 2021
und der deutsche Chemiker Benjamin List, der den Nobelpreis für Chemie 2021 bekommen hat.

Der Hamburger Klimaforscher Klaus Hasselmann (l) mit der Medaille des Nobelpreises für Physik 2021 und der deutsche Chemiker Benjamin List, der den Nobelpreis für Chemie 2021 bekommen hat.

Foto: dpa

Schwedischer Botschafter überreicht die Medaillen an den Hamburger Physiker Klaus Hasselmann und den Chemiker Benjamin List.

Berlin. Das Coronavirus ist in diesen Tagen auch ein Feind der Wissenschaft: Eigentlich ist die Verleihung der Nobelpreise seit 1901 der Höhepunkt eines jeden Forscherlebens. Sie wird in Stockholm über mehrere Tage geradezu zele­briert – mit Empfängen, Vorträgen, Konzerten und Festbankett. Stets am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters, überreicht der schwedische König die Urkunden und Medaillen der naturwissenschaftlichen Disziplinen. Das Preisgeld pro Kategorie liegt bei zehn Millionen Kronen – umgerechnet 975.000 Euro.

Doch auch im coronaentspannten Schweden meidet man dieser Tage Großveranstaltungen. Und so mussten sich die beiden deutschen Nobelpreisträger mit einem nationalen Programm beschränken. Die Preisverleihung 2021 findet wie schon im Vorjahr dezentral statt.

Verleihung in Berlin: Hasselmann und List erhalten ihre Nobelpreise

Erstmals seit 2007 wurde die Forscherrepublik Deutschland wieder mit zwei Nobelpreisen belohnt: Prof. Benjamin List vom Max-Planck-Institut für Kohlenforschung erhält den Chemie-Nobelpreis gemeinsam mit David W.C. MacMillan „für die Entwicklung der asymmetrischen Organokatalyse“. Der Physik-Nobelpreis geht zur Hälfte an den Hamburger Klaus Hasselmann vom Max-Planck-Institut für Meteorologie und Syukuro Manabe „für die physikalische Modellierung des Erdklimas, die Quantifizierung von Schwankungen und die zuverlässige Vorhersage der globalen Erwärmung.“

Statt nach Stockholm durfte der Othmarscher Hasselmann am Dienstag nur nach Berlin-Dahlem reisen. Die feierliche Verleihung fand im Harnack-Haus statt, der Tagungsstätte der Max-Planck-Gesellschaft, in der sich seit 1929 Geistesgrößen wie Albert Einstein oder Otto Hahn trafen. Im Beisein eines kleinen Kreises von Angehörigen sowie Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik – darunter Bürgermeister Peter Tschentscher – überreichte der schwedische Botschafter Per Thöresson die Goldmedaillen.

Tschentscher: „Hasselmann ist ein Pionier der Klimaforschung“

„Klaus Hasselmann ist ein Pionier der Klimaforschung und eine hanseatische Persönlichkeit. Trotz höchster internationaler Anerkennung seiner wissenschaftlichen Arbeit ist er seiner Heimatstadt treu geblieben und hat sich viele Jahre um den Wissenschaftsstandort Hamburg verdient gemacht“, sagte Bürgermeister Tschentscher dem Abendblatt: „In seinem Engagement für den Klimaschutz verbindet er Wissenschaft, Weitsicht und Gemeinwohlorientierung.“ Mit seiner Arbeit habe er bereits in den 90er-Jahren die zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts definiert, im Interesse künftiger Generationen auf die fossile Energien zu verzichten.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) sagte in ihrer Laudatio zu List und Hasselmann: „Sie beide haben dazu beigetragen, Komplexität zu entschlüsseln, naturwissenschaftliche Zusammenhänge auf das Wesentliche zu reduzieren. In globalen Zusammenhängen, wenn es um die Modellierung des Weltklimas geht; auf molekularer Ebene bei der Optimierung von Katalysatoren.“

Auch die Urenkel im Säuglingsalter bei der Feier dabei

Die zweithöchste Repräsentantin des Staates betonte: „Sie beide haben damit neues Wissen für die Menschheit geschaffen. Sie haben uns Werkzeuge an die Hand gegeben, um die Gefahren des menschen­gemachten Klimawandels besser einschätzen und drohende Entwicklungen besser vorhersagen zu können.“ Durchaus selbstkritisch fügte Bas hinzu, wissenschaftliche Erkenntnisse bräuchten oft Zeit, bis sie sich in politischen Entscheidungen niederschlagen: „Ihre wegweisenden Arbeiten zum Klimawandel stammen aus den Siebzigern“. Von 1975 bis 1999 war Hasselmann Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie.

Aufgrund der Corona-Bestimmungen fand die Feier im Harnack-Haus im kleinen Kreise statt – Gattin Susanne Hasselmann-Barthe und zwei seiner drei Kinder mit Ehepartnern begleiteten den Hamburger Preisträger. Eine Tochter konnte wegen der Pandemie-Bedingungen nicht nach Deutschland reisen – sie arbeitet als Virologin in Österreich. Auch sieben der neun Enkel und die beiden Urenkel im Säuglingsalter nahmen an der Feier in Dahlem teil.

Benjamin List bricht Lanze für Forscher

Am Nachmittag hatte die Schwedische Botschaft zu einem hochspannenden Symposium mit den deutschen Preisträgern in ihr Gebäude am Tier­garten eingeladen. Im Gespräch mit Moderator Ranga Yogeshwar diskutierten und plauderten Hasselmann und List über Wissenschaft und Politik, Talent und Fleiß – und das neue Leben als Nobelpreisträger. „Die Frage, wie der Mensch das Klima verändert, hat mich schon immer interessiert“, sagte Hasselmann. Trotzdem sei er als Physiker in die Klimaforschung eher „reingedriftet“ – über seine Forschung zur Wechsel­wirkung von Ozeanellen.

Eindrücklich warb der 53-jährige Benjamin List für die Wissenschaft: „Ich möchte, dass die Chemie anders wahrgenommen wird.“ In der Öffentlichkeit sehe man oft nur das Negative. „Aber wenn wir ein Medikament nehmen und gesund werden, sagt keiner: Danke, Chemie!“ Er brach eine Lanze für die Forscher: „Ich möchte für die verkannten Nerds sprechen!“ Sein Traum sei eine künstliche Photosynthese, die das Treibhausgas in Sauerstoff und Kohlenstoff spalten könne. „Leider kann ich meine Doktoranden nicht so begeistern – die wollen anorganische Katalyse betreiben.“

Traumberuf Wissenschaft. „Man forscht, weil es Spaß macht“

Klaus Hasselmann lobte die Klimabewegung: „Hört auf Fridays for Future. Ich bin sehr froh, dass wir die jungen Menschen haben, die auf die Straße gehen. Aber das ist nicht meine Art, ich bin Wissenschaftler.“ Der „Vater der Klimamodelle“ zeigte sich zuversichtlich, dass die Menschheit die Klimakrise lösen kann: „Wir haben die Möglichkeit, die Probleme in den Griff zu bekommen. Die erneuerbaren Energien sind längst konkurrenzfähig. Ich bin Optimist, aber meine Frau ist pessimistischer“, sagte der 90-Jährige. Die beiden sind seit 1957 verheiratet. Die Mathematikerin hatte ihren Mann in Jahrzehnten der Forschung als Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Meteorologie begleitet.

Eindringlich warben List und Hasselmann für den Traumberuf Wissenschaft. „Man forscht, weil es Spaß macht“, sagte der Hamburger. „Es ist ein wunderschönes Leben, und ich bin der Gesellschaft dankbar, dass sie Wissenschaft fördert.“ List sagte auf die Frage von Jugendlichen: „Macht, was euch wirklich begeistert.“

Hasselmann bekommt Physiknobelpreis 100 Jahre nach Albert Einstein

Seit der Bekanntgabe hat sich das Leben für beide Forscher verändert. Der Anruf erreichte den Chemiker in einem Café beim Frühstück, Hasselmann saß mit der Zeitung zu Hause in Othmarschen. List will weiterforschen wie bisher. Ein Kochbuch wolle er jedenfalls nicht schreiben, sagte er mit einem Augenzwinkern. Seine Tante Christiane Nüsslein-Volhard ist nicht nur Autorin, sondern ebenfalls Nobelpreisträgerin. Für Hasselmann ist das ruhige Leben als Pensionär erst einmal dahin. Nun warten Vorträge, Auftritte und Interviews auf den 90-Jährigen.

Klaus Hasselmann hat den Physiknobelpreis übrigens 100 Jahre nach Albert Einstein zugesprochen bekommen. Dieser nahm ihn aber erst 1922 an, weil er sich auf Weltreisen befand. Lässt Corona es zu, wird auch für List und Hasselmann im kommenden Jahr die Verleihung in Stockholm anstehen.

Am Mittwoch ab 9 Uhr wird Hasselmann seinen Festvortrag halten: über den menschlichen Fußabdruck des Klimawandels („The Human Footprint of Climate Change“). Im Internet ist die Rede zu verfolgen: nobelprize.org/nobel-week-live-streams-2021/

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