Terror

Angeklagte im IS-Prozess: "Ich war nur Hausfrau"

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Die angeklagte Hamburgerin (hier mit ihrem Anwalt) behauptet, nie Mitglied des IS gewesen zu sein, sie sei in Rakka eine "klassische Hausfrau" gewesen.

Die angeklagte Hamburgerin (hier mit ihrem Anwalt) behauptet, nie Mitglied des IS gewesen zu sein, sie sei in Rakka eine "klassische Hausfrau" gewesen.

Foto: Christian Charisius / dpa

Die 24-jährige Hamburgerin setzte sich als Teenagerin nach Syrien ab – eine Mitgliedschaft in der Terrororganisation IS bestreitet sie.

Hamburg.  Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg muss sich seit Donnerstag eine 24-Jährige wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland verwantworten. Die Angeklagte, Mutter dreier Kinder, bestritt, Mitglied des sogenannten Islamischen Staates (IS) in Syrien gewesen zu sein. „Ich war nie ein Mitglied des IS. Ich habe nie einem andersgläubigen Menschen geschadet“, sagte die 24-Jährige nach der Anklageverlesung. Sie sei in Syrien nur Hausfrau gewesen.

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft der gebürtigen Hamburgerin mit deutsch-ghanaischer Staatsangehörigkeit vor, sich im September 2014 der Terrororganisation in Syrien angeschlossen zu haben. Die damals 17-Jährige sei ihrem Mann gefolgt, der eine Kampfausbildung beim Islamischen Staat begonnen hatte. Die Angeklagte habe mit ihrem inzwischen gestorbenen Ehemann in der syrischen IS-Hochburg Rakka gelebt. Die Terrororganisation habe ihr eine monatliche Zuwendung gezahlt. Mit der Flagge des IS und einem Sturmgewehr habe die Frau für Propaganda-Fotos posiert und über Whatsapp für die Terrororganisation geworben.

Angeklagte soll ihre Kinder IS-treu erzogen haben – Waffen allgegenwärtig

Ihre beiden 2015 und 2017 geborenen Söhne soll sie im Sinne der Ideologie des IS erzogen haben. Waffen seien in ihrer Wohnung im Irak allgegenwärtig gewesen. Sie hätten sogar im Kinderzimmer an der Wand gehangen, sagte der Staatsanwalt. Ihrem ältesten Sohn habe sie die „Liebe zum Dschihad“ beibringen wollen. Bereits als Einjähriger habe er Spielzeugwaffen bekommen, dann aber auch mit einer echten Kalaschnikow hantiert.

Anfang 2019 wurde die Angeklagte von kurdischen Sicherheitskräften festgenommen und später von türkischen Kräften aufgegriffen. Im Mai 2020 wurde sie mit ihren inzwischen drei Kindern nach Deutschland überstellt. Seit Ende September sitzt die 24-Jährige in Untersuchungshaft. Nach eigenen Angaben ist sie wieder hochschwanger und erwartet im Januar ihr viertes Kind.

Angeklagte wurde mit 15 zum Islam bekehrt und trug seitdem Burka

Die Angeklagte verlas eine vorbereitete Erklärung, der zufolge sie ihren Mann als 15-Jährige kennen gelernt hatte. Nach einiger Zeit habe sich ihr Freund verändert und habe sie nicht mehr küssen wollen. Er vermittelte ihr einen Kontakt zu einer Frau, die sie zum Islam bekehrte. Wie der Staatsanwalt ausführte, trug die Angeklagte seitdem Burka, vertrat salafistisch-islamische Ansichten und lernte in einer Moschee Arabisch.

Wegen der Konversion habe sie mit ihrer Familie Streit bekommen, berichtete die Angeklagte. Nach dem Ramadan 2014 sei ihr Mann nach Syrien gegangen. Im September sei sie ihm mit drei weiteren „Mädels“ aus Hamburg über die Türkei nachgereist. „Wir wollten nicht kämpfen, erstmal nur schauen.“ In Syrien habe sie die erste Zeit in einem Frauenhaus des IS gelebt. Dann habe sie ihren Mann getroffen und mit ihm zusammen in Rakka gewohnt.

Hamburgerin spricht vom Leben in der IS-Hochburg: "Ich war Hausfrau"

Das Leben in der IS-Hochburg beschrieb die 24-Jährige fast als Idylle. Das Zusammenleben der Syrer mit den Ausländern sei harmonisch gewesen. Von Gewalt oder Kämpfen berichtete sie nichts. Mit ihrem Mann sei sie häufig einkaufen, Eis essen oder spazieren gegangen. Sie habe ihm Frühstück gemacht und Brot gebacken. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes sei das Kind ihre Hauptbeschäftigung gewesen. „Ich war eine klassische Hausfrau, ich hatte mit dem IS nichts am Hut“, erklärte sie. Ihr Mann sei wegen einer Fußverletzung die meiste Zeit zu Hause gewesen. „Hätte er mit dem IS zu tun gehabt, hätte er es mir gesagt.“

Gemeinsam hätten sie sich um den Sohn gekümmert. Der Junge sei nicht zu Hass und Gewalt erzogen worden. „Ich habe meinen Kindern noch nie eine echte Waffe in die Hand gegeben. Welche Mutter tut sowas?“, fragte die Angeklagte.

( dpa )

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