Corona Hamburg

Warum die Kontaktverfolgung in Hamburg reduziert wird

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Corona in Hamburg: Die Luca-App und die dazugehörigen QR-Codes sollen weiter genutzt werden – jedoch in anderer Form.

Corona in Hamburg: Die Luca-App und die dazugehörigen QR-Codes sollen weiter genutzt werden – jedoch in anderer Form.

Foto: Christian Charisius / dpa

Die Corona-Zahlen steigen, der Winter steht bevor. Dennoch fahren die Gesundheitsämter nun ihre Arbeit deutlich zurück.

Hamburg. Die Corona-Inzidenz ist am Dienstag in Hamburg weiter angestiegen und hat mit 125,1 den höchsten Stand seit 22. April 2021 erreicht. Der Senat meldete 273 Neuinfektionen, 142 Infizierte werden in Kliniken behandelt, 39 davon auf Intensivstationen.

Besonders hoch lag die Inzidenz zuletzt ausweislich des aktuellen Lagebildes des Senats mit fast 220 bei der Altersgruppe der 10–19-Jährigen, es folgen die 0–9-Jährigen (164) und mit Abstand die 20–29-Jährigen, die 30–39-Jährigen und die 40–49-Jährigen (alle um 115). Deutlich niedriger (unter 78) lagen die Inzidenzen bei den Altersgruppen ab 50 Jahren.

Laut Senat sind 1,33 Millionen Hamburger vollständig geimpft. 88,2 Prozent der über 60-Jährigen und 80,8 Prozent der 18-59-Jährigen seien mindestens einmal immunisiert. Bis 18. Oktober gab es laut Senat 2886 Impfdurchbrüche, also Infektionen trotz vollständiger Impfung. Das entspreche einem Anteil von 0,22 Prozent der Geimpften.

Corona-Kontaktverfolgung in Hamburg wird reduziert

Trotz der steigenden Zahlen und des bevorstehenden Winters werden die Gesundheitsämter die Kontaktverfolgung von kommender Woche an sukzessive zurückfahren. Anders als zu Beginn und in der Hochzeit der Pandemie werden künftig nicht mehr alle engen Kontaktpersonen eines Infizierten vom Gesundheitsamt ermittelt, informiert und in Quarantäne geschickt.

Stattdessen werden nur noch die Infizierten selbst kontaktiert und aufgefordert, sich in Isolation zu begeben und ihre Kontakte von sich aus zu informieren. Zudem werden mögliche Kontaktpersonen durch die Luca-App benachrichtigt, wenn sie zur gleichen Zeit mit einem Infizierten etwa in einem Restaurant oder bei einer Veranstaltung eingeloggt gewesen sind.

Eine Kontaktverfolgung im bisherigen Ausmaß soll es künftig nur noch in sensiblen Bereichen geben – also etwa in Pflegeheimen, Kliniken, Schulen oder Kitas. Außerdem soll das Gesundheitsamt alle Kontakte ermitteln, wenn ein Ausbruch mit mehreren Fällen identifiziert wird. Das teilte die Sozialbehörde auf Abendblatt-Anfrage mit.

Corona-Patienten in Kliniken sind ungeimpft

„Vor dem Hintergrund einer überwiegend geimpften Bevölkerung (mehr als 86 Prozent der Erwachsenen in Hamburg) kommen wir in eine andere Phase der Pandemie, wie das voraussichtliche Auslaufen der ‘pandemischen Lage nationaler Tragweite‘ auch dokumentiert“, sagte Sozialbehördensprecher Martin Helfrich. „Wir müssen die Impfquote noch weiter erhöhen, um das Risiko für die gesamte Gesellschaft noch weiter zu senken. Der überwiegende Teil derer, die mit einer Coronavirus-Infektion in den Krankenhäusern liegen, ist ungeimpft. Auch für Geimpfte ist eine Infektion zwar naturgemäß nicht völlig ausgeschlossen – sie ist aber dann mutmaßlich nicht mehr folgenschwer, weil überwiegend keine schweren oder gar tödlichen Verläufe mehr zu erwarten sind.“

Mittlerweile könne der Umgang mit Corona „wieder zunehmend eigenverantwortlich und selbstbestimmt erfolgen“, so Helfrich. „Wir haben zahlreiche Prozesse und Verfahrensweisen entwickelt und digitalisiert, die bei der Betreuung Infizierter und von Kontaktpersonen unterstützen. Zudem ist der Umgang mit Vorsichtsmaßnahmen, Symptomen und Tests mittlerweile gelernt.“

Kontaktpersonen: Test bei Symptomen

Für Infizierte wird künftig weiterhin Isolation angeordnet – ebenso für im selben Haushalt lebende Personen, wenn diese ungeimpft sind. Ein Infizierter wird aber künftig nicht mehr regelmäßig vom Gesundheitsamt nach seinem Befinden befragt. Stattdessen sollen die Betroffenen ein digitales „Symptomtagebuch“ führen, „in welches das Gesundheitsamt Einblick hat und sich bei Verschlechterung der Lage einschaltet“.

Die Kontaktpersonen seien „mittlerweile mutmaßlich überwiegend geimpft und damit überwiegend nicht quarantänepflichtig“, so der Behördensprecher. Sie sollten bei Symptomen einen Test machen und würden bei positivem Befund vom Gesundheitsamt betreut. „Über die Corona-Warn-App können außerdem nicht persönlich bekannte Kontakte der infizierten Person gewarnt werden“, so Helfrich. Kontrollen, ob Quarantäneanordnungen eingehalten werden, soll es künftig nicht mehr geben.

Kontaktverfolgung reduzieren – Kritik von CDU

Die bisherigen intensiven Kontaktnachverfolgungen hätten zu einem sehr hohen Anrufaufkommen von Zehntausenden Telefonaten für die Gesundheitsämter geführt und seien für diese allein „überhaupt nicht mehr beherrschbar“ gewesen, so der Sozialbehördensprecher. Daher seien Hunderte Hilfskräfte eingestellt worden. Die Bürger seien zugleich „einem bislang kaum da gewesenen Ausmaß an Kontrolle und Anordnungen durch den öffentlichen Gesundheitsdienst ausgesetzt“ gewesen. All das sei in dieser Phase der Pandemie gerechtfertigt gewesen, „weil jede Ansteckung schlimmstenfalls tödliche Folgen mit sich bringen konnte“. Nun aber sei das angesichts der Impfungen anders.

Die CDU kritisierte die Entscheidung. „Das Herunterfahren der Kontaktnachverfolgung ausgerechnet zu einem Zeitpunkt stark ansteigender Corona-Infektionen erscheint zumindest fragwürdig“, sagte ihr parlamentarischer Geschäftsführer Dennis Gladiator. „Dass der Senat die Öffentlichkeit darüber nur kurzfristig und äußerst knapp informiert, ist ärgerlich und alles andere als transparent.“ Diese Entscheidung und auch der Wegfall kostenloser Testmöglichkeiten für Geimpfte seien „eine echte Belastung für den Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus“.

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