Prozess in Hamburg

Völlig ausgerastet: Falschparkerin geht auf Radfahrerin los

| Lesedauer: 5 Minuten
Daniel Herder
Ein alltäglicher Konflikt: Autofahrer und Radfahrer streiten sich. In Hamburg ist eine solche Situation eskaliert. Eine Autofahrerin steht jetzt vor Gericht (Symbolbild).

Ein alltäglicher Konflikt: Autofahrer und Radfahrer streiten sich. In Hamburg ist eine solche Situation eskaliert. Eine Autofahrerin steht jetzt vor Gericht (Symbolbild).

Foto: Andrea Warnecke / picture alliance / dpa Themendienst

Eine Autofahrerin blockiert einen Radweg. Eine Radlerin hält an – und wird attackiert. Ein Prozess, der auf einer Lappalie beruht.

Hamburg.  Sich an die Regeln im Straßenverkehr zu halten, damit hat es die Angeklagte nicht so, betont Amtsrichter Steffen Brauer am Ende des Prozesses. Zumindest hat Negin S. jetzt ein ganzes Jahr Zeit, sich mit ihrem Verhalten hinterm Steuer kritisch auseinanderzusetzen und über die Verkehrsregeln im Allgemeinen wie im Speziellen nachzudenken: Ihr Führerschein ist ihr – mal wieder – entzogen worden. So hat es das Gericht am Dienstag entschieden.

Reichlich Gelegenheit also, um auch jenen Vorfall mental aufzubereiten, der die 33-Jährige vor den Amtsrichter gebracht hat. Ein Vorfall, der exemplarisch für das Reizklima auf Hamburgs Straßen stehen kann, der aber weit über das hinausgeht, was anscheinend „alltäglich“ ist – sofern denn unflätige Beleidigungen zwischen Auto- und Radfahrern dazugehören, wie die vor zwei Jahren von der Stadt ins Leben gerufene Kampagne „Hamburg gibt Acht!“ aber zumindest nahelegte. Doch bei Pöbeleien allein blieb es in diesem Fall nicht.

Prozess in Hamburg: Falschparkerin attackiert Radfahrerin

Corinna M., so heißt das Opfer, war an jenem Tag mit dem Rad auf der Osterstraße unterwegs. Ein paar Meter von der Kreuzung Schulweg entfernt blockierte der Mercedes von Negin S. den Radstreifen. Die Zeugin musste erst anhalten, passierte dann den Wagen, klopfte mit den Fingerknöcheln an die Scheibe und fragte die Frau hinterm Steuer höflich, ob sie wegfahren könne, sie stehe ja nicht auf einem Parkplatz, sondern auf einem Radweg. „Da hat sie schon die Augen verdreht, als ich dann noch mal klopfte, sagte sie: ,Du machst mein Auto kaputt’“, sagt die Zeugin leise. „Und dann wurde sie schnell aggressiv.“

Die Angeklagte habe die Autotür mit Wucht aufgerissen und sie damit am Schienbein getroffen, sie überdies eine „Missgeburt“ genannt. Eine weitere Zeugin erinnert sich an ein anderes, schlimmes Schimpfwort auf der nach oben offenen Obszönitäten-Skala und auch daran, dass die Angeklagte Corinna M. mit beiden Händen Richtung Straße schubste.

„Ich hatte Angst, dass die Polizei mich nicht ernst nimmt“

Sie und ein weiterer Zeuge eilten der 25-Jährigen zu Hilfe, die Angeklagte machte sich aus dem Staub. Zwei Tage später erstattete Corinna M. Strafanzeige. Warum erst dann?, fragt der Verteidiger. „Ich hatte Angst, dass die Polizei mich nicht ernst nimmt, weil meine Verletzung nicht so gravierend war.“

Das lässt schon tief blicken, wenn ein Opfer von Gewalt im Straßenverkehr sich fragt, ob es statthaft ist, so einen Fall zur Anzeige zu bringen. Umgekehrt schweigt die zierliche Angeklagte am Dienstag zu den Vorwürfen, ihr Verteidiger zieht sogar in Zweifel, dass seine Mandantin die Tat begangen hat – obgleich beide Zeuginnen ihre Täterschaft mehr oder weniger eindeutig bejahen.

Blaue Flecken – und viele schlaflose Nächte

Die unmittelbaren Folgen der Attacke waren zwar nicht sonderlich erheblich. Ein Arzt stellte bei Corinna M. ein paar blaue Flecken fest. Fast schüchtern ergänzt die Zeugin auf Nachfrage des Richters allerdings, dass sie auch psychisch mit dem Geschehen zu kämpfen hatte. Dass es ihr einige schlaflose Nächte bereitete. „So etwas“, sagt sie, werde sie jedenfalls nicht noch einmal machen – jemanden also völlig zu Recht auf sein Fehlverhalten im Verkehr hinweisen. Auch das lässt tief blicken.

Die Angeklagte Negin S. hat schon einmal ihren Führerschein verloren, beim Fahren ohne Führerschein wurde sie erwischt, damit handelte sie sich vor Gericht eine Geldstrafe ein. Nach einer verkehrspsychologischen Untersuchung, angestrengt wegen charakterlicher Defizite, fiel die Stellungnahme negativ aus.

Ein Jahr ohne Führerschein

Das Fahreignungsregister umfasst sechs Einträge, darunter auch noch einen Geschwindigkeitsverstoß von einiger Relevanz. Mithin seien diese Verstöße kein Beleg für ihre Täterschaft, sagt der Verteidiger in seinem Plädoyer, das mit einem Antrag auf Freispruch endet.

Der Richter folgt indes dem Antrag der Staatsanwältin und verurteilt Negin S. wegen gefährlicher Körperverletzung in einem minderschweren Fall in Tateinheit mit Beleidigung zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 30 Euro, insgesamt 4500 Euro. Für ein Jahr verliert sie ihren Führerschein. Er habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie es gewesen sei, die die Tür gegen das Schienbein der Zeugin knallte und sie beleidigte.

Täterin: Wegen einer Lappalie völlig ausgerastet

„Ihr Verhalten zeigt, dass Sie im Straßenverkehr ein großes Problem haben“, sagt Amtsrichter Brauer. Wie könne sie nur derart „ausrasten“? Zugrunde liege der Tat nicht mehr als eine „Lappalie“. Sie sei von der Geschädigten völlig zu Recht auf ihr Fehlverhalten hingewiesen worden.

„Vernünftig wäre es gewesen, ,Tut mir leid‘ zu sagen und wegzufahren“, so der Richter. Die Angeklagte gehöre offenbar zu jenen Menschen, die hinterm Steuer eine kurze Lunte haben. Und bei denen dann Verhaltensweisen hervortreten, die sie im Alltag gerade nicht zeigten. „Sie müssen dringend an sich arbeiten“, sagt der Richter. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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