Flugsimulator

Ein virtueller Rundflug über Hamburg

| Lesedauer: 8 Minuten
Daniel Herder
Was für ein Panorama, hier der Fernsehturm in etwa 200 Meter Höhe.

Was für ein Panorama, hier der Fernsehturm in etwa 200 Meter Höhe.

Foto: Microsoft

Die Cessna 172 von Microsoft bildet die Realität bestechend scharf nach – insbesondere in der Hansestadt. Ein Selbstversuch.

Hamburg. Ich starte mit einer Cessna 172 in Fuhlsbüttel. Der Propeller röhrt, die Maschine vibriert, mit dem Controller halte ich sie schön ruhig in der Mitte der Startbahn. Bestes Flugwetter, kein Wölkchen trübt den Himmel. Vollgas, abheben („Rotate“) bei 65 Knoten, es geht los. Vor mir taucht der Flughafen auf, einen Moment später fliege ich Richtung Stadtpark. Viele Besucher nennen Hamburg die „grüne Stadt“. Kann ich verstehen. Mann, ist das schön.

Ich sitze nicht am Steuer eines echten Flugzeugs, sondern in einer perfekten virtuellen Nachbildung: in einem Cockpit, das nicht von Mechanikern gebaut, sondern von Software-Entwicklern designt wurde. Die Software, die auf meiner Xbox-Konsole läuft, heißt Microsoft Flight Simulator 2020, und sie bietet einen Blick auf Hamburg in bisher ungekannter digitaler Pracht.

Flugsimulator: Satellitenbilder täuschend echt

Fotorealistische Bilder, die ganz nah dran sind an dem, wie die Hansestadt von oben im echten, wahren Leben aussieht. Wer in der Realität selbst fliegen möchte, braucht einen Flugschein, der so viel kostet wie ein Kleinwagen. Um mit dem Simulator in die Luft zu gehen, reicht der Gegenwert eines gemütlichen Kneipenabends (Standardversion 69,90 Euro).

Entstanden ist ein Programm mit dem gesamten Globus als Spielplatz: Satellitenbilder, auch vom letzten Winkel der Welt, sind per künstlicher Intelligenz so modifiziert worden, dass etwa die Gebäude ihren echten Pendants stark ähneln. Es gibt mehr als 37.000 Flughäfen, Dutzende handgefertigt. Allein in der Internetcloud sind etwa zwei Petabytes (entspricht 20.000 Blu-Rays) an Terrain- und Objektdaten gespeichert. Jeder beliebige Punkt (!) der Erde lässt sich so ansteuern, übrigens auch das eigene Zuhause – und, ja, sogar Nordkorea.

Hamburg sieht echter aus als andere Städte

Gerade für Hamburger lohnt sich jetzt ein Blick. Denn vor wenigen Tagen hat die Spiele-Schmiede Asobo, die den hochgelobten Simulator für Microsoft auf Xbox und PC entwickelt hat, ein Update herausgebracht, das die Präsentation der Länder Deutschland, Österreich und Schweiz auf ein noch höheres Niveau hievt.

Hamburg ist eine der Städte, in denen ein Verfahren mit dem Namen Photogrammetrie zum Einsatz kommt. Dadurch sieht die Hansestadt noch echter aus als viele andere Städte. Zudem haben die Entwickler das Hamburger Wahrzeichen, die Elbphilharmonie, per Hand nachgebaut – sie lässt sich kaum noch von Original unterscheiden.

Ein Flug auch für blutige Anfänger

Ich drehe eine große Runde, um die Highlights zu besuchen. So ein Flug glückt auch blutigen Anfängern, weil das Programm etliche Pilotenaufgaben übernehmen kann. Damit bekommt man den Vogel in die Luft und hält ihn dort. Als Novize reicht es, die wichtigsten Instrumente im Blick zu behalten, den Höhenmesser, die Geschwindigkeitsanzeige und das Variometer (Steigmesser).

Bei meiner kleinen Cessna klappt das problemlos, aber schon bei einem Businessjet mittlerer Größe wie der im Spiel nutzbaren Cessna Citation (insgesamt gibt es bis zu 30 Flugzeuge) wächst die Verzweiflung: Wo ist der Knopf für die Höheneinstellung, wo der Hebel für das Fahrwerk? Und wie gibt man bloß die Wegpunkte in den Bordcomputer ein? Alles blinkt und piepst.

Cessna 172 verzeiht viele Fehler

Die gutmütige Cessna 172 hingegen verzeiht viele Fehler und selbst Landungen, die Königsdisziplin jedes Flugsimulators, gelingen zumeist reibungslos. Jedes Ziel lässt sich übrigens auch mit dem KI-Piloten ansteuern. Dann muss man zwar selbst gar nichts mehr machen, allerdings kommt dabei schnell Langeweile auf. Nach dem etwas holprigen Start liegt meine Cessna sicher in der Luft, aber aufgepasst: Wer zu langsam zu schnell steigt, riskiert den gefürchteten Stall (Strömungsabriss). Gut, dass die digitalen Helferlein auch hier ein Sicherheitsnetz spannen.

Steuerkurs 20 Grad Südwest, mein erstes Ziel, das Volksparkstadion, erreiche ich nach drei Minuten. Den HSV muss man nicht lieben, die Detailarbeit der Entwickler schon. Das Bauwerk sieht fantastisch aus, und wie im echten Leben steht auf der einen blauen Tribünenseite HSV und auf der anderen 1887. Irre Idee: Ich versuche, den Flieger im Stadion zu landen. „Five Hundred“ plärrt eine Computerstimme. Gemeint sind 500 Fuß, mich trennen also 152 Meter vom Boden. Vorher hat der Computer noch gemeckert „Don’t sink“ – zu spät, mein Flieger kracht ins Stadion. Egal. In einer Minute starte ich wieder in Fuhlsbüttel.

Auch die Simulation eines Tornados ist möglich

Wer möchte, kann die Tageszeit und das Wetter nach Belieben verändern: Eine steife Brise? Kein Problem. Sprühregen? Nur einen Knopfdruck entfernt. Es empfiehlt sich aber ein Flug bei blauem Himmel und wenig Wind. Dabei ist die volumetrische Darstellung der Wolken erstklassig – nie zuvor sahen sie in einem Spiel besser aus. Blitze, Regen, Sturm. Alles ist möglich, sogar die Simulation von Tornados. Alle Wetterdaten werden live eingespielt, so wie auch die Flugbewegungen „echter“ Flugzeuge. Ihr digitales Ich begegnet also möglicherweise dem digitalen Zwilling jenes Airbus A320neo, der gerade wirklich in Fuhlsbüttel gestartet ist. Tipp: Grüßen Sie freundlich, aber weichen Sie aus!

Nach dem Crash im Stadion steuere ich das beeindruckend in Szene gesetzte Rathaus an – sogar einige der Fassaden-Figuren sind zu erkennen und im Hintergrund die Nikolai-Kirche. Erst wer unter etwa 500 Fuß sinkt, sieht gröbere, mitunter „verwaschene“ Texturen. Und natürlich enthält ein so riesiges Programm auch Fehler: Da versinken Brücken im Wasser, da wachsen Häuser in den Himmel. In Hamburg ist mir bisher aber kein allzu grober Schnitzer aufgefallen.

Die Elbphilharmonie wurde per Hand nachgebaut

Punkte wie das Rathaus oder den Michel im Sichtflug zu erreichen, ist kein Problem, weil man sich gut an großen Straßen, markanten Gebäuden oder auch an der Elbe orientieren kann. Aus weiter Ferne gut auszumachen ist etwa der Fernsehturm. Ich umkreise die Aussichtsplattform in etwa 200 Meter Höhe, dann geht es weiter zum Hafen. Während sich die Sonne in der Elbe spiegelt, gleite ich zu den Musical-Zelten, vorbei an Blohm+Voss.

Und da! Die „Rickmer Rickmers“ an den Landungsbrücken. Aber alle Sehenswürdigkeiten können sich nicht messen mit der Elbphilharmonie, die – wie andere Schauplätze in Deutschland auch – handgefertigt wurde. Selbst einzelne Mauersteine des alten Kaispeichers sind zu sehen, dazu die Glasfassade und das geschwungene Dach, alles nahezu perfekt nachgebildet.

Von Hamburg bis zur Nordsee

In der Abenddämmerung verlasse ich Hamburg. Im Flieger fühlt man sich auch in einer so großen Stadt nach einiger Zeit fast ein bisschen wie eingesperrt. Ich will Neues entdecken – und ich habe Sprit ohne Limit. Ich lasse das Blankeneser Treppenviertel rechts liegen, folge der Elbe bis zur Nordsee. Auf dem Display meines Garmin 1000 (Navi) taucht eine Insel auf.

Eine, an der kein Hamburger einfach so vorbeifliegen kann. Eingabe des Flughafen-Codes EDXW, schon berechnet mir das Navi eine Route nach Sylt. Jetzt ein leckeres Fischbrötchen, denke ich nach der Landung in Westerland. Und lande mit diesem Gedanken im Kopf recht unsanft in der Wirklichkeit: ohne Fischbrötchen, aber mit einem Controller in der Hand.

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