Bundestagswahlkampf 2021

Spitzenkandidaten machen zum Finale einen Bogen um Hamburg

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Peter Ulrich Meyer
Wahlplakate am Straßenrand in Hamburg-Mitte.

Wahlplakate am Straßenrand in Hamburg-Mitte.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Einst kamen Angela Merkel und Gerhard Schröder zum Abschluss. Olaf Scholz, Armin Laschet und Annalena Baerbock halten sich nun zurück.

Hamburg.  Ein etwas merkwürdiger Bundestagswahlkampf geht zu Ende. Sicher: Die Stadt ist so vollgestellt mit Plakaten der Parteien, Kandidatinnen und Kandidaten wie vor Wahlen in früheren Jahren auch. Aber die Corona-Pandemie hat den Ereignischarakter der Kampagnen doch arg gedämpft. Veranstaltungen in geschlossenen Räumen mit einer großen Zahl dicht an dicht stehender Menschen sahen die Corona-Eindämmungsverordnungen nun einmal nicht vor.

Viele Bemühungen um die Gunst der Wählerinnen und Wähler verlagerten sich ins Internet, wenngleich vor allem die Direktkandidaten in den Wahlkreisen weiterhin fleißig den Kontakt zum Wahlvolk an Infoständen und Haustüren suchten. Gerade das Canvassing, das Klinkenputzen von Haus zu Haus, hat sich als heimlicher Trumpf entpuppt. Die Wahlkämpfer berichten, dass etliche Menschen es als Wertschätzung betrachten, wenn der Kandidat persönlich vor der Tür steht. Gut, manchmal wird die Tür auch gleich wieder zugeschlagen ...

Große Unsicherheit über Ausgang der Bundestagswahl

Besonders an diesem Bundestagswahlkampf ist aber auch die große Unsicherheit hinsichtlich des Ausgangs, nicht zuletzt hervorgerufen durch eine gewisse Launenhaftigkeit der Wählerinnen und Wähler, jedenfalls gemessen an den Meinungsumfragen. In den zurückliegenden Monaten lagen die drei Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU), Annalena Baerbock (Grüne) und Olaf Scholz (SPD) mit ihren Parteien jeweils eine Zeit lang in den Umfragen vorn.

Der frühere Erste Bürgermeister und jetzige Bundesfinanzminister Scholz hat nun scheinbar das bessere Ende für sich, weil er derjenige ist, der kurz vor der Wahl führt. Aber der Abstand zwischen SPD und Union ist so knapp, dass ein Kopf-an-Kopf-Rennen sehr wahrscheinlich ist. Und nie waren so viele Koalitions-Kombinationen einigermaßen realistisch möglich wie in diesem Jahr. Diese Ungewissheit hat sich auch auf die Stimmung der Wahlkämpfer übertragen.

Der Wahlkampf läuft in Hamburg einfach aus

Und noch etwas ist merkwürdig, ungewohnt: Dieser Wahlkampf läuft in Hamburg einfach aus. Es gibt in der letzten Woche vor der Entscheidung kein Finale der großen Parteien, keinen Auftritt der Kanzlerkandidaten vor Hunderten oder Tausenden Menschen, um noch einmal letzte Reserven bei den eigenen Leuten zu mobilisieren und Unentschlossene zu überzeugen. Stattdessen könnte man fast meinen, der Wahlkampf sei hier bereits vorbei.

Das war vor vier Jahren ganz anders: Vier Tage vor der Bundestagswahl kam Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Wahlkampffinale in ihre Geburtsstadt. Rund 3000 Frauen und Männer bereiteten der Kanzlerin einen jubelnden Empfang, wie der Chronist des Abendblatts vermerkte, und verfolgten ihre Rede in der Fischauktionshalle. Rund 50 Störer standen draußen, hatten Trillerpfeifen dabei und riefen „Merkel muss weg!“. Es ist bekanntlich anders gekommen ...

Showdown zwischen Merkel und Steinbrück 2013

Vier Tage vor der Bundestagswahl am 22. September 2013 kam es in Hamburg sogar zum imaginären Duell zwischen Amtsinhaberin und Herausforderer: Während Merkel wieder in der Fischauktionshalle um Stimmen warb, kämpfte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Rahmen seiner „Klartext-Open-Air-Tour“ zeitgleich auf dem Domplatz um die Wählergunst. Beide sprachen vor rund 4000 Menschen. Merkel erhielt allerdings fünf Minuten Schlussapplaus, Steinbrück nur eineinhalb Minuten laut Abendblatt-Messung. Das war dann schon ein Vorgriff auf das Wahlergebnis. Auch der Spitzenkandidat der Grünen, Jürgen Trittin, damals kein Kanzlerkandidat, sprach zur selben Zeit im Landhaus Walter im Stadtpark – vor der bescheideneren Kulisse von 350 Zuhörern und Zuhörerinnen.

Den Älteren ist auch noch ein schweißtreibender Auftritt des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder (SPD) kurz vor der Wahl 2005 in den Messehallen in Erinnerung. Schröder hatte eine (letztlich vergebliche) Aufholjagd gestartet, um eine gewisse Angela Merkel aus dem Kanzleramt zu halten, und brachte die Halle mit einer Jubelstürme auslösenden Rede zum Kochen.

Keine richtigen Schlusskundgebungen in Hamburg

Und 2021? Es gibt nicht einmal Schlusskundgebungen der Parteien, die diese Bezeichnung verdienten, geschweige denn Auftritte der Kanzlerkandidaten. Unter freiem Himmel wäre auch unter den Bedingungen der abklingenden Pandemie einiges möglich gewesen, schließlich füllen sich die Fußballstadien auch wieder. Und die Grünen haben es vorgemacht: Am Montagabend sprach deren verhinderter Kanzlerkandidat Robert Habeck vor rund 1000 Menschen auf dem Fischmarkt.

Kein Heimatbonus bei der SPD: Kanzlerkandidat Olaf Scholz stand am Freitag zur Schlusskundgebung nicht etwa auf dem Domplatz, sondern auf dem Heumarkt – und der ist in Köln. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) dachte sich offensichtlich, wenn der Spitzenkandidat nicht nach Hamburg kommt, dann fahre ich eben zu ihm. Und so stand Tschentscher neben anderen prominenten Sozialdemokraten auf der Bühne in Köln.

Hamburg kein lohnendes Wahlkampfpflaster

Zwar habe man sich darum bemüht, den Hamburger Scholz zum Wahlkampffinale nach Hamburg zu bekommen, so ist aus der Parteizentrale, dem Kurt-Schumacher-Haus, zu hören. Aber bei der Bundespartei habe Hamburg von Anfang an nicht auf der Liste für Großveranstaltungen mit dem Kanzlerkandidaten gestanden. Immerhin war Scholz Anfang August dreimal in Hamburg, einmal sogar fast einen ganzen Tag.

Unter der Hand heißt es aus der SPD, dass Hamburg aus Sicht des Berliner Willy-Brandt-Hauses eben als nicht lohnendes Wahlkampf-Pflaster gelte, weil die Sache hier entschieden zu sein scheint. Bei den Prognosen liegen die SPD-Kandidaten in der Tat jetzt in allen sechs Wahlkreisen vorn, die Partei auch bei den Umfragen zu den Zweitstimmen in Hamburg.

Armin Laschet hatte keinen zentralen öffentlichen Auftritt

Bei der CDU ist die Lage komplizierter – und weniger erfreulich. Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet hatte überhaupt keinen öffentlichen Auftritt vor größerem Publikum in der zweitgrößten deutschen Stadt. Das ist ein Novum, denn nicht nur Angela Merkel, sondern auch Helmut Kohl besuchten Hamburg regelmäßig in Bundestagswahlkämpfen und füllten Säle oder Plätze. Abgesehen von einem internen Auftritt bei einem Wirtschaftsverband gab es nur einen eher parteiöffentlichen Einsatz Laschets im Wahlkreis des Eimsbütteler CDU-Bundestagsabgeordneten Rüdiger Kruse.

Nun gilt für die CDU, was auch für die SPD gilt, nur spiegelbildlich: In Hamburg ist für die Union nicht viel zu holen. Wahr ist aber auch, dass CDU-Landeschef Christoph Ploß für den Bayern Markus Söder als Unions-Kanzlerkandidaten war und nicht für Laschet. Und bei der Wahl des Parteivorsitzenden zuvor unterstützte Ploß den unterlegenen Friedrich Merz und wiederum nicht Laschet. Da mag es ein dezenter Wink des Kanzlerkandidaten gewesen sein, dass er gezielt den Eimsbütteler Kruse mit einem Wahlkampfeinsatz beehrte und nicht den gesamten Landesverband.

Am Sonntag fahrt Tschentscher nach Berlin

Versuche gab es seitens der Hamburger, so wird berichtet, Laschet für eine Großkundgebung unter freiem Himmel zu gewinnen. Die Antwort des Konrad-Adenauer-Hauses: Das Wetter sei vielleicht schlecht, und es könnte Störer geben. Also nein. Dumm nur, dass Laschet an dem Tag, als er in einem Stellinger Hotel vor Parteifreunden sprach, noch nach Bremen zu einer Kundgebung vor dem Rathaus fuhr. Die Berliner gaben sich also nicht einmal die Mühe einer guten Erklärung für ihr Nein.

Wenn die Wahllokale am Sonntag um 18 Uhr geschlossen sind und sich alle Blicke auf das Geschehen in Berlin richten, dann rücken die führenden Genossinnen und Genossen zusammen, um mit Scholz den Erfolg zu feiern oder sich Trost zu spenden. Tschentscher fährt am Sonntag an die Spree. Und auch die Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grünen) hält es so, wobei die Grünen in jedem Fall einen Grund zum Feiern haben, weil das Ergebnis deutlich besser sein dürfte als noch vor vier Jahren.

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