Bundestagswahl

Wahlkreis Altona: Der Kampf um die Heimat von Olaf Scholz

| Lesedauer: 12 Minuten
Andreas Dey
Marcus Weinberg (CDU) im Straßenwahlkampf in Altona.

Marcus Weinberg (CDU) im Straßenwahlkampf in Altona.

Foto: THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Altona ist zwar schon lange in SPD-Hand, doch auch die Grünen sind hier stark. Ein Christdemokrat sucht seine letzte Chance.

Hamburg.  Was hat der Mann in der Politik nicht alles erlebt. Vier Jahre in der Bezirksversammlung Altona, vier Jahre in der Bürgerschaft, 16 Jahre im Bundestag, vier Jahre Landesvorsitzender der Hamburger CDU und schließlich ihr Spitzenkandidat bei der Bürgerschaftswahl 2020 – man könnte meinen, dass ein Christdemokrat mit der Vita von Marcus Weinberg von seiner Partei hofiert wird und einen Bundestagswahlkreis wie Hamburg-Altona mit den wohlhabenden Elbvororten locker gewinnt.

Doch in beiden Fällen gilt: weit gefehlt. Obwohl er es seit 20 Jahren versucht, hat der 54-Jährige das Mandat in Altona noch nie holen können, immer war irgendein Sozialdemokrat im Weg. Zunächst mehrfach ein gewisser Olaf Scholz und seit 2013 nun Matthias Bartke. Weinberg blieb stets nur der Weg über die CDU-Landesliste. Doch selbst dort wollten ihm seine im Umgang mit Wahlverlierern – die CDU kam bei der Bürgerschaftswahl nur auf 11,2 Prozent – gnadenlosen „Parteifreunde“ nun keinen aussichtsreichen Platz mehr geben.

Marcus Weinberg kämpft um Direktmandat in Altona

Und so kämpft Marcus Weinberg an diesem Morgen in der Waitzstraße in Othmarschen auch um seine letzte Chance. Gewinnt er das Direktmandat in Altona nicht, dürfte seine politische Karriere vorerst beendet sein. Dass das angesichts des Trends in den Umfragen ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen ist, ist ihm auch klar, aber was soll er machen? „Ich wette, dass wir am Wahltag vor der SPD liegen“, sagt er trotzig zu einer Passantin – nachdem er auf ihre Frage, ob er überhaupt noch eine Chance sehe, zunächst mit „Nein“ geantwortet hat. Und dann gelacht hat.

Typisch Weinberg. Es ist auch diese lockere, selbstironische Art und die Bodenständigkeit des Ur-Altonaers, die selbst politische Gegner sagen lässt, dass er ein „netter Kerl“ sei. Auch in der noblen Waitzstraße, wo im Schaufenster Kinderschlafanzüge für 89 Euro angeboten werden und ein bekennender „Merkelianer“ und St.-Pauli-Fan sich nicht zwingend zu Hause fühlt, hat Weinberg viele Sympathien. „Meine Stimme haben Sie, viel Erfolg!“, ruft ihm ein Mann im Vorbeigehen zu und fordert, es müsse „Schlimmeres verhindert werden“. Sogar ein eingefleischter Sozialdemokrat bekennt: „Ich habe dich immer gewählt.“

„Söder wäre besser gewesen“

Wenn da nur nicht dieser Kanzlerkandidat wäre. Mehr als auf jedes andere Thema wird Weinberg auf Armin Laschet angesprochen. Mit Markus Söder als Kandidat würde sie CDU wählen, erklärt eine Passantin. Ein Mann fordert, der Laschet müsse endlich mal sagen, was er eigentlich will und nicht nur Sorge vor Rot-Rot-Grün verbreiten. „Söder wäre besser gewesen“, fordert eine andere Passantin im Vorbeigehen, flüstert auf Weinbergs Bitte, doch trotzdem die CDU zu wählen, aber immerhin: „Haben wir doch schon ...“

Es ist ein Kreuz. Eigentlich würde Marcus Weinberg viel lieber über Familienpolitik sprechen. Sein Flyer ist voll mit Erfolgen, an denen er als familienpolitischer Sprecher der Unionsfraktion beteiligt war, etwa das Gute-Kita-Gesetz oder die Kindergelderhöhung. Stattdessen geht es fast nur um den Kandidaten. Weinberg verteidigt ihn brav, lobt Laschet als erfolgreichen Ministerpräsidenten und „Teamplayer“. Doch so richtig verfängt das alles nicht.

Linda Heitmann muss sich immer wieder rechtfertigen

Das Gefühl kennt Linda Heitmann nur zu gut. Auch die Wahlkreiskandidatin der Grünen wird oft gefragt, warum ihre Partei denn nicht Robert Habeck anstelle von Annalena Baerbock nominiert habe. Sie könne das schon nicht mehr hören, bekennt die 39-Jährige. Dennoch sei die Stimmung gut, viel besser als in früheren Wahlkämpfen, als die Grünen etwa für die (unfreiwillige) Genehmigung des Kohlekraftwerks Moorburg angefeindet worden seien.

Hauptthema seien klar Verkehr und Klimaschutz, erzählt Heitmann. Und daher steht sie an diesem Abend vor dem UCI-Kino in Othmarschen und fordert in Hörweite zur A 7, die Verkehrswende voranzutreiben: „Um den CO2-Ausstoß zu vermindern, müssen wir Verkehr aufs Rad und auf die Schiene bringen und die E-Mobilität vorantreiben.“ Rund 15 Interessierte sind gekommen, dazu einige Parteifreunde. Eigentlicher „Star“ der Veranstaltung ist der grüne Verkehrssenator Anjes Tjarks: Er wohnt selbst in Altona und führt die Gruppe zwei Stunden auf dem Rad durch den Wahlkreis.

Heitmann kandidiert erstmals für den Bundestag

Für Linda Heitmann ist das doppelt praktisch: Tjarks kann nicht nur eloquent über nahezu jede Planung bis ins Detail Auskunft geben, sondern seine Prominenz hilft auch der Kandidatin: Heitmann saß zwar mal für die Grünen in der Bürgerschaft, kandidiert aber erstmals für den Bundestag und hat noch nicht den Bekanntheitsgrad ihrer Konkurrenten. So spielen sie Pingpong: Der Senator lobt, wie viele Radwege Hamburg baue, und Heitmann fügt hinzu, dass die Straßenverkehrsordnung zu stark auf den Autoverkehr ausgerichtet sei – das wolle sie im Bundestag ändern.

Die Teilnehmer sind ihnen wohlgesonnen, aber nicht unkritisch: Als Tjarks in der Bleickenallee Überlegungen anstellt, wie man den schmalen Rad- und Gehweg unter den Bäumen in der Mitte der Straße verbreitern könnte, erwidern einige, dass sie das Radeln unter einer Allee ganz schön finden. Und der Einschätzung des Senators, dass die Situation an der Max-Brauer-Allee und weiter stadteinwärts für Radler (noch) eine Kata­strophe ist, wird nicht widersprochen.

Matthias Bartke engagiert im Wahlkampf

Die Kandidatin führt derweil am Rande kurze Gespräche. Ob sie auf der Landesliste abgesichert sei, fragt ein älterer Herr. „Platz fünf“, sagt Heitmann, „das kann klappen, kann aber auch nicht.“ Dann wäre eine Erststimme für sie also nicht verschenkt, hakt der Mann nach. Auf keinen Fall, sagt Heitmann. Sie kennt natürlich auch die Prognosen, wonach die Grünen im Wahlkreis lange vorn lagen, inzwischen aber von der SPD überholt wurden. Als die Tour an der Louise-Schröder-Straße endet, gibt sie den Gästen mit auf den Weg: „Ich hoffe, Sie haben alle etwas mitgenommen, wie grüne Veränderung zum Positiven geht.“

Der Mann, der die „Veränderung“, zumindest hinsichtlich des Mandats, verhindern will, steht am nächsten Morgen im Regen am Wochenmarkt in der Großen Bergstraße. Matthias Bartke lässt sich die Laune davon aber nicht verderben. Schiebermütze auf, Kragen hoch, die Taschen voller SPD-Wahlutensilien, stapft der 62-Jährige von Stand zu Stand und bietet seine hölzernen Bratenwender an. Aufdruck: „Bartke wählen – damit nichts anbrennt“. Auf den Spruch weist er extra hin: „Damit nichts anbrennt, hehe.“ Dazu gibt’s Flyer oder sogar eine mehr als 60 Seiten starke Broschüre über sein politisches Wirken in Berlin. „Das auf dem Foto bin ich“, sagt er oft. Mit Mütze und Maske – auf dem Markt herrscht Maskenpflicht – sei er ja kaum zu erkennen. Stimmt.

Loblied auf Olaf Scholz

So skurril die Szene teilweise wirkt, so erfolgreich ist die Masche. Die Küchenutensilien werden gern genommen. „Kann man immer brauchen“, sagt die Frau im Imbiss. Und die Obstverkäufern scherzt: „Da kann ich meine Kunden mit verhauen!“ Die zwei älteren Damen, die vor dem Backhus sitzen, nehmen die Pfannenwender auch gern. Dann geht es um Olaf Scholz.

„Der hat dafür gesorgt, dass unsere Elphi fertig wird“, lobt ihn die eine, merkt aber an, dass der Kanzlerkandidat ja beim Thema Linkspartei „so’n büschen“ rumeiere. Er solle sich doch klarer distanzieren. „Da brauchen Sie keine Angst zu haben“, entgegnet Bartke. „Der würde sich eher ein Bein abhacken, als mit der Linken ...“ Aber er müsse sich die Option offenhalten: „Sonst hat der Lindner uns in der Hand.“

Bartke lenkt Gespräch immer wieder auf Olaf Scholz

Überhaupt Scholz. Bartke lenkt das Gespräch immer wieder auf den berühmten Sozialdemokraten aus Altona, der hier um die Ecke noch eine Wohnung hat. „Früher war er öfter hier“, erzählt ein Markt-Beschicker. Und eine Passantin lobt, mit welcher Ruhe Scholz im Wahlkampf auftrete: „Man merkt, der hat das gelernt.“ Sie wünscht Bartke viel Glück. Der nimmt den Rückenwind des Kanzlerkandidaten gern mit.

Sein Fachgebiet, die Sozialpolitik, kommt an diesem Morgen kaum vor. Nur einmal spricht ihn eine Gemüseverkäuferin auf die Obdachlosen vor dem Mercado an, die Situation sei eklig. Bartke verspricht, es weiterzugeben. Über solche Themen könnte er eigentlich stundenlang referieren. Viele Jahre war er in der Sozialbehörde tätig, und in Berlin wurde der promovierte Jurist zum Vorsitzenden des Ausschusses für Arbeit und Soziales gewählt. „Die thematische Herzkammer der SPD im Bundestag“, nennt er das Gremium. Ein prominenter Posten in Berlin, Umfragehoch, Scholz-Faktor – reicht das zur Wiederwahl? Nicht sicher, sagt Bartke zum Abschied: „Wir müssen bis zum Ende kämpfen.“

Die Kandidaten

Cansu Özdemir, Die Linke

  • Alter: 33
  • Familie: verheiratet, keine Kinder
  • Bisherige Tätigkeiten / Beruf: seit 2011 Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft, davor Mitarbeiterin im sozialen Bereich, Studentin
  • In der Partei seit: 2009
  • Tritt an: zum ersten Mal
  • Hobbys: Lesen, Backen, Zeit verbringen am Meer, mein Malteser Carlos
  • Lebensmotto: „Auf jede dunkle Nacht folgt ein heller Tag“
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: überall an der Elbe, z. B. Wittenbergener Strand und der Osdorfer Born

Linda Heitmann, Grüne

  • Alter: 39
  • Familie: verheiratet, ein Kind
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Geschäftsführerin in der Suchtkrankenhilfe, 2008–2011 Bürgerschaftsabgeordnete
  • In der Partei seit: 2004
  • Tritt an: für den Bundestag zum 1. Mal
  • Hobbys: Langstreckenlauf, Schlagzeug spielen, Island-Krimis lesen
  • Lebensmotto: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt“
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: das Wildgehege im Klövensteen

Fabrice Henrici, FDP

  • Alter: 26
  • Familie: ledig/keine Kinder
  • Bisherige Tätigkeiten / Beruf: Rechtsreferendar/Wissenschaftlicher Mitarbeiter
  • In der Partei seit: 2016
  • Tritt an: zur Bundestagswahl zum ersten Mal, zur Bezirks- und Bürgerschaftswahl bereits je einmal
  • Hobbys: Segeln, Bücher
  • Lebensmotto: Leben und leben lassen
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: An und auf der Elbe

Marcus Weinberg, CDU

  • Alter: 54
  • Familie: Feste Partnerschaft, eine Tochter (22 Monate), ein Sohn (11 Jahre)
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Gymnasiallehrer für Geschichte, Politik, Gemeinschafts- und Sozialkunde, seit 2005 Bundestagsabgeordneter
  • In der Partei seit: 1986
  • Tritt an: zum sechsten Mal
  • Hobbys: Familie und Fußball
  • Lebensmotto: Actum ne agas - mehr als Redensart: „Drisch kein leeres Stroh“
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: Strand von Övelgönne und die Gegend rund um den Spritzenplatz

Matthias Bartke, SPD

  • Alter: 62
  • Familie: Verheiratet, ein Sohn
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Jurist, seit 2013 Bundestagsabgeordneter
  • In der Partei seit: 1978
  • Tritt an: zum dritten Mal
  • Hobbys: Lange Spaziergänge mit meiner Frau
  • Lebensmotto: Du kannst den Wind nicht ändern, aber du kannst die Segel anders setzen.
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: Fähranleger Teufelsbrück. Wenn die Lotsen dort in ihr Lotsenschiff steigen, spürt man die große, weite Welt. Und im Imbiss Luzifer gibt’s die besten Pommes der Stadt.

Bernd Baumann, AfD

  • Alter: 63
  • Familie: verheiratet
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Medienmanagement, Journalismus, Investor Relations. 2015 bis 2017 Abgeordneter in der Bürgerschaft. Seitdem Bundestagsabgeordneter
  • In der Partei seit: 2013
  • Tritt an: zum zweiten Mal
  • Hobbys: Geschichte, Philosophie, Musik hören, Laufen
  • Lebensmotto: Immer ran mit Tatkraft, nie verzagen
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: Altonaer Balkon

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