Bundestagswahl

Wer gewinnt den umkämpftesten Hamburger Wahlkreis?

| Lesedauer: 12 Minuten
Peter Ulrich Meyer
Grünen-Direktkandidatin Katharina Beck (Grüne) im Wahlkampfeinsatz auf dem Saseler Markt.

Grünen-Direktkandidatin Katharina Beck (Grüne) im Wahlkampfeinsatz auf dem Saseler Markt.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

In Hamburg-Nord liegt seit Jahrzehnten mal die CDU und mal die SPD vorn. Lange rechneten sich auch die Grünen gute Chancen aus.

Hamburg.  Wahlkampf hat mit Vorbereitung und guter Planung zu tun – offensichtlich auch aufseiten der Wählerinnen und Wähler. Die Frau mittleren Alters nestelt umständlich an ihrem Beutel und holt nacheinander fünf kleine Weißblech-Getränkedosen hervor („Alle desinfiziert!“), die sie auf einem kleinen Mauerabsatz am Rand des Saseler Marktes drapiert. „Nur eine der fünf Dosen ist eine Pfanddose. Welche?“, sagt die Frau und blickt Katharina Beck fast ein bisschen triumphierend an. Gute Frage. Da weiß die Spitzenkandidatin der Grünen und Direktkandidatin ihrer Partei im Wahlkreis Hamburg-Nord/Alstertal so schnell keine Antwort.

Aber ums Dosenraten geht es der Frau nicht. „Vor 20 Jahren hat Grünen-Umweltminister Jürgen Trittin das Dosenpfand eingeführt, aber es funktioniert nicht. Wie wird geregelt, dass ein Gesetz funktioniert, wie es gedacht war?“, setzt die Frau nach. Noch eine gute Frage. Beck hockt sich neben die Frau – Wahlkampf intensiv, während zehn Meter entfernt Musik aus einem Leierkasten dröhnt. „Wir müssen Gesetze stärker auf ihre Folgewirkung hin überprüfen – und zwar regelmäßig. Dafür werde ich mich in Berlin einsetzen“, sagt die Grüne, die zum ersten Mal für den Bundestag kandidiert. Was auch ein Vorteil ist, weil sie sich nicht für die Versäumnisse der Vergangenheit verantworten muss.

Katharina Beck bei Grünen bundesweit gut vernetzt

Die 39 Jahre alte Unternehmensberaterin ist eines der neuen Gesichter dieses Wahlkampfes. In ihrer Partei ist sie bundesweit bis in die Bundestagsfraktion hinein sehr gut vernetzt, aber in Hamburg trat Beck bis zu ihrer Nominierung kaum in Erscheinung. Ihre Fachkompetenz im Bereich Wirtschaft – sie ist Sprecherin der Partei-Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Finanzen - wird bei den Grünen geschätzt. Praktisch aus dem Stand heraus wurde sie ohne Gegenkandidatin auf Listenplatz eins gewählt und als Direktkandidatin nominiert. Solange der Höhenflug der Grünen anhielt, sah es sogar so aus, als ob sie den Wahlkreis Nord/Alstertal direkt gewinnen könnte. „Ich stehe jeden Morgen mit der Zuversicht auf, dass es klappt“, sagt Beck, seit acht Wochen Mutter einer Tochter, mit einem optimistischen Lachen. Ihr Einzug in den Bundestag über Platz eins der grünen Landesliste ist gleichwohl sicher.

Diejenigen, die sich auf ein längeres Gespräch mit der Kandidatin einlassen, haben meist ein spezielles Anliegen. Da geht es um die Rettung alter Obstbaumsorten oder Zweifel an der Ökobilanz der E-Mobilität. Und dann ist da noch der zornige alte Mann. „Wissen Sie eigentlich, wo das Lithium für die Batterien der E-Autos herkommt? Zum Beispiel aus Kolumbien, da werden die Arbeiter aufs Schlimmste ausgebeutet. Aber die Grünen kritisieren nichts, da wird alles nur hochgejubelt“, pöbelt der Mann und geht auch schon weiter. „Wir reden sehr viel darüber und setzen uns für ein Kreislaufsystem ein“, ruft Beck dem Mann noch hinterher, aber der winkt nur ab. „Ich gebe nicht auf“, sagt die Grüne lachend.

Der Wahlkreis in Daten:

  • Im Wahlkreis 21 (Hamburg-Nord) leben 298.177 Menschen, von denen 248.237 wahlberechtigt sind
  • Das Gebiet umfasst den Bezirk Hamburg-Nord ohne Barmbek, Dulsberg, Hohenfelde und Uhlenhorst sowie die Stadtteile des Alstertals und die Walddörfer ohne Volksdorf
  • Die Arbeitslosenquote liegt bei 4,5 Prozent und der Ausländeranteil bei 11,7 Prozent – jeweils die niedrigsten Werte

Christoph Ploß muss sich gegen Laschet-Sprüche wehren

Gute Laune kann man auch Christoph Ploß nicht absprechen. „Einen wunderschönen guten Morgen“, ruft der 36 Jahre alte Christdemokrat und drückt schon Mann oder Frau seinen Flyer mit Schreibgerät („Kugelstift geht immer!“) in die Hand. Ploß spürt den bundesweiten Gegenwind für die Union natürlich auch an diesem sonnigen Morgen am Rande des Fuhlsbütteler Wochenmarktes. „Sie wähle ich nicht, weil Sie einen Kanzlerkandidaten Laschet haben, der so blöd ist. Wie kann die SPD vor ein paar Wochen bei 15 Prozent und jetzt bei 25 Prozent in den Umfragen stehen? Am Programm kann es ja wohl nicht liegen“, giftet ein älterer Mann.

Eine Frau sagt, dass sie wegen Laschet zum ersten Mal SPD wählen werde. „Is’ nich’, aber lass man“, grantelt ein anderer. Ploß war gegen Laschet als Kanzlerkandidat der Union und für den Bayern Markus Söder. Was also tun? Der CDU-Landesvorsitzende diskutiert nicht über Laschet, sondern argumentiert inhaltlich und setzt vor allem auf die vermeintliche Angst vor einem Links-Bündnis. „Wenn Olaf Scholz Kanzler werden sollte, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es zu R2G kommt. Mit der Linken in der Regierung gibt es eine außenpolitische Irrfahrt und Gleichmacherei, die wir nicht wollen“, sagt Ploß. Einige überzeugt das. „Gebt Euch Mühe, Rot-Grün-Rot wollen wir auf keinen Fall haben“, sagt ein älteres Ehepaar.

CDU-Mann Ploß gelang 2017 ein Kunststück

Ploß hat das Kunststück vollbracht, gleich bei seiner ersten Bundestagskandidatur 2017 den Wahlkreis direkt zu gewinnen. Die anderen Hamburger Wahlkreise waren über Jahrzehnte sicheres SPD-Terrain, in Hamburg-Nord gewann seit 1980 sechsmal die CDU und fünfmal die SPD das Direktmandat. Dass es hin und her geht, liegt auch an der Sozialstruktur des Wahlkreises, der die wohlhabenderen, bürgerlichen Stadtteile des Alstertals und der Walddörfer wie Wellingsbüttel, Sasel, Lemsahl-Mellingstedt und Duvenstedt umfasst, bei Bundestagswahlen Hochburgen der CDU.

Ploß hat die vier Jahre seines Berliner Mandats zu intensiver Wahlkreisarbeit genutzt. Viele kennen und erkennen ihn jetzt auf der Straße. Natürlich liegt es auch daran, dass sich Ploß bundesweit als junger Konservativer mit seiner Kritik an der Frauenquote oder der Gender-Sprache einen Namen gemacht hat „Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, obwohl ich nicht auf Ihrer Seite stehe“, sagt ein Mann. „Sie können mir ja Ihre Erststimme geben“, schlägt Ploß vor, als wieder jemand wegen Laschet Zweifel hat. „Ich überleg’s mir“, lautet die Antwort. Immerhin. „Ich habe Sie schon gewählt“, sagt eine Frau. „Das versüßt mir den ganzen Tag“, lautet prompt die Antwort des bisweilen leidgeprüften Wahlkämpfers.

Hamburg-Nord: Nachrückerin Martin (SPD) will es wissen

Die Frau, die vor vier Jahren mit einem Abstand von 2,7 Prozentpunkten das Direktmandat verpasste, will es diesmal wissen: die Sozialdemokratin Dorothee Martin. Für die 43 Jahre alte Kommunikationsberaterin ist es dabei ein Vorteil, dass sie im Mai 2020 in den Bundestag nachrückte, als der langjährige SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs aus Hamburg-Mitte die Brocken überraschend hinwarf. Wie Ploß hat auch Martin die Zeit als Abgeordnete genutzt, um sich im Wahlkreis bekannt zu machen.

Aber Martin profitiert natürlich zudem vom Rückenwind aus Berlin – auch an diesem Morgen vor Rossmann am Erdkampsweg in Fuhlsbüttel. „Ich hoffe, dass Sie gewinnen“, sagt ein Mann. „Die Politiker lügen alle, nichts halten sie ein. Deswegen habe ich 30 Jahre nicht gewählt. Aber Olaf Scholz ist mir angenehm, sympathisch. Jetzt habe ich SPD gewählt“, sagt eine alte Frau. Nicht ganz schmeichelhaft, aber Martin freut sich trotzdem. „Ich habe 41 Jahre in Argentinien gelebt und bin jetzt wieder hier. Scholz hat mir sehr gefallen als Hamburger. Früher habe ich auch SPD gewählt“, sagt eine andere Frau.

Dorothee Martin verweist auf Aurubis

Viele gehen auch wortlos vorbei oder nehmen stumm einen Flyer von Martin. Nur einer macht seinem Ärger auch kräftig Luft. „Scholz war der Arbeiterverräter. Er hat Hartz IV mit eingeführt“, sagt ein älterer Mann. Martin versucht zu kontern mit den Scholz-Themen Kurzarbeitergeld und Mindestlohn – doch vergebens. „Ich wähle nur noch die Linken“, ruft der Mann, dreht sich um und verschwindet.

„Wir müssen im Klimaschutz viel mehr machen. In 15 Jahren wird kein Mensch mehr hier so leben wie jetzt“, sagt ein anderer. „Der Hebel ist die Industrie“, antwortet Martin und verweist auf Aurubis, wo Kupferanoden mit Wasserstoff produziert werden. „Das ist gut, aber wir sind in allem viel zu spät“, sagt der Mann, den noch etwas bewegt. „Mich verwirrt bei Olaf Scholz die Sache mit Cum-Ex und Wirecard. Das muss noch besser erklärt werden“, sagt er. „Das ist sehr komplex. Das kann man nicht eben mal auf 140 Zeichen eines Tweets minimieren“, sagt Martin.

Für Ploß und Martin wird es knapp

Die Sozialdemokratin hat einen Frühstart im Wahlkampf hingelegt („Meine Marathonstrategie!“). Im März organisierte sie die ersten Onlinediskussionen, seit Juni steht sie an Info-Tischen und seit Juli klingelt sie an Haustüren. Der direkte Kontakt an der Wohnungstür hat stark an Bedeutung gewonnen. Martin und ihr Team wollen bis zur Wahl auf diesem Weg rund 20.000 Haushalte erreichen – auch für Konkurrent Ploß die Zielmarke. Die Materialschlacht auf der Straße hat Martin schon gewonnen: Die roten Wahlplakate mit ihrem oder Olaf Scholz’ Konterfei dominieren im Wahlkreis. Als einzige Bewerberin hat sie sogar regionalisierte Plakate („Für Langenhorn in den Bundestag“).

Es wird knapp zwischen Ploß und Martin. Die einschlägigen Internetportale für Wahlkreisprognosen sehen derzeit die Sozialdemokratin vorn.

Die Kandidaten im Bezirk Hamburg-Nord:

Christoph Ploß, CDU

  • Alter: 36
  • Familie: Ledig
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Unternehmenskommunikation
  • In der Partei seit: 2005
  • Tritt an: zum zweiten Mal
  • Hobbys: Joggen, Fitnesstraining, klassische Musik und Opern, Lesen
  • Lebensmotto: „Erfolg kommt von Leidenschaft“
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: die Hamburger Außenalster

Dorothee Martin, SPD

  • Alter: 43 Jahre
  • Familie: glücklich in festen Händen
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: tätig in der Immobilienwirtschaft, selbstständig als Kommunikationsberaterin
  • In der Partei seit: 1998
  • Tritt an: zum zweiten Mal
  • Hobbys: Spaziergänge und Joggen an der Alster, Reisen (als Mitglied des Bundestages bleibt dafür nicht mehr ganz so viel Zeit)
  • Lebensmotto: „Am Mute hängt der Erfolg“ - Theodor Fontane
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: am Brabandkanal am Alsterlauf

Katharina Beck, Grüne

  • Alter: 39 Familie: Mann und Tochter
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Unternehmensberaterin für Nachhaltigkeit
  • In der Partei seit: 2009
  • Tritt an: zum ersten Mal
  • Hobbys: Bergsteigen, Musik hören und machen, Schwimmen, Surfen, Bücher und Filme erkunden, Tischtennis, Yoga
  • Lebensmotto: „Wahrscheinlich beides“ – das ultimative Bekenntnis zum Sowohl-als-auch vs. Entweder-oder.
  • Lieblingsplatz: Wo der Lange Zug in die Alster mündet, auf der Bank bei der Trauerweide mit der wunderschönen Aussicht.

Robert Bläsing, FDP

  • Alter: 38
  • Familie: ledig, keine Kinder
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Verwaltungsbeamter im gehobenen Dienst der FHH, derzeit Leiter eines Digitalisierungsprojekts in der Schulbehörde
  • In der Partei seit: 2003
  • Tritt an: zum dritten Mal
  • Hobbys: Dokumentationen und „Star Trek“ schauen, Politik, Fitnessstudio
  • Lebensmotto: Ich sehe das wie Karl Lagerfeld: „Es fängt mit mir an und hört auch mit mir auf.“
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: meine Wohnung in Langenhorn

Deniz Celik, Die Linke

  • Alter: 42 Jahre
  • Familie: verheiratet
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Politikwissenschaftler
  • In der Partei seit: 2008
  • Tritt an: zum ersten Mal
  • Hobbys: Fußball, Lesen, Kino
  • Lebensmotto: „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren“
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: Stadtpark

Benjamin Mennerich, AfD

  • Alter: 40 Jahre
  • Familie: in Planung
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Offizier/Wissenschaftlicher Mitarbeiter
  • In der Partei seit: Anfang 2015
  • Tritt an: zum ersten Mal
  • Hobbys: Tanzen, Kanu fahren, Wakeboarden
  • Lebensmotto: Ich prüfe Behauptungen selbst, besonders in den Medien
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: mit Freunden im Kanu auf der Alster

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg