Bundestagswahl

So fordert der Wahlkreis Bergedorf-Harburg die Kandidaten

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Lars Hansen
Konkurrieren um das Direktmandat: Herausforderer Uwe Schneider (CDU, links) und Platzhirsch Metin Hakverdi (SPD).

Konkurrieren um das Direktmandat: Herausforderer Uwe Schneider (CDU, links) und Platzhirsch Metin Hakverdi (SPD).

Foto: Lars Hansen / xl

Den Kandidaten wird eine hohe Kilometerleistung abverlangt. Das liegt auch am Verkehr – im Süden ist der ein großes Thema.

Hamburg.  Herbert Wehner, Helmut Schmidt, Hans-Ulrich Klose – es waren große Namen der SPD, die die Wahlkreise Bergedorf und Harburg im Bundestag vertreten haben. Seit 2002 sind diese beiden Wahlkreise einer – und dieser ist flächenmäßig der größte Bundestagswahlkreis in Hamburg und auch der, der sich am wenigsten an Bezirksgrenzen orientiert.

Seit Wilhelmsburg 2008 auf Betreiben der CDU von Harburg in den Bezirk Hamburg-Mitte verschoben wurde, repräsentiert der Wahlkreis 23 nicht mehr nur zwei Bezirke, sondern auch einen großen Teil eines dritten. Wenn der Grünen-Kandidat Manuel Sarrazin einen Polit-Termin in Altengamme wahrnehmen möchte, ist er von seinem Wohnort Cranz am anderen Ende des Wahlkreises mit öffentlichen Verkehrsmitteln zweieinhalb Stunden unterwegs , mit dem Auto immer noch gut eine Stunde. Das kennen sonst nur Abgeordnete aus dünn besiedelten Kreisen in Flächenländern.

Hakverdi für Ausbau des Nahverkehrs in Hamburg

Platzhirsch Metin Hakverdi (SPD) hat es da einfacher: Der bereits in der zweiten Legislaturperiode amtierende Wahlkreisabgeordnete wohnt in Wilhelmsburg – eigentlich schon immer, sieht man davon ab, dass er sein Jura-Studium in Kiel und Bloomington, Indiana, absolvierte und bereits als Schüler ein Jahr in den USA verbrachte. Von Wilhelmsburg aus hat er es zu keinem Ort im Wahlkreis wirklich weit. Dass es doch mal länger dauern kann, liegt an der desolaten Verkehrssituation im Hamburger Süden – für Hakverdi ein großes Thema.

„Wir müssen dicke Bretter bohren, um den Nahverkehr im Hamburger Süden so gut aufzustellen, dass er für die Menschen, die täglich pendeln, attraktiver wird als das Auto“, sagt er. „Dazu gehören auch eine westliche Elbquerung der S-Bahn und die Verlängerung der U 4 bis Harburg. Das geht nicht sofort, aber wir müssen es jetzt anschieben, damit es irgendwann mal kommt.“ Man müsse heute die S- und U-Bahnen größer denken, über 2030 hinaus. „Und wir werden Bundesgelder dafür akquirieren müssen.“

Kandidat Hakverdi übernimmt Wahlkampfideen aus USA

Hakverdi ist nicht nur im Wahlkampf viel in seinem Wahlkreis unterwegs: Zwölfmal im Jahr gibt er irgendwo zwischen Appelbüttel und Zollenspieker seinen „Berliner Bericht“. Vier- bis sechsmal im Jahr holt er prominente Bundespolitiker zu „Hakverdi trifft“ in die SPD-Kreisbüros – oder in letzter Zeit auf die virtuelle Talk-Bühne. Dazu kommen Besuche in Einrichtungen und In­stitutionen. Natürlich ist in diesen Wahlkampfwochen erst recht Bürgerkontakt angesagt. Hakverdi und sein Team putzen Klinken und suchen das Gespräch mit den einzelnen Wählern. 10.000 Türen haben sie bereits abgeklingelt, weitere 10.000 sollen bis zum 26. September folgen. Die Hälfte davon übernimmt Hakverdi selbst.

Diese Art des Wahlkampfs hat er in den USA kennen- und schätzen gelernt. „Ich habe Freunde aus der Demokratischen Partei im Kommunalwahlkampf unterstützt“, sagt er. „Dieser persönliche Kontakt ist sehr wichtig, denn er bewahrt Politiker vor dem Abheben, indem man immer wieder die Perspektive der Wähler vermittelt bekommt, wenn man an ihrem Tisch sitzt.“

Riesiger Wahlkreis, unterschiedliche Perspektiven

Diese Perspektiven sind sehr unterschiedlich, denn der Wahlkreis ist nicht nur riesig, sondern auch facettenreich. „Es kommt vor, dass ich morgens eine Raffinerie, mittags einen Rosenzuchtbetrieb und nachmittags eine Rettungswache besuche“, sagt Hakverdi, „wir haben hier Schwerindustrie, Landwirtschaft, Mittelstand und viele abhängig Beschäftigte. Und wir müssen bei den Zukunftsthemen Verkehr, Energiewende und Hochwasserschutz möglichst alle Menschen bedenken und mitnehmen!“

So erklärt er es auch auf einer Podiumsdiskussion des DGB im Bergedorfer Gewerkschaftshaus Serrahn: „Wir müssen die Klimaziele erreichen, ohne dabei die Arbeitsplätze, die Wertschöpfungsketten und die Innovationsfähigkeit zu opfern“, sagt er und punktet damit bei den Zuhörern.

Schneider und Sarrazin stärkste Mitbewerber

„Dass in Moorburg jetzt ein Zentrum für Wasserstofftechnologie entstehet, ist deshalb goldrichtig. Die drei Hüttenwerke für Stahl, Kupfer und Aluminium gehören zu den größten Energieverbrauchern der Stadt und haben selbst großes Interesse an Wasserstofftechnologie. Zum Teil erproben sie diese schon. So kann man sich Wissensvorsprünge erhalten, die Wirtschaft vor Ort erhalten und die weltweiten CO2-Emissionen senken. Es nützt gegen den Klimawandel ja nichts, wenn Stahlproduktion aus Deutschland nach Asien verlagert wird und dort weiter CO2 erzeugt.“

Auch seine wohl stärksten Mitbewerber Uwe Schneider (CDU) und Manuel Sarrazin (Grüne) sind bei dem Termin vor Ort. Sarrazin ist anzusehen, dass er den geplanten Wandel des Kraftwerks Moorburg vom Kohleverbrenner zur Innovationsschmiede gerne für seine Partei reklamiert hätte.

„Ich bin angetreten, den Wahlkreis zu gewinnen"

Bis vor wenigen Wochen sah es wegen der Umfrageschwäche der SPD so aus, als könnte es in einem Wahlkreis, der aus einstigen Hochburgen der Sozialdemokratie besteht, tatsächlich eng werden und Schneider oder Sarrazin Hakverdi den Wahlkreis abnehmen. Die Chance hätten sie immer noch, aber sie wird immer theoretischer. Ans Aufgeben denkt jedoch keiner der beiden.

„Ich bin angetreten, den Wahlkreis zu gewinnen, und das ist auch weiter mein Ziel“, sagt der 46-jährige Uwe Schneider. Der CDU-Mann stammt aus Köthen im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt, zu seiner Kindheit noch Köthen im DDR-Bezirk Magdeburg. Die Erfahrungen aus der DDR-Zeit prägen und festigen sein konservatives Weltbild bis heute.

Schneider zielt auf Stimmen aus Mittelstand

Gleich nach der Wende trat er der Schülerunion bei. Der Kandidat Schneider zielt auf Stimmen aus dem Mittelstand. „Ich stamme aus einer Bäckerfamilie mit Tradition über drei Generationen“, sagt er. „Handwerk und Gastronomie im Wahlkreis liegen mir deshalb sehr am Herzen. Die müssen wir jetzt nach Corona wieder voranbringen.“

Anders als Hakverdi und Sarrazin hat Schneider seine politische Erfahrung bislang „nur“ in den Niederungen der Bezirkspolitik gesammelt. Doch gerade damit kann er bei einer Wahlkampfveranstaltung beim Bürgerverein Lohbrügge, gleich am selben Tag wie die beim DGB, punkten: Als eine wütende Sozialpädagogin die Kandidaten damit konfrontiert, dass man ihr gebeuteltes Jugendzentrum nach einem Bauschaden im Regen stehen lasse, ist er der Einzige, der sich mit den komplizierten und notgedrungen kreativen Finanzierungsvorgängen der offenen Jugendarbeit in den Bezirken auskennt. Ob er die Frau damit für sich gewonnen hat, ist allerdings fraglich. Sie bleibt zornig.

„Wir müssen den Verkehr neu denken“

Manuel Sarrazin ist da schon wieder auf dem weiten Weg nach Cranz. Als alleinerziehender Teilzeitvater kann er nicht jeden Tag bis in die Puppen Wahlkampf machen. Sein Weg führt ihn durch die Marschlande und den Hafen ins Alte Land. „Der Erhalt der Vielfalt im ländlichen Raum ist mir wichtig“, sagt er. „Der Wahlkreis hat da viel zu bieten.“

Die Fahrt verkürzt das trotzdem nicht. „Wir müssen den Verkehr neu denken“, sagt er. „Eventuell brauchen wir auch andere Ideen als nur Straße oder Schiene. Die westliche Elbquerung für den öffentlichen Nahverkehr muss ja kein Bahntunnel sein. Eine Seilbahn wäre auch eine Möglichkeit. Und auch das Netz der Fährlinien könnte deutlich ausgebaut werden.“

Schlechte Chancen für Sarrazin in Harburg

Sarrazin ist seit 2008, also schon fünf Jahre länger als Metin Hakverdi, im Bundestag. Der Historiker – sein Examen machte er parallel zum ersten Bundestagsmandat – ist Experte für Osteuropapolitik. Wahlkreisabgeordneter war er jedoch noch nie. „Sollte ich den Wahlkreis gewinnen, müsste ich hier natürlich viel mehr Präsenz zeigen“, sagt er, „und das würde ich auch.“

Nach einem Erfolg Sarrazins, der auf der Landesliste der Grünen auf Platz 4 steht, im Wahlkreis oder der Schneiders sieht es derzeit allerdings nicht aus. Es wäre auch eine historische Sensation: Seit Gründung der Bundesrepublik gab es in Harburg und Bergedorf nur einmal einen Wahlkreisabgeordneten, der kein Sozialdemokrat war: Von 1953 bis 1957 vertrat der Christdemokrat Hans Griem den damals noch eigenständigen Wahlkreis Bergedorf in Bonn. Bis zur Wahl sind es allerdings noch knapp zwei Wochen. Bis dahin können die Kandidaten noch einige Kilometer zurücklegen – und vielleicht Boden gutmachen.

Die Kandidaten:

Metin Hakverdi, SPD

  • Alter: 52 Jahre, verheiratet, keine Kinder
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Rechtsanwalt, Bürgerschaftsabgeordneter 2008– 2013, Bundestagsabgeordneter seit 2013
  • In der Partei seit: 2002
  • Tritt an: zum dritten Mal
  • Hobbys: ehrenamtlicher Katastrophenhelfer beim Technischen Hilfswerk in Harburg
  • Lebensmotto: Lächle, und die Welt verändert sich
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: Die Bunthausspitze in Moorwerder. Dort kommen sich alle drei Teile des Wahlkreises am nächsten. Und schön ist es dort auch.

Uwe Schneider, CDU

  • Alter: 46 Jahre, verheiratet, zwei Kinder (8 und 18 Jahre)
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: kaufmännischer Angestellter, Kreisvorsitzender der CDU Harburg
  • In der Partei seit: 1990 (Schülerunion), 1992 (Junge Union), 1994 CDU
  • Tritt an: zum ersten Mal
  • Hobbys: Zu Hause gärtnern, Grillen, HSV
  • Lebensmotto: Carpe Diem
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: „Mein Garten. Hier kann ich mit Familie und Freunden so richtig ausspannen und auch mal ein Bier genießen.“

Manuel Sarrazin, Grüne

  • Alter: 39, getrennt lebend, zwei Kinder (4 und 6 Jahre)
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Historiker, Bürgerschaftsabgeordneter 2004–2008, Bundestagsabgeordneter seit 2008, Schwerpunkt: Außenpolitik, besonders Osteuropa
  • In der Partei seit: 1998
  • Tritt an: zum fünften Mal
  • Hobbys: Laufen, Schwimmen, Bootstouren auf Elbe und Este; lebenslange Dauerkarte für den FC St. Pauli
  • Lebensmotto: Keines
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: Der Estedeich in Cranz

Sonja Jacobsen, FDP

  • Alter: 49, verheiratet
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Fernsehjournalistin, Schlussredakteurin bei Pro7/Sat.1, Vorsitzende der FDP in der Bezirksversammlung Bergedorf
  • In der Partei: seit 2017
  • Tritt an: zum ersten Mal
  • Hobbys: Politik
  • Lebensmotto: Die Regeln sind für die Menschen da, nicht die Menschen für die Regeln
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: Der Sattel meines Fahrrades, wohin mich das auch immer trägt. Ich entdecke gerne neue Wege, Orte und Perspektiven.

Stephan Jersch, Linke

  • Alter: 58 Jahre, ledig, keine Kinder
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Systemanalyst im Bankenbereich und jetzt in der Logistik, Bürgerschaftsabgeordneter seit 2015
  • In der Partei seit: 1990 (damals PDS) davor 1980–82 SPD, 1982–1990 DKP
  • Tritt an: zum zweiten Mal – allerdings war die erste Kandidatur 2002 im Landkreis Stade für die PDS.
  • Hobbys: Krimis lesen
  • Lebensmotto: Nie vorschnell urteilen
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: Zollenspieker

Olga Petersen, AfD

  • Alter: 39, geschieden, vier Kinder im Alter von 8 bis 20
  • Bisherige Tätigkeiten/Beruf: Ausbildung zur Arzthelferin, OP-Assistentin, seit 2019 Bürgerschaftsabgeordnete
  • In der Partei seit: 2018
  • Tritt an: zum ersten Mal
  • Hobbys: Joggen, Malen nach Zahlen
  • Lebensmotto: Nichts ist so schlecht, dass man nichts Gutes daraus gewinnen könnte.
  • Lieblingsplatz im Wahlkreis: Der Harburger Stadtpark mit dem Außenmühlenteich. Hier kann man gleichermaßen aktiv sein oder ruhige Ecken aufsuchen.

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