Corona

Ohne Maske im Norden, mit Maske in Hamburg – Warum?

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Viele Bars in Hamburg entscheiden sich für das 2G-Modell. Zutritt gibt es beispielsweise hier in St. Georg nur für Geimpfte und Genesene.

Viele Bars in Hamburg entscheiden sich für das 2G-Modell. Zutritt gibt es beispielsweise hier in St. Georg nur für Geimpfte und Genesene.

Foto: picture alliance/dpa | Axel Heimken

Senat hält neue 3G-Regelung in Schleswig-Holstein nicht für übertragbar. Clubbetreiber fordern Öffnungen. Offener Brief der Ärzte.

Hamburg/Kiel. In Schleswig-Holstein fällt die Maskenpflicht bei Veranstaltungen, im Sport und der Gastronomie für alle Menschen, die geimpft, genesen oder getestet sind (3G). Hamburg hingegen will bei ihren strikteren Regeln bleiben. „Hamburg ist als Großstadt anders gefordert als ein Flächenland wie Schleswig-Holstein“, sagt Senatssprecher Marcel Schweitzer.

In der Metropole gebe es viel Mobilität, engere Räume und mehr Aktivitäten im Freizeitbereich. „Hamburg bleibt seiner bisherigen Strategie in der Pandemiebekämpfung treu: Nachdem Maßnahmen getroffen worden sind, wurden ihre Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen beobachtet und erst dann wurden weitere Maßnahmen getroffen, die sich an den Erfahrungswerten orientieren“, sagt Senatssprecher Marcel Schweitzer.

2G: In Hamburg bleibt die Maskenpflicht

Vor diesem Hintergrund seien innerhalb des 2G-Optionsmodells Lockerungen denkbar. „Gegenwärtig beobachten wir das Infektionsgeschehen, weshalb noch keine Änderungen an den bestehenden Regeln konkret geplant sind.“

Das bedeutet: Während Geimpfte, Genesene und Getestete im nördlichen Umland der Hansestadt ohne Maske oder Abstand essen gehen, ein Theater, Kino oder eine Sportveranstaltung besuchen dürfen, gilt für sie in Hamburg weiterhin das Masken- und Abstandsgebot. Selbst dort, wo in Hamburg das 2G-Modell (nur Geimpfte und Genesene) zum Zuge kommt, bleibt in Innenräumen ein Mund-Nasenschutz Pflicht.

„Das Virus zwingt uns weiter zur Vorsicht. Hamburg ist bisher ganz gut damit gefahren, Lockerungen Schritt für Schritt vorzunehmen“, sagt Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Ein Ende der Maskenpflicht könne aber insbesondere bei Kulturveranstaltungen unter 2G „ein plausibler nächster Schritt sein“, sofern die Auswirkungen der letzten Lockerungen dies erlaubten. Das betrifft wohlgemerkt nur Geimpfte und Genesene, nicht aber wie im nördlichen Nachbarland auch Getestete.

Hamburger Clubkombinat fordert Aufhebung der Maskenpflicht

Auch in Hamburg gibt es Stimmen, die sich im Umgang mit dem Coronavirus mehr Freiheiten wünschen. So fordert das Hamburger Clubkombinat, ein Interessensverband der Hamburger Club-, Party- und Kulturereignisschaffenden, vom rot-grünen Senat eine Aufhebung der Maskenpflicht. Auch mache die Unterscheidung zwischen Konzerten und Tanzveranstaltungen keinen Sinn mehr, da sie nicht scharf voneinander abzugrenzen seien.

Schließlich sollten mehr Besucher zu den Veranstaltungen der Clubs zugelassen werden – nur so sei für die Musikclubs ein wirtschaftlicher Betrieb möglich. „Unsere Aufgabe als Kulturereignisschaffende ist es Menschen zusammenzubringen, anstatt weiter zu spalten“, sagt Felix Stockmar vom Vorstand des Clubkombinats. „Gesellschaftliche, soziale und kulturelle Teilhabe muss für alle Menschen offen stehen und darf nicht weiter vom Impf- oder Genesungsstatus abhängen.“

Der Geschäftsführer des Zeise-Kinos in Ottensen, Matthias Elwardt sagt: „Im Prinzip finde ich das neue 3G-Modell in Schleswig-Holstein gut, aber wir dürfen dabei nicht vergessen, das Publikum mitzunehmen, das teilweise mit der Variante keine Maske/kein Abstand überfordert sein könnte.“ Elwardt würde es im kommenden halben Jahr ausreichen, wenn es in Hamburg „zu einer Regelung käme, bei der der Mindestabstand auf einen Meter verkürzt wird und am Platz keine Maske mehr getragen werden muss“.

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Thalia Theater kritisiert den Vorstoß in Schleswig-Holstein

Die Leitung des Hamburger Thalia Theaters kritisiert den Schleswig-Holsteinischen Vorstoß deutlich: „Ich finde das überstürzt“, erklärt Thalia-Intendant Joachim Lux gegenüber dem Abendblatt, „und ich bin nicht der Meinung, dass man in diesen Zeiten überstürzt handeln sollte.“ Der Kaufmännische Geschäftsführer des Thalia Theaters, Tom Till, urteilt ähnlich klar: „Zu schnell und zu früh“ komme die Abschaffung von Maskenpflicht und Abstandsregelungen in vollen Theatern: „Voller Saal ohne Maske und nur mit 3G, also auch nur mit Antigentests? Das haben sie bei den Salzburger Festspielen beim ,Jedermann’ outdoor auch versucht. Dann gab es ein paar Coronafälle im Publikum und schwupps hatte alle wieder die Maske auf.“

Auch die Rückmeldung des Publikums ließen laut Till darauf schließen, dass die Zeit noch nicht gekommen sei: „Momentan erhalten wir viele Rückmeldungen von unseren Besuchern, dass sie gerne wieder zu uns zurückkommen und dass sie sich durch die Abstände der Schachbrettanordnung im Zuschauerraum sicher fühlen. Nach der langen Zwangspause brauchen sie Zeit, sich wieder an einen Aufenthalt mit vielen anderen fremden Mitmenschen in einem geschlossenen Raum zu gewöhnen. Wenn wir jetzt bereits 2G einführten – so etliche Feedbacks – würden sie zurzeit lieber auf einen Theaterbesuch verzichten.“

3G-Regel am Thalia auch im Oktober

Am Thalia wird auch im Oktober die 3G-Regelung beibehalten, allerdings soll es dann Doppelplätze geben, womit die Kapazität im Großen Saal um 100 auf dann 600 Plätze erhöht werden kann, in der Gaußstraße entsprechend auf 127 Plätze, also jeweils rund 60 Prozent der Normalbestuhlung, statt 50 Prozent wie noch im September. „Für den November prüfen wir zurzeit, welche Vorstellungen sich für 2G eignen würden und wo wir noch bei 3G bleiben wollen.“ Auch das Deutsche Schauspielhaus hatte bereits Einzelvorstellungen unter 2G-Regeln angekündigt. Die Schmidt-Theater (ab 5. Oktober), das Polittbüro und die 2te Heimat (ab sofort) lassen ausschließlich Geimpfte und Genesene in die Vorstellungen. Die übrigen Hamburger Theater bleiben vorerst bei 3G – allerdings, anders als in Schleswig-Holstein, gilt dafür Maskenpflicht und Schachbrettmuster-Platzierung.

Isabella Vértes-Schütter, Intendantin des Ernst Deutsch Theaters, ist mit den gegenwärtigen Möglichkeiten, die die Theater in Hamburg haben, sehr einverstanden. „Viele Menschen sind weiterhin zurückhaltend mit dem Besuch von Veranstaltungen in Innenräumen und wir möchten Ihnen verantwortungsbewusst das Gefühl geben, dass sie bei uns geschützt sind.“ Das gilt insbesondere auch für Kinder und Jugendliche.

Dehoga-Vizepräsident mit der 3G-Lösung zufrieden

Der Hamburger Dehoga-Vizepräsident Jens Stacklies, selbst Gastronom, ist mit der 3G-Lösung zufrieden. „Wir sollten es zunächst dabei belassen und abwarten, welche Erfahrungen Dänemark und Schleswig-Holstein mit den Lockerungen machen.“

Die Kieler Landesregierung hatte am Dienstag überraschend angekündigt, dass die Corona-Beschränkungen für Geimpfte, Genesene oder Getestete (3G-Regel) vom 20. September an weitgehend entfallen sollen. So soll die Maskenpflicht bei Veranstaltungen, im Sport und der Gastronomie enden. Auch werden Kapazitätsbeschränkungen aufgehoben, ebenso wie das Abstandsgebot. „Überall da, wo 3G in Schleswig-Holstein eingehalten werden kann, gelten in Zukunft keinerlei Beschränkungen mehr“, sagte Ministerpräsident Daniel Günther.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 740 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 115.251), 207 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 67), 1892 Todesfälle (+4). Sieben-Tage-Wert: 248,3 (Stand: Mittwoch)
  • Schleswig-Holstein: 907 neue Corona-Fälle (97.283), 207 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 58). 1800 Todesfälle (+4). Sieben-Tage-Wert: 1527; Hospitalisierungsinzidenz: 4,05 (Stand: Dienstag).
  • Niedersachsen: 3066 neue Corona-Fälle (378.234), 220 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung in Krankenhäusern, 6373 Todesfälle (+27). Sieben-Tage-Wert: 207; Hospitalisierungsinzidenz: 7,3 (Stand: Mittwoch).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 1539 neue Corona-Fälle (73.687), 386 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 96), 1337 (+2) Todesfälle, Sieben-Tage-Wert: 417,7; Hospitalisierungsinzidenz: 8,3 (Stand: Mittwoch).
  • Bremen: 280 neue Corona-Fälle (40.105), 75 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 30), 547 Todesfälle (+1). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 227,5; Bremerhaven: 230,7; Hospitalisierungsinzidenz Bremen: 5,12, Bremerhaven: 9,69 (Stand: Mittwoch; Bremen gibt die Inzidenzwerte getrennt nach beiden Städten an).

Stefan Kluge: "Wir bereiten uns auf eine größere vierte Welle vor“

Die Intensivmedizinervereinigung Divi blickt „in hoher Sorge“ auf die Corona-Lage im Herbst. „Die Situation ist jetzt gut beherrschbar, aber wir bereiten uns auf eine größere vierte Welle vor“, sagt Präsidiumsmitglied Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am UKE. Es sei klar, dass es im Herbst zu einem Anstieg der Infektionszahlen und Intensivpatienten kommen werde. Die Hospitalisierungsrate ist in Hamburg künftig neben der Inzidenz ausschlaggebend für die Beurteilung der Corona-Lage. In diese Kennzahl fließen aber nur Hamburger ein, die in den Kliniken versorgt werden – nicht aber Schleswig-Holsteiner, die in den Krankenhäusern der Stadt behandelt werden, so Senatssprecher Schweitzer.

In Schleswig-Holstein schwankt die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen um den Wert 50. In Hamburg stieg die Inzidenz am Mittwoch von 90,2 auf 94,5. Die Behörde registrierte 335 Neuinfektionen. 130 Covid-Patienten mussten in Hamburger Krankenhäusern behandelt werden, 52 von ihnen auf Intensivstationen – drei mehr als am Montag.

Ärzte fordern Lockerungen an Kitas

80 Hamburger Ärztinnen und Ärzten fordern indes in einem offenen Brief an Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD) Lockerungen und klare Regelungen für die Quarantänen in Kitas. „Kinder und Jugendliche sind von den Maßnahmen besonders betroffen“, diese hätten große Auswirkungen auf die psychische Gesundheit Heranwachsender, heißt es in dem Schreiben. Die Ärzte begrüßen, dass die Quarantäne von 14 auf fünf Tage verkürzt wird, wie es die Gesundheitsminister der Länder geschlossen haben.

„Doch auch (unter Umständen wiederholte) fünftägige Quarantänen sind für Kleinkinder nur schwer zumutbar.“ Der Senat solle sicherstellen, dass Kinder, die nachweislich im engen Kontakt zur erkrankten Person standen, nach einem negativen Abstrich spätestens nach fünf Tagen die Kita wieder besuchen dürfen und „von einer Kohortenquarantäne auf Verdacht abgesehen wird“.

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