Ehrenamt

So trainieren Rettungshunde in Hamburg für den Ernstfall

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Mandy Böhm trainiert mit Hund Oskar für die Rettungshundestaffel der Johanniter.

Mandy Böhm trainiert mit Hund Oskar für die Rettungshundestaffel der Johanniter.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Zusammen stärker: Ehrenamtler suchen mit ihren Tieren nach Vermissten, erfreuen ältere Menschen oder helfen Kindern, lesen zu lernen.

Hamburg. Der Himmel ist grau, und der Wind pfeift Bulldogge Bella um die Nase – eigentlich keine idealen Bedingungen, um eine Spur aufzunehmen. Aber Bella bleibt dran, als ausgebildete „Mantrail“-Hündin weiß sie, was sie zu tun hat: Quer durch das Parzellengebiet an der Süderstraße, über den Parkplatz und entlang enger Wege schnüffelt sich die schwarz-weiße Hündin, um schließlich ihre Zielperson zu finden, die hinter einer Hecke wartet. Als Zeichen, dass sie erfolgreich war, bellt sie.

Bella gehört zur Rettungshundestaffel der Johanniter in Hamburg, die zweimal wöchentlich hier in Hamm für den Ernstfall trainiert. Die zwölf Ehrenamtlichen und ihre Tiere unterstützen die Polizei dabei, vermisste Personen zu finden – rund um die Uhr. „Es ist selten, dass Einsätze am Tag sind. Wir rücken fast immer nach 22 Uhr aus“, sagt Mantrail-Ausbilderin Ines Maaß.

Die Johanniter gehören zum Arbeitskreis Rettungshunde Hamburg und wechseln sich wöchentlich mit drei anderen Hundestaffeln ab: der des Deutschen Roten Kreuzes, der des Bundesverbands Rettungshunde und der des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB). Wenn etwas passiert, werden die Ehrenamtler durch den Lagedienst der Polizei informiert. In der Woche, in der sie dran sind – der „Alarmwoche“ – sind sie vier- bis fünfmal im Einsatz, sagt Maaß.

Rettungshundestaffel der Johanniter in Hamburg unterstützt Polizei

Meistens gehe es um demente Menschen aus Pflegeheimen, die sich verlaufen haben. Aber die Hunde müssen auch suizidgefährdete Personen finden, die einen Brief zu Hause hinterlassen haben, oder Unfallopfer, die im Schock den Unfallort verlassen. „Also alle Menschen, die in Not geraten sind. Keine Straftäter, keine Verbrecher, das ist Aufgabe der Polizei.“

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Geht es um ein großes Areal, kommen die Flächensuchhunde zum Einsatz. Und ersetzen dabei bis zu 50 menschliche Helfer: „Flächensuchhunde sind super, weil man sich Suchketten spart. Der Hund kann in 20 Minuten locker 30.000 Quadratmeter absuchen“, sagt Maaß. Daneben gehören „Mantrailer“ wie Bella zur Johanniter-Staffel, die nicht nur den menschlichen Geruch an sich erschnüffeln, sondern auf einen ganz bestimmten angesetzt werden: „Sie bekommen einen Vergleichsgeruch und suchen die Hautschuppen, die dieser Mensch verliert.“ Je nach Wetterlage kann ein „Mantrailer“ bis zu zehn Kilometer Strecke verfolgen. Zwei bis drei Jahre dauert die Ausbildung für die ehrenamtlichen Hund-Mensch-Teams.

Nach den coronabedingten Lockdowns – und damit auch Trainings- und Aufnahmestopp bei der Hundestaffel – gibt es jetzt besonders großen Zulauf, erzählt Ausbilderin Maaß. Viele Menschen hätten sich im Homeoffice einen Hund angeschafft. „Die neuen Besitzer haben dann gemerkt: Ich möchte was Sinnvolles mit dem Hund machen.“

Hunde in der Tagespflege und bei Schulkindern

Das will auch Harmine Dörflein vom Johanniter Regionalverband Harburg. Hier geht es zwar etwas ruhiger zu als bei den Suchhunden, im Lese- und Besuchsdienst nutzen Ehrenamtliche aber auch die positive Mensch-Tier-Beziehung. „Hunde kritisieren nicht. Wenn man ihr weiches Fell streichelt, wird man viel ruhiger, außerdem geht der Puls runter“, sagt Dörflein. „Das hat auch bei den alten Menschen eine tolle Wirkung.“

Dörflein und ihre drei Kolleginnen besuchen normalerweise einzelne Personen und Gruppen in der Tagespflege – coronabedingt können sie derzeit nicht arbeiten. „Die Leute haben noch tagelang über den Besuch gesprochen“, sagt Dörflein. „Wir bedienen mit der Wertschätzung ein Grundbedürfnis, wir sagen: Ich höre dir zu, ich habe Zeit für dich. Das ist wichtig.“ Wann sie wieder starten können, ist aber noch nicht klar.

Doch zumindest der Lesedienst kann langsam wieder beginnen: In Buchholz besuchen die „Bücherhunde“ vom 16. September an wieder Schulkinder ab der 2. Klasse. „Manche Kinder haben Blockaden, weil sie schlechte Erfahrungen mit dem Lesen gemacht haben. Das hat oft mit Druckaufbau zu tun. Andere sind aufgrund einer gesundheitlichen Einschränkung nicht in der Lage, schnell lesen lernen zu können“, sagt Dörflein.

Warteliste für Dienste mit Hund

„Wir versuchen, Freude zu vermitteln und Spaß am Lesen für die Kinder zu schaffen.“ Dafür lesen die Kinder einem Hund manchmal fünf, manchmal zehn oder 15 Minuten lang vor. Nur der Hundeführer ist dabei, hält sich aber zurück. Nach dem Lesen darf das Kind mit dem Hund spielen, auch das kann ein Erfolgserlebnis sein, wenn das Tier auf Kommandos reagiert.

Viele Projekte mit ehrenamtlichen Helfern mussten in der Pandemie eingestellt werden, erzählt auch Marion Wessling von der ASB-Zeitspender-Agentur. Die Zeitspender setzen sich mit anderen Freiwilligenagenturen für die Förderung des ehrenamtlichen Engagements ein und vermitteln Freiwillige. Grundsätzlich sei das Engagement mit Hund aber kontinuierlich gefragt, bei den Rettungshundestaffeln sei eine Zunahme spürbar. Es gibt sogar eine Warteliste für Dienste mit Hund.

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