Die Woche im Rathaus

Wer im Wahlkampf an den HSV denkt ...

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Peter Ulrich Meyer
Wahlplakate auf der Kirchenallee (St. Georg) im Wahlkreis Hamburg-Mitte.

Wahlplakate auf der Kirchenallee (St. Georg) im Wahlkreis Hamburg-Mitte.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

… für den läuft es nicht gut. In der CDU sitzt der Frust über den negativen Bundestrend tief. Für die SPD gilt: Nicht übermütig werden.

Hamburg.  Es gibt Momente im Leben von Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfern, in denen alles noch schlimmer ist als in einem sehr schlechten Traum. Da strampelt man sich von morgens bis abends ab, klingelt an Hunderten Haustüren, diskutiert an Info-Ständen und auf Marktplätzen – und spürt plötzlich die Distanz selbst der Menschen, deren Stimmen man sicher zu haben glaubte. So geht es den Kandidaten der CDU und ihren Teams in diesem Bundestagswahlkampf. Die Umfragewerte der Union sind in einem bislang ungebremsten Sinkflug, und Kanzlerkandidat Armin Laschet ist, gelinde gesagt, schwer vermittelbar. Auch in Hamburg.

Der Frust ist groß, aber das offen einzugestehen geht auch nicht. Es wäre demotivierend für alle Mitstreiter und Unterstützer und würde die innerparteilichen Konflikte nur noch verschärfen. Aber hinter vorgehaltener Hand wird deutlich, was viele Christdemokraten jetzt empfinden. „Das ist wie beim HSV: Da haben wir zur Halbzeit weit geführt, und dann verdaddeln wir das Ding noch durch eigene Fehler“, sagt einer, der jeden Tag Wahlkampf macht.

Wahlkampf: Der Trend ist ein Genosse

In der Tat: Wann hat es so viel Bewegung in der politischen Stimmung und einen so klaren Wechseltrend kurz vor einer Bundestagswahl gegeben? Im Juli noch, vor nur fünf Wochen, schien die Union mit rund 29 Prozent in der Sonntagsfrage uneinholbar vorn und Laschet der sichere Merkel-Nachfolger. In dieser Woche ist ausgerechnet die schon abgeschriebene SPD an der Union vorbeigezogen und kommt in Umfragen auf 25 Prozent, während CDU/CSU Richtung 20 Prozent taumeln. Ex-Bürgermeister Olaf Scholz, im direkten Kandidatenvergleich ohnehin weit vorn, darf sich erstmals berechtigt Hoffnungen auf den Einzug ins Kanzleramt machen.

Dass der Trend ein Genosse ist, zeigt sich auch in den sechs Hamburger Wahlkreisen. Die einschlägigen Portale sehen mittlerweile die SPD bei der Direktwahl durchgängig vorn. Auf wahlkreisprognose.de gelten fünf der sechs Wahlkreise als sicher für die SPD, nur in Nord/Alstertal, wo der CDU-Abgeordnete Christoph Ploß vor vier Jahren das einzige Direktmandat seiner Partei in Hamburg holte, bleibt es danach spannend.

In Altona, Eimsbüttel und Nord ist der Vorsprung der SPD deutlich

Auf election.de werden die Wahlkreise Harburg/Bergedorf, Mitte und Wandsbek als sicher oder wahrscheinlich für die SPD-Direktkandidaten angegeben. In Altona, Eimsbüttel und Nord ist der Vorsprung der SPD deutlich. Wie sich die Lage ändert: Im April – auf dem Höhepunkt der Euphorie um die Ausrufung von Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin – lagen die Grünen in vier der sechs Wahlkreise vorn: in Altona, Eimsbüttel, Nord/Alstertal und Mitte.

Auch bei den Zweitstimmen nehmen die Sozialdemokraten Platz eins ein: Laut wahlkreisprognose.de kommt die SPD in Hamburg augenblicklich auf 28,5 Prozent, die Grünen auf 22 Prozent und die CDU auf magere 15,5 Prozent. FDP und Linke erreichen danach 10,5 bzw. zehn Prozent, die AfD 6,5 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2017 hatte die CDU noch die Nase vorn und verwies die SPD auf den zweiten Platz.

Zähne zusammenbeißen und durchhalten

„Rückenwind aus Berlin ist immer besser – auch für die Stimmung“, sagt Franziska Hoppermann, die sich in Wandsbek für die CDU um das Direktmandat bemüht. „Wir haben unsere Kampagne sehr lange geplant und vorbereitet, da lassen wir uns jetzt nicht beirren“, sagt Hoppermann. „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Zähne zusammenbeißen und durchhalten, soll das wohl heißen. Hoppermann hofft auf die vielen Unentschlossenen.

„Armin Laschet sollte an seinem Wahlkampfkonzept festhalten. Es ist richtig, dass er jetzt mit einem Team auftritt. Seine Stärke ist, Menschen mit unterschiedlichen Profilen zusammenzubringen“, sagt die Christdemokratin. Zwar begegneten ihr beim Haustürwahlkampf die Menschen mit viel Zustimmung, dennoch werde an den Infoständen die Kanzlerkandidatur von Laschet oft hinterfragt, wie Hoppermann sehr zurückhaltend formuliert.

Marcus Weinberg hat eine Trotzhaltung ausgemacht

Marcus Weinberg, CDU-Direktkandidat im Wahlkreis Altona, hat in den vergangenen Tagen eine Trotzhaltung ausgemacht. „Viele Parteifreunde sagen: Jetzt erst recht. Das dreht sich wieder“, glaubt der CDU-Spitzenkandidat bei der Bürgerschaftswahl 2020 und Bundestagsabgeordnete und meint den Trend. Den Laschet-Skeptikern erzählt Weinberg, dass der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, den viele auch in der CDU als Kanzlerkandidaten favorisiert hatten, im „Team Laschet“ spielt, nicht aber im „Team Scholz“. Wenn’s hilft.

CDU-Landeschef Ploß, der in Nord/Alstertal wieder antritt, darf sich bestätigt fühlen. Er hatte sich für Söder und gegen Laschet als Kanzlerkandidaten ausgesprochen. „Natürlich hätten wir gehofft, drei Wochen vor der Wahl in den Umfragen besser dazustehen. Unsere vielen ehrenamtlichen Unterstützer machen seit Wochen einen großartigen Job. Mit ihnen geben wir als Hamburger CDU im Wahlkampf Vollgas“, sagt Ploß.

Für die SPD gilt das Fußballermotto, den Ball flachzuhalten

Und die Strategie bis zum Wahltag? „Wir werden in der verbleibenden Zeit noch mal deutlich herausstellen, warum man die CDU wählen sollte: keine Steuererhöhungen, sondern Entlastungen der Bürger; konsequentes Vorgehen gegen Kriminelle und Extremisten; Klimaschutz mit Innovationen statt Verboten; und politische Stabilität statt rot-rot-grünen Experimenten“, sagt Ploß, der Laschet dabei nicht einmal erwähnt.

Für die SPD gilt das Fußballermotto, den Ball flachzuhalten, bloß nicht übermütig zu werden. Die Sozialdemokraten haben auch schlechte Erfahrungen mit guten Umfragen. „Ich saß schon einmal auf dem Schulz-Zug“, sagt Falko Droßmann, SPD-Direktkandidat in Hamburg-Mitte. Anfang 2017 gingen die Umfragen mit dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz erst durch die Decke, ehe sie in sich zusammenbrachen und Schulz das schlechteste SPD-Ergebnis seit 1949 einfuhr. Die guten Werte seien für ihn „Ansporn, noch mehr und härter zu arbeiten“, so Droßmann. Niemand dürfe denken, die Wahl sei bereits entschieden. Die SPD sei „nicht Tagesform, sondern Ausdauer“.

Tschentscher betont die Geschlossenheit seiner Partei

Diesen Kurs, gespeist vom alten Malocher-Ethos der Partei, gibt auch SPD-Landeschefin und Sozialsenatorin Melanie Leonhard vor. „Die Chance für eine Regierung unter sozialdemokratischer Führung mit einem Kanzler Olaf Scholz ist so groß wie nie. Was noch vor wenigen Wochen niemand für möglich gehalten hätte, ist nun in greifbare Nähe gerückt“, sagt Leonhard und fügt hinzu: „Auch in Hamburg können wir diesen deutlichen Stimmungswandel spüren. Wir wollen das nutzen und alle sechs Hamburger Wahlkreise direkt gewinnen. Für dieses Ziel lohnt es sich, weiter konzentriert zu arbeiten und alle Kräfte für die heiße Wahlkampfphase zu bündeln.“

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hatte frühzeitig wie Scholz gesagt, am Ende werde es darum gehen, wem die Menschen das Kanzleramt zutrauen. Wie bei der Bürgerschaftswahl auf ihn so sei die jetzige SPD-Kampagne deswegen ganz auf Scholz zugeschnitten. Alles läuft nach Plan, heißt das wohl. Die Gefahr, das Rennen zu früh für gelaufen anzusehen, sieht Tschentscher nicht. Er betont die Geschlossenheit seiner Partei, die auch nach außen strahle.

Bei den Grünen spricht nach wie vor vieles für ein Rekordergebnis

Bei den Grünen spricht nach wie vor vieles für ein Rekordergebnis, auch wenn die schönsten Blütenträume wohl nicht reifen werden. „Ob stärkste oder am Ende zweitstärkste Kraft in diesem Dreikampf, wichtig ist jetzt jeder Prozentpunkt“, sagt die Grünen-Landeschefin Maryam Blumenthal. Nach wie vor spreche viel dafür, dass die Grünen mitregierten. „Wir brauchen ein bestmögliches Ergebnis, um möglichst viel in den Koalitionsverhandlungen zu erreichen“, sagt Blumenthal, die im Sommer forsch noch sechs Direktmandate für die Grünen als Wahlziel formuliert hatte.

Ex-Justizsenator Till Steffen, Direktkandidat der Grünen in Eimsbüttel, hat „die Implosion der Union“ nicht erwartet. „Vor dem Hintergrund wundert mich nicht, dass Wähler bei der SPD landen. Deswegen wird es schwierig für uns, vor der SPD zu bleiben“, sagt Steffen. Trotzdem bleibe er für sich und seinen Wahlkreis optimistisch.

Bei der CDU stellen sie derweil pessimistische Rechnungen an. Wegen der Wahlrechtsreform waren ohnehin nur noch drei statt der bislang vier Bundestagsabgeordneten realistisch. Jetzt wackelt das dritte Mandat, manch einer fürchtet sogar schon um das zweite. Aber vielleicht gibt es wieder Überhang- und Ausgleichsmandate – dank der SPD?

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