Polizei Hamburg

Wurden Kapitalanleger um Millionen geprellt?

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André Zand-Vakili
Bei der Firmengruppe sollen vor allem Kleinanleger ihr Geld angelegt haben (Symbolbild).

Bei der Firmengruppe sollen vor allem Kleinanleger ihr Geld angelegt haben (Symbolbild).

Foto: picture alliance / ZB | Jens Kalaene

Landeskriminalamt durchsucht Räume einer Hamburger Firmengruppe, die im großen Stil Geld veruntreut haben soll.

Hamburg. Es geht um den Verdacht der Veruntreuung im großen Stil. Beamte des Landeskriminalamtes, Abteilung Wirtschaftskriminalität, haben an der City die Geschäftsräume einer Firmengruppe durchsucht. Kapitalanleger sollen um mindestens 2,5 Millionen Euro geprellt worden sein. Es geht um regelmäßige Kapitaleinlagen, die teils über Jahrzehnte laufen und von Experten als „Hochrisikoanlage“ eingestuft werden.

In bunten Prospekten wurden drei Fonds angepriesen, die in verschiedene Finanzprodukte investieren, darunter „Umwelt und erneuerbare Energien“ oder „Immobilien“. Dabei handelt es sich um „Blind-Pools“, geschlossene Fonds, in denen Geld eingesammelt wird, ohne das feststeht, in welche Unternehmen genau investiert wird.

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Es sollen vor allem Kleinanleger Geled angelegt haben

Im Fall der jetzt durchsuchten Firmengruppe sollen es vor allem Kleinanleger sein, die Geld anlegten. Schon ab 50 Euro pro Monat sollte man Miteigentümer an den Fonds werden können. Oft sollte die Investition eine ergänzende Altersversorgung sein. Teilweise, so Anwalt Klaus Seimetz, der knapp ein Dutzend Anleger vertritt, sei sogar empfohlen worden, Lebensversicherungen zu kündigen und das Geld in einen der Fonds zu investieren.

Rechtsanwalt Josip Plockinjic, dessen Kanzlei „hunderte“ Anleger vertritt, moniert zudem, dass entgegen der Verträge Geld auch in einzelne Projekte geflossen seien, beispielsweise ein Hotel oder einen Golfclub in Kanada. „Das ist noch einmal risikoreicher, als eine Investition in einen Fond“, so Plockinjic. Zudem hätten die Anleger erst im Nachhinein und oft recht vage erfahren, wo ihr Geld investiert wurde. In mindestens einem Fall ist im Handelsregisterauszug nachzulesen, dass der Inhaber der Firmengruppe persönlich als Inhaber eines Hotels eingetragen ist und nicht der Fonds, aus dessen Geld der Kauf finanziert wurde. Ohnehin sind die Fonds der Hamburger Unternehmensgruppe nach Einschätzung der Fachanwälte hoch unseriös und nicht als ergänzende Altersversorgung geeignet, für die ausschließlich Anlagen eingesetzt werden dürfen, die „hinreichend sicher“ sind.

Hohe Kosten für Anleger durch Gebühren und Aufschläge

Beide Anwälte vertreten Anleger, die aus den Verträgen, die teilweise erst 2042 kündbar sind, heraus wollen und dafür „Formfehler“ geltend machen. Die Chancen sind nach Einschätzung von Rechtsanwalt Seimetz gut. Saarbrückener Richter haben bereits ein Gutachten abgesegnet, das den Anlegern recht gibt. Die Prozesse sind bislang nicht abgeschlossen. Allerdings gibt es bereits Verhandlungen über Vergleiche.

Der Anwalt selbst sieht die Fonds als „Resterampe“, da ein Drittel bis zur Hälfte des Geldes in Produkte aus der Firmengruppe flossen, zu der die Fonds gehören und die der Jurist als schwer bis unverkäuflich einschätzt. Darüber hinaus entstanden für die Anleger hohe Kosten durch Gebühren und Aufschläge. Um die 25 Prozent des eingezahlten Geldes seien laut Insidern in „Projektierungskosten“ geflossen, hinter der sich Vertrieb, Rechtsberatung oder die bunten Hochglanzprospekte verbargen.

Vetternwirtschaft soll eine Rolle gespielt haben

Mit der Durchsuchung hat der Fall eine neue Qualität bekommen. Denn die Ermittler des Landeskriminalamtes gehen davon aus, dass der 55 Jahre alte Verantwortliche der Firmengruppe Geld der Anleger in Unternehmen investierte, die nicht die versprochenen Kriterien erfüllen. Dabei soll Vetternwirtschaft eine Rolle gespielt haben, also das Geld in Firmen gesteckt worden sein, zu deren offiziellen Inhabern der 55-Jährige eine ganz persönliche Verbindung hat. Das soll bereits seit 2019 so gegangen sein.

Bislang geht man von einem Vermögensschaden von 2,5 Millionen Euro aus. Allerdings ist unklar, wie es um die restlichen Fondseinlagen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages bestellt ist. Laut Brancheninsidern sollen bereits 2017 etwa 11.000 Anleger mehr als 250 Millionen Euro in verschiedene Fonds investiert haben.

Die Polizei hat bei der Durchsuchung zahlreiche Unterlagen und elek­tronische Datenspeicher sichergestellt. Die Auswertung dürfte Monate dauern. Erst dann wird man ein Bild davon haben, wie die Geschäfte tatsächlich gelaufen sind. Durchsucht wurde auch die Privatwohnung des 55-Jährigen in einem Altbau in Eppendorf.

Bereits in der Vergangenheit Turbulenzen um die Fonds

Viele Anleger dürften jetzt noch mehr um ihr Geld zittern. Dabei hatte es bereits in der Vergangenheit Turbulenzen um die Fonds gegeben. Einschlägige Internetportale berichteten bereits 2017, dass sich die Verantwortlichen der Fonds mit „Umwelt, Rohstoffen und erneuerbaren Energien“ regelrecht „verzockt“ hätten. Die angepeilten Erlöse aus den drei Fonds lagen danach bereits damals weit unter den Ankündigungen.

Eine der wenigen Chancen für die Anleger, aus den Fonds auszusteigen, wäre, ihre Anteile an der Fondsbörse zu verkaufen, wo solche Beteiligungen gehandelt werden. Das ist mit hohen Verlusten verbunden. Denn die Erlöse sind minimal. Spekulanten sind aktuell bereit maximal etwa zehn Prozent des Einlagewertes für die Fondsanteile zu bezahlen.

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