St. Georg

Hamburgs Kampf gegen die Straßenprostitution

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Josef Nyary
Polizisten überwachen im Jahr 2012 das neue Kontaktverbot.

Polizisten überwachen im Jahr 2012 das neue Kontaktverbot.

Foto: Christian Charisius / picture alliance / dpa

Vor 60 Jahren verbot der Senat in St. Georg und anderen Teilen der Stadt das Anschaffen im öffentlichen Raum.

Hamburg. Die Lage ist dramatisch, die Gefahr allgegenwärtig, die Bevölkerung auf Zinne: Seit den 1950er-Jahren wuchert der Straßenstrich überall in der Stadt, dehnen Prostituierte und Freier ihre unerwünschten Gewerbegebiete ständig weiter aus, machen sich immer mehr Eltern Sorgen um schädliche Einflüsse auf ihre heranwachsenden Kinder.

Im März 1961 platzt einigen besonders beunruhigten Bewohnern der Kragen: Der Grundeigentümer-Verein St. Georg-Borgfelde, die Raab-Erbengemeinschaft, das katholische Pfarramt St. Marien in der Danziger Straße und rund 200 Anwohner der vom „Milieu“ okkupierten Straßen machen dem SPD-Senat unter dem Ersten Bürgermeister Paul Nevermann mit einem Brandbrief ordentlich Dampf. Technisch handelt es sich bei dem geharnischten Protestschreiben nur um eine Petition, doch die durchschlagende Wirkung ist vorhersehbar: Nevermann hat sein Amt erst zu Jahresbeginn nach zähem Ringen mit seinem überaus populären Vorgänger, dem legendären Max Brauer, übernommen und seinen Stuhl längst noch nicht perfekt ausbalanciert.

Paul Nevermann ist kein Spießer

Die neue Nummer eins im Rathaus setzt deshalb vor allem auf eine gute Kommunikation zwischen allen gesellschaftlichen Lagern und wirbt in einer Gesprächsoffensive mit Sachkenntnis, gewinnenden Umgangsformen und viel Charme um die Zustimmung möglichst vieler Hamburger. Denn schon im November stehen Bürgerschaftswahlen an. Nevermann ist kein Spießer, doch die plötzliche Aufregung um die käufliche Liebe am Straßenrand wird zur Gefahr für Hamburgs großstädtische Liberalität: Das bunte Treiben des Welthafens muss sich immer wieder mit der bürgerlichen Moral und den Sorgen der Kirchen auseinandersetzen. Mal ist die Hansestadt ein riesiges Bordell, dann wieder eine allen Vergnügungen feindliche Freudenwüste.

Zeitgeist und sich wandelnde Lebenswirklichkeiten bewegen die Behörden immer wieder zu bocksprungartigen Wechselschritten zwischen libertärem Laissez-faire und drakonischem Totalverbot. Das Ringen zieht sich durch die gesamte Geschichte. Das Stadtrecht von 1292 weist den „gemenen wandelbaren frouwen“ einige Straßen und eine spezielle Tracht mit Haube zu. Zwei Jahrhunderte später sprießt das mittelalterliche Sündengewerbe mit dem Segen des Senats in zahlreichen städtischen Buden am Steintor. Erst die Syphilis des 16. Jahrhunderts macht den Prostituierten das bezahlte Liebesleben schwer: Gerichtsdienern wird „anbefohlen, an verdächtigen Orten Türen und Fenster zu öffnen, und diejenigen, welche bei nächtlicher Weile unbekleidet gefunden wurden, sofort gefänglich einzuziehen“. Den Ertappten droht zwangsweise Besserung in einem „Werk- und Zuchthaus“ an der Binnenalster. In schweren Fällen ist Auspeitschen fällig, bis 54 Streiche mit drei Ruten. Bordellwirte werden erst an den städtischen Pranger gestellt und danach „für alle Zeit“ aus der Stadt gejagt.

Prostituierte weichen einfach aus

Doch wenn es um die Lust der Männer geht, werden bald selbst schärfste Waffen stumpf. Die Prostituierten weichen einfach aus und siedeln sich vor den Stadtmauern an. Auf dem Hamburger Berg hinter dem Millerntor breitet sich ein Biotop der Gesetzlosigkeit aus, in dem mit dem Vergnügen bald auch das das Verbrechen gedeiht. 1797 schwenkt die politische Meinung um, und das einträgliche Gunstgewerbe kehrt zurück. Der Senat schafft allerdings die „unanständige Kleidertracht der Huren“ ab und bedenkt die „Torfträgersprache“ – ein „abscheuliches Plattsprechen“ der Dirnen – mit „dem strengsten Tadel“.

1806 besetzen Napoleons Franzosen die Stadt, und sofort schießen überall Bordelle wie Spargel im Mai aus dem Boden. Ein Jahr später versucht der Senat mit strengen gesundheits- und sittenpolizeilichen Vorschriften gegenzusteuern. Die „Dirnen“ müssen Steuern zahlen, die Bordelle Konzessionen kaufen. Auf dem Hamburger Berg, 1833 in „St. Pauli“ umbenannt, boomt das Beischlafbusiness noch lange unter eigener Verwaltung: Die Tanzwirtschaften besitzen Bordell-Lizenzen, und es erblüht ein „Kiez“, den es so nur in Hamburg gibt.

Herbertstraße auf St. Pauli hieß einst Heinrichstraße

1863 erreicht die Kaufliebe neue Rekordwerte, in Hamburg gibt es 180 Bordellen und 1047 Prostituierte. Dann aber schlägt die Stimmung wieder einmal um: Die Preußen kommen, und nach den protestantisch strengen Regeln aus Berlin müssen nach der Reichsgründung 1871 auch in Hamburg alle Freudenhäuser schließen. Die findigen Bordeliers retten ihr Geschäft jedoch durch einen schlauen Schwindel: Sie nennen ihre Etablissements einfach „Beherbergerhäuser“ und dürfen weitermachen. Mit der Industrialisierung steigt auch die Lustproduktion: 1890 zählen Zeitzeugen bis zu 4000 Dirnen, und die Verwaltung vergibt Konzessionen für Bordelle, die das Strafgesetzbuch eigentlich verbietet.

Weil sich die einschlägigen Adressen explosionsartig vermehren, beschränkt Hamburgs Verwaltung das so ungeliebte wie unausrottbare Gewerbe auf bestimmte Straßen. Eine davon ist die Heinrichstraße in St. Pauli. Am 1. Januar 1900 wird der gesamte Bordellbetrieb des weltberühmten Amüsierviertels auf die knapp 100 Meter lange Gasse nahe der Reeperbahn konzentriert. Die heimliche Straßenprostitution aber bleibt, und nach Eröffnung des Hauptbahnhofes 1906 breitet sie sich auch in St. Georg aus. Am Gänsemarkt wiederum stirbt 1912 der dänische König Friedrich VIII. an einem Herzinfarkt, den er Gerüchten zufolge in einem nahen Edelbordell erlitt. Neun Jahre später laufen Frauenvereine und Sozialdemokraten Sturm gegen die Prostitution, und die Bürgerschaft schließt die Bordelle.

1922 wird aus der Heinrich- die Herbertstraße. In ihren Häusern sitzen rund 200 Prostituierte auf Hockern in Koberfenstern und präsentieren ihr Geschäftsmodell mit zuweilen ähnlich deftigen Ausdrücken wie ihre Vorgängerinnen. Die Nazis stellen zum Schutz der Volksgesundheit immerhin Sichtblenden an Ein- und Ausgang auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg treiben Hunger und Not auch viele Hamburgerinnen in die Prostitution. In der Wirtschaftswunderzeit liefert vor allem die oft illegale Zuwanderung aus ärmeren Ländern immer neue Opfer für die schlimme sexuelle Ausbeutung. Dabei erreicht auch der Straßenstrich besonders um Reeperbahn und Hauptbahnhof neue Dimensionen. Der Protest der Bürger von St. Georg vor sechzig Jahren ist nicht der erste, aber der bis dahin wirksamste. Die Klagen wegen der ständigen Belästigungen durch das „Dirnenunwesen“ mit betrunkenen Freiern und brutalen Zuhältern, die Vermüllung von Hauseingängen mit Bierflaschen und Präservativen und die ständige sittliche Bedrohung spielender Kinder schlagen voll durch.

Am 22. August 1961 erlässt der Senat eine Sperrgebietsverordnung für St. Georg sowie Teile der Alt- und Neustadt. St. Pauli bleibt ausgenommen. Bei den Bürgerschaftswahlen im November 1961 erringt die SPD mit 57,4 Prozent ihren bis dahin größten Sieg.

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