Olympia

Sommerspiele haben sich für die Hamburgs Sportler gelohnt

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Björn Jensen
Die vier Protagonisten der Abendblatt-Serie auf dem Hamburger Rathausmarkt: Hockeyspielerin Amelie Wortmann, Ruderer Torben Johannesen, Beachvolleyballer Julius Thole und Schwimmerin Julia Mrozinski (von links nach rechts).

Die vier Protagonisten der Abendblatt-Serie auf dem Hamburger Rathausmarkt: Hockeyspielerin Amelie Wortmann, Ruderer Torben Johannesen, Beachvolleyballer Julius Thole und Schwimmerin Julia Mrozinski (von links nach rechts).

Foto: Roland Magunia

Im letzten Teil der Olympiaserie ziehen die vier Hamburger Protagonisten ihr ganz persönliches Fazit der Sommerspiele in Tokio.

Hamburg. Als das Abendblatt im Januar 2020 vier Hamburger Olympiakandidatinnen und -kandidaten bat, sich für eine Langzeitbegleitung zur Verfügung zu stellen, da konnte niemand absehen, dass diese Zeit viel länger werden würde als angenommen. 18 statt sechs Monate sind seitdem vergangen. 18 Monate voller Zweifel und Enttäuschung, aber auch voller Hoffnung und Glück.

Die Sommerspiele in Tokio haben nun, unter dem weitreichenden Einfluss der Pandemie, tatsächlich stattgefunden. Und heute, im letzten Teil unserer Serie, ziehen die vier Protagonisten ihre ganz persönliche Bilanz, die letztlich aber doch unter einer gemeinsamen Überschrift laufen kann: Es hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Torben Johannesen: Rudern

Er hat mit der Silbermedaille seinen Frieden gemacht. Und wahrscheinlich ist das die schönste Nachricht, die es geben kann, wenn man die Bilder im Kopf hat, die Torben Johannesen und der Deutschlandachter kurz nach dem Zieleinlauf ihres olympischen Finales am 30. Juli in die Welt hinausschickten. Da kauerten neun Männer in ihrem Boot, geschlagen von überragenden Neuseeländern, und aus ihren Gesichtern sprachen Erschöpfung und Enttäuschung. „Als wir über die Ziellinie fuhren, wussten wir, dass es nicht zu Gold gereicht hat, und das war im ersten Moment schon eine harte Enttäuschung“, sagt der 26 Jahre alte Lehramtsstudent vom Ruderclub Favorite Hammonia.

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Vom Deutschlandachter als Flaggschiff des Deutschen Ruder-Verbands wird nicht nur in der Öffentlichkeit der Olympiasieg erwartet, auch die Athleten selbst setzen sich das höchste aller Ziele. „Als ich zum ersten Mal ein Foto der drei Tokio-Medaillen gesehen habe, wusste ich: Die goldene will ich“, sagt Torben Johannesen. „Diesen Anspruch brauche ich, um mich jeden Tag zum Training zu motivieren. Nur dieser Druck führt uns zu Höchstleistung.“ Wer allerdings mit der Denkweise, dass der Zweite der erste Verlierer ist, in ein olympisches Rennen geht, der braucht Zeit, um zu verstehen, dass das nicht stimmt.

Bei Torben Johannesen dauerte es zwei Tage, ehe der Stolz auf das Erreichte den Ärger über das Verpasste verdrängte. „Es war eine komische Situation. Ich kam nach dem Rennen ins Dorf zurück, eine Silbermedaille um den Hals, und dachte: Du müsstest doch jetzt glücklich sein! Aber ich konnte mich nicht freuen, ich war komplett leer“, sagt er.

Nach einem langen Spaziergang durchs olympische Dorf führte er ein ebenso ausführliches Gespräch mit seinem Sportpsychologen. Und dann, nach und nach, brach sich die Gewissheit Bahn, Großes erreicht zu haben. „Wenn man die Entwicklung sieht, die wir genommen haben, von Platz vier bei der EM in Italien im April bis hin zu Olympiasilber in einem absolut hochklassigen Rennen, dann dürfen wir wirklich stolz auf uns sein“, sagt er.

Torben Johannesen war der Einzige aus dem Quartett dieser Serie, der in Rio 2016 schon olympische Erfahrung sammelte. Damals kam er als Ersatzmann nicht zum Einsatz, konnte aber das besondere Flair aufsaugen. „Das hat es in Tokio in der Form nicht gegeben, aber darauf war ich vorbereitet, und ich fand es nicht so trist, wie man es befürchten musste“, sagt er. Komplett unterschätzt habe er das Fehlen von Zuschauern, „ich dachte, das wäre mir egal, aber die Atmosphäre im Endspurt hat mir dann doch sehr gefehlt.“ Zudem sei es mental ermüdend gewesen, in ständiger Angst vor einem positiven Corona-Test zu leben. „Das war das Anstrengendste“, sagt er.

Weil die Corona-Auflagen eine Abreise innerhalb von 48 Stunden nach dem letzten Wettkampf forderten, ist Torben Johannesen bereits seit dem 1. August wieder in Hamburg. Er hat Empfänge in der Team-Hamburg-Lounge der Handelskammer und bei seinem Verein hinter sich. Das Trainingspensum hat er deutlich reduziert, auch wenn am letzten Augustwochenende noch das traditionelle Langstreckenrennen auf dem Nordostseekanal ansteht.

Danach wird er einen Monat Urlaub machen, ehe Anfang Oktober die Vorbereitung auf die neue Saison beginnt. Und damit auch die Einstimmung auf Paris 2024, denn immer wenn Torben Johannesen seine Silbermedaille anschaut, ist da ein Gedanke in seinem Kopf: „Dass ich unbedingt eine zweite haben will, und nicht aus Silber oder Bronze.“

Amelie Wortmann: Hockey

Am Tag, nachdem Torben Johannesen Silber gewonnen hatte, lief er in der Mensa im olympischen Dorf Amelie Wortmann über den Weg. „Ich durfte seine Medaille in der Hand halten und dachte: So eine will ich auch!“, erinnert sich die 24 Jahre alte Mittelfeldspielerin vom Uhlenhorster HC.

Zwei Tage später, am 2. August, ertrank dieser Traum in Tränen der Enttäuschung. 0:3 unterlagen die deutschen Hockeydamen im Viertelfinale des olympischen Turniers gegen Argentinien, und dieses Erlebnis teilt das Fazit der Psychologiestudentin in zwei Hälften. „Wenn man dieses Spiel ausklammert, dann war Olympia ein unglaublich schönes Erlebnis. Leider überschattet die Niederlage die schönen Erfahrungen, die ich machen durfte, etwas“, sagt sie.

Eine starke Vorrunde mit nur einer Niederlage (1:3) gegen den übermächtigen Olympiasieger aus den Niederlanden hatten Wortmann und ihr Team gespielt, „wir waren perfekt vorbereitet und fühlten uns in sehr guter Verfassung.

Aber dann haben wir es an dem Tag nicht geschafft, unser Spiel durchzubringen.“ Zu sehen, dass im Spiel um Bronze mit Großbritannien und Indien zwei Teams standen, die die Deutschen in der Gruppenphase besiegen konnten, habe die Brutalität des Ausscheidens noch spürbarer gemacht. Die Verarbeitung des Ganzen dauere immer noch an. „Einige haben zwei Tage durchgeweint, andere sind direkt nach dem Spiel schon in die Analyse gegangen. Ich konnte gar nichts tun, habe nur Leere gespürt und mir das Spiel auch nicht noch einmal angeschaut“, sagt sie.

Bereits am Morgen nach dem Viertelfinalaus flogen die Hockeydamen nach Deutschland zurück. Und mit ein paar Tagen Abstand, nach aufmunternden Gesprächen mit ihrer Familie und ihrem Freund, kann auch Amelie Wortmann die sportliche Enttäuschung mit den überwältigenden Erlebnissen in Einklang bringen.

„Olympia ist ohne Frage ein Highlight meines Lebens gewesen, diese Erfahrung möchte ich auf keinen Fall missen“, sagt sie. Insbesondere die Eröffnungsfeier habe einen unvergleichlichen Effekt gehabt. „Auch wenn keine Zuschauer im Stadion und die Teamdelegationen kleiner waren als sonst, fand ich es atemberaubend, das mitzuerleben. In dem Moment, als kurz vor dem Einmarsch die Nationalhymne angestimmt wurde, habe ich realisiert, dass ich Teil des größten Sportevents der Welt bin.“

Um das noch einmal zu erleben, und um die Medaille zu gewinnen, die sie schon in Tokio wollte, peilt Amelie Wortmann in drei Jahren in Paris ihren zweiten Olympiastart an. Daran denken will sie jedoch zunächst nicht. Am vergangenen Dienstag ging es in den Griechenland-Urlaub, Anfang September steht der Saisonauftakt in der Feldbundesliga mit ihrem UHC auf dem Programm. Das Nationalteam allerdings macht ein paar Monate Pause. „Die brauchen wir auch dringend, vor allem mental“, sagt Amelie Wortmann.

Julius Thole: Beachvolleyball

Pause? Was ist das? Natürlich waren auch Julius Thole und sein Teampartner Clemens Wickler (26) körperlich und mental ausgelaugt nach ihrer gemeinsamen Olympiapremiere. Aber weil Beachvolleyball nur im Sommerhalbjahr gespielt werden kann, ist der Kalender vollgepackt – und die Vizeweltmeister vom Eimsbütteler TV waren in der vergangenen Woche bei der EM in Wien bereits wieder am Netz, schieden im Achtelfinale aus und spielen in dieser Woche beim neuen Turnierformat „King of the Court“ am Rothenbaum. „Wir sind ja noch jung, und wir hatten in diesem Jahr auch nicht so viele Gelegenheiten, gemeinsam Turniere zu spielen. Also ist das für uns völlig okay“, sagt Thole.

Tatsächlich hatten der 24 Jahre alte Blockspieler und sein Abwehrpartner eine Vorbereitung auf den Höhepunkt ihrer bisherigen Karrieren, die mit dem Prädikat „unglücklich“ noch harmlos umschrieben ist. Ein einziges Turnier konnten sie vor Tokio in Normalform absolvieren, nachdem zunächst Wickler wegen einer Blinddarmoperation und anschließend Thole wegen einer Bänderverletzung im Sprunggelenk ausgefallen war. Unter diesen Umständen darf der fünfte Platz, der nach dem Viertelfinal­aus gegen die russischen Weltmeister und späteren Olympiazweiten Wjatscheslaw Krassilnikow und Oleg Stojanowski am 4. August feststand, als Maximalausbeute betrachtet werden.

„Uns fehlten einfach Spiele auf Spitzenniveau. Aber wenn man sieht, dass wir vor vier Jahren auf Weltranglistenposition 80 die gemeinsame Mission gestartet haben, dann dürfen wir auf dieses Ergebnis stolz sein. Hätte man uns das damals gesagt, hätten wir es niemals geglaubt“, sagt Julius Thole.

Das Gefühl, als Olympiateilnehmer zur absoluten sportlichen Weltelite zu zählen, wiege alle Strapazen der vergangenen 18 Monate auf, sagt der Jurastudent, der den besonderen Geist Olympias trotz der vielen Einschränkungen gespürt hat. „Wir sind auf unglaublich gastfreundliche Gastgeber gestoßen, die alles getan haben, um uns das Gefühl zu geben, dass wir willkommen sind“, sagt er. Alles sei gut organisiert gewesen.

Den größten Eindruck habe das bunte Athletengemisch im Kraftraum hinterlassen. „Ich fand es total spannend zu sehen, wie sich beispielsweise Basketballer für ihre Spiele aufgewärmt haben oder wie unfassbar hart Gewichtheber trainieren. Das sind Eindrücke, die für immer bleiben werden“, sagt er. Obwohl größtmögliche Vorsicht Trumpf war, sei der Kontakt zu internationalen Athletinnen und Athleten möglich gewesen.

„Und ich glaube, dass wir die Balance zwischen Konzentration auf unsere Matches und das Auskosten der Eindrücke sehr gut hinbekommen haben. Wir haben bewusst Inseln der Entspannung eingebaut, weil man es nicht schaffen kann, über eine so lange Phase die Anspannung hoch zu halten“, sagt er. Die Anspannung, die bei Olympia herrsche, sei mit nichts anderem zu vergleichen.

„Ich habe vor Spielen weniger geschlafen als sonst. Aber das gehört dazu, diese Erfahrung haben wir jetzt gesammelt.“ Sie soll helfen, damit in drei Jahren in Paris der nächste Schritt – der in die Medaillenrunde – gelingen kann. Zwar werde man sich nach der Saison, die mit den deutschen Meisterschaften in Timmendorfer Strand Anfang September einen weiteren Höhepunkt bereithält, zu einem Bilanzgespräch treffen, um den Olympiazyklus abschließend zu analysieren. „Aber es spricht sportlich und menschlich vieles für eine Fortführung unserer Partnerschaft.“

Julia Mrozinski: Schwimmen

Der Anlauf, den Julia Mrozinski genommen hat, um in Paris ihre Olympiapremiere zu erleben, ist ein weiter. Am vergangenen Mittwoch flog die 21-Jährige in die USA, um an der University of Tennessee einerseits zu studieren, andererseits aber auch ihre Schwimmkarriere auf das nächste Level zu hieven. Die Tokio-Spiele hatte die Freistilspezialistin von der SGS Hamburg bei der nationalen Qualifikation in Berlin Ende April verpasst, und so blieb ihr nun, während ihre Teamkolleginnen und -kollegen in Japan um olympische Ehren kämpften, nichts anderes übrig, als vor dem Fernseher die Daumen zu drücken.

„Vor dem Start der Wettbewerbe konnte ich nicht einschätzen, wie es mir damit gehen würde, nur aus der Ferne zuschauen zu können. Aber letztlich habe ich mir doch ziemlich viel angeschaut, auch Wettkämpfe anderer Sportlerinnen und Sportler aus Hamburg, die ich kenne und mit denen ich mitgefiebert habe“, sagt sie. Letztlich sei der Schmerz nicht so schlimm gewesen wie befürchtet, „ich habe gespürt, dass ich mein persönliches Aus gut verarbeitet und das Ganze für mich abgehakt habe.“

Besonders angespannt war Julia Mrozinski vor dem Rennen der 4x100-Meter-Freistilstaffel, für die sich an ihrer Stelle ihre Freundin und Trainingspartnerin Hannah Küchler qualifiziert hatte. „Mit Hannah hatte ich täglich Kontakt, wir haben uns geschrieben oder auch gesprochen. Ich habe versucht, aus der Entfernung so gut wie möglich als Unterstützung zu dienen, aber nur in dem Maße, wie ich es mir selbst gewünscht hätte, wenn ich an Hannahs Stelle gewesen wäre“, sagt sie.

Ihr persönlicher olympischer Höhepunkt sei der Auftritt von US-Turnstar Simone Biles gewesen, die einige Starts mit der Begründung absagte, mental nicht in der Lage für die von ihr erwarteten Höchstleistungen zu sein. „Das fand ich sehr mutig von ihr, denn der Umgang mit Leistungsdruck und der mentalen Gesundheit ist ein Thema, das viel mehr Beachtung verdient“, sagt sie.

Julia Mrozinski hat, während sie vor dem Fernseher saß und aus der Ferne mitfieberte, gespürt, dass das olympische Feuer in ihr nicht erloschen ist. „Ich will in den USA nun den Schritt gehen, der nötig ist, um 2024 die Wettkampfhärte zu haben, die ich brauche, um dann meine Olympiapremiere zu erleben“, sagt sie.

Nun denn, ihr vier tapferen Serien-Protagonisten: Auf ein Wiedersehen in drei Jahren in Paris.

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