Große Freiheit

Bischöfin: „Es gibt eine Industrie, die Frauen ausbeutet“

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Edgar S. Hasse
St. Pauli, Große Freiheit. Was schätzt Bischöfin Kirsten Fehrs am Vergnügungsviertel, was weniger?

St. Pauli, Große Freiheit. Was schätzt Bischöfin Kirsten Fehrs am Vergnügungsviertel, was weniger?

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

„Auf ein Wort an einem besonderen Ort“: In Hamburg spricht Kirsten Fehrs über käuflichen Sex, Freizügigkeit und St. Pauli.

Hamburg. Tabledance im „Dollhouse“, die Soldaten der Heilsarmee und Glaubensflüchtlinge – all das gehört zur „Großen Freiheit“. Hier startete das Abendblatt jetzt die neue Interviewreihe „Auf ein Wort an einem besonderen Ort“. Den Auftakt macht Kirsten Fehrs (59), Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. In diesem Interviewformat gibt der gewählte Ort die Themen vor. Beim Gespräch geht es um Freiheit, Freizügigkeit und Männer, die für Sex Geld zahlen.

Hamburger Abendblatt: Bischöfin Fehrs, auf der Reeperbahn nachts um halb eins… Gab es das jemals für Sie?

Kirsten Fehrs: Natürlich war ich schon öfter auf der Reeperbahn. Aber nachts um halb eins? Ich glaube, tatsächlich noch nicht. Ich habe mal spätabends Mitarbeitende der Teestube Sarah begleitet. Das ist eine kirchliche Initiative, die sich um Prostituierte kümmert, indem sie etwa in kalter Nacht heißen Kakao verteilt. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

Aber als Kind der Westküste hat es Sie doch sicher auch früher schon manchmal hierher gezogen. Oder nicht?

Fehrs: Sicher war ich mal im Grünspan, mit Live-Rock und Tanz auf drei Etagen. Aber ich habe damals vor allem Klassik und Gospel geliebt, das gab es eher an anderen Orten zu hören.

Wir flanieren gerade über die „Große Freiheit“. Hier fanden im 17. Jahrhundert handwerklich qualifizierte Glaubensflüchtlinge aus Holland und Italien eine neue Heimat. Was fällt einer Bischöfin dazu noch ein?

Fehrs: Große Freiheit – das war ja ursprünglich tatsächlich ein religiöser Begriff. In diesem Freibezirk, der früher zu Altona gehörte, galten andere Regeln als in den Stadtmauern: Hier gab es Religionsfreiheit und auch Gewerbefreiheit für die Handwerker. Als protestantische Christin finde ich es großartig, dass Hamburg diese Freiheit sozusagen in die Stadt geholt hat und heute als weltoffene, tolerante und multireligiöse Stadt gelten kann.

Wir gehen jetzt an der Bar von Olivia Jones vorbei. Kennen Sie Kiez-Prominenz und Kiez-Größen?

Fehrs: Ich kenne natürlich eine ganze Menge Menschen, auch auf St. Pauli. Und mich beeindruckt, wie viele sich hier für Toleranz und lebendige Vielfalt einsetzen und sich sozial engagieren. Olivia Jones tut dies ja auch, beispielsweise gegen Mobbing an Schulen. Und sehr großen Respekt habe ich davor, wie die Mitglieder der Heilsarmee hier auf dem Kiez rund um die Uhr für die Menschen da sind. Mit Suppe und Seelsorge.

Hinter uns befindet sich die Davidwache. Im Dezember 1960 verbrachten hier zwei Beatles, Paul McCartney und Pete Best, eine Nacht in einer Zelle. Der Vorwurf: Brandstiftung. Sie hatten in einem Kiez-Kino ein Kondom angezündet.

Fehrs: Nun gut, die Beatles wurden ja in Hamburg praktisch aus der Taufe gehoben und hatten hier sozusagen ihre Flegeljahre. Ihre Musik mag ich bis heute sehr. Bei meiner Abiturprüfung in Sportgymnastik musste ich zu „The Long And Winding Road“ die Übung mit dem Band machen. Die Beatles haben mich also wörtlich in Bewegung gebracht.

Diese Gymnastik funktioniert bestimmt noch heute!

Fehrs: Das müsste ich aber entschieden noch mal üben (lacht).

Würden Sie Ihren Gästen privat empfehlen, St. Pauli und die Reeperbahn zu besuchen?

Fehrs: Da sie an Vielfalt und Lebendigkeit interessiert sind, natürlich. St. Pauli ist ein hoch interessanter Stadtteil, mit Schmidts Tivoli, Millerntorstadion und dem St. Pauli Theater zum Beispiel. Das sind Orte, die sehr viel vom Geist dieses Stadtteils vermitteln. Sie spiegeln auch etwas Widerständiges, das mich als Neuhamburgerin immer fasziniert.

Wie beurteilen Sie es als Kirchenfrau, dass Männer Geld für Sex ausgeben?

Fehrs: In der Frage steckt schon das Problem: Sie geben ja nicht Geld für Sex aus, sondern dafür, dass Frauen oder Männer ihnen sexuell zur Verfügung stehen. Dafür gibt es eine Industrie, die Frauen schlicht ausbeutet. Das hat mit Freiheit allzu oft nichts mehr zu tun. Ich persönlich bin schockiert, wie viele Männer darüber nicht nachdenken.

Hat sich die Lage dieser Frauen im Vergleich zu den 1980er-Jahren verbessert?

Fehrs: Das vermag ich nicht zu beurteilen. Doch was ganz sicherlich unsere Gesellschaft aufrütteln sollte, ist Menschenhandel, der immer wieder mit Prostitution in Verbindung steht. Auch im Kontext mit Drogenabhängigkeit spielen sich Tragödien ab. Als Kirche vorbehaltlos da zu sein, zuzuhören, drängende Not zu lindern und zu beraten, ist eine ganz wichtige Aufgabe.

Sie haben auch Personalverantwortung. Was würden Sie tun, wenn Sie erfahren, dass einer Ihrer Pastoren die Dienste von Sexarbeiterinnen oder Sexarbeitern in Anspruch nimmt?

Fehrs: Pastorinnen und Pastoren sind verpflichtet, sich in ihrer Amts- und Lebensführung so zu verhalten, dass die glaubwürdige Ausübung des Amtes nicht beeinträchtigt wird. Darauf würde ich als Vorgesetzte deutlich hinweisen.

Längst hat sich die Freizügigkeit von der Großen Freiheit ins Internet verlagert. Menschen stellen sich im Internet sexuell dar und bekommen von ihren Fans Geld dafür. Wie ist das ethisch zu bewerten?

Fehrs: Mich beschäftigt nicht so sehr die moralische Frage, sondern eher die seelsorgerliche: Bleibt da nicht eine schmerzhafte innere Leere zurück, wenn man sich regelmäßig selbst so präsentiert? Denn es läuft ja auf sehr oberflächliche, auf das Körperliche fixierte Bewertungen hinaus. Das wird doch auf Dauer keinem Menschen gerecht.

Die Internetakteure selbst sagen, dass sie frei sind in ihrem Handeln. Anders als im analogen Sexgeschäft, wo es Zuhälter gibt.

Fehrs: Wie frei sie wirklich sind, wage ich anzufragen. Auch dieses Geschäft dürfte seine eigene Dynamik und eigene Zwänge haben.

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Wäre es nicht besser, diesen Stadtteil so umzugestalten, dass es hier keine Armut mehr gibt oder Prostitution, sondern den Luxus der gehobenen Mittelklasse?

Fehrs: In St. Georg haben wir gesehen, was Gentrifizierung heißt: Die vermeintliche Aufwertung eines Stadtteils verdrängt häufig die eingesessene Bevölkerung. Die Lage für die Drogenabhängigen und Prostituierten hat sich dort keineswegs verbessert, sondern verschlimmert. Wir brauchen Stadtteile, die integrieren können. Armut und Unfreiheit beseitigt man ja nicht, indem man sie verdrängt. Auf dem Kiez gibt es zwar auch Abhängigkeiten und Ausbeutung, aber eben dazu eine Menge Menschen mit dem Herzen auf dem richtigen Fleck.

Sind Sie mit der Präsenz von Kirche auf St. Pauli zufrieden? Wie kann Kirche rund um die Große Freiheit Menschen mit dem christlichen Glauben erreichen?

Fehrs: Indem sie ein offenes Ohr und Respekt vor der Würde eines jeden Menschen hat. Indem sie hilft, aus Abhängigkeiten herauszukommen. Und ja, ich bin beeindruckt von der Arbeit der St. Pauli Kirchengemeinde und der Elbdiakonie. Hier geschieht genau das, was wir als Nordkirche programmatisch voranbringen wollen: Kirche mitten im Stadtteil und mitten im Leben. St. Pauli ist ein Stadtteil mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen, mit vielen Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, mit vielen Obdachlosen und mit zahlreichen alten, armen Menschen. Wie gut, dass die Kirchengemeinde und die Diakonie das im Blick haben und immer wieder passgenaue Angebote entwickeln.

Trägt der Name „Große Freiheit“ noch, wenn es doch Ausbeutung und Abhängigkeiten gibt, wie Sie sagen?

Fehrs: Die Straße „Große Freiheit“ ist tatsächlich ein Ort, bei dem dieser Gegensatz zwischen Freiheit und Zwang deutlich wird. Macht und Ausbeutung gehören dazu, teilweise sogar Gewalt. Wenn es darum geht, dem evangelische Freiheit entgegenzusetzen, dann trägt der Begriff für mich nach wie vor sehr weit.

Nächste Folge: Malte Siegert, Vorsitzender des Nabu Hamburg, spricht am Cruise Terminal Altona über Kreuzfahrten und ihre Zukunft.

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