Esther Bejarano gestorben

„Niemals hat sie sich den Mut nehmen lassen“

| Lesedauer: 7 Minuten
Hamburgs früherer Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) überreichte Esther Bejarano im April 2012 das Große Bundesverdienstkreuz.

Hamburgs früherer Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) überreichte Esther Bejarano im April 2012 das Große Bundesverdienstkreuz.

Foto: picture alliance

Politiker und Verbände würdigen Esther Bejaranos Einsatz gegen Rassismus und Antisemitismus. Ihre Mahnungen sollen bleiben.

Hamburg/Berlin.  Zahlreiche Politiker und Verbände aus Hamburg und Deutschland haben die am Sonnabend in der Hansestadt verstorbene Jüdin und KZ-Überlebende Esther Bejarano als außergewöhnliche Bürgerin, Künstlerin und Aktivistin gewürdigt. Dabei hoben sie vor allem ihren unermüdlichen Einsatz gegen Antisemitismus und Rassismus hervor. Zugleich gab es Kritik, der Senat habe eine wichtige Ehrung versäumt. Die Hamburger Linken-Fraktion forderte, eine Straße oder Schule nach der Verstorbenen zu benennen.

Bejarano hatte den Holocaust überlebt, weil sie Akkordeon im Mädchenorchester von Auschwitz spielte. Nach dem Krieg wanderte die junge Frau nach Israel aus, kehrte 1960 jedoch mit ihrem Ehemann nach Deutschland zurück. Seitdem lebte sie in Hamburg.

Lesen Sie auch:

Bis zu ihrem Tod im Alter von 96 Jahren war sie unter anderem Vorsitzende des Auschwitz-Komitees. Ende 2019 erhielt Bejarano die Hamburgische Ehrendenkmünze in Gold vom Senat. Bereits 2012 war sie in Hamburg mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden.

Zusammen mit ihrem Sohn Joram und ihrer Tochter Edna sang Esther Bejarano jüdische und antifaschistische Lieder. Zuletzt tourten sie mit der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia durch Deutschland.

Das Abendblatt dokumentiert eine Auswahl der Reaktionen:


Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD):
„Die Nachricht vom Tod von Esther Bejaranos hat mich sehr traurig gemacht. Esther Bejarano hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, diskriminiert, verfolgt und gefoltert zu werden. Nach dem Krieg war es ihr eine innere Verpflichtung, als Zeitzeugin die Erinnerung an die Greueltaten des Naziregimes wachzuhalten und vor allem junge Menschen vor den Gefahren des Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu warnen.

Sie gründete das Auschwitz-Komitee und ermöglichte auf diese Weise viele Bildungsreisen in Konzentrationslager und Veranstaltungen gegen das Vergessen. Auch als Sängerin stand Esther Bejarano auf der Bühne. Wer sie je in ihrem musikalischen Element erlebt hat, wird sich immer daran erinnern: So mitreißend war sie! Sie wird immer einen Platz in unseren Herzen haben.“


Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD):
„Heute Nacht ist eine wichtige Stimme im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus von uns gegangen. Die wundervolle Ester Bejarano überzeugte mit ihrer Lebenskraft und unglaublichen Geschichte. Ihre Stimme wird uns fehlen.“


Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees:
„Ihre Gabe, Menschen für die Bewahrung der Erinnerung zu gewinnen, war ebenso legendär wie ihr Zorn über die Dummheit des Rechtsextremismus und den überall hervorbrechenden Antisemitismus, der sie zutiefst verstörte.“


Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank:
„Esther fand immer klare Worte, sie war sehr politisch, sehr präzise, sehr aufrichtig. Sie hatte auch viel Humor. Esther wird uns als Gesellschaft fehlen. Denn diese Stimme ist unersetzlich. Bei Esther gab es die Besonderheit, dass sie ihre Erlebnisse als Zeitzeugin nicht nur geschildert, sondern auch gesungen hat. Das ging direkt in die Herzen von Jugendlichen und Erwachsenen. Was wir aus Filmen, aus Geschichtsbüchern erfahren oder im Internet lesen, wird nie die persönliche Begegnung mit Esther und anderen Zeitzeugen ersetzen.“


Carola Veit (SPD), Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft:
„Esther Bejarano war eine bewundernswerte, beeindruckende Persönlichkeit mit einer starken Haltung. Niemals hat sie sich den Mut nehmen lassen, mit der Macht der Worte und der Musik gegen Unterdrückung und Diktatur anzugehen – in der Bildungsarbeit in Schulen oder bei unserer Rathaus-Veranstaltung ‚Nacht der Jugend‘, auf Demonstrationen oder als Vorsitzende des deutschen Auschwitz-Komitees. Ihre Botschaften gegen das Vergessen und für den Frieden werden bleiben, sie sind eine immerwährende Aufgabe, der wir uns voller Überzeugung gemeinsam stellen.“


Peter Tschentscher (SPD), Hamburgs Erster Bürgermeister:
„Mit dem Tod von Esther Bejarano verliert Hamburg eine außergewöhnliche Bürgerin, die sich bis ins hohe Alter für das Gemeinwohl engagierte. Unermüdlich erinnerte sie an die Schrecken des Nazi-Regimes und die Ursachen von Ausgrenzung, Krieg und Gewalt. Mit ihren oft streitbaren Wortmeldungen hat sie über viele Jahrzehnte wichtige Impulse für Demokratie, Erinnerungskultur und Gleichberechtigung gegeben. Ihr Engagement und ihr künstlerisches Wirken hat die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands mit geprägt.“


Carsten Brosda (SPD), Kultursenator:
„Esther Bejarano hat die Erinnerungskultur unseres Landes geprägt wie kaum eine zweite Persönlichkeit. Sie hat insbesondere junge Menschen immer wieder mit ihrer Botschaft erreicht – mit den Erinnerungen an das Leid, das sie unter den Nazis erleben musste, und mit der trotzigen Zuversicht ihrer Auftritte mit der Microphone Mafia. Sie war davon überzeugt, dass das Wissen um die Vergangenheit notwendig ist, damit wir den besseren Zustand der Gesellschaft als den denken können, in dem wir ohne Angst verschieden sein können, wie Adorno schrieb.


Dirk Kienscherf, Vorsitzender der SPD-Bürgerschaftsfraktion:
„Hamburg und Deutschland haben Esther Bejarano viel zu verdanken. Als stetige Mahnerin hat sie unserer Gesellschaft einen großen Dienst erwiesen. Viele Schülerinnen und Schüler haben durch sie aus erster Hand vom dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte erfahren. Jetzt, wo die Stimmen der Überlebenden immer mehr verstummen, ist es an uns Nachgeborenen, die Schrecken der NS-Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.


Maryam Blumenthal, Landesvorsitzende der Hamburger Grünen:
„Esther Bejarano war eine großartige Frau und ein großes Vorbild. Mit ihrer Kunst setzte sie sich ein für den Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus. Sie war eine wichtige Zeitzeugin. Mir drückt es auf mein Herz und auf meine Schultern, zu wissen, dass diese wichtige Frau nicht mehr mahnen kann. Nicht mehr erinnern kann. Sich nicht mehr einmischen kann. Ich wünsche ihrer Familie, insbesondere ihren Kindern Edna und Joram, viel Kraft bei diesem schweren Verlust.“


Christoph Ploß, Landesvorsitzender der Hamburger CDU:
„Esther Bejarano hat mit ihrem Engagement, ihrem Mut und ihrer Ausstrahlung immer wieder deutlich gemacht, dass die Gräueltaten der Nationalsozialisten nie in Vergessenheit geraten dürfen. Ihr Wirken wird unvergessen bleiben. Esther Bejaranos zentrale Botschaft wird auch in Zukunft unser Handeln leiten: Antisemitismus und Rechtsextremismus dürfen in Deutschland nie wieder eine Chance haben.“


Sabine Boeddinghaus, Vorsitzende der Linken-Fraktion:
„Esther hat uns über viele Jahre inspiriert, angespornt und ermutigt – ob es darum ging, Nazis auf der Straße entgegenzutreten, die Aufklärung der NSU-Morde einzufordern oder im Parlament für antifaschistische Politik zu streiten. Sie wird uns furchtbar fehlen – aber ihr Ansporn bleibt. Das Andenken an sie ist mit einem klaren Auftrag verbunden: Niemals aufgeben im Kampf gegen den Faschismus!“


Anna von Treuenfels-Frowein, FDP-Abgeordnete in der Bürgerschaft:
„Frau Bejarano war eine wichtige Zeitzeugin des Holocausts und eine stete Mahnerin gegen Antisemitismus. Ihr Tod macht uns traurig und ist die Aufforderung an uns alle, immer und überall gegen Antisemitismus zu kämpfen. Auch wenn sie nicht mehr unter uns ist, wird ihre mahnende Stimme nie verklingen.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg