Gymnasium Blankenese

Die Abi-Rede, die am Anfang eines Hamburger Eklats stand

Lesedauer: 11 Minuten
Katharina Hagena /HA
Katharina Hagena hat eine Rede für Hamburgs Abiturienten verfasst (Archivbild).

Katharina Hagena hat eine Rede für Hamburgs Abiturienten verfasst (Archivbild).

Foto: picture alliance / Arno Burgi | Arno Burgi

Bestsellerautorin Katharina Hagena sollte vor Abiturienten sprechen – doch sie durfte nicht. Hier kommt ihre ungekürzte Abschiedsrede.

Hamburg. Eigentlich wollte die Bestsellerautorin Katharina Hagena auf der Abiturentlassungsfeier des Gymnasiums Blankenese eine Abschiedsrede an die Schulabgänger halten. Hagenas Tochter ist in diesem Jahr Abiturientin, und Eltern des Gymnasiums wünschten sich die renommierte Schriftstellerin Hagena als Rednerin. Womit diese sich unvermutet zwischen den Fronten wiederfand. In Blankenese streiten derzeit Schul­leitung und weite Teile der Elternschaft.

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Ein Zwist, der nun in einen Eklat bei der Abi-Feier mündete: Die Rede, von der Katharina Hagena sagt, sie hätte „ein Zeichen der Versöhnung“ setzen können, durfte nach einer Intervention der Schulleitung nicht gehalten werden. Das Abendblatt dokumentiert die Rede auf dieser Seite – gewissermaßen auch als Geleitwort an alle Hamburger Abiturientinnen und Abiturienten, die aufgrund der Corona-Pandemie allesamt unter erschwerten Bedingungen ihre Hochschulreife erwarben.

Die Rede von Bestsellerautorin Katharina Hagena

Liebe Abiturient*innen,

eine mutige, kluge Frau schrieb, als sie ungefähr in Ihrem Alter war, ein Gedicht, das mir in der letzten Zeit manchmal in den Sinn kam, wenn ich an Sie, den Corona-Abi-Jahrgang 21, dachte. Ich sah Sie vor mir, in Ihren Klassenräumen sitzend, erst mit Baumwoll-, später mit Zellstoffmasken:

Das Gedicht, an das ich dachte, ist aus der Romantik und heißt „Die Töne“:

Ihr tiefen Seelen, die im Stoff gefangen,

Nach Lebensodem, nach Befreiung ringt;

Wer löset eure Bande dem Verlangen,

Das gern melodisch aus der Stummheit dringt?

Wer Töne öffnet eurer Kerker Riegel?

Und wer entfesselt eure Aetherflügel?

Ohne mich mit Aluhüten gemeinzumachen, erschienen mir doch unser aller Seelen zuweilen im Stoff der partikelfiltrierenden Halbmasken gefangen, nach Lebensodem ringend und auf die Entfesselung unserer Ätherflügel oder wenigstens unserer Nasenflügel hoffend.

Karoline von Günderrode, die Autorin dieses Gedichts, sehnte sich nicht nach der Befreiung von Verhaltensauf­lagen, weil Ansteckung vermieden werden musste, sondern nach der Befreiung von Verhaltensauflagen, weil sie eine Frau war. Sie kämpfte um ihre Bildung, um ihre Bücher, um Gerechtigkeit, ihre Redefreiheit, ihre Freiheit als Mensch. Sie war ihrer Zeit voraus und machte ihr deshalb selbst ein vorzeitiges Ende.

Hamburgs Abiturienten mussten um Bildung kämpfen

Sie, liebe Abiturient*innen, mussten in den letzten beiden Jahren auch um Ihre Bildung kämpfen, und wenn ich Sie jetzt sehe, muss ich sagen, Gratulation, Sie haben gewonnen. Heute feiern Sie ein Ende, das nicht vorzeitig ist, sondern gerade rechtzeitig. Das Ende Ihrer Schulzeit fällt zusammen mit dem Ende des Lockdowns. Es kommt gleichzeitig mit neuen Impfstofflieferungen, mit der Möglichkeit zu reisen oder, um es mit den Worten der Günderrode zu sagen, mit dem Öffnen der „Kerker Riegel“ und der Entfesselung Ihrer ganz persönlichen „Ätherflügel“, mit denen Sie jetzt, da Sie flügge sind, sich hinaus ins Leben schwingen werden.

Es gibt nichts zu beschönigen, Ihre Oberstufe stand ganz im Zeichen der Pandemie, und die meiste Zeit über trugen Sie Stoffmasken im Unterricht, wenn es einen solchen überhaupt gab. Es ist sicher nicht leicht, zum Beispiel offene Fragen zu beantworten, wenn das Gesicht halb bedeckt ist. Es ist schwer, frei und nach Herzenslust zu sprechen, wenn doch die „Seele im Stoff gefangen“ zu sein scheint.

Person selbst ist die Maske

Die Maske ist dennoch ein vielschichtiges Ding. Ihre unsichtbare Innenseite schmiegt sich an unser Gesicht, nimmt seine Form in sich auf, bildet dort Mulden, wo unsere Züge nach außen drängen. Die äußere Seite selbst können wir nach unserem Willen gestalten. Und doch gibt es Löcher in jeder Maske, durch die Äußeres nach innen und Inneres nach außen gelangt – und sei es nur unsere Atemluft.

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Wir bemühen uns zwar immer, die Person hinter einer Maske zu erkennen, aber eigentlich ist die Person selbst die Maske: Mit dem Begriff „persona“ war in der Antike die Theatermaske gemeint. Diese klassische persona hatte – im Gegensatz zur Corona-Maske – am Mund eine Öffnung, sodass die Stimme hindurchklingen konnte, was auf Lateinisch eben „per-sonare“ heißt. Also nicht die Maske, sondern, das, was durch die Maske dringt, bestimmt das Wesen eines Menschen, macht ihn zu einer Person.

Corona-Alphabet mit mehr als 1200 Wörtern

Ich glaube, liebe Abiturient*innen, dass Sie auch in Zukunft durch medizinische sowie metaphorische Masken hindurchzuklingen vermögen. Ich denke, das haben Sie gelernt. Vielleicht haben Sie sogar auf diese Weise besonders gut gelernt, dass Sie Ihre Stimme gegen einen Widerstand erheben können. Für Stummes und Verstummtes. Für den Regenwald und die Ozeane. Und dass Sie für „gefangene Seelen“ überall auf der Welt das Wort ergreifen können. Denn darum geht es in diesem Gedicht.

Sie haben schließlich auch im Lockdown und mit Maske Ihre eigene persona, Ihre Persönlichkeit, weiter entfaltet. „Lockdown“ ist übrigens eines der mehr als 1200 neuen Wörter aus dem Corona-Alphabet, das gerade Sie immer wieder am eigenen Leib durchexerzieren mussten: A wie Abstandsregel, B wie Balkonklatscher, C wie Covidioten, D wie digitales Klassenzimmer, E wie Ellenbogengruß, F wie Frischluftquote, G wie Glühwein-Hopping, H wie Hybridunterricht, I wie Infektionsgemeinschaft, J wie Jahrgang Corona, K wie Kontaktnachverfolgungsapp, L (mein Liebling) wie Lockdownfrise, M wie Maske, N wie Nasenbohrertests, O wie overzoomed, P wie Polymerase Kettenreaktion, Q wie Quarantänekoller, R wie rollierendes System, S wie Spuckschutzscheibe, T wie Telefonspaziergang, U wie Übertragungsweg, V wie Verschwörungsmärchen, W wie Wohnzimmer-Work-out, Y wie YouTubeyoga und Z wie zweite Welle ...

Abiturienten sollten locker werden

Da das Wort „Lockdown“ nun mal von „lock“, also „Schloss“ kommt, ist es kein Wunder, dass diese Zeit so überaus – nun ja, beknackt war. Aber vielleicht machen Sie sich bewusst, dass die Steigerung von „lock“ ganz klar „locker“ sein muss, und in diesen gesteigerten Zustand sollten Sie sich möglichst rasch begeben.

Als eine bis vor Kurzem noch Erziehungsberechtigte kann ich mir nicht verkneifen, noch hinzuzufügen, dass es vielleicht verlockend erscheint, jetzt berauschende Getränke zu verschlocken, ja, sogar zu saufen wie ein schottisches Loch. Doch rate ich Ihnen, widerstehen Sie dem Lockruf, denn Schocksaufen, bis zum Glockenhören führt unweigerlich in den Lockdown aller Gehirnfunktionen – und dann kommen Sie da nie raus ...

Und mit diesem Rat schlage ich jetzt den „blauen Bogen“ zurück zu Karoline von Günderrodes Gedicht. Dort heißt es in der zweiten Strophe:

Einst, da Gewalt den Widerstand berühret,

Zersprang der Töne alte Kerkernacht;

Im weiten Raume hier und da verirret

Entflohen sie, der Stummheit nun erwacht,

Und sie durchwandelten den blauen Bogen

Und jauchzten in den Sturm der wilden Wogen.

Hamburgs Abiturienten: Sie sind bereit

Liebe Abiturient*innen, es ist in Ihrer Oberstufenzeit ganz klar zu wenig gejauchzt worden. Sie konnten sich zudem nicht annähernd genug „im weiten Raume“ verirren. Sie wohnten zu lange in der „dunklen Kerkernacht“, die nämlich genau in jenem stumpfen Winkel zwischen Tastatur und Bildschirm herrscht. Doch heute knacken Sie ein erstes wichtiges Schloss, stoßen die Türen und ja, vielleicht auch Kerker auf. Sie ergreifen Raum.

Mögen Sie, liebe Abiturient*innen, in Zukunft alle weiten Räume, sowohl Ihre inneren als auch die äußeren Räume, erkunden können. Mögen Sie Ihre Masken kennen und Ihre Stimmen klar durch sie hindurchklingen lassen. Mögen Sie die Bögen aller Farben durchwandeln. Mögen Sie weit Ihre Ätherflügel aufspannen. Und mögen Sie sich jauchzend in den Sturm des wild wogenden Lebens hineinwerfen. Sie haben sich genug vorbereitet. Sie sind bereit.

Über die Autorin

Katharina Hagena zählt zu den profiliertesten Autorinnen ihrer Generation. Sie wurde 1967 in Karlsruhe geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Blan­kenese. Ihr bekanntester Roman „Der Geschmack von Apfelkernen“ stammt von 2008, wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt, verkaufte sich mehr als anderthalb Millionen Mal und wurde mit Hannah Herzsprung in der Hauptrolle 2013 verfilmt.

Weitere Romantitel der Anglistin, die in Freiburg, Marburg und London studierte und über James Joyce promovierte, sind „Vom Schlafen und Verschwinden“ sowie „Das Geräusch des Lichts“. Katharina Hagenas bislang letztes Buch heißt „Mein Spiekeroog“ erschien 2020 und ist eine lesenswerte Liebeserklärung an die Nordseeinsel.

Der Grabenkrieg am Gymnasium Blankenese

Die Stimmung am Gymnasium Blankenese wird seit Monaten von internen Streitigkeiten überschattet. Im Zentrum der Kritik steht Joachim Hagner, der die Schule seit 2018 leitet. Eine Gruppe Eltern wirft Hagner vor, schulintern einen autoritären Führungsstil zu pflegen und die verschiedenen Gremien nicht ausreichend an der Schulentwicklung zu beteiligen.

Höhepunkt war die Übergabe eines Brandbriefs an Schulsenator Ties Rabe (SPD), der (wie exklusiv berichtet) von 200 Eltern unterschrieben war. In dem Schreiben wird die Kritik an Hagner konkretisiert und indirekt dessen Ablösung gefordert. Unter anderem werden darin die sinkenden Schülerzahlen mit Hagners Amtsführung in Verbindung gebracht, außerdem ist von massiven Spannungen zwischen Schulleiter und Kollegium die Rede. Andere Eltern, die Hagner unterstützen, konterten unterdessen mit einem eigenen Schreiben an den Schulsenator.

Schulaufsicht versucht Streit in Hamburg zu regeln

Eine schon lange geplante Sitzung des Schulvereins wurde von einer Gruppe von Mitgliedern über einen Gerichtsbeschluss des Amtsgerichts Anfang Juni durchgesetzt. Die neueste Entwicklung dabei: Die Sitzung war eigentlich für den gestrigen Montag anberaumt. Aber: Der dreiköpfige Vorstand, zu dem auch Hagner gehört, hat über seinen Anwalt Beschwerde gegen den Gerichts­beschluss eingelegt, sodass der Fall nun beim Oberlandesgericht liegt.

Zuvor soll ein fristgerechter Aushang mit der Einberufung der Mitgliederversammlung kurzfristig vom Schwarzen Brett entfernt worden sein – so jedenfalls die Darstellung der Hagner-Gegner. Die Schulaufsicht beschäftigt sich schon länger mit dem Fall und versucht, den massiven Streit intern zu regeln. Eine erste Sitzung mit einem Mediator gab es erst vor Kurzem. Laut Schulbehördensprecher Peter Albrecht sei der Prozess zurzeit „auf einem guten Wege, aber noch nicht beendet“.