Historische Schiffe

Steendiekkanal: Wo Finkenwerder noch so richtig urig ist

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Jens Meyer-Odewald
Kurt Wagner (v. l.), Andreas „Herzi“ Bätjer und Thees Behrens stehen am Anleger Steendiekkanal. Ihnen kann auf ihrem Fachgebiet kaum jemand das Elbwasser reichen. Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Kurt Wagner (v. l.), Andreas „Herzi“ Bätjer und Thees Behrens stehen am Anleger Steendiekkanal. Ihnen kann auf ihrem Fachgebiet kaum jemand das Elbwasser reichen. Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Am Steendiekkanal hat eine Armada spannender Schiffe festgemacht. Hier pulsiert das maritime Herz der Hansestadt besonders stark.

Finkenwerder.  Da geht nicht nur Hamburgern die Seele auf: Am Steendiekkanal auf Finkenwerder pulsiert das maritime Herz der Hansestadt besonders intensiv. Am Ponton in diesem künstlich geschaffenen Seitenarm der Elbe ist eine Armada spannender Schiffe festgemacht. Diese in jeder Beziehung bunte Vielfalt aus Schleppern, Barkassen, Fähren, Sportbooten und einem ausrangierten Bäderschiff hat Seltenheitswert. Mancher in die Jahre gekommene Kahn wird wieder flottgemacht.

Entsprechend arbeitsam geht es auf dem 270 Meter langen Ponton inmitten des Kanals sowie am 160 Meter langen Kai am Ufer zu. Wer an Bord Hand anlegt, freut sich über anständiges Wetter. Aktuell herrscht Hochkonjunktur im Kanal. Damit es in den Sommermonaten heißen kann: „Leinen los!“.

Einst gehörte der Steendiekkanal zum Gelände der Deutschen Werft

Dieses Motto hat Tradition: Früher gehörte der Steendiekkanal zum Gelände der Deutschen Werft. Bis 1973 waren hier große Schiffe zu Hause. Und am Ufer befanden sich riesige Hallen. Als die Elbe 1901 aufgeschüttet wurde, teilweise von Gastarbeitern aus Kamerun, entstanden vier neue Kanäle. Einer davon ist der Steendiekkanal, eingebettet zwischen Gorch-Fock-Park und Rüschpark. 1918, nach Ende des Ersten Weltkriegs, wurde die Deutsche Werft gegründet.

Heutzutage dominiert Natur: An dieser Ecke Finkenwerders ist es herrlich grün. Es handelt sich um eine Oase, die vielen Hamburgern unbekannt ist. Zu gucken gibt’s reichlich. Und wahrlich nicht jeder Seelenverkäufer am Steg ist taufrisch. Die Zeit jedoch, als schrottreife Wracks der Wiederauferstehung harrten, ist passé. Die 30 Schiffe vor Ort sind alle fahrbereit und versichert. Ein offizielles Schwimmfähigkeitszeugnis ist Voraussetzung.

Andreas Bätjer ist Unternehmer aus Berufung

„Wir sind ausgebucht“, sagt Andreas Bätjer, in der Hafenwelt besser unter dem Spitznamen „Herzi“ bekannt. Seine Firma „Marine Concept Hamburg“ betreibt neben den Liegeplätzen im und am Steendiekkanal die Pontonanlage Nor­derelbe auf Entenwerder. Der gebürtige Hamburger gilt als Unternehmer aus Berufung. Dem geschäftstüchtigen Tausendsassa gehören nicht nur Schuten und Barkassen, sondern auch ein Zolldampfer und ein Eisbrecher. Mehr Leidenschaft für Schiffe als bei Hafenmeister „Herzi“ geht nicht.

Grund genug für ein Treffen der besonderen Art. Neben Andreas Bätjer haben sich zwei weitere Experten an Bord eines kleinen Festmacherbootes eingefunden, denen auf ihrem Fachgebiet kaum jemand das Elbwasser reichen kann. Thees Behrens ist in vierter Generation Inhaber der anno 1911 von seinem Urgroßvater Gustav gegründeten „Behrens Werft“. Hand in Hand mit zwölf Mitarbeitern weiß der Mann, wie man traditionellen Schiffsbau auf die Neu-zeit überträgt. Seine Werft am Köhlfleet-Hauptdeich, rund zwei Seemeilen flussabwärts vom Steendiekkanal ent-fernt, genießt einen vorzüglichen Ruf.

Kurt Wagner gilt als lebendiges Lexikon

Was nicht minder auf den Senior dieser Gesprächsrunde zutrifft: Kurt Wagner gilt als lebendiges Lexikon der ehemaligen Elbinsel. Der 86-Jährige rief 1989 den derzeit 450 Mitglieder umfas-senden Kulturverein Finkenwerder ins Leben. Dreimal im Jahr gibt er das Magazin „De Kössenbitter“ heraus. So wurden einstmals Ausrufer genannt, die mit einer Glocke durch die Straßen gingen und lauthals Einladungen überbrachten, zum Beispiel für Hochzeiten.

Kurt Wagner ist eine Geschichte für sich. Er wuchs an der Elbe auf. Riesige und kleine Pötte sind ihm von Kindheit an vertraut. Sein Vater Eugen war Kapitän auf großen Segelschiffen, bevor er in dieser Funktion zur Deutschen Werft wechselte.

Kurt Wagner ist eine Geschichte für sich

Sohn Kurt Wagner arbeitete als Maschinenbauingenieur. Auf Finkenwerder kennt er praktisch jeden Meter. Und die Historie des Stadtteils hat er inhaliert. Er hat uralte Fotos parat, die den Steendiekkanal als turbulenten Werftstandort zeigen: Ozeanriesen Bug an Heck und so weiter. Insgesamt wurden dort 850 Handelsschiffe ausgerüstet. „Kein Vergleich zur heutigen Idylle“, sagt Kurt Wagner. Seine drei Kinder sind zwischen 56 und 60 Jahre alt und wohnen „in der Stadt“, wie der Senior nach alter Finkenwerder Sitte betont. Gemeint ist das übrige Hamburg auf der anderen Elbseite. Mehr als sechs Jahrzehnte ist er mit seiner Rita verheiratet. „Sie ist eine echte Finkenwarder Deern“, sagt er.

Kurt Wagner hat 15 Bücher mit Schwer-punkt Finkenwerder geschrieben, darun-ter ein Kochbuch sowie zwei Werke über die Deutsche Werft. Enthalten sind auch Details über den Betrieb im Kanal. Dort hatten bis zu sechs Dampfer Platz. Dieser „Parkplatz“ wurde hauptsächlich genutzt, um die bis zu 40.000 Tonnen schweren Schiffsriesen auszurüsten. Als vor 48 Jahren mit dem Containergiganten „City of Edinburgh“ das letzte auf der Werft gebaute Schiff vom Stapel lief, wurde es still am Steendiekkanal.

Vor 48 Jahren wurde das letzte auf der Werft gebaut

Kurt Wagner hat 15 Bücher mit Schwer-punkt Finkenwerder geschrieben, darunter ein Kochbuch sowie zwei Werke über die Deutsche Werft. Enthalten sind auch Details über den Betrieb im Kanal. Dort hatten bis zu sechs Dampfer Platz. Dieser „Parkplatz“ wurde hauptsächlich genutzt, um die bis zu 40.000 Tonnen schweren Schiffsriesen auszurüsten. Als vor 48 Jahren mit dem Containergiganten „City of Edinburgh“ das letzte auf der Werft gebaute Schiff vom Stapel lief, wurde es still am Steendiekkanal.

Es gab Pontons – und reichlich Schrott. Angeblich wohnten früher ein paar Leute an Bord dieser Wracks. Bis Andreas Bätjer die Anlage 2009 übernahm und auf Vordermann brachte. Das Areal hat er von der staatlichen Hafenbehörde HPA gepachtet. Die Anleger werden meterweise vermietet. Da es in und um Hamburg aktuell kaum freie Liegeplätze gibt, stehen sie hoch im Kurs. Von der Fährstation Finkenwerder sind es nur ein paar Fußminuten bis zum Kanal. Nebenan ist die Freiwillige Feuerwehr untergebracht. Die 600 Meter lange Kaimauer am Steendiekkanal wird derzeit von der Stadt komplett saniert. Kosten: gut 20 Millionen Euro. „Nicht nur für die Radfahrer ist das erfreulich“, weiß Kurt Wagner. Der 86-Jährige ist zu diesem Termin mit dem Rad gekommen. Alle Achtung.

Die Pontons sind durch Zäune und ein stabiles Tor gesichert. Es kann also nicht jedermann über die schmalen Stege spazieren. Könnte sich ja sonst herumsprechen, welche maritimen Kleinode hier an den kurzen Leinen liegen. Beispiele sind der Kutter „Insa“, der alte, wunderbar restaurierte Schlepper „Willi“, ein Tauchschiff und der Traum eines Binnenfrachters – mit Ruderhaus aus Holz und mächtigem Segelmast. Nebenan liegen Sportyachten und kleine Segelboote. Zwischen dem Gewusel hocken zwei Studenten der Technischen Universität.

Sie testen einen Unterwasserroboter. Die Größe betreffend ist die „Jade Perle“ die Nummer eins. Sie lief 1960 in Husum vom Stapel, hatte früher alle möglichen anderen Namen, war zuletzt als Ausflugsschiff im Einsatz und sollte nach der Ausmusterung eigentlich nach Südamerika überführt werden. Warum sie jetzt im Steendiekkanal am Ufer liegt, ist ein Geheimnis für sich.

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