Corona-Impfungen

Keine Lust auf Astrazeneca in Hamburg – wegen der Ferien

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Christoph Rybarczyk und Marc Hasse
Impfen in einer Hamburger Hausarztpraxis: Dr. Barbara Hempel und Kristina Hauschild bereiten die Impfspritzen mit Biontech und Astrazeneca vor.

Impfen in einer Hamburger Hausarztpraxis: Dr. Barbara Hempel und Kristina Hauschild bereiten die Impfspritzen mit Biontech und Astrazeneca vor.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Viele Hamburger lehnen Impfung ab, auch weil ihnen die Wartezeit auf die zweite Dosis zu lang ist. Die Ärzte reagieren harsch.

Hamburg. Die Diskussion um den Corona-Impfstoff von Astrazeneca führt in Hamburger Arztpraxen zu dramatischen Entwicklungen. Aus zwei Gründen lehnen viele Patienten die Spritze mit dem Mittel des britisch-schwedischen Herstellers ab: Zum einen befürchten sie Nebenwirkungen wie die extrem selten, vor allem bei Frauen aufgetretenen Hirnvenenthrombosen. Auch wenn Wissenschaftler wie Ärzte erklären, dass es in Deutschland bei Millionen Geimpften nur gut 20 Fälle gegeben hat und das Risiko einer Corona-Infektion erheblich höher ist, bleibt die Skepsis.

Zum anderen lehnen Patienten Astrazeneca ab, weil ihnen das Impfintervall von zwölf Wochen bis zur zweiten Spritze zu lang erscheint. Bei vielen stehen Urlaubspläne dem entgegen.

"Wir bekämpfen eine Pandemie und machen keine Urlaubsplanung"

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Hamburg, Walter Plassmann, sagte dem Abendblatt: „Was die Vorstellungen der Patienten hinsichtlich ihrer Ferien und des Zwölf-Wochen-Abstands betrifft, kann ich nur sagen: Wir bekämpfen eine Pandemie und machen keine Urlaubsplanung.“ Es gebe erste wissenschaftliche Untersuchungen, die eine hohe Wirksamkeit bei einem Impfintervall von zwölf Wochen zeigten. Plassmann ergänzte: „Wir haben den Ärzten geraten, das einzuhalten. Gleichzeitig sollen die Ärzte versuchen, so viel Astrazeneca wie möglich unters Volk zu bringen, aber die Patienten nicht zu überreden. Denn die Diskussionen in den Praxen kosten viel Zeit und bereiten uns allen Ärger.“

Das Abendblatt erfuhr von mehreren Praxen, dass es „endlose Telefonate, Diskussionen in der Praxis und am Ende genervte Ärzte und Patienten“ gebe. In einer Kinderpraxis sollten die Eltern schwer erkrankter Mädchen und Jungen gegen das Coronavirus geimpft werden. Die meisten lehnten mit dem Hinweis auf Astrazeneca ab. Die Praxis wird kein Astrazeneca mehr bestellen.

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Der Impfstoff, von dem es zurzeit Dosen in großen Mengen gibt, soll vorrangig in den Hausarztpraxen und ab Juni bei den Betriebsärzten zum Einsatz kommen. Bislang ist er von der Ständigen Impfkommission für Menschen ab 60 empfohlen. Die Bundesregierung hat ihn allerdings auch für Jüngere freigegeben, wenn sie sich mit ihrem Arzt besprochen haben. Als das Hamburger Impfzentrum an drei Tagen ausschließlich „Astra“ für über 60-Jährige anbot, war der Andrang immens. KV-Chef Plassmann kann sich bei „Astra-Tagen“ in den Praxen ein höheres Impftempo vorstellen.

Haben Sie Verständnis dafür, dass viele Hamburger eine Impfung mit Astrazeneca ablehnen, weil sie nicht zwölf Wochen auf die zweite Dosis warten wollen?

 

Es wurden bisher 9295 Stimmen abgegeben.

Aus einer Praxis berichtete eine Ärztin von erschütternden Szenen. Die Patienten argumentierten mit Internet-„Wissen“, warum sie unbedingt Biontech bekommen müssten. Nichts von ihren vorgebrachten Argumenten sei wahr. Es werde die Mär verbreitet, Menschen, die man kenne seien nach der Impfung mit Astrazeneca zusammengebrochen. Das Auftreten der Patienten sei mitunter arrogant und fordernd. Die über 60-Jährigen dagegen hätten kein Problem damit, Astrazeneca zu nehmen. Es gebe aber keine Wahlfreiheit.

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Auf der anderen Seite brächten Patienten ihre heranwachsenden Kinder mit und bäten darum, auch 18-Jährige mit Astrazeneca zu impfen. Die Praxis wolle jetzt „Power-Impftage“ einrichten, an denen es nur Astrazeneca gebe, um endlich Tempo zu machen.

Das Robert-Koch-Institut bleibt bei der Empfehlung, zwischen zwei Astra-Dosen zwölf Wochen verstreichen zu lassen. Das gewährleiste einen wirksameren Schutz. Gleichzeitig kursieren unter Ärzten vermeintliche Studienergebnisse, nach denen vier bis sechs Wochen zwischen beiden Spritzen vernünftig seien. Hausarzt Dr. Björn Parey sagte: „Bei Astrazeneca müssen wir sehen, wie wir es unter die Leute bringen. Eine gute Idee wäre jetzt, da sich auch Jüngere dafür entscheiden können: Man sollte den Abstand zwischen beiden Impfungen von zwölf Wochen auf deutlich weniger reduzieren. Das ist innerhalb der Zulassung möglich.“

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Der Hamburger Senat vermeidet eine medizinische Bewertung: Senatssprecher Marcel Schweitzer sagte, es obliege den niedergelassenen Ärzten, nach einem Beratungsgespräch über den Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung zu entscheiden. Zu den Gefahren für die Geschwindigkeit in der Impfkampagne meinte er: „Man könnte das noch weiter fassen und sagen, die Impfbereitschaft könnte ein Bremsfaktor sein für die Impfkampagne.“

KV-Chef Plassmann sagte: „Im Juni wird die Menge an Impfstoff von Biontech massiv erhöht. Im Impfzentrum werden von der übernächsten Woche an hauptsächlich Zweitimpfungen durchgeführt. Das ist auch ein Resultat unserer Impfrekorde, das wir jetzt abarbeiten müssen.“ Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Haus- und Fachärzte dürfen beim Impfen jetzt kein Tempo einbüßen.

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