Coronavirus

Inzidenz in Hamburg fast bei 100 – fällt die Ausgangssperre?

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Gesundheitsminister Jens Spahn im Hamburger Impfzentrum in den Messehallen.

Gesundheitsminister Jens Spahn im Hamburger Impfzentrum in den Messehallen.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Senat berät sich. Hamburg macht Impfangebote in sozial schwachen Vierteln. Mehr als 1500 Corona-Tote seit Pandemiebeginn.

Hamburg. Nach Wochen strikter Beschränkungen und nächtlicher Ausgangssperre kann Hamburg Erfolge im Kampf gegen die Corona-Pandemie feiern: Die Stadt hat die wichtige Marke von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen fast erreicht. Am Sonntag meldete die Hamburger Gesundheitsbehörde 203 neue Corona-Fälle, das waren 111 weniger als am Sonntag vergangener Woche. Die Inzidenz sank – nach einem vorübergehenden Anstieg am Sonnabend – auf nunmehr 100,8. Vor einer Woche hatte der Wert 117,2 betragen.

Allerdings sind sechs neue Todesfälle zu beklagen. Insgesamt starben somit 1502 Hamburgerinnen und Hamburger seit Pandemie-Beginn an oder mit Corona.

Inzidenz sinkt: Wann lockert Hamburg?

Die Hansestadt könnte die Corona-Eindämmungsverordnung und die Ausgangsbeschränkung angesichts der sinkenden Zahl von Neuinfektionen lockern. Das deutete Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) zumindest am Freitag bei einem Besuch im Impfzentrum mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an.

Am morgigen Dienstag werde der Senat über die positive Entwicklung und mögliche Konsequenzen beraten. Leonhard sagte, die Werte müssten fünf Tage hintereinander unter 100 liegen, der Sonntag dürfe da nicht eingeschlossen sein, da die Zahlen am Wochenende weniger verlässlich seien.

Spahn lobt Ausgangssperre in Hamburg

Bei seinem Besuch im Impfzentrum lobte Spahn den Hamburger Weg. „Wir müssen die richtige Balance zwischen Zuversicht und Vorsicht finden in der Welle, in der wir immer noch sind. In Hamburg ist das gelungen, unter anderem mit Ausgangsbeschränkungen.“

Es mache eben einen Unterschied, wenn Kontakte reduziert würden, sagte Spahn und spielte damit darauf an, dass Hamburg derzeit nach Schleswig-Holstein die niedrigste Inzidenz aller Bundesländer hat. Die Ausgangsbeschränkungen galten früher und sind noch schärfer, als die Bundesregierung sie mittlerweile vorschreibt. „Es ist ermutigend, was in Hamburg gelungen ist.“

Corona: Hoffnung für Geimpfte in Hamburg

Spahn machte gleichzeitig Hoffnung auf ein fast „normales“ Schuljahr 2021/2022. Wenn der Impfstoff von Biontech­ für über Zwölfjährige zugelassen werde, und danach sehe es derzeit aus, könne man in den Sommerferien alle Kinder und Jugendlichen dieser Altersstufe impfen, so Spahn. „Wir brauchen noch ein paar Wochen, damit es danach mit mehr Normalität wieder losgehen kann.“

Spahn warnte aber auch vor einer vierten Welle. Mit Hinweis auf die USA und Israel sagte der Bundesgesundheitsminister: Auch eine steigende Zahl an Impfungen schütze nicht davor, dass sich wieder mehr Menschen mit dem Coronavirus infizierten. Wenn man zu schnell lockere, würden die Inzidenzen sprungartig ansteigen und die Krankenhäuser und Intensivstationen noch stärker belastet als zurzeit schon.

Spahn näherte sich auch vorsichtig dem Thema von Lockerungen für Geimpfte. Sie hätten nicht nur eine geringere Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, sondern auch, es an andere weiterzugeben. „Kann ich vollständig Geimpfte, von denen ein deutlich geringeres Risiko ausgeht, noch mit Freiheitsbeschränkungen belegen?“ Die Antwort auf diese rhetorische Frage von Spahn dürfte Nein lauten.

Billstedt rückt in Hamburgs Impf-Fokus

Sozialsenatorin Leonhard kündigte an, Hamburg werde Impfangebote in sozial schwachen Stadtteilen machen und dabei zum Beispiel den Gesundheitskiosk in Billstedt sowie die Poliklinik auf der Veddel in die Überlegungen einbinden. Am Freitag hatte Leonhards Behörde bereits erklärt, man habe einzelne Arztpraxen in bestimmten Quartieren angesprochen und wolle ihnen Impfdosen liefern, die aus dem Kontingent für das Impfzentrum stammen.

So soll gesichert sein, dass Praxen dort impfen können, wo die Inzidenzen besonders hoch sind. Spahn sagte, schon heute könne man trotz geltender Impfreihenfolge bei auffällig hohen Inzidenzen dort impfen, wo das Infektionsgeschehen besorgniserregend sei. Das gebe die Impfverordnung her. Andere Städte wie Köln dächten ebenfalls darüber nach.

Corona-Impfgipfel: Tschentscher stellt die Ergebnisse vor

Bald komme man in die Phase, in der man kleine Impfzentren auch in Stadtteilen einrichten könne, wo man Menschen erst überzeugen müsse, dass sie sich gegen das Coronavirus immunisieren sollten, so Spahn. „Das kann in Schulen sein, an der Kirche oder der Moschee.“

Hamburger Kliniken jetzt Teil der Impfkampagne

Wie das Abendblatt bereits exklusiv berichtete, will Hamburg jetzt auch die Krankenhäuser ins allgemeine Impfen einbeziehen. Ob Impfzentrum, Hausarzt, Krankenhaus – zunächst die über 70-Jährigen können sich in den kommenden Wochen entscheiden, wo sie sich impfen lassen wollen.

Am Sonnabend machte das Agaplesion Diakonieklinikum in Eimsbüttel bereits den Anfang. Es folgen das Albertinen-Haus in Schnelsen, das Bethesda Krankenhaus in Bergedorf, das Asklepios Klinikum Nord in Langenhorn und das Asklepios Klinikum in Harburg dazu. Termine sind über die 116 117 oder www.impfterminservice.de zu buchen.

Diese Corona-Impfstoffe sind in Deutschland zugelassen

  • Biontech/Pfizer: Der erste weltweit zugelassene Impfstoff gegen das Coronavirus wurde maßgeblich in Deutschland entwickelt. Der mRNA-Impfstoff, der unter dem Namen Comirnaty vertrieben wird, entwickelt den vollen Impfschutz nach zwei Dosen und ist für Menschen ab zwölf Jahren zugelassen. Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat er eine Wirksamkeit von etwa 90 Prozent – das heißt, die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken, sinkt bei Geimpften um den genannten Wert. Ebenfalls von Biontech stammt der erste für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassene Impfstoff in Deutschland.
  • Astrazeneca: Der Vektorimpfstoff des britischen Pharmaunternehmens wird unter dem Namen Vaxzevria vertrieben. Aufgrund von seltenen schweren Nebenwirkungen empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko), den Impfstoff nur für Patienten zu verwenden, die älter als 60 Jahre sind. Offiziell zugelassen ist der Impfstoff aber für Menschen ab 18 Jahren. Vaxzevria weist laut BMG nach zwei Impfdosen eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen auf.
  • Moderna: Der von dem US-Unternehmen entwickelte mRNA-Impfstoff mit dem Vertriebsnamen Spikevax ist für alle ab 12 Jahren zugelassen, die Stiko empfiehlt aufgrund eines erhöhten Risikos schwerer Nebenwirkungen aber, ihn auf die Altersgruppe der über 30-Jährigen zu beschränken. Der Moderna-Impfstoff hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen, wenn der volle Impfschutz nach zwei Impfdosen erreicht worden ist.
  • Johnson&Johnson: Das US-Unternehmen hat einen Vektorimpfstoff entwickelt, der bereits nach einer Impfdosis Schutz vor dem Coronavirus entwickelt. Er wird unter dem Namen Covid-19 Vaccine Janssen vertrieben. Das Präparat hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 70 Prozent bezogen auf schwere Erkrankungen – zudem ist die Zahl der Impfdurchbrüche im Vergleich zu den anderen Impfstoffen erhöht, daher empfiehlt die Stiko für mit Johnson&Johnson Geimpfte schon nach vier Wochen eine zusätzliche Impfdosis mit Comirnaty oder Spikevax, um den vollständigen Impfschutz zu gewährleisten.
  • Novavax: Der Impfstoff, der mitunter zu den sogenannten Totimpfstoffen gezählt wird, enthält das Spike-Protein des Covid-19-Erregers Sars-CoV-2. Dabei handelt es sich aber genau genommen nicht um abgetötete Virusbestandteile, die direkt aus dem Coronavirus gewonnen werden. Das Protein wird stattdessen gentechnisch hergestellt und im Labor in Insektenzellen vermehrt. Das menschliche Immunsystem bildet nach der Impfung Antikörper gegen das Protein.
  • Weitere Impfstoffe sind in der Entwicklung: Weltweit befinden sich diverse Vakzine in verschiedenen Phasen der Zulassung. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA prüft derzeit das umstrittene russische Präparat Sputnik V sowie die Impfstoffe der Hersteller Sinovac, Sanofi und Valneva. Der deutsche Hersteller CureVac hat seinen Impfstoff vorerst aus dem Zulassungsverfahren zurückgezogen.

Corona in Hamburg: ÖPNV-Regel verlängert

Busse und Bahnen fahren indes nachts weiterhin nicht. Taxis, Moia und ioki werden die allermeisten Nachtfahrten von Bussen und Bahnen im Stadtgebiet ersetzen. Die Regelung wird zunächst bis zum 9. Mai verlängert, teilte der Senat mit. Menschen, die aus beruflichen oder anderen zwingenden Gründen nachts unterwegs sein müssen, können mit einem gültigen HVV-Ticket Moias im gesamten Stadtgebiet oder Fahrzeuge von ioki Hamburg ohne Zusatzkosten buchen. Auch Taxifahrten gibt es zu vergünstigten Konditionen.

Bei Planten un Blomen werden Wasserlichtkonzerte und Konzerte am Musikpavillon sowie die Öffnung von Teehaus und Töpferstube verschoben. Das für den Juni geplante Fest zum 200. Jubiläum des Grünen Wallrings wurde ebenfalls abgesagt.

Die für Arbeitsschutz zuständige Justizbehörde will die in Betrieben vorgeschriebenen Corona-Schnelltestmöglichkeiten überprüfen. Bis zum 18. Juni sollen mindestens 400 Betriebe kontrolliert werden, sagte Senatorin Anna Gallina (Grüne) am Sonntag. „Die Betriebe sind verpflichtet, allen Beschäftigten, die nicht im Homeoffice sind, mindestens zweimal pro Woche ein Testangebot zu machen.“ Überprüft würden Betriebe, die kaum Möglichkeiten haben, ihren Mitarbeitern Homeoffice anzubieten.

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