Corona im sozialen Brennpunkt

Arche-Initiator: „Der Lockdown macht Biografien kaputt“

| Lesedauer: 11 Minuten
Thies Hagge  ist Pfarrer der Friedenskirche  in Jenfeld. Nach dem Hungertod der kleinen Jessica initiierte er den Aufbau der Arche.

Thies Hagge ist Pfarrer der Friedenskirche in Jenfeld. Nach dem Hungertod der kleinen Jessica initiierte er den Aufbau der Arche.

Foto: Roland Magunia

Pfarrer Thies Hagge ist der Gründer der Arche in Jenfeld. Corona trifft den Stadtteil besonders hart – vor allem Einsame und Kinder.

Hamburg. 2005 erschütterte der Hungertod der siebenjährigen Jessica aus Jenfeld die Stadt. Thies Hagge, Pfarrer der Friedenskirche an der Görlitzer Straße, handelte: Er initiierte die Gründung der Arche in Hamburg, um den Menschen in dem sozialen Brennpunkt eine Anlaufstelle zu geben. Die christliche Institution kümmert sich um vernachlässigte Kinder, gibt ihnen eine Heimat.

Die Pandemie hat die Arbeit der Arche dramatisch eingeschränkt. Arche-Leiter Tobias Lucht spricht von „tiefgreifenden Auswirkungen“ des Lockdowns gerade für Kinder und Jugendliche: Psychische Erkrankungen nehmen zu, viele Familien sind überfordert, Mediensucht und Drogenmissbrauch greifen um sich. Er konstatiert eine „Ausweglosigkeit, die damit zusammenhängt, dass manche Klassen seit Mitte Dezember nicht mehr in der Schule sind.

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Manche haben seit Monaten auch nicht am Online-Unterricht teilgenommen“, sagt Lucht. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Kinder schnell wieder in die Schule kommen.“ Thies Hagge sieht es ähnlich. Im großen Interview beschreibt er die Lage im Stadtteil, spricht über die sozialen Verwerfungen, den Tod aus Einsamkeit und warum nicht nur Kinder, sondern auch ihre Eltern reif für ein Sommercamp sind.

Hamburger Abendblatt: Herr Hagge, wie ist die Stimmung nach viereinhalb Monaten Lockdown in Jenfeld?

Thies Hagge: Alle, die keine Arbeit und keine Familie haben – gerade viele Ältere – haben es besonders schwer. Viele sind derzeit unglaublich einsam und haben schon Probleme, die Wochentage auseinanderzuhalten. Jeder Tag ist gleich, die einzige Abwechslung ist der Gang in den Supermarkt. Viele soziale Kontakte sind weggebrochen. In meiner Wahrnehmung kommen die sehr alten Menschen aus der Kriegsgeneration oft noch besser klar, weil sie eine Resilienz entwickelt hat.

Spüren Sie die Pandemie bei der Zahl der Beerdigungen?

Hagge: Ja. Als Pastor habe ich so viele Beerdigungen wir nie zuvor in meiner Dienstzeit: Es sterben Menschen mit Corona, aber auch ohne das Virus, etwa weil sie unzureichend medizinisch versorgt werden, weil sie zu spät ins Krankenhaus gehen. Gerade ist eine demente Frau im Krankenhaus gestorben – sie hatte zeitlebens mit ihrer Tochter zusammengelebt, die sie wegen Corona dann nicht besuchen durfte. Die alte Dame ist mit einem Armbruch ins Krankenhaus gekommen – aber an Einsamkeit gestorben.

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Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund liegt in Jenfeld bei rund 60 Prozent – wie wirkt sich die Pandemie auf die Zuwanderer aus?

Hagge: Wir haben in unserer Gemeinde viele Afghanen und Iraner, die Christen geworden sind: Da spüre ich, dass sie besonders unter der fehlenden Gemeinschaft leiden. Wenn man anmerkt, dass sich Migranten nicht so genau an die Hygieneregeln halten, gilt man ja schnell als Rassist. Ich spüre aber, dass Zuwanderer aus Staaten, in denen sie unter übergriffigen Regierungen gelitten haben, größere Probleme haben, jetzt unserer Regierung und den Corona-Maßnahmen zu vertrauen. Gleichzeitig gibt es Kulturen, denen Gemeinschaft in großen Gruppen viel mehr bedeutet als uns. Wir sind ja oft mit unserer Kleinfamilie zufrieden.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Bei uns ist Abstand halten eher Teil der sozialen Kultur?

Hagge: Genau. Die Dithmarscher spotten ja schon, dass sie wieder wie vor Corona leben wollen: Mit fünf Metern Abstand statt mit zwei. Im Ernst: Gerade vielen Migranten sind die Gottesdienste derzeit wichtig. Wir hatten jetzt endlich wieder einen Konfirmantengottesdienst. Ich habe vorher noch nie erlebt, dass 25 Jugendliche diese 45 Minuten so ruhig und beseelt genossen haben. Das war einerseits wunderschön – aber auch bestürzend, weil es zeigt, wie den Menschen Gemeinschaft fehlt.

Gerade jetzt werden Seelsorger, Trost und Glaube benötigt, – aber die Kirchen können sie in Zeiten der Pandemie nur eingeschränkt bieten…

Hagge: Eigentlich sind Krisenzeiten für die Kirche Boomzeiten. Aber wir dürfen nur sehr eingeschränkt Seelsorge leisten, können keine Kranken in den Kliniken besuchen, müssen auf Abstand ohne Gesang Gottesdienste feiern. Deshalb bieten wir seit Ostern sonntags nun zwei Gottesdienste an. Die Menschen haben uns regelrecht bedrängt, weil sie diese Feiern brauchen, auch als Stück Normalität. Die Seele benötigt Gemeinschaft.

Hat der Seelsorger nun mehr zu tun?

Hagge: Ja, ich werde deutlich häufiger bei psychischen Notlagen angefragt – gerade auch von jüngeren Leuten. Das sind vereinsamte Menschen, die Depressionen entwickeln und mich ansprechen, weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Ich übernehme dann die Erstberatung und vermittele sie weiter – wir haben eine Psychologin, die schon im Ruhestand ist und sich nun ehrenamtlich in der Gemeinde engagiert. Vor Corona hatten wir vor allem ältere Menschen, die vereinsamten, nun rutschen Jüngere in den Zwanzigern und Dreißigern in diese Notlagen.

Waren Sie als Pastor jemals so gefordert?

Hagge: Nein, mit Ausnahme der Tragödie um die kleine Jessica. Damals habe ich erfahren müssen, was sozialer Brennpunkt bedeutet, in welcher Notsituation Kinder und Jugendliche sind: Es ist ungeheuer bitter zu erfahren, dass zwei Straßen weiter ein Kind verhungert. Das war die Hölle auf Erden, das war meine persönlich größte Herausforderung. Abgesehen davon ist diese Pandemie die schwierigste Zeit. Und je länger sie dauert, desto dramatischer wird die Situation.

Wie arbeiten Sie in der Pandemie?

Hagge: Auch wir müssen uns digital neu erfinden: Ich habe einen Interview-Podcast im ersten Lockdown begonnen und lade ihn bei Youtube hoch, unsere Gottesdienste übertragen wir seit Ende 2020 als Livestream. Da haben wir digital sogar mehr Besucher als analog.

Die Arche hatte vor Corona mehr als 500 Kinder und 150 Jugendliche mit ihren Angeboten erreicht – vor allem Kinder, die oft auf sich allein gestellt waren. Diese Angebote köcheln nun auf Sparflamme…

Hagge: Ja, die Arche arbeitet. Die Kinder können aber nicht jeden Tag kommen, sondern nur ein bis zweimal pro Woche. Die Zahl der betreuten Kinder ist unter Corona nicht kleiner sondern größer geworden. Die Arche hat ihre Hausaufgabenbetreuung sogar ausgeweitet. Viele Kinder sind mit dem digitalen Lernen überfordert, auch weil ihre Eltern sie nicht unterstützen können oder wollen. Und noch etwas treibt uns um: Grundschulkinder aus Familien mit Migrationshintergrund, bei denen zuhause die Heimatsprache gesprochen wird, haben, wenn sie jetzt wieder in die Schule kommen, oft all ihr Deutsch vergessen und müssen ganz von vorne beginnen.

Wie dramatisch sind die Schulschließungen? Viele Kinder gerade aus der Mittelstufe waren Mitte Dezember zum letzten Mal im Klassenraum…

Hagge: Schulschließungen sind extrem schwierig, das kann digitaler Unterricht nie ersetzen. Bitter ist für viele auch, dass das Schulessen ausfällt. Und die, die es bekommen, essen wegen der Abstandsregeln wesentlich weniger, weil Ihnen offensichtlich die fehlende körperliche Nähe der anderen auf den Appetit schlägt. Es gibt Eltern, die nicht kochen können oder wollen. Dann gerät nicht nur die Bildung, sondern auch die Grundversorgung in Gefahr. Die Pandemie währt nun seit 14 Monaten – und ganz viele Eltern sind mit der Situation völlig überfordert. Und wir wissen nicht genau, was in den Wohnungen passiert.

Die Arche will helfen, aber kann sie es ausreichend?

Hagge: Wir versuchen, was geht. Wir sind mit Bollerwagen vor die Hochhäuser gezogen, um Kontakt zu halten oder ein Programm anzubieten. Die Mitarbeiter sind hervorragend motiviert. Es gab Einrichtungen, die haben der ersten Lockdown ein wenig wie hitzefrei wahrgenommen. Wir haben vom ersten Tag versucht, dranzubleiben, kein Kind aus dem Auge zu verlieren.

Fürchten Sie denn, dass wir Kinder verlieren?

Hagge: Leider ja. Es gibt Kinder, die waren über Monate nicht in der Schule. Wo es vorher schon schwierig war, da eskalieren jetzt die Situationen in einem schlimmen Maß. Das Jugendamt nimmt derzeit deutlich mehr Kinder aus den Familien. Das ist ein Zeichen dafür, was im Verborgenen passiert. Es macht einen großen Unterschied, ob ich als Kind die Pandemie im sozialen Brennpunkt erlebe – oder in einem wohlhabenden Umfeld.

Haben wie vielleicht zu viel auf das Virus und zu wenig auf den Menschen geschaut?

Hagge: Ich erlebe die Not, die das Virus auslöst, das kann man nicht klein reden: Corona kann Menschen töten oder schwere Folgeerkrankungen auslösen. Und doch gerät mir die Verhältnismäßigkeit manchmal aus der Balance. Was mit Kindern und Jugendlichen in dieser Zeit passiert, die monatelang ohne Bildung bleiben, in destruktiven Familienstrukturen leben, dürfen wir nicht übersehen: Da entstehen Schäden an einer ganzen Generation, die Folgen für ihr ganzes Leben haben. Sie zahlen den höchsten Preis. Aber kaum einer interessiert sich für sie. Wie viel Geld fließt in die Wirtschaft, aber wie wenig in Schulen?

Was müsste nun dringend passieren?

Hagge: Wir brauchen jetzt schnell mehr Sozialarbeiter und eine rasche Öffnung aller Schulen; wir sollten eher zu viel öffnen als zu wenig. Wir müssen eine Balance finden zwischen dem Schutz vor dem Virus und den gesellschaftlichen Folgen. Schäden gibt es auch durch den Lockdown – er macht Biografien kaputt.

Hoffen Sie auf den Sommer? Ferienlager so in diesem Jahr so wichtig wie nie zuvor, scheint mir…

Hagge: Absolut. Das ist für Schüler jetzt unendlich wichtig. Sie müssen entspannen und aus der inneren Kriegssituation mit ihrer Umgebung herauszufinden. Aber das gilt nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern – dass sie mal rauskommen aus ihren beengten Wohnungen, rauskommen aus der Stadt, auf dem Land einmal die Seele baumeln lassen.

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