Interview

Warum die Corona-Pandemie „eine Krise der Frauen“ ist

| Lesedauer: 4 Minuten
Dana-Sophia Valentiner ist die Vorsitzende des Juristinnenbundes Hamburg und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Helmut-Schmidt-Universität.

Dana-Sophia Valentiner ist die Vorsitzende des Juristinnenbundes Hamburg und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Helmut-Schmidt-Universität.

Foto: Privat

Dana-Sophia Valentiner ist Vorsitzende des djb-Landesverbands Hamburg und stellt klar: „Gleichberechtigung ist kein Luxus."

Hamburg. Dana-Sophia Valentiner setzt sich als Vorsitzende des Hamburger Landesverbandes im Deutschen Juristinnenbund für die Gleichstellung von Frauen ein – und forscht auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Helmut-Schmidt-Universität und unter anderem zu Grundrechten, Gleichstellungsrecht und Legal Gender Studies.

Aktuell sieht sie die Rollenverteilungen in der Corona-Pandemie mit großer Sorge. Im Interview weist sie auf Gefahren für die Gleichberechtigung hin – und fordert die Politik auf, auch über einen stärkeren finanziellen Ausgleich nachzudenken.

Hamburger Abendblatt: Frau Valentiner, Frauen und Männer sind vor dem Gesetz gleich – oder doch nicht?

Dana-Sophia Valentiner: Wir haben viel erreicht in den vergangenen Jahrzehnten, eine formale Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wir haben keine Gesetze mehr, die Frauen unmittelbar schlechterstellen: Sie haben Zugang zu Institutionen, Ämtern und Bildung, können wählen und sind unabhängig von einem Ehemann. Das heißt aber noch nicht, dass Frauen, Männer und Personen jeden Geschlechts auch wirklich in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichberechtigt sind. Da haben wir noch ein bisschen was zu tun.

Welche Probleme wurden durch die Corona-Krise neu aufgeworfen oder verschärft?

Valentiner: Die Corona-Pandemie ist besonders eine Krise der Frauen. Uns begegnen viele altbekannte Themen in neuem Gewand: Frauen arbeiten oft in den schlecht bezahlten, systemrelevanten Berufen – die Verkäuferin im Einzelhandel oder die Pflegerin. Frauen leisten extrem viel für die Gesellschaft, haben aber auch eine Mehrfachbelastung zu schultern: Kinderbetreuung und Beschulung damit zu vereinbaren, den Haushalt zu schmeißen und zu Hause zu arbeiten. Damit haben Frauen immer noch deutlich mehr zu tun als Männer. Auch das Thema häusliche Gewalt darf man nicht ausblenden. Ein Großteil des Lebens verschiebt sich gerade ins Private und wird damit auch weniger sichtbar. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen.

Auch Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank kritisierte bereits, dass Frauen im Zuge der Pandemie zunehmend unsichtbar werden würden – etwa seltener an Videokonferenzen teilnehmen und sich stattdessen mehr um die „Care-Arbeit“, die Sorgearbeit, kümmern.

Es besteht die Gefahr, dass wir in überkommene Rollenmuster zurückfallen. In der Krise ist ein erhöhter Bedarf an der „Care-Arbeit“ angefallen. Diese wird in Paarbeziehungen oft von Frauen übernommen. Die „Gender Care Gap“ ist mit Sicherheit auch ein Effekt der „Gender Pay Gap“, also, dass Frauen für dieselbe Tätigkeit weniger verdienen als Männer. Wer weniger verdient, stellt in der Krise auch eher die Erwerbsarbeit zurück und macht Abstriche zugunsten der Sorgearbeit. So hängen die Themen natürlich alle miteinander zusammen. Diese Krise läuft inzwischen schon über einen langen Zeitraum, das wird sich auf die berufliche Zukunft von Frauen auswirken.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Welche Maßnahmen kann die Politik Ihrer Meinung nach treffen?

Valentiner: Grundsätzlich ist es bei allen Entscheidungen wichtig, die Geschlechterper­spektive einzunehmen und zu fragen: Was bedeutet das für Frauen? Die Frage ist auch immer: Wer wird gehört? Gleichberechtigung ist kein Luxus, der in Krisenzeiten zurückstehen muss, sondern ein elementarer Verfassungsauftrag.

Was bedeutet das zum Beispiel konkret für die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Arbeit?

Valentiner: Man könnte etwa über Lohnersatzleistungen nachdenken. Dass man für die Aufgabe der Kinderbetreuung mehr Möglichkeiten hat, bestimmte Tage zu Hause zu bleiben und dabei weiter bezahlt zu werden. Ich glaube, dass man da noch deutlich mehr Spielraum hat, der nicht ausgeschöpft wurde. Es gibt nicht nur die zwei Möglichkeiten: Entweder man lässt die Schulen und Kitas offen oder man macht sie zu, und alle müssen sich privat organisieren.

Da müssten die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber rechtlich auch mehr in die Pflicht genommen werden. Wie können Unternehmen es schaffen, dass es sich für die Karriere von Frauen nicht nachteilig auswirkt, wenn sie jetzt eine Weile zurückstecken? Eine weitere Möglichkeit ist die Flexibilisierung von Arbeitszeiten.

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