Hamburger Altkanzler

Helmut Schmidt und die langen Schatten der NS-Zeit

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Matthias Schmoock
Politik und Kunst: Helmut Schmidt (M.) während einer Sitzung des Bundeskabinetts circa 1981 in Bonn.

Politik und Kunst: Helmut Schmidt (M.) während einer Sitzung des Bundeskabinetts circa 1981 in Bonn.

Foto: Imago

War des "Kanzlers Kunst" – speziell die frühe Verehrung für die Expressionisten – mindestens in Teilen ein konstruiertes Selbstbild?

Hamburgs „Retter“ während der Sturmflut, Krisenmanager, angesehener Staatsmann, Buchautor, international gefragter Vortragsredner. Helmut Schmidts Image in der Öffentlichkeit ist schon lange positiv besetzt, und viele Deutsche sehen ihn auch mehr als fünf Jahre nach seinem Tod noch immer als Vorbild.

Die vor Kurzem zu Ende gegangene Ausstellung „Kanzlers Kunst“ im Ernst Barlach Haus präsentierte Hamburgs Ehrenbürger zudem als kunstsinnigen Mann, der gemeinsam mit seiner 2010 verstorbenen Ehefrau Loki im Laufe vieler Jahre eine beachtliche Sammlung zusammentrug.

Helmut Schmidt und Emil Nolde: Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten

Doch ein Beitrag in dem Buch zur Ausstellung („Kanzlers Kunst. Die private Sammlung von Helmut und Loki Schmidt“, herausgegeben von der Helmut und Loki Schmidt Stiftung, Dölling und Galitz Verlag) des Historikers Bernhard Fulda sorgt seit einiger Zeit für Wirbel.

Thema in dem Text „Helmut Schmidt und Emil Nolde: Ein autobiografischer Pas de deux“ ist wiederum Schmidts Bewältigung seiner NS-Vergangenheit, in diesem Fall am Beispiel seines Umgangs mit der Kunst. Die von Fulda hier mal mehr, mal weniger deutlich ausformulierte Kritik ist zum Teil nicht neu.

Schon 2016 hatte die Historikerin Sabine Pamperrien in ihrem Buch „Helmut Schmidt und der Scheißkrieg“ Fakten aus Schmidts Vita vor 1945 mit dessen späteren Aussagen dazu in Büchern und Interviews verglichen und dabei zahlreiche Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten herausgestellt.

Schmidts rätselhafter Konflikt innerhalb der Marine-HJ

Zwei von vielen Beispielen sind die stark schwankenden Jahreszahlen zu der Frage, wann Schmidt von seinem jüdischen Großvater erfahren haben will und sein Verhalten bei der Marine HJ. Der von Schmidt geschilderte dortige „Rauswurf“ nach einem „Krach“ mit einem Ruderwart war von seinen Biografen stets als eine Art Mini-Widerstand interpretiert worden.

Pamperrien wies nach, dass auch eine andere Lesart möglich sei: Der herrisch und sehr selbstbewusst auftretende 16-Jährige habe sich „im Schutz seiner HJ-Zugehörigkeit“ sicher gefühlt und den Ruderwart wie einen Subalternen behandelt.

Helmut Schmidt und der Expressionismus

Bernhard Fulda erweitert das Untersuchungsgebiet nun quasi, indem er Schmidts Aussagen zur NS-Vergangenheit in Zusammenhang mit dessen Kunstverständnis stellt. Diese Verquickung ist keineswegs so abwegig, wie sie zunächst scheinen mag. Denn Schmidt hat seinen (angeblichen) frühen Bruch mit dem NS-Regime stets explizit mit der Diffamierung der expressionistischen Maler in Zusammenhang gestellt.

„Durch die von Hitler veranlasste Ausstellung ,Entartete Kunst‘ war ich (...) vollends von der Abartigkeit des Nationalsozialismus überzeugt worden“, schreibt er beispielsweise in seinen Memoiren. Allerdings will er diesen Bruch „wahlweise ab seinem 13., 16., 17. oder 18. Lebensjahr“ vollzogen haben, wie Fulda nach dem Abgleich verschiedener Schmidt-Angaben süffisant feststellt.

Historiker hat frühe biografische Notizen Schmidts ausgewertet

Fulda hat frühe biografische Notizen Schmidts ausgewertet und dabei wiederum Erstaunliches zutage gefördert. So war der „Rauswurf“ bei der Marine HJ faktisch nur eine vorübergehende Beurlaubung, wie Schmidt selbst notierte. Irritierend auch: Schmidt hielt in einer 1945 geschriebenen Selbstbefragung relativ ausführlich alles Mögliche zu seiner NS-Vergangenheit fest, darunter auch die Phasen, in denen sich recht zögerlich seine innere Abkehr vom Regime vollzogen habe.

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Darin tauchen zwar verschiedene Brüche auf, aber der „Weckruf“ angesichts der Expressionisten-Verfolgung fehlt völlig. Die „absolute Krone“ sei Nolde für ihn gewesen, schrieb Schmidt später, aber die Schau „Entartete Kunst“ hatte er gar nicht besucht, obwohl es Möglichkeiten dazu gegeben hätte.

Und als Schmidt 1947 die Bilder Noldes anlässlich einer großen Ausstellung in Hamburg endlich sehen kann, ist seine Reaktion ein lapidarer Eintrag im Taschenkalender: „Die Farben strengen die Augen an.“ Schmidts hohe Wertschätzung für Nolde war in den frühen Jahren also möglicherweise noch gar nicht so tiefgreifend, wie der Altkanzler sie später dargestellt hat.

Hat Helmut Schmidt seine Nolde-Begeisterung zielgerichtet eingesetzt?

Folgt man Bernhard Fuldas Analyse weiter, dann hat der aufstrebende Politiker Schmidt seine Nolde-Begeisterung, die sich erst Jahre später als von ihm dargestellt entwickelte, zielgerichtet eingesetzt, um für die Öffentlichkeit sein Image aufzupolieren. Nolde personifizierte demnach über Jahrzehnte Schmidts Verehrung für die verfemten Expressionisten, die zum (angeblich frühen) Bruch mit dem NS-Regime geführt hatte.

Emil Noldes Image schien dafür in der Tat wie geschaffen. Bis zu seinem Tode hatte sich der Künstler bekanntlich als Opfer des NS-Regimes präsentiert – permanent überwacht und mit Malverbot belegt. Dass daran vieles verfälscht und dramatisiert war, ist inzwischen bekannt – zurück gehen diese Erkenntnisse zum Großteil auch und vor allem wiederum auf die Arbeiten Bernhard Fuldas.

Kunstbegeisterung als politische Inszenierung des Kanzlers

„Niemand integrierte die Bewunderung für die expressionistische Moderne in die eigene politische Inszenierung so wie Helmut Schmidt nach seiner Ernennung zum Bundeskanzler“, schreibt Fulda in „Kanzlers Kunst“. Als Beleg dient unter anderem ein Strategiepapier aus dem Jahr 1975, in dem Schmidt von Beratern vorgeschlagen wurde, sich regelmäßig zu bedeutenden kulturellen und politischen Geschichtsdaten zu äußern, um sein Image als reiner „Macher“ abzubauen.

Man müsse nur aufpassen, dass dies nicht zu „aufgesetzt“ wirke. Auch die Idee, die Haupträume des Kanzleramts mit Bildern von Künstlern zu schmücken, die einst als entartet gegolten hatten und diverse Zimmer nach ihnen zu benennen, wurde an Schmidt herangetragen, wenngleich er später behauptete, es sei seine eigene gewesen.

Warum kaufte der mittellose Student Schmidt bereits im Jahr 1948 einen Nolde-Druck?

Doch Zweifel bleiben. „Ähnlich wie Emil Nolde, der nach 1945 sein autobiografisches Schreiben dazu nutzte, die eigene Identifikation mit dem Nationalsozialismus zu verschleiern und sich die Rolle des verfolgten Genies und künstlerischen Widerständlers zuzuschreiben, so diente Nolde – und der verfemte Expressionismus generell – Schmidt nach Kriegsende dazu, rückblickend einen cordon sanitaire (Anm.: einen Puffer) zwischen dem eigenen Leben und den Versuchungen des Nationalsozialismus zu errichten“, schreibt Fulda in seinem Beitrag.

Das ist insgesamt zwar nachvollziehbar, aber Nolde hatte es mit der Wahrheit nicht so genau genommen, wie Fulda nachweisen konnte. War das bei Helmut Schmidt wirklich so „ähnlich“? Reichen die Auslassungen in jahrzehntealten Notizen für ein solche Bewertung aus?

Und warum kaufte der damalige mittellose Student Schmidt bereits im Jahr 1948 in London einen Nolde-Druck, der für ihn eigentlich unerschwinglich war? „Mit dem Kauf der Hamburger Dampfer-Szene in London eignete sich Schmidt Noldes Kunst und zugleich die mit Nolde verbundene Verfolgungsgeschichte an“, schreibt Fulda – eine Interpretation, die für diesen frühen Zeitpunkt doch recht konstruiert wirkt.

Etliche Bücher über Nolde in der Privatbibliothek

Insgesamt zweifelt auch Fulda nicht wirklich an, dass Schmidts Verehrung für Nolde mit der Zeit tatsächlich „echt“ und tief wurde, beziehungsweise, dass sie sich im Laufe der Jahrzehnte wohl auch unabhängig von einer möglichen Inszenierung so entwickelt haben könnte. Dafür spricht unter anderem, dass Schmidt auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt, also als Privatmann, ein „Nolde-Entree“ im Eingangsbereich seines Langenhorner Wohnhauses hatte.

In seiner Privatbibliothek finden sich zudem etliche Bücher über Nolde – manche Ausgaben auch gleich mehrfach. Andere Kapitel in dem Buch „Kanzlers Kunst“ beschäftigen sich zudem mit Schmidts Wertschätzung für Ernst Barlach und Otto Modersohn, auch seine tiefe Liebe zur Musik wird angesprochen. Dass er diese Passionen im privaten Bereich ausgiebig pflegte, also völlig losgelöst von der öffentlichen Wahrnehmung (und das auch „ein Leben lang“, wie es heißt), will nicht so richtig in das angedeutete Bild des im Kern nicht wirklich kunstsinnigen „Machers“ passen, dessen Nolde-Verehrung zum Teil nur eine Art Image war.

Schmidt hat die negativen Erkenntnisse über Nolde nicht zur Kenntnis genommen

Schmidt hat die späteren, negativen Erkenntnisse über Nolde nicht zur Kenntnis genommen. Nolde sei „für ein paar Jahre auf die Nazis hereingefallen“, ließ der Altkanzler dazu wissen, im Übrigen bleibe dessen NS-Begeisterung gegenüber seiner Kunst aber „ganz unwichtig“. Bernhard Fulda bewertet das Festhalten an Nolde so: Dieser habe für Schmidt „unbefleckt“ bleiben müssen – „Denn ansonsten hätte Schmidt sich selbst eingestehen müssen, dass er in seiner Entwicklung vom jungen Hitler-Anhänger zum späteren Nolde-Anhänger gleich doppelt ,hereingefallen‘ war: zunächst auf den Hitler-Kult der 30er-Jahre und dann auf den Nolde-Kult der Nachkriegszeit.“

Diejenigen, die Schmidt gut gekannt haben, halten indes auch eine andere Interpretation für möglich: Die Anwürfe gegen sein Idol Nolde – wann und warum auch immer er es zu diesem erkoren haben mag – interessierten den Altkanzler gar nicht. Sie waren ihm egal, oder wie Schmidt wohl gesagt haben würde: scheißegal.

Der Autor Werner Irro, der für „Kanzlers Kunst“ den Beitrag „Die Entdeckung der Kunst durch den Politiker Helmut Schmidt“ geschrieben hat, bescheinigt Fulda, dieser habe „tiefer gegraben als alle vor ihm“. Auch aus seiner Sicht ist als Ergebnis der Forschungen Fuldas „die frühere Darstellung des persönlichen Erkenntniswegs des Rekruten Schmidt nicht mehr haltbar“.

Einmalige Leistung von Helmut Schmidt

Im Rahmen seiner Schmidt-Forschungen (Irro ist auch Autor des Buchs „Mit großem Vergnügen und mit tiefer innerer Zustimmung ...“. Helmut Schmidt und die schönen Künste“) kommt er allerdings zu einer anderen Bewertung des Kunstverständnisses bei Schmidt. Dieser habe sich als Kanzler stärker für Kunst eingesetzt als alle anderen Kanzler vor oder nach ihm.

„Dieses war möglich, weil seine persönliche Begeisterung für Kunst, etwa für den Expressionismus, glaubwürdig war“, so Irro zum Abendblatt, „unabhängig davon, wann sie entstand.“ Sein Bekenntnis zur Kunst sei auch noch stärker gewesen als Vorschläge seiner Mitarbeiter, wie er sich geschickt positionieren sollte. Auf diese Weise „unterlief er als Kanzler durch seine Handlungen eine Instrumentalisierung von Kunst und Kultur“, so Irro. Dies bleibe eine einmalige Leistung.

Kons­truierte Selbstaussage?

Fakt ist: Schmidts frühe Bekehrung zum Systemgegner durch die Kunst lässt sich anhand von dessen Aufzeichnungen für die Jahre vor 1945 nicht nachvollziehen und muss aufgrund der neuen Forschungsergebnissen wohl als eine kons­truierte Selbstaussage gesehen werden. Fakt ist aber auch: Helmut Schmidt hat das NS-Regime in mehr als 60 Jahren seines langen Lebens immer wieder unmissverständlich verdammt – in Wort und Schrift.

Und: Schmidt rief früher und intensiver als andere der deutschen Öffentlichkeit Verdienste und Schicksal der Expressionisten immer wieder ins Gedächtnis. Selbst wenn das, in Teilen, Imagepflege gewesen sein mag, hat der Altkanzler damit sehr viel für die Rehabilitierung der einst Verfemten erreicht.

Das sind Verdienste, die ihm niemand absprechen kann.

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