Noch vor Ostern

Schärfere Corona-Regeln – das kommt auf Hamburg zu

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Andreas Dey
Auch die Schließung von Schulen in Hamburg ist denkbar. (Archivbild)

Auch die Schließung von Schulen in Hamburg ist denkbar. (Archivbild)

Foto: Sina Schuldt / dpa

Im Kampf gegen die dritte Welle sind die Mittel begrenzt. Ausgangssperren und Schließung von Kitas und Schulen sind denkbar.

Hamburg.  Auch nach fünf Monaten in einem mehr oder weniger scharfen Lockdown rollt die dritte Corona-Welle mit Wucht über Hamburg hinweg. Am Montag wurden mit 360 Neuinfektionen 70 mehr verzeichnet als vor einer Woche. Die Inzidenz, also die Zahl der Ansteckungen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen, stieg von 148,4 auf 152,1. Es scheint nur noch eine Frage von Tagen, bis der Höchststand 179,6 vom 24. Dezember überschritten wird.

Nachdem Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) seit Wochen vor genau dieser Entwicklung gewarnt hatte, bereitet sein Senat nun schnelle, harte und befristete Einschnitte vor. Da Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einer weiteren Bund-Länder-Runde eine Absage erteilt hat, zeichnet sich ein Hamburger Alleingang ab. Zwar sei man in Abstimmung mit den Nachbarländern über ein möglichst einheitliches Vorgehen, heißt es aus Regierungskreisen.

Osterruhe gekippt - Tschentscher räumt Fehler ein:

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Doch eine Einigung dürfte kaum möglich sein – in Schleswig-Holstein wird zum Beispiel eher über Lockerungen nachgedacht. Nach den Beratungen mit den Koalitionsfraktionen von SPD und Grünen dürften sich am heutigen Dienstag erste Tendenzen abzeichnen, und vermutlich am Mittwoch will der Senat verschärfte Regeln beschließen, die ab Karfreitag gelten sollen. Doch welche Schritte bleiben überhaupt noch? Welche würden etwas bringen? Und welche sind realistisch?


Ausgangssperren: Auch nach einem Jahr Pandemie hat Hamburg dieses Mittel noch nicht angewandt – doch jetzt könnte es so weit sein. Zwei Gründe gibt es dafür: Erstens sind abends regelmäßig größere Gruppen von Jugendlichen und jungen Menschen in Parks und Grünanlagen unterwegs, oft feiernd, ohne Masken und Abstand. Verboten ist das zwar auch jetzt schon, aber mit einer nächtlichen Ausgangssperre könnte die Polizei bereits die Wege zu solchen Treffen unterbinden.

Zweitens finden die meisten Corona-Ausbrüche, die die Behörden ermitteln können, im privaten Bereich statt – also gilt es, diese „privaten“ Treffen weiter einzuschränken. Bei einigen Grünen stößt eine Ausgangssperre zwar auf Widerstand, weil sie nichts bringe – schließlich seien die „Corona-Partys“ im Freien auch jetzt schon verboten.

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Aber die SPD-Seite um den Bürgermeister steht dem offen gegenüber – schon, weil es kaum noch andere Mittel gibt und weil diese „Ausgangsbeschränkungen“, wie Tschentscher sie nennt, sich in anderen Ländern und Landkreisen als wirksam erwiesen haben. Da pauschale Beschränkungen von Gerichten oft kritisch gesehen werden, wird über differenzierte Lösungen nachgedacht – etwa, dass Einzelpersonen ausgenommen sind.

Als wahrscheinlich gilt nun, dass es von Karfreitag an zu nächtlichen Ausgangssperren kommen wird. Als mögliches Zeitfenster gilt dabei 21 bis 5 Uhr. Zudem wird noch überlegt, Einzelpersonen auszunehmen, um abendliche Spaziergänge oder Joggingrunden nicht zu verhindern. Daher ist im Senat ausdrücklich nur von „Ausgangsbeschränkungen“ die Rede.


Schärfere Kontaktbeschränkungen: Da in Hamburg ohnehin gilt, dass jeder Haushalt sich nur mit maximal einer weiteren Person treffen darf (Kinder unter 14 ausgenommen), ist hier nicht mehr viel Spielraum. Überlegungen von Grünen-Fraktionschef Dominik Lorenzen im NDR, den Bürgern mal für eine Woche jegliche Kontakte zu untersagen, lehnte SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf ab.

Das laufe auf eine soziale Isolation hinaus. Allerdings meinte Lorenzen das eher im Sinne einer „sozialen Blase“: Dass sich also jeder Haushalt auf eine weitere Kontaktperson festlege, anstatt heute diese und morgen jene Person zu treffen oder gar mehrmals täglich jeweils eine andere Person.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Laut einer Studie der TU Berlin liegt nämlich genau da das Problem: Die Wissenschaftler haben untersucht, welche Begegnungen den R-Wert wie beeinflussen, also die Rate, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Kontakte im eigenen Haushalt tragen demnach 0,5 zum R-Wert bei, gegenseitige private Besuche – die in der Regel ohne Masken und Schnelltests stattfinden – sogar 0,6.

Allein diese beiden Faktoren sorgen also dafür, dass ein Infizierter 1,1 Personen ansteckt. Kontakte bei der Arbeit tragen demnach nur 0,2 zum R-Wert bei, sofern ohne Maske und nicht im Einzelbüro gearbeitet wird. Auch Kontakte in den Schulen tragen nur 0,2 bei – wenn diese vollständig geöffnet sind, was in Hamburg derzeit nicht der Fall ist.


Schulen und/oder Kitas schließen: SPD und Grüne sind sich einig, dass das aufgrund der großen Bedeutung für Bildung und Familien das allerletzte Mittel sein sollte. Dennoch wird es zumindest erwogen (siehe auch Seite 8). Möglich wäre aber auch, den Präsenzunterricht an den Schulen durch noch mehr Tests oder sogar eine Testpflicht für Schüler abzusichern – SPD-Fraktionschef Kienscherf hatte sich dafür ausgesprochen.

Denkbar ist, dass zumindest die Kitas wieder auf Notbetreuung umstellen müssen. Dann dürfte die Betreuungsquote wieder auf etwa 30 Prozent fallen, derzeit liegt sie bei rund 66 Prozent. Hinzukommt: Stand Freitag waren in Hamburg bereits 21 der rund 1100 Kitas aufgrund von Corona-Fällen bei Kindern oder Erzieherinnen geschlossen.

Anfang vergangener Woche waren es erst zwei. Die CDU-Fraktion in der Bürgerschaft fordert, den eingeschränkten Regelbetrieb mit einer umfassenden Teststrategie abzusichern. Unter anderem sollten dafür kinderfreundliche Lösungen wie der „Lolli-Test“ eingesetzt werden.


Wirtschaft teilweise stilllegen: Der Vorstoß von Grünen-Fraktionschef Lorenzen, eine Woche lang nur noch Daseinsvorsorge, Lebensmittelhandel und nicht stoppbare Industrieproduktion zu erlauben und alle anderen Unternehmen in den Zwangsurlaub zu schicken, stößt bei der SPD auf Widerstand – und dürfte wenig Chancen haben.

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Weitere Branchen schließen: Alles, was noch geöffnet habe und nicht zwingend notwendig sei (etwa Drogerien, körpernahe Dienstleistungen, Blumenläden und Gartencenter) stehe jetzt zur Disposition, heißt es aus Senatskreisen. Nach dem bundesweiten Ärger um die Sonderregelung für Friseure werde man diese aber wohl nicht wieder schließen.


Schneller Impfen: Das wäre wohl die Wunschlösung für alle Beteiligten. Allerdings hat Hamburg keinen Einfluss auf die bestellten Impfstoffmengen und die Lieferungen. Laut der Studie der TU Berlin würde selbst eine 50-prozentige Erhöhung des Impftempos ab 1. April 2021 nichts daran ändern, dass die Infektionszahlen bundesweit erst mal weiter steigen. Die Voraussetzungen seien in diesem Frühjahr schlechter als 2020. Zur Erinnerung: In der ersten Welle stieg die Inzidenz in Hamburg nie über 64,5.

Die AHAL-Regeln gegen Corona: So verringern sie das Ansteckungsrisiko

  • Abstand halten: Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum, und halten Sie mindestens 1,50 Meter Abstand zu anderen Personen
  • Hygiene: Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund, waschen Sie sich regelmäßig die Hände mit Seife und achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Im Alltag Maske tragen: Auch wo die (erweiterte) Maskenpflicht nicht gilt, ist es empfehlenswert, sich und andere vor Ansteckung zu schützen. FFP2-Masken oder OP-Masken bieten Schutz vor Ansteckung
  • Lüften: Wenn Sie sich mit anderen Personen in einem Raum aufhalten, lüften Sie regelmäßig, um das Risiko einer erhöhten Viruskonzentration in der Raumluft zu verringen
  • Außerdem: Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an Ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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