Corona-Pandemie

Hamburger Ärztechef: "Im August könnten wir durch sein"

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Jurist Walter Plassmann ist Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung

Jurist Walter Plassmann ist Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

KV-Chef Walter Plassmann ist zuversichtlich, dass die Corona-Pandemie bis zum Sommer in den Griff zu bekommen ist.

Hamburg. In der Pandemiebekämpfung spielt die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVH) eine wichtige Rolle. Sie organisiert Corona-Tests und das Impfzentrum in den Messehallen, in dem bis zu 7000 Menschen pro Tag geimpft werden können.

Im Abendblatt-Interview spricht KVH-Vorstandschef Walter Plassmann über die vorhandenen Impfstoffe und Fehler in der Pandemiebekämpfung. Zugleich gibt der Jurist einen optimistischen Ausblick für den kommenden Sommer.

Herr Plassmann, haben Sie sich als Betreiber des Impfzentrums selbst schon impfen lassen?

Walter Plassmann Nein, ich bin zwar oft im Impfzentrum und hätte vermutlich das Recht zur Impfung. Aber ich habe mich da zurückgehalten, denn ich bin nicht im Impfbereich unterwegs.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten, welchen Impfstoff würden Sie nehmen?

Das wäre mir wurscht. Alle Impfstoffe wirken gegen schwere Verläufe. Wir haben bisher keine großen Unterschiede festgestellt – auch nicht bei der unmittelbaren Impfreaktion, also Fieber oder Schlappheit, die nach der Impfung zeigen können, dass der Körper wie gewünscht auf die Impfung reagiert und Antikörper bildet.

Wie bewerten Sie die dokumentierten möglichen AstraZeneca-Nebenwirkungen, bei denen Hirnthrombosen auftraten? Kann man AZ weiter guten Gewissens verimpfen?

Das ist eine Frage der Risikoabwägung. Die ist sehr schwierig und hat viele Aspekte. Deshalb gibt es Expertengremien wie die Ständige Impfkommission und das Paul- Ehrlich-Institut. Wir sollten auf die Expertise dieser Wissenschaftler vertrauen.

Was erwarten Sie von dem neuen Impfstoff von Johnson&Johnson, der nun irgendwann wohl auch in der EU zugelassen wird?

Auf diesen Impfstoff blicken wir mit Hoffen und Bangen. Einerseits kann er das Impfen deutlich beschleunigen, da eine Injektion ausreicht. Andererseits müssen wir uns ansehen, wie stark dort die Impfreaktion ausfällt, ob also Geimpfte durch Fieber usw. womöglich stärker betroffen sein werden. Hinzu kommt, dass zunächst wenig von diesem Impfstoff geliefert werden wird.

Es gibt immer wieder Beschwerden von Menschen, denen online oder unter der Telefonhotline 116 117 Impftermine zugesichert wurden, die dann aber im Impfzentrum dennoch abgewiesen werden.

Die Behörde veröffentlicht die Gruppen der Impfberechtigten. Diese Priorisierung ist maßgeblich, daran ändern auch Atteste nichts. Die Mitarbeiter der Hotline können nur die Plausibilitäten prüfen, dürfen aber keine medizinischen Entscheidungen fällen. Die Impfberechtigung wird dann erst im Impfzentrum festgestellt. Ich kann daher allen nur raten: Wenn Sie noch nicht berechtigt sind, warten Sie noch ab!

Könnten die Mitarbeiter der Hotline da nicht klarer sein? Das würde vermutlich einigen Ärger ersparen.

Das mag in manchen Fällen so sein. Das ist eine schwierige Materie, gerade für frisch eingearbeitete Mitarbeiter. Wir helfen kontinuierlich bei der Schulung.

Bürgermeister Tschentscher zieht Corona-Notbremse
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Sie haben als Partner für das Impfzentrum mit Alanta ausgerechnet eine Firma ausgewählt, gegen die wegen Betrugsverdacht bei Krebsmedikamenten ermittelt wird. Das hat manchen, vorsichtig gesagt, irritiert.

Ich wollte Guido Tuschen unbedingt bei der Organisation dabeihaben, denn er managt die Praxisklinik Mümmelmannsberg sehr erfolgreich, und ich halte viel von ihm. Tuschen wurde aber von seinem Arbeitgeber Alanta nicht freigegeben. Stattdessen haben andere Manager uns beraten – sehr erfolgreich übrigens. Die Behörde war vorab informiert. Einen Vertrag mit Alanta gab es aber nie.

Was kostet das Impfzentrum eigentlich?

Das ist noch nicht exakt zu sagen. Gehen Sie mal von einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag aus. Der größte Batzen sind die Personalkosten für mehr als 2000 Mitarbeiter.

Es gibt insgesamt harte Kritik an der deutschen Corona-Politik. Ist die berechtigt?

Nur teilweise. Der Schutz der Älteren in Pflegeheimen wurde nicht konsequent durchgezogen, weil man die Bewohner nicht isolieren wollte. Auch sind bisweilen von der Politik zu hohe Erwartungen geweckt worden, die nicht erfüllt wurden. Manches wirkt behäbig, weil unsere Verwaltung sehr im kleinen Karo arbeitet – und auch in so einer Notsituation vor allem juristisch und weniger pragmatisch vorgeht.

Andererseits muss man etwa beim Impfstoff auch sagen: Wenn die EU wie Israel den doppelten Preis bezahlt und alle Patientendaten für Studien freigegeben hätte – das wäre wohl in Deutschland nicht akzeptiert worden.

Haben auch die KVH und Hamburg als Land Fehler gemacht?

In dieser Pandemie gibt es wohl niemanden, der keinen Fehler gemacht hat. Wir hatten die Hotline 116 117 anfänglich unterdimensioniert ausgestattet. Wir haben unterschätzt, dass die Telefonate im Durchschnitt bis zu fünf Minuten dauern und mussten dann nachjustieren. Zudem wurden in Hamburg zu Beginn deutlich mehr Menschen zur Impfung eingeladen als Impfstoff verfügbar war.

Wagen Sie eine Prognose? Bis wann kann Hamburg die Pandemie bewältigen?

Wenn es gut läuft, die Hausärzte bald eingebunden sind und genug Impfstoff kommt, könnten wir im Juli oder August mit dem Gröbsten durch sein. Das Virus aber wird bleiben. Es ist gut möglich, dass wir dagegen jährlich werden impfen müssen – wie bei der Grippe.

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