Corona-Zeiten

Wenn im Hotel plötzlich gespenstische Stille herrscht

| Lesedauer: 15 Minuten
Ulrich Gaßdorf
Nele Kleppe, die ihre Ausbildung 2018 abgeschlossen hat, begrüßt Schauspieler Philippe Goos vom Staatstheater Hannover an der Rezeption des Madison.

Nele Kleppe, die ihre Ausbildung 2018 abgeschlossen hat, begrüßt Schauspieler Philippe Goos vom Staatstheater Hannover an der Rezeption des Madison.

Foto: Michael Rauhe / HA

Stammpersonal ist meist in Kurzarbeit – Auszubildende halten Betrieb in Gang. Ein Blick hinter die Kulissen des Madison am Michel.

Hamburg. Ein Paketbote eilt durch die Empfangshalle vom The Madison Hotel am Michel, gibt ein Päckchen am Empfang ab. Aber ansonsten ist außer der Mitarbeiterin an der Rezeption kein Mensch zu sehen. Es ist 12.45 Uhr, und normalerweise würden hier jetzt die Gäste im Marley´s Restaurant essen, sich in der Lobby unterhalten oder in den diversen Veranstaltungsräumen tagen. Doch stattdessen herrscht eine nahezu gespenstische Stille.

Ein Hotel in Pandemiezeiten. Seit dem 2. November dürfen in Hamburg, wie im übrigen Bundesgebiet auch, keine Touristen mehr beherbergt werden. Restaurants und Bars mussten schließen. Diese Regelungen gelten inzwischen mehr als vier Monate – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Madison Hotel: Die einzigen Gäste sind beruflich Reisende

Die Einzigen, die den Hoteliers als zahlende Gäste geblieben ist, sind Reisende, die beruflich unterwegs sind. Sie dürfen übernachten. Aber die Zahl ist überschaubar. Deshalb haben auch zahlreiche Häuser bis auf Weiteres geschlossen – eine Belegung von um die zehn Prozent ist nicht wirtschaftlich.

Das war auch schon beim ersten Lockdown so, als die Touristen vom 16. März bis Mitte Mai nicht in Hotels absteigen durften. Aber das Madison hat durchgehalten und seit dem ersten Lockdown im März nicht einen Tag geschlossen gehabt. Wie ist es, in Corona-Zeiten im Hotel zu wohnen, wer übernachtet hier und wie empfinden die Gastgeber diese Ausnahmesituation?

Beim Check-in gibt es ein Corona-Regelwerk

Abendblatt-Chefreporter Ulrich Gaßdorf hat den Test gemacht und sich für eine Nacht in dem Viersternehaus eingebucht:
Beim Check-in händigt mir Mitarbeiterin Madeleine Weber auch gleich ein Corona-Regelwerk aus, das der Gast unterschreiben muss. Da muss bestätigt werden, dass es sich um einen nicht touristischen Aufenthalt handelt und dass man im Madison den Sicherheitsabstand zu anderen Gästen und Personal auch im Treppenhaus und in den Aufzügen wahrt. Und dass in allen öffentlichen Bereichen ein Mund-Nasen-Schutz getragen wird.

Zum Frühstück wird nicht wie sonst üblich ein Büfett aufgebaut. Stattdessen können die Gäste auf einem Zettel ankreuzen, welche Zugaben sie zu ihrem kontinentalen Frühstück haben möchten, das auf dem Zimmer oder in der Lobby serviert wird. Nachdem die Formalien erledigt sind, geht es mit dem Fahrstuhl in die fünfte Etage. Auf dem Gang steht ein Wagen mit Utensilien für die Zimmerreinigung. Nummer 536 ist mein Zuhause für diese Nacht. Ein geräumiges Zimmer mit großem Bad, kleinem Balkon, Sessel, Schreibtisch und seitlichem Blick auf den Michel.

Ein guter Tag: 38 der 166 Zimmer sind gebucht

Es geht zurück in die Lobby. Treffen mit Direktor Thomas Kleinertz. Seit 19 Jahren arbeitet der 43-Jährige im Madison, das Haus leitet er inzwischen seit elf Jahren. Kleinertz trägt einen grauen Nadelstreifenanzug, weißes Hemd und natürlich eine Maske. „Herzlich willkommen. Seit Corona freuen wir uns noch mehr über jeden einzelnen Gast, den wir bei uns begrüßen dürfen“, sagt Kleinertz.

Und so grotesk es klingt – heute ist ein guter Tag. 38 der 166 Zimmer sind gebucht. Insgesamt rechnet Kleinertz für diesen Monat mit einer Belegung von durchschnittlich 15 Prozent. „Damit verdienen wir natürlich kein Geld. Aber es reicht gerade so, um die Kosten zu decken, die durch die Öffnung des Hauses entstehen.“ Warum das Madison nicht schließt? „Es gibt zwei Gründe. Zum einen möchten wir auch in diesen schwierigen Zeiten für unsere vielen Stammgäste da sein. Und wir wollen sie nicht verlieren. Wenn die Gäste jetzt monatelang in andere Hotels ausweichen müssten, würden sie uns vielleicht nicht mehr die Treue halten.“

Aber vor allem geht es um die jungen Menschen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen. „Wir haben zwölf Auszubildende. Wenn wir jetzt schließen würden, wären die Menschen, die die Zukunft für unsere Branche sind, monatelang ohne echte Aufgabe. Denn im Hotel dreht sich alles um die Gäste, und die sind nur da, wenn wir geöffnet haben.“

93 Madison-Mitarbeiter sind in Kurzarbeit

Die Auszubildenden schmeißen nun gemeinsam mit ihrem Chef den Laden. Die 93 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, werden nur mal tageweise zur Verstärkung geholt, wenn die Buchungslage entsprechend ist. „Natürlich stehen wir im Austausch mit unseren Mitarbeitern, viele sind schon lange bei uns. Und man fühlt sich hilflos, weil man auf die Frage, wann sie wieder arbeiten können, keine Antwort geben kann.“

Inzwischen hat Marlies Head mit Maske am Tisch Platz genommen. Die 79-Jährige ist die Grande Dame der Hamburger Hotellerie. 1993 hat die Unternehmerin das Madison gegründet und schaut immer noch mehrmals die Woche vorbei. Ihr entgeht nichts. Sie wendet sich an ihren Direktor. „Wir brauchen unbedingt eine Osterdeko in der Halle. Es muss doch schön sein, auch wenn wir nur wenige Gäste haben.“ Sie hält einen Moment inne und verrät: In der vergangenen Woche habe sie im leeren Restaurant gestanden und geheult. Head sagt. „Die Situation ist so schrecklich. Das Hotel gibt es seit fast 30 Jahren, aber dass man den Menschen das Reisen verbietet, habe ich noch nie erlebt.“

Hotel-Azubi: "Das sind jetzt ganz andere Zeiten"

Auch das Madison erhält finanzielle Unterstützung vom Staat. Das reicht aber nicht. Ein Kredit über zwei Millionen Euro wurde aufgenommen, für einen Teil musste Head mit ihrem Privatvermögen bürgen. „Da hat man immer gut gewirtschaftet, und dann kommt Corona. An manchen Tagen hatten wir hier mehr als 300 Menschen im Haus, und in der Bar war weit nach Mitternacht richtig was los“, erzählt Head.

Während des Gesprächs huscht ab und an mal ein Gast durch die Halle. Plötzlich ein Geräusch. Das macht der Auszubildende René Kiehn, der mit dem Staubsauger in der Halle im Einsatz ist. Zeit für einen Rundgang durch das Hotel. Nur die fünfte und sechste Etage sind geöffnet.

Im dritten Stock ist es dunkel und kalt

Mit dem Lift geht es in den dritten Stock. Das Licht ist aus. Es ist kalt, hier wird nicht geheizt. Direktor Kleinertz führt ins Wäsche­lager. Dort sortiert Celina Götz Bademäntel auf einen Wagen, die später dann in der fünften und in der sechsten Etage auf die Zimmer verteilt werden.

Die Hamburgerin ist im zweiten Lehrjahr und lernt Hotelfachfrau. „Das sind jetzt ganz andere Zeiten. Ich bin heute sozusagen die Chefin im Housekeeping und teile unsere Zimmermädchen ein“, erzählt die 20-Jährige. Und Celina Götz ist auch die „Checkerin“. Die Hausdame und ihre Assistentinnen sind größtenteils in Kurzarbeit, unterstützen an zwei bis drei Tagen in der Woche.

In Corona-Zeiten werden Oberflächen extra desinfiziert

Nach der Reinigung kontrolliert sie die Zimmer. In Corona-Zeiten werden auch alle Oberflächen noch einmal extra desinfiziert, im gesamten Haus gilt ein spezielles Hygienekonzept. „Es geht um viele Details. Alles muss tipptopp sein, kein Krümel darf zu sehen sein. Zum Beispiel kontrolliere ich auch, ob in der Espressomaschine noch eine Kapsel hängt“, sagt Götz.

Wenn die Belegung besonders gering ist und die Zimmermädchen – die hier nicht von einer Fremdfirma kommen, sondern Angestellte des Hotels sind – nicht angefordert werden, dann reinigt Celina Götz auch mal ein Zimmer. „Das ist für mich kein Problem.“

Auch Samuel Koch steigt im Madison ab

Inzwischen ist es 16.30 Uhr geworden. Der Mitarbeiter eines Lieferservices kommt in die Lobby und hat Essen für einen Gast in der Warmhaltebox, die er direkt auf das Zimmer bringt. Und dann betritt Philippe Goos die Halle. Der Schauspieler gehört zum Ensemble des Staatstheaters Hannover – aber die Bühnen sind wegen Corona geschlossen. Der 41-Jährige nutzt die freie Zeit.

Heute ist er in die Hansestadt gekommen, um für die ZDF-Serie „Soko Hamburg“ zu drehen. „Ich bleibe für eine Nacht, morgenfrüh werde ich abgeholt und zum Set gebracht. Ich hatte zunächst gedacht, alle Hotels seien wegen Corona geschlossen. Zum Glück ist das nicht so, denn es wird ja weiterhin gedreht, und wir sind auf Hotels angewiesen.“

Geschäftsleute mit Rollkoffern und Laptoptaschen checken ein

Das Madison ist beliebt bei Künstlern. Auch Samuel Koch und seine Frau Sarah Elena Timpe übernachten heute hier. Die beiden Schauspieler sind zu Gast auf dem roten Sofa der NDR-Sendung „Das!“ und stellen ein Buch vor. Langsam wird es belebter in der Halle.

Geschäftsleute mit den typischen Rollkoffern und Laptoptaschen checken ein. Hinter der Rezeption steht Lucas Dreeßen. Der Geesthachter ist im dritten Lehrjahr, er wirkt routiniert. „Ich könnte schon ein bisschen mehr Action vertragen. Vor Corona hatten wir richtig viel zu tun, jetzt ist oft ein wenig Leerlauf. Aber was mir auffällt: Die Gäste sind wirklich dankbar dafür, dass wir trotz Corona weiter für sie da sind.“

Darüber freut sich auch Paulo da Silva. Der IT-Projektleiter aus Nordhorn arbeitet in der HafenCity und steigt eigentlich jede Woche im Madison ab. „Mein Job erfordert es, dass ich vor Ort bin. Und es ist ein wirkliches Privileg, dass ich weiter hier im Madison übernachten kann. Natürlich kenne ich die Mitarbeiter, es hat schon etwas Familiäres.“ Was da Silva vermisst? „Einfach nach der Arbeit durch das Portugiesenviertel zu schlendern und mal wieder Tapas in einem der Restaurants zu essen.“

Erinnerungen an wilde Zeiten im Madison

Unterdessen kommt Schauspieler Dietrich Hollinderbäumer vom Dreh zurück. Der 78 Jahre alte Grimme-Preisträger ist immer noch ein gefragter Schauspieler. Schon seit gut zwei Wochen ist Alexander Held mal wieder im Hotel zu Gast. Der gebürtige Münchner, der in Tirol lebt, gehört zu der A-Riege der deutschen Schauspieler. Held bestellt ein Weizen und Schweinegeschnetzeltes Züricher Art. Seit 2009 spielt er den Hauptkommissar Karl Hidde im ZDF-Krimi „Stralsund“.

„Wir drehen aktuell im Hamburger Umland. Ich fühle mich hier im Hotel sehr wohl und genieße den persönlichen Service“, erzählt Held dem Abendblatt-Reporter. Er erinnert sich an wilde Zeiten im Madison. „Es dürfte so 25 Jahre her sein, als ich in Hamburg mit Heiner Lauterbach gedreht habe. Damals ging es an der Bar hoch her.“ Held lächelt. „Aber inzwischen sind wir alle sehr viel disziplinierter geworden, und abends wird das Drehbuch gelernt.“ Doch es sei schon ungewohnt, dass es so ruhig im Haus sei. Zu normalen Zeiten kommen auch viele Hamburger gerne auf einen Drink in die Bar des Madison, jetzt ist sie geschlossen.

Drei Geschäftsleute essen auf Abstand

Aber die Gäste genießen ein Privileg, das ein Stück weit Normalität aufkommen lässt. Es wird nicht nur ein Zimmerservice angeboten, sondern die Gerichte werden auch in der Lobby serviert. Die Tische sind mit weißen Stoffservietten, Kerzen und Osterglocken eingedeckt.

Schauspieler Held hat Platz genommen und lässt sich sein Abendessen schmecken. An einem anderen Tisch sitzen später drei Geschäftsleute auf Abstand. Es wird Bier und Essen bestellt. Auf der Karte stehen Gerichte wie Gulaschsuppe und Hühnerfrikassee.

Ohne Corona würde jetzt Küchenchef Johannes Zapf arbeiten

Besonders beliebt sei Chili con Carne, sagt Cathrin Grotzsch. Die Zubereitung übernimmt die 17-Jährige, die im ersten Lehrjahr ist. „Das ist ganz einfach. Die Gerichte sind vorgekocht und werden von mir fertig zubereitet und auf dem Teller angerichtet.“

Ohne Corona würden hier jetzt Küchenchef Johannes Zapf und sein Team arbeiten, und die Gäste könnten von einer großen Karte im Restaurant Marley’s wählen. Eben noch an der Rezeption, jetzt im Service: Lucas Dreeßen bedient die wenigen Gäste an den Tischen. Er übernimmt auch den Zimmerservice und bringt die Teller unter den silbernen Hauben nach oben.

Auf dem Gang herrscht absolute Ruhe

Inzwischen ist es 21 Uhr geworden. Es kommt mal wieder ein Lieferservice vorbei. Schauspieler Karim Günes, der auch für Dreharbeiten in Hamburg weilt, hat Essen bestellt und holt es persönlich in der Halle ab. Der Abendblatt-Reporter kehrt auf Zimmer 536 zurück. Auf dem Gang herrscht absolute Ruhe, so bleibt es auch in der Nacht.

Für das Frühstück ist Salome Basilidze verantwortlich. Die Schicht der Auszubildenden hat um 6.30 Uhr begonnen. Die 27-Jährige richtet die Körbe mit den Brötchen her, die Teller mit Käse und Wurst und die Schalen mit Obst­salat und Joghurt. Auch Eierspeisen bereitet die angehende Hotelfachfrau vor. Den meisten Gästen – in diesem Fall sind es 19 – bringt Basilidze das Frühstück aufs Zimmer.

Stammgast Paulo da Silva hat in der Lobby Platz genommen. „Ich sitze zum Frühstück nicht gerne alleine auf dem Zimmer. Hier sehe ich wenigstens ein paar Menschen.“ Bereits um 7.30 Uhr wartet Alexander Held auf einer Bank vor dem Hotel auf einen Fahrer, der ihn zum Set bringt. Im August wird der Schauspieler wieder hier übernachten – und hoffentlich wird das Madison dann wieder ein pulsierender Ort sein.

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