Prozess in Hamburg

Grindelallee: Zwei Versionen zu Unfall mit 5-er Bus

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Nicht Grindelallee, sondern Hoheluftchaussee: Aber der Bus der Hamburger Linie 5 ist häufiger in Wende-Unfälle verwickelt. (Archivbild).

Nicht Grindelallee, sondern Hoheluftchaussee: Aber der Bus der Hamburger Linie 5 ist häufiger in Wende-Unfälle verwickelt. (Archivbild).

Foto: Michael Arning

Mercedes kracht 2019 in HVV-Bus. Insassen verletzen sich. Doch der bestrafte Verursacher erinnert sich ganz anders an den Fall.

Hamburg. Er hat das Unglück kommen sehen. „Ich hatte das Gefühl, dass es gleich kracht!“ Der Mann war Fahrgast in der Buslinie 5, die an der Grindelallee unterwegs war – und damit auf einer Straße, die in den vergangenen Jahren als unfallträchtig galt. Und hier, an diesem 24. September 2019, rumste es wieder: Ein Mercedes kollidierte mit dem Linienbus. Es krachte so heftig, dass in dem HVV-Fahrzeug drei Fahrgäste verletzt wurden.

Am Dienstag sitzt wegen dieses Unfalls ein 42-Jähriger vor dem Amtsgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft Frank E. fahrlässige Körperverletzung vor. Laut Anklage wechselte der Hamburger morgens gegen 9.45 Uhr mit seinem Auto mehrfach die Fahrspur, um schneller voran zu kommen, geriet dann auf die Busspur, wo sein Mercedes B-Klasse mit der Linie 5 zusammenstieß.

Mehr als 500 Personen bei Busunfällen verletzt

Unfälle mit Bussen kommen in Hamburg häufig vor – wobei die meisten von ihnen eher glimpflich und nur mit Blechschaden enden. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei 1906 Verkehrsunfälle, an denen Busse beteiligt waren, mit 242 Verletzten. Im Jahr 2019 waren es laut Polizei 1990 Kollisionen, bei denen 513 Menschen verletzt wurden.

„Ich warte seit ewig darauf zu erzählen, was an diesem Tag wirklich passiert ist“, beginnt der Angeklagte seine Schilderung über das Unglück vom 24. September 2019. Ein Urteil über eine Geldstrafe von 1800 Euro im Strafbefehls-Verfahren, also ohne Hauptverhandlung, das das Gericht erlassen hatte, möchte Frank E. unter keinen Umständen akzeptieren.

Angeklagter beteuert, vorsichtig gefahren zu sein

„Ich war nicht zu schnell oder unvorsichtig“, beteuert der große, schmale Mann. Bedächtig, mit vielen Rückgriffen in die Vergangenheit und oft umständlich erzählt der Angeklagte, wie es nach seiner Erinnerung gerade eben nicht gewesen sei. Dass sein Wagen auf die Busspur gefahren sein soll, „entspricht nicht dem Schadensbild“, behauptet der Mann.

Er lebe seit 15 Jahren in Hamburg und sehe „auch Busse, die oft rasant fahren“. Er selber sei auf der Grindelallee überwiegend auf der rechten Spur und „defensiv“ gefahren. Wegen eines Lieferwagens, der dort gehalten habe, habe er gestoppt und sei dann an dem Fahrzeug vorbeigezogen. „Plötzlich schlägt der Bus in mich rein. Es war übelst laut. Ich hatte zwei Airbags im Gesicht, und überall waren Scherben.“

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Der Fahrer der Linie 5 erinnert indes vorangegangene schnelle Spurwechsel des Pkw. Wegen eines parkenden Transporters sei der Mercedes nach links herübergezogen, „bis auf die Busspur. Ich kam nicht mehr dazu, auch nur den Fuß vom Gas zu nehmen.“ Durch den Aufprall sei das Auto von seinem Bus wieder in die normale Fahrspur zurückgeschoben worden. Wegen des plötzlichen Stopps wurden mehrere Fahrgäste nach vorn geschleudert.

Zeuge belastet Angeklagten, der mehrfach vorbestraft ist

Einer davon ist Martin J., der Verletzungen an der Nase davontrug, nachdem er durch die Wucht des Aufpralls mit dem Kopf gegen eine Trennscheibe geprallt war. „Da wechselte jemand die Spur, der wollte wohl auf die Busspur. Dann sah ich plötzlich nur noch Sternchen“, erinnert sich der 73-Jährige. Schon vorher, als er den Pkw beobachtet hatte, habe er das Gefühl gehabt, dass es jeden Moment zu einer Kollision kommen könne.

In diesem Stadium der Beweisaufnahme rät der Richter dem in drei Fällen vorbestraften Angeklagten eindringlich, den Einspruch gegen den Strafbefehl zurückzunehmen. Wenn Frank E. darauf bestehe, dass es zu einem Urteil kommt, werde das vermutlich höher ausfallen. Nach einer kurzen Besprechung mit seinem Verteidiger verkündet dieser, sein Mandant fühle sich „nicht wohl damit“, aber Frank E. werde nun das Urteil akzeptieren: Es lautet auf eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu 60 Euro sowie zwei Monate Fahrverbot.

( bem )

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