Ein Jahr Corona-Krise in Hamburg: die große Chronologie

Männer und Frauen warten auf ihre Corona-Impfung im Impfzentrum in den Hamburger Messehallen.

Männer und Frauen warten auf ihre Corona-Impfung im Impfzentrum in den Hamburger Messehallen.

Foto: Michael Rauhe / HA

Hamburg und das Virus – wie der Bürgermeister, ein UKE-Mediziner, ein Gastronom und eine Betroffene ein Jahr Pandemie erlebten.

Hamburg. Am 2. Januar 2020: Professor Stefan Kluge, Chef aller Intensivstationen für erwachsene Patienten am UKE, liest in der Ärztezeitung eine kleine Meldung: „Mysteriöse Lungenkrankheit in China ausgebrochen“. Kluge, der auch Lungenfacharzt ist, sagt: „Ich habe das so unter ,Ferner liefen‘ eingeordnet.“ Er weiß: Es gibt immer mal wieder solche Berichte. „Das wird dann lokal eingedämmt, etwas Größeres wird in der Regel nicht daraus.“

22. Januar 2020: Gerrit Lerch sitzt mit seiner Frau Dani zu Hause in Grönwohld vor dem Fernseher. Der 48-Jährige betreibt im Schanzenviertel den „Galopper des Jahres“ neben der Roten Flora und den Tanzclub „Jolly Jumper“ im selben Gebäude. Lerch ist auf der Schanze fast schon ein Urgestein, seit 22 Jahren ist er dort Gastronom. Als Kontrastprogramm zum Schanzentrubel lebt er mit seiner Frau Dani und den drei Kindern in dem beschaulichen Dorf in Stormarn. Lerch und seine Frau schauen die Nachrichten. Die berichten von einem tödlichen Virus in Wuhan. Das hört sich dramatisch an, denkt Lerch. Aber China ist weit weg. Mit uns hat das nichts zu tun.

26. Januar: Peter Tschentscher blickt besorgt nach China

26. Januar: Auch beim Robert-Koch-Institut, der zentralen Einrichtung der Bundesregierung zur Krankheitsprävention, hält sich Besorgnis ob des neuartigen Virus noch in Grenzen: „Mit einem Import einzelner Fälle nach Deutschland muss gerechnet werden“, notiert es zurückhaltend. Ein Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) räumt gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“ ein, es gebe zwar Pandemiepläne, aber man schätze die Gefahr eher als gering ein: „Nach allem, was wir wissen, überträgt sich das Coronavirus nur schwer von Mensch zu Mensch. Und der Krankheitsverlauf ist relativ moderat.“

Peter Tschentscher schätzt die Lage etwas anders ein. Hamburgs Bürgermeister hat zwar gerade andere Sorgen, kommenden Monat ist Bürgerschaftswahl, und seine SPD liegt in Umfragen nur knapp vor den Grünen. Aber als gelernter Labormediziner nimmt er die Ereignisse in China dennoch sehr genau wahr. Spätestens als ihm ein Reeder berichtet, die Chinesen würden die Ferien zum Neujahrsfest wegen des Virus um eine Woche verlängern, ist ihm klar, was das bedeutet: Ohne Not würde China, der wichtigste Handelspartner Hamburgs, seine Wirtschaft nicht länger lahmlegen. Die Lage muss ernst sein. Tschentschers Einschätzung: „Das Virus ist offensichtlich hochinfektiös, es wird uns in Europa erreichen, und eine international verflochtene Stadt wie Hamburg mit am schnellsten.“ Doch weil Flugzeuge schneller sind als Schiffe, tritt das Virus zunächst im Süden der Republik auf.

Video: Mutiertes Coronavirus breitet sich in Hamburg aus

Britische Corona-Mutation in Hamburg weit verbreitet

27. Januar: Ein 33 Jahre alter Mitarbeiter des Autozulieferers Webasto meldet sich mit Grippesymptomen im Münchner Tropeninstitut. Es stellt sich heraus: Er ist der erste deutsche Corona-Fall, mutmaßlich angesteckt von einer Kollegin aus China, die auf Dienstreise in Deutschland war. Als Gastronom Gerrit Lerch das hört, ist ihm klar: Das ist keine chinesische Seuche, das wird sich weltweit ausbreiten – die Einschläge kommen näher.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Mediziner Kluge ist gerade mit seiner Familie im Urlaub angekommen. „Wir haben damals nicht geglaubt, dass das Virus Norddeutschland erreichen wird“, sagt er. Schon während seiner Anreise im Flugzeug wunderte sich Kluge. „Da gab es zwei europäisch aussehende Passagiere, die die ganze Zeit über Masken getragen haben. Ich habe zu meiner Frau gesagt: ,Was für ein Quatsch.‘ Die wurden angestarrt im Flugzeug.“

Sandra-Valeska Bruhns aus Blankenese und ihre Familie gucken regelmäßig „Tagesschau“. Sie haben den Ausbruch in Wuhan mitbekommen und den ersten deutschen Corona-Fall. „Als Bedrohung für uns haben wir das nicht empfunden“, sagt die die freiberufliche Journalistin, Mutter von vier Kindern im Alter von 18, 16, 13 und 11 Jahren.

In Hamburg beauftragt der Bürgermeister seine Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD), Vorbereitungen zu treffen: Hafen und Flughafen sollen wachsam sein, um eventuelle weitere Corona-Fälle schnell zu erkennen und einzugrenzen. Tschentscher will umgehend informiert werden, wenn es Neuigkeiten gibt. 23. Februar: Bei der Bürgerschaftswahl wird die SPD mit 39,2 Prozent überraschend klar stärkste Kraft. Die Grünen verdoppeln ihren Stimmenanteil zwar auf 24,2 Prozent, verfehlen ihr Ziel, stärkste Kraft zu werden, aber deutlich. Der sichtlich gelöste Bürgermeister zieht im Wahlzentrum in den Messehallen von Interview zu Interview, es herrscht dichtes Gedränge. Corona ist kein Thema. Zehn Monate später wird hier das Impfzentrum der Stadt eingerichtet.

24. Februar: Noch in der Nacht fährt der Bürgermeister nach Berlin, wo am Tag nach der Wahl der traditionelle Auftritt in der Parteizentrale ansteht. Trotz weniger Stunden Schlaf ist die Stimmung ausgelassen – fast 40 Prozent hat für die SPD lange niemand mehr geholt. „Ich hatte mir vorgenommen, jetzt schnell Koalitionsverhandlungen zu führen und dann gestärkt in die nächsten fünf Jahre zu starten“, erinnert sich Tschentscher. Stattdessen wird es „ein Wechselbad der Gefühle“.

25. Februar: Ein Kinderarzt am UKE, der zwei Tage zuvor mit dem Auto aus dem Skiurlaub in Italien zurückgekommen war und am Montag die Arbeit wieder aufgenommen hatte, zeigt erste Symptome einer Covid-19-Erkrankung. Er bricht seinen Dienst ab, lässt sich testen und begibt sich in häusliche Quarantäne an seinem Wohnort in Henstedt-Ulzburg (Schleswig-Holstein).

27. Februar 2020: Der erste positive Corona-Test in Hamburg

27. Februar: Kluges Urlaub ist seit zwei Wochen vorbei. Die Nachrichten überschlagen sich. Mehr Fälle in Bayern, Ausbrüche in Italien. Im UKE wird eine Taskforce gegründet. Man trifft sich in einem Besprechungsraum. „Es kamen immer mehr Leute rein, wir waren 30, 40 Menschen. Nicht nur Intensivmediziner oder Infektiologen, sondern auch die Logistik, der Einkauf, die Presseabteilung, die Gastronomie. Der Raum platzte aus allen Nähten. Da wurde klar: Das Virus betrifft das ganze Krankenhaus.“ Es ist das erste und zugleich letzte Treffen der Taskforce in diesem Konferenzraum. Alle weiteren Besprechungen finden in einem der großen UKE-Hörsaale statt.

Am Abend liegt das Testergebnis des Kinderarztes vor: positiv. Nur vier Tage nach der Wahl wird damit der erste Corona-Fall im Norden nachgewiesen. Die Gesundheitssenatorin eilt ins UKE und berät mit Medizinern und der Klinikleitung das weitere Vorgehen. Gegen 20 Uhr ruft der Bürgermeister an und fragt, ob er dazukommen soll. Nicht nötig, das UKE habe alles im Griff, sagt Prüfer-Storcks. Erst nach 22 Uhr ruft Tschentscher, der selbst bis 2011 viele Jahre als Arzt an der Klinik tätig war und noch viele Mitarbeiter kennt, Prof. Marylyn Addo an, die Leiterin der Infektiologie. Auch sie bestätigt ihm, dass alle notwendigen Schritte eingeleitet seien.

28. Februar: Dass ausgerechnet ein Kollege sich als Erster infiziert, berührt auch Stefan Kluge. „Das kam dann sehr nahe an uns ran“, sagt er. „Wir wussten: Jetzt geht’s los.“ Was man im UKE nicht weiß: Wie behandelt man einen Infizierten? „Wir hatten extrem wenige Kenntnisse“, sagt Kluge. „Ich hatte Informationen von einem Arzt aus China, den ich kannte, und aus Italien. Aber es waren teilweise auch widersprüchliche Informationen.“ Manche chinesische Mediziner warnen: Seid äußerst vorsichtig beim Kontakt mit den Infizierten, hier haben sich viele Ärzte und Pflegende angesteckt.

SPD und Grüne führen in der SPD-Parteizentrale an der Kurt-Schumacher-Allee erste Sondierungsgespräche. Ohne Maske, aber mit Abstand – zumindest zwischen Roten und Grünen. Die Stimmung ist gelöst, es wird über den korrekten Abstand gewitzelt. Aber Kontaktbeschränkungen sind noch kein Thema: Am Abend ist der Bürgermeister Gastgeber beim traditionsreichen Matthiae-Mahl im Rathaus mit 400 Gästen.

29. Februar: Im „Galopper des Jahres“ wird gefeiert. Wie an jedem Wochenende strömt das Partyvolk herein. Und wie an jedem Wochenende verwandelt sich die Kneipe, die Craftbeer-Spezialitäten ausschenkt, in eine Bar. Kaum jemand sitzt an den Tischen, stattdessen stehen die Menschen in Vierer- oder Fünferreihen um den Ausschank herum, kaufen Drinks und wippen im Stehen zur Musik. In dem an die 300 Quadratmeter großen Laden im Haus 73 passen gut und gern 350 Leute, einige sitzen an den Tischen vor der Tür. An Wochenenden steppt hier ab 22 Uhr der Bär, Türsteher müssen den Einlass regeln. Acht Festangestellte und 25 Mini-Jobber kümmern sich um die Gäste. Gerrit Lerch freut sich über die Spitzenumsätze im Januar und Fe­bruar. Das wird ein entspanntes Jahr, denkt er. Der 48-Jährige ist bester Dinge.

1. März 2020: In Hamburg beginnen die Ski-Ferien

1. März: In Hamburg beginnen die Frühjahrsferien, aufgrund der Affinität vieler Hamburger zu den Bergen auch Ski-Ferien genannt. Erstmals seit Monaten gönnt sich auch der Bürgermeister ein paar Tage Urlaub mit seiner Frau. Er meldet sich aber regelmäßig bei seinem Büroleiter Daniel Stricker und erinnert daran, dass die Lage ernst werden könnte und man gegebenenfalls einen Katas­trophenstab einrichten müsse. Die Antwort aus dem Rathaus: Alles geregelt, der Stab würde in der Innenbehörde angesiedelt und dem dortigen Staatsrat unterstehen, der dann alle Entscheidungen treffe.

Tschentscher ist entgeistert: Es könne doch wohl nicht sein, dass ihm als Bürgermeister die Verantwortung aus der Hand genommen werde. In Rathaus und Behörden wird weiter recherchiert, sogar Akten aus Zeiten der Großen Flut 1962 werden gewälzt. Schließlich ist die Rechtslage klar: Der Bürgermeister kann jederzeit eingreifen und die Leitung des Katastrophenstabs übernehmen. Tschentscher ist beruhigt. „Ich wollte einfach vorbereitet sein auf das, was da kommen könnte“, erinnert er sich.

Wochen später wird der Senatschef auf seine Kompetenzen hinweisen: Als etliche Regierungsmitglieder über neue Beschränkungen murren, platzt Tschentscher der Kragen: Er könne auch wie Söder in Bayern den Katastrophenfall ausrufen und alles allein entscheiden, „wie Putin in Russland“. Ob das so gewünscht sei? Ist es nicht. Spätestens jetzt ist allen Beteiligten klar, wie ernst der Bürgermeister die Lage nimmt.

Im UKE stehlen Diebe Desinfektionsmittel und Schutzbekleidung. „Das war Wahnsinn, was wir damals für Mühe hatten, die allereinfachsten Dinge zu besorgen“, sagt Kluge. „Alle wollten Masken, Kittel und Desinfektionsmittel haben. Ein UKE-Arzt hat damals gekündigt und gesagt: Ich stelle FFP2-Masken her. Ich habe nie wieder von ihm gehört.“

6. März 2020: Die Meldungen über Corona-Fälle häufen sich, gerade wurde die Internorga, die internationale Fachmesse für Gastronomie und Hotellerie in Hamburg, im März abgesagt. Für „Galopper“-Gastronom Gerrit Lerch ist das „ein Fanal“. Er weiß: Jetzt wird es richtig ernst. Sein Personal ist in Sorge, er versucht, den Mitarbeitern Mut zu machen: „Wir schaffen das.“ Der „Galopper“ ist an diesem Freitagabend brechend voll. Im „Jolly Jumper“ tanzen 150 Menschen, als gäbe es kein Morgen.

Nachdem die traditionelle Trainingswoche des Segelvereins am Gardasee in der ersten Märzwoche relativ kurzfristig abgesagt wird, startet Sandra-Valeska Bruhns mit ihrem Mann und zwei Kindern in den Skirurlaub in Vorarlberg. Das älteste Kind macht bald Abi und bleibt zu Hause, der Zweitgeborene ist in Irland im Schüleraustausch. „Wir sind mit dem Auto gefahren, wohnen immer im Appartement, wir sind nicht davon ausgegangen, dass es gefährlich sein könnte“, sagt Bruhns.

9. März 2020: Der erste deutsche Corona-Tote - ein Hamburger Feuerwehrmann

9. März: Das erste deutsche Coronavirus-Opfer ist ein 59 Jahre alter Hamburger Feuerwehrmann. Das bestätigt die Gesundheitsbehörde am Montag. Der Mann wohnte in Schleswig-Holstein (daher zählt er nicht als „Hamburger“ Corona-Toter) und starb während eines Urlaubs in Ägypten. Noch ist unklar, wo sich der Mann genau angesteckt hat.

Im UKE muss der erste Corona-Patient intensivmedizinisch versorgt werden – ein Mann mit schwerstem Lungenversagen. „Wir hatten eine komplette Intensivstation mit zwölf Betten für Corona-Fälle freigeräumt“, sagt Stefan Kluge. „Wir hatten ja in Deutschland und damit auch in Hamburg den Riesenvorteil, alles vorbereiten zu können.“ Eine Woche lang stand die Intensivstation leer – dann ging es los. Der erste Intensivpatient hat die Infektion überstanden.

10. März: Der Mann von Sandra-Valeska Bruhns fühlt sich gleich in den ersten Tagen des Urlaubs nicht wohl. Fieber, Abgeschlagenheit, trockener Husten – die typischen Merkmale. An diesem Abend macht er noch Schnitzel für alle, geht dann früh ins Bett. Am nächsten Tag trifft sich seine Frau mit Freunden in St. Anton zu einer kleinen Geburtstagsfeier – im Freien und mit Abstand, denn inzwischen machen die Masseninfektionen aus Ischgl überall die Runde. „Da waren wir schon vorsichtig“, sagt die Hamburgerin.

12. März: Für den Tag hat der Bürgermeister, der bis Herbst Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) war und seitdem Stellvertreter ist, eigentlich eine Sonder-MPK zu den Themen Klimaschutz und Energiewende angeleiert. Das Treffen in Berlin, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teilnimmt, findet auch statt. Doch statt um Klimaschutz geht es von Anfang an nur um das Virus. Mittlerweile sorgen Berichte über den Corona-Hotspot Ischgl für Aufsehen. Tschentscher ist klar, dass sein Bundesland ein Pro­blem hat – denn nur Hamburg hat gerade Ferien, und Tausende Hamburger sind zum Skifahren in den Alpen.

Mit dabei sind auch Wissenschaftler wie RKI-Chef Prof. Lothar Wieler und der Virologe Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité. Sie dringen jedoch mit ihrer differenzierten Haltung nicht richtig durch, etliche Politiker wünschen sich klarere Aussagen. Als die Wissenschaftler in einer Pause den Raum verlassen, geht Tschentscher ihnen nach und sucht noch einmal das Gespräch. Man ist sich einig, dass Hamburg wegen der Skiurlauber bundesweit derzeit das größte Problem hat. Was nun? Gibt es Maßnahmen, die zu drastisch sein könnten, will Tschentscher wissen. Antwort: Nein, je drastischer, desto besser.

Der Bürgermeister ruft daraufhin seinen Staatsrat Jan Pörksen, den Chef der Senatskanzlei, an: Er möge die Gesundheitssenatorin und den Schulsenator vorwarnen, dass harte Maßnahmen nötig sein werden. Danach geht Tschentscher wieder in die Runde mit der Kanzlerin. Dort werden weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens beschlossen: Der erste harte Shutdown in der Geschichte der Bundesrepublik gilt damit aber noch nicht, denn umsetzen müssen ihn die Bundesländer – diese föderalen Strukturen werden noch das ganze Jahr für Diskussionen sorgen.

Diesem ersten Zusammentreffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin zur Bekämpfung der Corona-Pandemie sollen noch viele folgen. Tschentschers Rolle als stellvertretender Vorsitzender der MPK führt dazu, dass er zusammen mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) an den Pressekonferenzen mit Merkel im Kanzleramt im Anschluss an die Beratungen teilnimmt. Die Fragen der Journalisten konzentrieren sich vor allem auf Merkel. „Ich bekam ab und zu auch eine Frage oder Merkel gab mir das Wort, wenn es etwas Medizinisches zu erklären gab“, erzählt Tschentscher. „Dadurch bekam ich eine Sonderwahrnehmung und habe erst im Nachhinein gemerkt, wie viele Leute das verfolgt haben.”

In Tirol wird die vorzeitige Schließung aller Skigebiete angekündigt. Familie Bruhns entscheidet, schon am Freitag abzureisen. Die Ehefrau sitzt am Steuer, ihr Mann versucht, für den Sohn in Irland einen Rückflug zu organisieren, und ruft zwischendurch x-mal beim Arztruf 116 117 an, weil er sich testen lassen möchte. Allen ist klar, es könnte Corona sein. Angesteckt hat er sich mutmaßlich nicht im Urlaub, sondern davor auf einer Dienstreise. „Man sagte ihm, wir kämen ja nicht aus einem Risikogebiet“, sagt Bruhns. Am selben Tag werden Ischgl, das Paznauntal und St. Anton unter Quarantäne gestellt. Tirol wird zum Risikogebiet erklärt, Tausende Urlauber kehren nach Hamburg zurück.

13. März 2020: Hamburg meldet mehr als 100 Corona-Fälle

13. März: Hamburg durchbricht die Zahl von 100 Corona-Infizierten. Nach 26 neuen Fällen sind es nun insgesamt 123. Der rot-grüne Hamburger Senat, der seit der Wahl nur noch geschäftsführend im Amt ist, beschließt an diesem Freitag auf einer Sondersitzung, die MPK-Beschlüsse umzusetzen. Es sind drastische und historisch beispiellose Maßnahmen: Von Montag, 16. März, an bleiben alle staatlichen und privaten Schulen für zwei Wochen geschlossen – offiziell werden dafür die Frühjahrsferien bis zum 29. März verlängert. Schulveranstaltungen fallen aus, Klassenfahrten werden abgesagt, der Regelbetrieb in den Kitas wird eingestellt, und die Hochschulen verschieben den Beginn des Sommersemesters um drei Wochen. Bürgermeister Tschentscher sagt: „Alle diese Maßnahmen sind darauf ausgerichtet, die Ausbreitung dieses Virus zu verringern. Es wird jetzt darum gehen, möglichst wenige physische Kontakte zu haben.“

Eigentlich soll im „Galopper“ am Schulterblatt an diesem Freitagabend ein internationaler Brauer-Stammtisch stattfinden, das ist jedes Jahr ein Riesenevent in der auf Craftbeer spezialisierten Kneipe. Viele der Brauer, die auf der Internorga vertreten sind, kommen dann in den Laden von Gerrit Lerch und stellen ihre Biere vor. Schwerpunkt in diesem Jahr sind Biere aus Holland. Doch die Holländer sagen ab, wegen Corona. Lerch ist an diesem Abend selbst in seinem Laden. Die Stimmung ist trist. Ein paar Bier-Fans sind trotzdem zu dem Stammtisch gekommen, doch die Kneipe ist halb leer. Lerchs Eindruck: Die Leute sind unsicher, ob man noch feiern kann. Es herrscht Endzeitstimmung. „Ein komischer Abend“, sagt Lerch.

14. März: Als einziges Bundesland erlaubt Hamburg die Obduktion aller mit einer Covid-19-Infektion Verstorbenen. Das UKE-Institut für Rechtsmedizin unter der Leitung von Professor Klaus Püschel übernimmt diese Aufgabe. Stefan Kluge hat noch eine weitere Erklärung dafür, warum nur in Hamburg obduziert wurde. „Rechtsmediziner in anderen Bundesländern hatten Angst, sich dabei zu infizieren.“

SPD und Grüne vertagen den für Montag geplanten Start ihrer Koalitionsverhandlungen: „Viele der Verhandlungsteilnehmer sind stark in die Bewältigung der Herausforderungen eingebunden“, sagt die SPD-Landesvorsitzende, Sozialsenatorin Melanie Leonhard.

15. März: Die Entscheidung ist gefallen: Noch bevor der Senat das offiziell beschließt, entscheiden die Schanzen-Gastronomen, gemeinsam dichtzumachen. Gerrit Lerch und sein Team richten den Galopper „Lockdown-fest“ her. An den zwölf Zapfhähnen hängen noch zwölf Fässer Bier, viele von ihnen gerade erst angestochen. Die Kühlung wird heruntergedreht, die Heizung auch – alles, was Kosten verursacht. Lerch spricht eine Fünf-Minuten-Nachricht in die Whatsapp-Gruppe seines Personals. Die stehen da mit ihren Ängsten, Lerch versucht, seinen Leuten mit aufmunternden Worten die Sorgen zu nehmen, und verabschiedet sich erst mal. Was er noch nicht weiß: Das Team, das sich über die Jahre aufeinander eingespielt hat, wird es in dieser Form nicht mehr geben. Es bricht auseinander. Nur eine Handvoll der Mini-Jobber werden an Bord bleiben.

16. März: Das Testergebnis ihres Mannes ist positiv, das von Sandra-Valeska Bruhns und ihrer Kinder negativ. Nachbarn kaufen fortan für die Familie ein, die jetzt in Quarantäne lebt. Familienhund Toni, ein Labrador, wird jeden Tag abgeholt und von einem Bekannten betreut. Dem Familienvater geht es wieder besser, aber inzwischen geht es auch der vierfachen Mutter schlecht. Sie legt sich mit Fieber und Halsschmerzen ins Bett.

17. März: Theater, Museen und die meisten Geschäaft müssen schließen

17. März: Auch Theater, Museen und die meisten Geschäfte müssen schließen. Ausgenommen sind nur Supermärkte und andere Läden, die zur Versorgung der Menschen dienen.

Bürgermeister Tschentscher sagt im Abendblatt-Interview, wie aktiv er sich mit früheren Mediziner-Kollegen über Corona austausche: „Am liebsten würde ich manchmal meinen weißen Kittel wieder anziehen und mitmachen.“ Ein befreundeter Infektionsmediziner rät ihm dringend von harten Beschränkungen ab, die negativen Begleiterscheinungen seien unverhältnismäßig. Monate später meldet er sich wieder und bedauert seine Äußerungen. Doch auch Tschentscher glaubt zu dem Zeitpunkt, dass es nicht realistisch ist, die Ausbreitung des Virus auf null zu fahren: „Das wäre auch nicht sinnvoll, denn der beste Schutz gegen ein neuartiges Virus ist langfristig, dass unser Immunsystem es kennenlernt und Abwehrmechanismen entwickelt“, sagt er im Interview. Die Verbreitung dürfe nur nicht zu schnell gehen, dann werde das Gesundheitssystem überlastet.

18. März: Das UKE reduziert wegen der Corona-Lage die stationären und ambulanten Behandlungen. Es werden nur noch Patienten einbestellt, bei denen eine Behandlung dringlich ist.

19. März: Gastronom Gerrit Lerch holt seine Festangestellten zusammen und teilt ihnen mit, dass er für sie Kurzarbeit beantragen muss. Lerch zahlt immer Mitte des Monats Gehälter und Löhne aus. Am 15. März fließen rund 20.000 Euro von seinen Konten ab. Doch es kommt nichts nach. Seit dem 16. März hat er keine Einnahmen mehr, doch viele Fixkosten – etwa für Miete und Strom – laufen weiter. Stammkunden melden sich und spenden Zuspruch. Lerch zündet mit seiner Frau und den drei Kindern, 5, 10 und 11 Jahre alt, in seinem Garten in Grönwohld ein Feuer an. Sie wollen sich nicht unterkriegen lassen von der wirtschaftlichen Unsicherheit, nutzen stattdessen die viele freie Zeit als Familie.

An diesem Abend ist Peter Tschentscher zum ersten Mal in der Corona-Krise zu Gast in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“. Es folgen zahlreiche weitere Fernsehauftritte, nicht nur bei Lanz. „Ich habe aus terminlichen Gründen manche Anfragen abgesagt, habe aber bald gesehen, dass die Talk-Runden im Fernsehen eine große Reichweite haben. Das ist ein Format, in dem man Botschaften gut setzen kann“, sagt Tschentscher, der weiß, wie wichtig es in der Pandemie ist, seine Politik und die Entscheidungen immer wieder zu erklären.

20. März 2020: "Wir wollen niemanden einsperren", sagt Bürgermeister Tschentscher

20. März: Der Senat verkündet, dass auch Restaurants und Kneipen schließen müssen. Dass diese am vergangenen Wochenende noch öffnen konnten, obwohl viele infizierte Urlaubsrückkehrer durch die Stadt liefen, gilt später als großer Fehler. Öffentlich dürfen sich maximal sechs Personen treffen. Einzelsport wie Joggen ist weiter erlaubt. „Wir wollen niemanden einsperren“, sagt Bürgermeister Tschentscher.

21. März: Sandra-Valeska Bruhns wird erneut getestet, da fühlt sie sich eigentlich schon besser. Doch ihr Test ist positiv. Das Homeschooling ist inzwischen etwas holprig angelaufen, immerhin gibt es im Sechspersonenhaushalt fünf Computer. Die ganze Familie ist in Quarantäne. Die Eltern renovieren das Zimmer der Jüngsten. Der Rhythmus der Familie verändert sich. Morgens schlafen alle länger, die Arbeitszeiten schieben sich nach hinten, nur „unsere jüngere Tochter war immer schon am Mittwoch mit allen Aufgaben für die Schule fertig“, sagt Sandra-Valeska Bruhns. „Aber die Struktur zu erhalten fand ich wichtig.“ Es brauche Struktur, um abends erschöpft zu sein von dem, was man tagsüber geschafft hat, sagt sie.

22. März: Auf ihrer zweiten Corona-Besprechung mit der Kanzlerin vereinbart die MPK, den Lockdown fortzusetzen. „Die Ausbreitung des Coronavirus darf nicht so schnell fortschreiten, dass zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken“, sagt der Bürgermeister im Anschluss in einer Videobotschaft aus dem Rathaus. Dabei steht eine Fahne mit Hamburg-Wappen neben ihm – sie wird immer in den Raum gebracht, aus dem die Übertragung gerade stattfindet. Tschentscher appelliert an die Hamburger, zu Hause zu bleiben.

24. März 2020: Nun mehr als 1000 Corona-Fälle in Hamburg

24. März: Drei schlechte Nachrichten. Erstens: In Hamburg wird die Grenze von 1000 Infizierten überschritten. Zweitens: Mit 248 Neuinfektionen wird der höchste Tageswert innerhalb dieser ersten Welle verzeichnet – allerdings auch, weil viele Nachmeldungen einfließen. Drittens meldet die Gesundheitsbehörde den ersten offiziellen Hamburger Corona-Toten an das RKI: Der 52 Jahre alte Mann habe sich nach der Rückkehr aus einem Skiurlaub in der Schweiz mit leichten bis mittelschweren Symptomen in häuslicher Quarantäne befunden und sei am Sonntag, 22. März, überraschend gestorben.

Schon 500 freiwillige Helfer haben sich im UKE gemeldet. Beim Personal gibt es einen großen Zusammenhalt. Stefan Kluge sagt: „Ich erinnere mich nicht, dass mal ein Mitarbeiter gesagt hätte: Mir ist das zu gefährlich, ich will keine Covid-Patienten betreuen müssen.“ Manche Eifersüchteleien, die es in einem so großen Betrieb fast zwangsläufig gibt, werden beiseitegeschoben. Eine komplette Kinder-Intensivstation zieht um, um Platz für Covid-Patienten zu schaffen. „Ja, klar, machen wir“, heißt es. Auch von draußen gibt es viel Unterstützung. Auf den Balkonen wird geklatscht, den UKE-Beschäftigten werden Reisegutscheine und Hotelgutscheine gespendet. Kluge spricht von den „positivsten Emotionen dieser Krise“. 25. März: Erste medizinische Erkenntnisse liegen vor. Es sind die Älteren, die besonders gefährdet sind. „Das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Infektion ist bei Menschen zwischen 50 und 60 Jahren deutlich erhöht“, heißt es in einer Pressemitteilung des UKE.

27. März: Professor Klaus Püschel meldet sich bei Kluge. Bei den Obduktionen, sagt Püschel, habe sich gezeigt, dass viele Verstorbene auffällige Thrombosen gehabt hätten. Die Rate ist hoch: Fast 60 Prozent aller Toten haben diese Pfropfen aus geronnenem Blut. Schnell wird diese Erkenntnis publiziert. Kluge sagt: „Das war meines Wissens weltweit der erste fundierte Bericht, der auf das Thrombose-Risiko hinwies. Das war eine extrem wichtige wissenschaftliche Erkenntnis.“ Seitdem werden Covid-Patienten unter anderem mit Blutverdünnern behandelt. „Das ist jetzt Standard“, sagt Kluge.

29. März: Das UKE nimmt zwei Covid-Erkrankte aus Frankreich auf. Der französische Konsul ruft bei Kluge an und bedankt sich für das Engagement. Die beiden Frauen können später geheilt entlassen werden. Kluge: „Wir hätten gern mehr Patienten aus Frankreich behandelt, aber es mussten auch Betten frei gehalten werden.“ Besonders wichtig in diesen Tagen ist diese Frage: Reichen die Kapazitäten der Intensivstationen? Reichen die Beatmungsgeräte?

30. März 2020: Die Sieben-Tage-Inzidenz erreicht den Höchstwert der ersten Welle - 64,5

30. März: Die Inzidenz in Hamburg steigt auf 64,5 – Höchstwert der ersten Welle. Irgendwann in dieser Zeit tauschen Merkel und Tschentscher ihre Handynummern aus. Die beiden kommunizieren direkt per Telefonat oder SMS miteinander, wenn es erforderlich ist. Das war vorher nicht der Fall.

Insgesamt verbringt Familie Bruhns 24 Tage gemeinsam in Quarantäne. „Wir haben dann von uns aus beim Gesundheitsamt angerufen, wann wir wieder rausdürfen“, sagt Bruhns. Die zwei Söhne haben überhaupt nie Symptome gezeigt, die zwei Töchter haben ein paar Antikörper, wie sich später bei einem Test herausstellt.

1. April: Der erste Covid-Erkrankte in Hamburg, der UKE-Arzt, ist genesen und nimmt die Arbeit wieder auf.

Das Geschäftskonto von Gastronom Gerrit Lerch ist leer. Vor einigen Tagen hat er zusammen mit seiner Frau, die für ihn die Buchhaltung macht, stundenlang das Online-Formular ausgefüllt, um Geld aus dem Notpaket I zu beantragen. Die Server sind völlig überlaufen, erst nach wohl 20 Versuchen gelingt es, das Formular abzuschicken. Zwar hat Lerch einen Kontokorrentkredit mit einem Rahmen von 50.000 Euro, den er ausnutzen kann. Aber dann müsste das Geld auch irgendwann wieder reinkommen.

Bürgermeister Tschentscher gibt am Mittag vor der Bürgerschaft seine erste von etlichen Regierungserklärungen zum Thema Corona ab. „Wann der Zeitpunkt gekommen ist, dass wir die in den letzten Wochen getroffenen Maßnahmen schrittweise wieder aufheben, kann derzeit niemand vorhersagen“, sagte er und appelliert vor allem an den Gemeinsinn der Bürger: „Wir sind eine starke Stadt und stehen gemeinsam gegen Corona.“

Direkt im Anschluss eilt er in die dritte Video-MPK mit der Kanzlerin: Der Lockdown geht erst mal weiter.

2. April 2020: Hamburg führt Bußgelder für Verstöße gegen die Corona-Regeln ein

2. April: Hamburg führt Bußgelder für Verstöße gegen die Corona-Auflagen ein: Weniger als 1,50 Meter Abstand kostet 150 Euro, ebenso der Aufenthalt im öffentlichen Raum in Begleitung von mehr als einer Person, die nicht in derselben Wohnung lebt, das Betreten von Spielplätzen und die Teilnahme an öffentlichen und nicht öffentlichen Veranstaltungen und Versammlungen. Die Inzidenz sinkt auf 48,9.

4. April: Das Wissen über das Virus wächst. „Nach bisherigen Erkenntnissen scheinen Erkrankte nach einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus für eine gewisse Zeit immun dagegen zu sein“, teilt Stefan Kluge mit.

5. April: Im UKE-Zentrum für Onkologie sind mehrere Patienten und Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. „Ein Ausbruch im UKE – das hat uns sehr betroffen gemacht“, sagt Kluge. Am Ende sterben elf Menschen.

6. April: „Gigantisches Frühlingswetter“, erinnert sich Sandra-Valeska Bruhns. Die Familie macht einen Spaziergang an der Elbe. Der erste Einkauf fühlt sich sonderbar an, denn die Schlangen beispielsweise auf dem Wochenmarkt hat die Familie ja zuvor nie so erlebt. All das entwickelte sich während ihrer Isolation.

Erste Bürger klagen gegen die Eindämmungsverordnungen. Fast im Tagesrhythmus fallen jetzt Urteile: Das Verwaltungsgericht bestätigt ein Demons­trationsverbot und das Verbot von Gottesdiensten, das Oberverwaltungsgericht weist einen Eilantrag gegen das Versammlungsverbot zurück, ein Eilantrag gegen die Schließung von Einzelhandelsgeschäften mit einer Verkaufsfläche von über 800 Quadratmetern hat vor dem Verwaltungsgericht Erfolg, das OVG bestätigt aber die Beschränkung der Verkaufsfläche. So geht es Schlag auf Schlag.

7. April: Schanzenwirt Gerrit Lerch hat Geburtstag. Das schönste Geschenk macht ihm der Staat: 25.000 Euro gehen aus dem Notpaket I auf seinem Konto ein. Ein echter Segen. Jetzt kann er Miete und Strom bezahlen. Seine Angestellten bekommen Kurzarbeitergeld. Lerch selbst hat sich zuletzt am 21. März Geld ausbezahlt. Würde seine Frau nicht arbeiten und für andere Firmen die vorbereitende Buchhaltung machen, würde es für die Familie finanziell richtig eng. Hinzu kommt die Sorge, wie es nach dem Lockdown für Bars wie seine überhaupt weitergehen kann. Zu Hause muss Lerch seine Rolle ganz neu definieren. Er ist nun Hausmann und unterstützt seine Kinder beim Fernunterricht. Im Nachhinein wird er diese Zeit als sein „Praktikum für den zweiten Lockdown“ sehen.

Im UKE hat die klinische Prüfung des Medikaments Remdesivir begonnen. Es gilt nach ersten Labortests als aussichtsreicher Wirkstoff für die Behandlung von Covid-Patienten. Später zeigt sich: Das Medikament ist nicht wirkungsvoll.

Ein Wust von Therapievorschlägen prasselt während der Pandemie in dieser Zeit auf die UKE-Mediziner ein. Aspirin, Vitamin D, Chloroquin, experimentelle Therapeutika sowie Akupunktur und Ingwerwickel, anthroposophische Ansätze. „Da war viel Glauben dabei, aber wenig Wissen“, sagt Kluge. „Das ist fast wie beim Fußball. Man hat bisweilen den Eindruck, es gebe mittlerweile über 80 Millionen Corona-Experten in Deutschland.“ Manchmal vermisse er auch bei medizinischen Kollegen „die Demut vor wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnen“.

8. April: Mittlerweile werden im UKE 26 Intensivpatienten auf drei kompletten Intensivstationen betreut, eine weitere Intensivstation betreut die Verdachtsfälle. Dennoch melden sich immer wieder Corona-Leugner bei Stefan Kluge. Der Intensivmediziner taucht öfter in den Medien auf, wird als Experte befragt. Also bekommt er nun E-Mails. „Das ging bis hin zu Bedrohungen“, sagt Kluge. Am Anfang habe er noch den Versuch gemacht, mit Argumenten zu überzeugen – und antwortet auf Mails. Seine Erfahrung: „Das bringt gar nichts. Das hat jemand sein festgefügtes Weltbild. Da hat man keine Chance.“

9. April: Die Osterfeuer an der Elbe fallen wegen Corona aus

9. April: Die Osterfeuer an der Elbe müssen ausfallen. „Unsere Kinder sammeln traditionell Tannenbäume in unserem Garten“, sagt Frau Bruhns, „da lagen dann 100 Bäume in unserem kleinen Garten.“ In den Nachbargärten habe es ähnlich ausgesehen. Die Stadtreinigung hat ein Einsehen und holt die nutzlosen verdorrten Bäume schließlich ab.

15. April: Schon die vierte MPK zu Corona. Bund und Länder einigen sich, dass Lockerungen möglich sind. In Hamburg sinkt die Inzidenz auf 32,0.

17. April: Zwei Tage später kündigt der Bürgermeister nach erneuter Sondersitzung des Senats an, dass Läden mit einer Verkaufsfläche von maximal 800 Quadrat­metern von Montag, 20. April, an wieder öffnen dürfen. Dabei müsse aber sichergestellt werden, dass die Kunden den Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten, betont Tschentscher. Größere Läden dürfen nur öffnen, wenn sie ihre Verkaufsfläche auf 800 Quadratmeter verkleinern. Die Menschen müssten sich aber darauf einstellen, noch einige Monate in der Pandemie zu leben.

20. April: Hamburg richtet zehn über die Stadt verteilte Infektpraxen ein – als Anlaufstelle für Patienten mit Erkältungsbeschwerden und Corona-Verdacht. Die Infektpraxen werden in bestehenden Hausarzt- oder HNO-Praxen eingerichtet.

21. April: Bürgermeister Tschentscher kündigt für Montag, 27. April, eine Maskenpflicht für den öffentlichen Nahverkehr, im Einzelhandel und auf Wochenmärkten an. Bislang wird die dringende Empfehlung des Senats, Masken im ÖPNV zu tragen, von den Hamburgern überwiegend ignoriert. Da es durch die Lockerungen immer schwieriger werde, Abstand zu halten, sei die verbindliche Regelung nun notwendig geworden.Im Vergleich zum Vorjahr liegt die Zahl der Operationen im UKE rund 30 Prozent unter der Vorjahreszahl.

22. April: Nach sechs Wochen strenger Notbetreuung an den Kitas erweitert Hamburg diese: Auch Alleinerziehende dürfen ihre Kinder bringen. Die Inzidenz sinkt auf 24,8.

23. April: Zwei Monate nach der Wahl beginnen die Koalitionsverhandlungen

23. April: Zwei Monate nach der Wahl starten SPD und Grüne in Koalitionsverhandlungen. Aus Tschentscher Sicht hat die Verzögerung politisch keinen Nachteil: An seiner SPD vorbei kann keine Regierung gebildet werden, er hingegen könnte auch mit der CDU koalieren – das wirkt sich auf den Partner in spe, die Grünen, eher disziplinierend aus.

27. April: Auch der Schulbetrieb wird langsam wieder hochgefahren. Zunächst sollen die Schülerinnen und Schüler, die sich auf ihre Prüfungen vorbereiten, wieder die Schulen besuchen dürfen – die Klassen neun und zehn an den Stadtteilschulen sowie die zehnten Klassen der Gymnasien. Hinzu kommen jeweils die Abiturjahrgänge und Schüler, die an den Berufsschulen Prüfungen ablegen. Die Inzidenz sinkt auf 15,3.

30. April: Fünftes Treffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin. Hamburg kündigt die Wiederaufnahme planbarer Behandlungen in Krankenhäusern an.

3. Mai: Im UKE werden 44 Covid-Patienten behandelt, davon 22 auf zwei Intensivstationen.

4. Mai: Weitere Öffnungen an Schulen: Die vierten Klassen der Grundschulen, die sechsten Klassen der Gymnasien sowie die Oberstufen von Stadtteilschule und Gymnasium dürfen wieder am Präsenzunterricht teilnehmen. Damit sich möglichst niemand infiziert, sollen alle Klassen in zwei Lerngruppen geteilt werden, die abwechselnd einen Klassenraum nutzen oder aus der Ferne unterrichtet werden sollen. Schulsenator Ties Rabe (SPD) kündigte Hygienekonzepte der Schulen an: „Es gibt keinen Unterricht, solange es kein Konzept gibt.“ Auch Friseurbetriebe dürfen wieder öffnen. Die Inzidenz liegt bei 9,7.

Das älteste Kind von Familie Bruhns, das in wenigen Wochen Abi machen wird, wird beim Friseur wieder weggeschickt. Man meint dort, man dürfe niemandem die Haare schneiden, der mutmaßlich Corona hatte. Eine Fehlinformation. „Wir haben jetzt einen anderen Friseur“, sagt Sandra-Valeska Bruhns.

6. Mai: Nach der sechsten MPK ergreift Hamburg weitere Lockerungsmaßnahmen: Spielplätze, Museen, Autokinos und Zoos dürfen öffnen, Gottesdienste sind unter Auflagen wieder erlaubt, Individualsport im Freien ebenso.

13. Mai: Die Gastronomie darf nach knapp zwei Monaten Lockdown wieder öffnen

13. Mai: Der Senat beschließt, dass sich wieder maximal zehn Personen aus zwei Haushalten treffen dürfen, auch die Gastronomie darf nach knapp zwei Monaten ab heute wieder öffnen – unter Einhaltung strenger Abstands- und Hygieneregeln. Tische müssen so aufgestellt werden, dass mindestens 1,50 Meter Abstand zwischen des Gästen besteht. Die Kellner müssen Mund-Nasen-Schutz tragen, Kontaktlisten mit den Daten der Gäste sind zu führen. Ein paar Tage vorher haben Gerrit Lerch und sein Team den „Galopper“ wieder hergerichtet, die Tische auseinandergezogen.

Angestochen werden erst mal sechs Fässer Bier. Lerch ist jetzt abends meist selbst in seinem Laden, steht oft an der Tür hinter einem kleinen Pult, nimmt die Gäste in Empfang und geleitet sie an den Tisch. Er hat Kontaktformulare vorbereitet, die er auf Klemmbrettern ausgibt. Der Zuspruch der Gäste ist sofort da. „Die Leute haben Bock“, sagt Lerch. Der „Jolly Jumper“, der sonst für 40 Prozent des Umsatzes gut ist, bleibt aber geschlossen. Tanzen und Feiern ist nicht erlaubt.

15. Mai: Es werden 26 neue Fälle gemeldet – Hamburg überschreitet damit die Grenze von 5000 Infektionen. Im Haus Bruhns verfolgt man die Fallzahlen mit ungebrochenem Interesse.

18. Mai: Besuche in Pflegeheimen sind unter Auflagen wieder erlaubt. Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks erklärt, dass pflegebedürftige Menschen besonders gefährdet seien und man sie schützen musste: „Mir ist bewusst, dass dies große und schmerzliche Eingriffe waren.“ Es sei aber „gelungen, das Infektionsgeschehen in den Einrichtungen deutlich einzudämmen“. In der zweiten Welle wird das nicht gelingen.

19. Mai: Hamburg meldet erstmals seit Pandemiebeginn keine neuen Corona-Fälle. Die Inzidenz sinkt auf 3,7.

20. Mai: Am UKE sind klinische Tests für die Entwicklung eines Impfstoffes geplant. Innerhalb kürzester Zeit melden sich viele Freiwillige.

26. Mai: Sport ist auch in Räumen wieder zulässig – jedenfalls kontaktfrei und mit Mindestabstand von 1,5 Metern. Weitere Vorgabe: Wenn „die Atemfrequenz erhöht ist und damit ein höheres Infektionsrisiko besteht“, gilt ein Mindestabstand von 2,5 Metern. Die Inzidenz sinkt auf 1,6.

Die Mai-Steuerschätzung gibt erstmals einen Eindruck der finanziellen Folgen der Pandemie: Hamburg rechnet bis 2024 mit Einnahmeverlusten von insgesamt 4,7 Milliarden Euro. Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) spricht von einem „deutlichen Schlag ins Kontor“.

27. Mai: Im UKE schrumpft die Zahl der Patienten. 25 Infizierte werden dort noch behandelt, davon brauchen neun eine intensivmedizinische Betreuung.

2. Juni: SPD und Grüne einigen sich auf die Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit und stellen im Rathaus den Koalitionsvertrag vor. Titel: „Zuversichtlich, solidarisch, nachhaltig – Hamburgs Zukunft kraftvoll gestalten“. Beim Fototermin halten Tschentscher, die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) sowie die Parteivorsitzenden respektvoll Abstand – das ist inzwischen üblich.

9. Juni: Das UKE zieht Bilanz. 145 Covid-Patienten wurden stationär behandelt, davon waren rund 60 Prozent auf einer Intensivstation. 24 Patienten sind verstorben. Die Inzidenz liegt bei 1,3.

10. Juni: Peter Tschentscher wird wiedergewählt – Andy Grote feiert in einer Bar

10. Juni: Peter Tschentscher wird in der Bürgerschaft erneut zum Ersten Bürgermeister gewählt. Das Parlament ist inzwischen in den Großen Festsaal umgezogen und tagt mit Plexiglasscheiben zwischen den Abgeordneten. Die Atmosphäre ist wenig feierlich. Da Cornelia Prüfer-Storcks aus Altersgründen ausscheidet, übernimmt Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) zusätzlich das Gesundheitsressort – und ist damit auch für die Corona-Bekämpfung zuständig.

Innensenator Andy Grote (SPD) feiert am Abend seine Wiederwahl mit rund 30 Vertrauten, vor allem Genossen, in einer Bar in der HafenCity. Als das durch einen Abendblatt-Bericht bekannt wird, schäumt die Opposition und fordert Grotes Rücktritt. Doch der Innensenator entschuldigt sich, und der Bürgermeister hält seine schützende Hand über ihn.

12. Juni: Der „Galopper des Jahres“ ist gut gefüllt, das Schanzenvolk ist wieder da. Aber selbst wenn alle Tische besetzt sind, ahnt Gerrit Lerch, wird es wirtschaftlich nicht reichen. Denn an den Tischen sitzen vielleicht 100 Leute am Abend, in früheren Zeiten drängten sich bis zu 350 Gäste in dem Laden. Und: Getränke sind nur noch am Tisch zu haben, Tischservice aber braucht mehr Personal. Der Umsatz ist deutlich höher, wenn die Besucher sich um den Tresen drängen und der Hahn nicht stillsteht.

Früher nahmen Besucher zwei, drei Drinks im Stehen und zogen dann weiter. Jetzt sitzen sie am Tisch, bestellen etwas und sitzen, sitzen, sitzen. „Der Durchsatz ist nicht mehr da“, sagt Lerch. Sein Umsatz hat sich halbiert. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die Zusage für das Überbrückungsgeld I ist da – für die Monate Mai, Juni und Juli. Und: Das Bezirksamt ist kulant, der „Galopper“ darf eine seitliche Terrasse zur Roten Flora hin nutzen. Dafür empfindet Lerch „große Dankbarkeit“. Er plant ein kleines Taco-Restaurant im Hof. „Corona zwingt uns, uns immer neue Dinge auszudenken.“

17. Juni: Die siebte MPK zu Corona ist das erste Bund-Länder-Treffen seit Monaten, das nicht als Videokonferenz abgehalten wird, sondern mit physischer Anwesenheit. Man ist zufrieden mit der Entwicklung. Tschentscher warnt im Anschluss dennoch: „Das darf uns nicht zu dem Irrtum führen, dass wir die Dinge weniger ernst nehmen.“ Es bleibe bei einem sehr vorsichtigen Kurs.

18. Juni 2020: Alle Kinder dürfen wieder in Hamburgs Kitas, die Inzidenz fällt auf 1,2

18. Juni: Alle Kinder dürfen wieder in Hamburgs Kitas betreut werden. Um eine sichere Betreuung zu ermöglichen, kann dabei eine eingeschränkte Betreuungszeit vereinbart werden. Mindestens 20 Stunden an drei Tagen werden verlässlich für jedes Kind angeboten. Elternbeiträge entfallen zunächst weiterhin. Die Inzidenz fällt auf 1,2.

25. Juni: In Hamburg beginnen die Sommerferien. Reisen ist weitgehend möglich, aber wer spontan plant, hat oft Pech. Weil viele Bürger Fernreisen meiden, ist im Inland und in benachbarten Urlaubsländern kaum etwas frei.

1. Juli: Sport ist wieder mit Körperkontakt und ohne Abstand für bis zu zehn Personen möglich. Außer Freibädern können auch Hallenbäder wieder öffnen.

16. Juli: Ein Novum: Die Zahl der Corona-Infektionen wird in Hamburg um eine nach unten korrigiert und sinkt – von 5232 auf 5231. Die Inzidenz fällt auf 0,3 – absoluter Tiefststand.

17. Juli: In der Schanze tobt das Leben. Das Partyvolk versammelt sich im Freien, trinkt und feiert, und freut sich über das Wetter und die wiedererlangte Freiheit. Die Politik sieht das kritisch. Die Polizei ist abends sehr präsent, erteilt auch Platzverweise. Gerrit Lerch steht abends oft am Eingang seines Ladens, wie ein Türsteher. Er braucht Nerven aus Stahl. Wenn das angetrunkene Feiervolk ihn fragt, wann denn sein Club „Jolly Jumper“ endlich wieder aufmacht, fragt er sich: „Auf welchem Planeten leben die eigentlich?“ Die Jüngeren haben den Ernst der Lage offenbar noch nicht wahrgenommen. Lerch versucht, die Corona-Regeln in seiner Kneipe streng einzuhalten. Doch er merkt, dass das nicht überall in der Schanze der Fall ist Das Überbrückungsgeld I ist noch nicht da. Acht Festangestellte sind mittlerweile raus aus der Kurzarbeit, dazu versorgen sieben Mini-Jobber die Gäste.

23. Juli 2020: Erstmals seit zwei Monaten meldet Hamburg mehr als zehn Corona-Fälle

23. Juli: Erstmals seit zwei Monaten werden in Hamburg wieder mehr als zehn Corona-Fälle an einem Tag regis­triert, nämlich 24. Die Inzidenz steigt auf 2,4. Sandra-Valeska Bruhns glaubt, dass es eine zweite Welle geben wird. Wie hart und lang der zweite Lockdown dauern würde, ahnt sie aber auch nicht. Im Sommer ist die Familie in Frankreich segeln. „So vieles war anders, es gab keine Maskenpflicht, auf dem Markt wurden noch auf kleinen Tellern Oliven zum Probieren angeboten. Die Tische standen so dicht wie immer.“ Doch auf dem Segelboot sind sie ja unter sich.

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1. August: Weil das Cornern überhandnimmt, gibt es in Teilen der Bezirke Altona, Hamburg-Mitte und Eimsbüttel ein Alkohol-Verkaufsverbot. Es gilt jeweils von Freitag bis Sonntag jeweils von 20 Uhr bis 6 Uhr des Folgetages und wird jedes Wochenende verlängert. Die Inzidenz stiegt auf 6,2

5. August: Nach wochenlangen internen Ermittlungen gegen Innensenator Grote liegt das Ergebnis vor: Sein Steh-Empfang im Juni war eine „verbotene private Zusammenkunft“. Grote zahlt 1000 Euro Geldbuße – und bleibt im Amt.

10. August: Nach vier Monaten Beatmung wird ein 70-jähriger Patient von der Intensivstation in die Reha verlegt. „Danach war die Situation eigentlich relativ entspannt“, sagt Kluge. Die große Frage: Kommt die zweite Welle? Kluge: „Eigentlich war klar: Ja, sie kommt. Aber wann das sein würde – da gingen die Meinungen stark auseinander.“ Kluge macht einen kurzen Familienurlaub in Süditalien. Er trifft zufällig einen deutschen Firmenchef. Der sagt: „Herr Kluge, es wird keinen zweiten Lockdown in Deutschland geben. Das macht die Politik nicht noch einmal.“ Kluge denkt: „Wahrscheinlich hat er recht.“

27. August: Die achte Ministerpräsidentenkonferenz mit der Kanzlerin ist die erste nach den Sommerferien. Eine mögliche zweite Welle ist zwar Thema, aber den Zeitpunkt für harte Maßnahmen sieht man nicht. Dass Masken-Verweigerer 50 Euro Strafe zahlen sollen, lehnt Sachsen-Anhalt ab – Regierungschef Rainer Haseloff (CDU) lässt das extra in einer Protokollnotiz festhalten.

Immerhin appellieren die Regierungschefs an die Bürger, auf Reisen in Risikogebiete zu verzichten. Wer sich nicht daran hält, muss ab 1. Oktober in eine 14-tägige Quarantäne, die man durch einen Test, frühestens nach fünf Tagen, abkürzen kann. „Dafür hatte sich vor allem Hamburgs SPD-Regierungschef Peter Tschentscher eingesetzt“, berichtet der „Spiegel“. Auf der Intensivstation des UKE wird der letzte „aktive“ Covid-Intensivpatient verlegt.

3. September: Das Testzentrum der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) am Hauptbahnhof geht in Betrieb. Dort sind pro Tag bis zu 2000 Tests möglich. Inzidenz steigt auf 12,2

8. September 2020: Am Rothenbaum dürfen 2300 Zuschauer zum Tennisturnier

8. September: Die Inzidenz steigt in Hamburg auf 14,8. Auch die Fallzahlen in den Krankenhäusern steigen wieder. In der UKE-Klinik für Intensivmedizin werden wieder zwei Covid-Patienten behandelt. Dennoch sind nicht erneute Verschärfungen das Thema, sondern weitere Lockerungen: Der Senat teilt mit, dass ab dem 1. November Volksfeste wie der Dom unter Auflagen stattfinden können.

Stadionveranstaltungen dürfen mit mehr als 1000 Personen stattfinden, am Rothenbaum dürfen sogar 2300 Zuschauer beim Tennis zuschauen. Aber: Wer in ÖPNV oder Geschäften ohne Maske erwischt wird, zahlt künftig 80 Euro.

15. September: Als eine der letzten Beschränkungen fällt in Hamburg das Prostitutionsverbot. Die Inzidenz steigt auf 17,2.

16. September: Corona-Ausbruch in der Bar „Katze“ am Schulterblatt – vis à vis vom „Galopper des Jahres“. Die Gesundheitsbehörde meldet, dass sich 13 Mitarbeiter und Besucher mit Corona infiziert haben. Insgesamt müssen 600 Besucher kontaktiert werden. Doch das ist gar nicht so einfach: Viele Gäste haben falsche Kontaktadressen angegeben, manche Fantasienamen wie Lucky Luke oder Darth Vader eingetragen.

Der Fall macht sichtbar, dass die Situation im Schanzenviertel teils völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Abstände wurden nicht eingehalten, Masken nicht getragen. „Katze“-Betreiber Detlef Brunckhorst widerspricht: Er habe alle Regeln befolgt. Seine Bar wird vorübergehend geschlossen. „Galopper“-Wirt Gerrit Lerch ärgert sich. Während er sich streng um Einhaltung der Corona-Regeln bemüht hat und „der Buhmann“ war, der seine Gäste immer wieder ermahnt, bringen andere die Schanze in Verruf.

Allerdings sei die Piazza-Seite des Schulterblatts deutlich schwerer zu kontrollieren. Auch er hat zwischendurch die Kontaktdaten digital erfasst, jetzt stellt er wieder auf Zettel und Klemmbretter um – da sieht man wenigstens, wenn Fantasienamen eingetragen werden. Und: Die staatlichen Hilfen für Mai, Juni und Juli sind Mitte August eingetroffen. Lerch beantragt umgehend die Mittel aus dem Überbrückungsgeld II.

25. September 2020: Erstmals wieder mehr als 100 Fälle in Hamburg – die Inzidenz steigt auf 25,1

25. September: Mit 119 Fällen werden in Hamburg erstmals wieder mehr als 100 an einem Tag registriert. Die Inzidenz steigt auf 25,1.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

29. September: Die neunte Besprechung der Ministerpräsidenten mit Merkel zum Thema Corona ist die letzte mit Tschentscher als stellvertretendem MPK-Vorsitzenden. Schon im Vorfeld der Beratungen hatte es große Aufregung gegeben, weil Merkel in der Sitzung der Unions-Bundestagsfraktion eine Rechnung zur weiteren, dramatischen Entwicklung der Infektionszahlen vorgestellt hatte.

„Merkel rechnete plötzlich auch in der Pressekonferenz vor, dass es eine Verdoppelung der Zahlen alle drei, vier Wochen gegeben habe. So kam sie auf 20.000 Neuinfektionen zu Weihnachten“, erinnert sich Tschentscher. „Manche nannten das Alarmismus, aber ich fand die Rechnung völlig normal. Wir hatten dann ja schon im November die 20.000 Neuinfektionen erreicht und nicht erst Weihnachten.“

Doch obwohl Merkel im Anschluss von der „Dringlichkeit, dass wir handeln müssen“, spricht, wird nicht gehandelt. Ein Shutdown für das gesamte Land „muss unbedingt verhindert werden“, sagt die Kanzlerin. Stattdessen will man regional handeln. Tschentscher sagt, man müsse Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt ergreifen: „Also so früh, dass das, was wir alle im März schon einmal erlebt haben, nämlich ein Lockdown, vermieden wird und dass wir die Schulen, die Kindergärten und das Berufsleben aufrechterhalten können.“

Ende September gibt Tschentscher das Amt des stellvertretenden MPK-Vorsitzenden turnusgemäß ab. Neuer Vorsitzender ist Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), Söder ist sein Stellvertreter. „Wir hatten schon ein festes Büro im Kanzleramt, wussten, wo die Steckdosen sind und wo es auf den Balkon geht“, sagt Tschentscher. Es gibt ein Stück Normalität selbst in dieser ungewöhnlichen Situation. Tschentscher hat sich als Arzt in der Corona-Pandemie profiliert.

Auch die Regierungschefs und –chefinnen der anderen Länder erkundigen sich nach seiner Meinung. Ab und zu ruft auch mal Bundesfinanzminister und Ex-Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) an, um zu fragen, wie er die Lage einschätzt. „Es ist kein Nachteil, wenn man vom Fach ist. Am Ende sind alle in ihren Entscheidungen selbstbewusst genug“, sagt Tschentscher.

2. Oktober 2020: Tschentscher: "Die Pandemie wird in den Metropolen entschieden"

2. Oktober: Das Paul-Ehrlich-Institut genehmigt Tests mit dem Impfstoff MVA-SARS-2-S gegen Covid-19. Der Vektor-Impfstoff wird am UKE in der ersten klinischen Phase auf seine Sicherheit, Verträglichkeit und spezifische Immunantwort untersucht. In den Herbstferien kann Familie Bruhns das Segel-Trainingslager am Gardasee in kleinem Rahmen nachholen, eine entspannte Woche.

Es ist der Vorabend des Tages der Deutschen Einheit: Gemeinsames Abendessen der Bundeskanzlerin, des Bundespräsidenten und der Ministerpräsidenten der Länder. Das Treffen bietet aus Tschentschers Sicht eine interessante Tischordnung. Er sitzt neben Merkel, und beide stellen schnell fest, dass sie die große Sorge über die weitere Entwicklung der Pandemie teilen. „Wir müssen jetzt etwas tun und vor allem in den großen Städten aufpassen“, sagt Tschentscher. „Um das deutlich zu machen, habe ich damals gesagt: Die Pandemie wird in den Metropolen entschieden.“ Die Kanzlerin ist der gleichen Meinung und entwickelt die Idee, die Bürgermeister der Großstädte einzuladen. Mitte Oktober gibt es schließlich ein Treffen der Großstadt-Bürgermeister, an dem auch Tschentscher teilnimmt.

10. Oktober: Stefan Kluge stellt fest, dass sich das Altersspektrum der Erkrankten ändert. „Es gab mehr ältere Patienten“, sagt er. „Das führt dazu, dass mehr Patienten intensivpflichtig werden.“ Kluge plädiert für einen neuerlichen Lockdown – und bekommt wieder „böse Mails“.

12. Oktober: Nachdem Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bei den Beratungen der Kanzlerin mit den Bürgermeistern der großen Städte davon berichtet hat, dass in der bayerischen Landeshauptstadt bereits eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum gilt und sich positiv auswirkt, setzt Tschentscher das auch in Hamburg an belebten Plätzen und Straßenzügen um. Anfangs gibt es Verwirrung, weil die Abschnitte mit Maskenpflicht zum Teil sehr kleinteilig und nicht gut gekennzeichnet sind. Die Inzidenz steigt auf 37,0.

14. Oktober: Auch die zehnte MPK kann sich trotz deutlich anschwellender zweiter Welle nicht zu einem Lockdown durchringen. Hamburg hat allerdings schon schärfere Regeln als viele andere Bundesländer, und Tschentscher setzt sich auch auf Bundesebene für stärkere Beschränkungen ein. „Ich habe damals gesagt: Wir brauchen eine Sperrstunde. Einige Ministerpräsidenten – Markus Söder und auch ich – haben den Merkel-Kurs unterstützt“, sagt der Bürgermeister. Hintergrund für die Forderung nach einer Sperrstunde waren ausgelassene Feiern in Gaststätten. An einem Wochenende kontrolliert die Polizei in einer Sonderaktion die gastronomischen Betriebe. Werden die Mindestabstände eingehalten? Werden die Gästelisten ordentlich geführt? Tschentscher geht mit Beamten in Winterhude mit.

16. Oktober 2020: Hamburg führt eine Sperrstunde und ein Alkohol-Verkaufsverbot ein

16. Oktober: Mittlerweile fast schon ein Ritual: Im Anschluss an die MPK gibt es eine Sondersitzung des Senats, erneut an einem Freitag. Es wird eine ganze Reihe neuer Regeln erlassen: Private Feiern außerhalb des eigenen Wohnraums sind nur noch mit bis zu 25 Personen zulässig, im eigenen Wohnraum mit höchstens 15 Personen. Für Gaststätten wird eine Sperrstunde von 23 Uhr bis 5 Uhr des Folgetages verhängt. In diesem Zeitraum gilt zugleich ein allgemeines Alkohol-Verkaufsverbot. Veranstaltungen ohne feste Sitzplätze sind im Freien nur noch mit bis zu 100 Teilnehmern und in geschlossenen Räumen mit bis zu 50 Teilnehmern zulässig.

Bei Alkoholausschank reduziert sich die Anzahl der zulässigen Teilnehmer jeweils um die Hälfte. An allen Schulen muss alle 20 Minuten eine Stoß- und Querlüftung erfolgen. An Berufsschulen sowie in den Oberstufen der allgemeinbildenden Schulen gilt die Maskenpflicht auch im Unterricht. Die Inzidenz steigt auf 42,2.

19. Oktober: Hamburg überschreitet die Grenze von 10.000 Infektionen, nach 93 Neu-Infektionen steigt die Inzidenz erstmals wieder über 50.

21. Oktober: Schanzengastronom Gerrit Lerch macht seinem Ärger im Abendblatt Luft. Nach dem Corona-Ausbruch in der „Katze“ und einem weiteren Lokal ist es merklich ruhiger geworden auf der Partymeile. Der Sommer ist zu Ende, die Menschen sind verunsichert, viele bleiben zu Hause. Lerch versucht weiterhin, mit Formaten wie einem Kneipenquiz oder kleinen Konzerten, Gäste anzuziehen. Doch selbst, wenn sie kommen, lässt sich angesichts der Abstandsregeln kein Gewinn erwirtschaften.

Die steigenden Infektionszahlen ändern stets aufs Neue die Geschäftsgrundlage – und die Aussichten werden immer trüber. Die Miete für sein Lokal in exponierter Lage auf der Schanze ist beachtlich. Sie übersteigt das, was nach Abzug von Personalkosten und Wareneinsatz vom Umsatz übrig bleibt, bei Weitem. Monat für Monat läuft ein Minus auf. Lerch hat im Sommer ein Darlehen aufgenommen, zinsgünstig zwar, aber die Laufzeit ist länger als der Mietvertrag für den „Galopper“.

In der Rückschau war der Lockdown im Frühling fast noch die beste Zeit. Da fielen wenigstens Miete und Personalkosten weg. Und seit dem 17. Oktober gilt nun auch noch eine Sperrstunde für gastronomische Einrichtungen von 23 bis 5 Uhr. An den ersten Tagen der Woche fällt sie nicht so sehr ins Gewicht. „Aber donnerstags, freitags und sonnabends schmerzt es schon sehr, wenn man den Gästen um halb elf Uhr sagen muss: Letzte Runde.“ In der Vor-Corona-Zeit hat er im „Galopper“ freitags und sonnabends 80 Prozent des Umsatzes gemacht – den größten Teil davon nach 23 Uhr. Davon konnte schon vor Einführung der Sperrstunde keine Rede mehr sein – jetzt sind die Aussichten trist.

Wie so viele andere hat Lerch seine Altersvorsorge angetastet, um persönlich über die Runden zu kommen. „Es kann keiner etwas für diese Pandemie, aber ich habe genug“, sagt er. Ihm geht es nur noch darum, dass er, seine Kollegen und die Mitarbeiter wirtschaftlich einigermaßen gut durch diese Pandemie kommen. „Und dann soll man mich irgendwann aus diesem Albtraum aufwecken.“ Doch ihm ist klar: So wie die Infektionszahlen steigen, wird das nicht mehr lange gut gehen.

22. Oktober 2020: Hamburg meldet einen Höchststand an Neuinfektionen

22. Oktober: Hamburg vermeldet 276 Neu-Infektionen – so viele an einem Tag wie nie zuvor. Die Inzidenz steigt auf 64,6. Tags darauf sagt der Senat den Winterdom ab.

26. Oktober: In Hamburg dürfen sich nur noch maximal zehn Personen aus zwei Haushalten treffen. Die Inzidenz steigt auf 97,5.

27. Oktober: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert einen „Wellenbrecher-Shutdown“: Zwei Wochen lang soll das öffentliche Leben runtergefahren werden, Schulen, Kitas und essenzielle Geschäfte aber geöffnet bleiben. Lauterbach erntet viele böse Reaktionen.

28. Oktober: Auf ihrem elften Corona-Treffen können sich die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin doch einigen: Ein „Lockdown light“ soll es richten. „Das war unsere Denkart: Wenn wir jetzt vorsichtig sind, dann können wir die zweite Welle und einen großen Lockdown wie im Frühjahr verhindern“, erinnert sich Tschentscher. „Wir haben das im November gemacht, damit wir zu Weihnachten wieder lockern können.” Dazu kam es dann nicht in dem erhofften Umfang.

Kurios: Bereits unmittelbar vor der MPK gibt der Bürgermeister zum vierten Mal seit Beginn der Corona-Pandemie eine Regierungserklärung vor der Bürgerschaft ab und schwört die Bürger auf den Lockdown ein. Scharf kritisiert Tschentscher Vorgänge wie in manchen Kneipen: „Wer in einem Keller hinter verschlossenen Türen eine Party mit fast 100 Leuten veranstaltet – ohne Maske, ohne Abstand –, der unterläuft die gesamte Corona-Strategie und bringt uns in größte Schwierigkeiten. Das ist unverantwortlich.“ Anschließend eilt er in die Telefonkonferenz mit der Bundeskanzlerin. Hamburg vermeldet erstmals mehr als 400 Fälle an einem Tag, die Inzidenz steigt auf 113,2.

30 Oktober: Der Senat beschließt die Umsetzung des "Lockdown light"

30. Oktober: Erneute Sondersitzung des Senats am Freitag. Die Lockdown-Beschlüsse werden umgesetzt: Vom 2. November an müssen alle Restaurants, Kneipen, Bars, Clubs und Diskotheken schließen. Ebenso Kosmetikstudios, Massagepraxen und Tattoo-Studios, Bordelle, Spielbanken, Spielhallen und Wettannahmestellen, Theater, Kinos, Opern, Konzerthäuser und Museen. Veranstaltungen werden untersagt. Freizeitparks und Anbieter von Freizeitaktivitäten dürfen nicht mehr öffnen.

Auch Indoor-Sportanlagen, und Sporthallen, Fitnessstudios oder vergleichbare Einrichtungen, Schwimm- und Spaßbäder sowie Saunen müssen schließen. Im Profisport dürfen Spiele nur noch ohne Zuschauer stattfinden. „Der Senat empfiehlt, die körperlichen Kontakte auf ein absolut nötiges Minimum zu reduzieren und dabei geeignete Hygienemaßnahmen einzuhalten“, heißt es. „Alle touristischen Reisen sollen unterbleiben, auch Tagesausflüge und Besuche von Verwandten.“ Aber: Schulen, Kitas, Bücherhallen und Handel bleiben geöffnet.

2. November: Bei einer Inzidenz von 128,2 beginnt der Lockdown light. Bringen wird er zu wenig, wie man später weiß. Aber Schanzenwirt Gerrit Lerch ist erst einmal erleichtert. Er hat zuletzt massiv draufgezahlt, konnte seinen „Galopper“ aber nicht als einzige Bar in der Schanze schließen. Jetzt hat er wenigstens Sicherheit. Er bekommt 90 Prozent seiner Fixkosten erstattet. „Das ist für mich ein Durchatmen“, sagt er. Am Vortag hat er seinen Laden wieder winterfest gemacht. Es war noch reichlich Bier übrig. Traurig, aber mittlerweile Lockdown-Routine. Die Novemberhilfe – 75 Prozent der Umsätze des Vorjahresmonats werden erstattet – „ist endlich mal eine Ansage“. Intensivmediziner Kluge findet: „Wir haben zu spät reagiert“. Die erste Welle wird deutlich übertroffen werden.

5. November: In Hamburg werden 647 Neuinfektionen nachgewiesen – damit werden die 500er- und die 600er-Grenze an einem Tag pulverisiert.

8. November: Auch Hafenrundfahrten, Stadtrundfahrten und vergleichbare Fahrten zu touristischen Zwecken müssen unterbleiben. Seniorentreffpunkte dürfen nicht mehr öffnen.

9. November: Die Firmen Biontech (Mainz) und Pfizer (USA) veröffentlichen eine Pressemitteilung, dass ihr Impfstoff in einer Studie zufolge Infektionen zu 90 Prozent verhindert. UKE-Arzt Kluge hält erste Impfungen in 2020 durchaus für realistisch.

10. November: Stefan Kluge bekommt einen Anruf vom Vorzimmer des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU). Er lädt zu einer Videokonferenz, mit dabei sind drei weitere Intensivmediziner und der Virologe Christian Drosten. „Das war ein besonderer Moment“, sagt Kluge. Parallel fängt auch seine Beratungstätigkeit für Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher und die Sozialsenatorin Melanie Leonhard an. „Ich finde es extrem gut, dass sich die Politik in Deutschland mit Medizinerinnen und Medizinern bespricht“, sagt Kluge. Er hält den Begriff „Beratung“ eigentlich für falsch. „Es ist ein Austausch“, sagt er.

13. November: Die Inzidenz steigt weiter und erreicht in Hamburg mit 167,9 ihren Höchststand – jedenfalls im November. Da zwischen Infektion mit dem Coronavirus und positivem Test in der Regel zehn bis 14 Tage vergehen, entfaltete der Lockdown noch keine Wirkung. Anders gesagt: Es werden immer noch Infektionen registriert, die sich bereits vor dem 2. November ereignet haben.

14. November: Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) räumt im Abendblatt-Interview ein: „Natürlich geht es mir wie allen: Ich hoffe jeden Morgen, dass die Zahlen möglichst niedrig sind. Das erfüllt sich tatsächlich im Moment noch nicht so, wie wir uns das erhofft hatten. Anders als im März schauen die Menschen stark darauf, was noch erlaubt ist und was sie noch tun dürfen – und tun das dann auch.“

15. November 2020: Hamburg überschreitet die Grenze von 20.000 Corona-Fällen

15. November: Hamburg überschreitet die Grenze von 20.000 Infektionen.

16. November: Die zwölfte MPK-Runde mit Angela Merkel: Angesichts der nach wie vor hohen Infektionszahlen will Merkel die Ministerpräsidenten auf härtere und länger dauernde Maßnahmen einstimmen. Doch die Kanzlerin kann sich nicht durchsetzen. Die Regierungschefs plädieren dafür, den Lockdown light abzuwarten.

19. November: Schulsenator Ties Rabe (SPD) stellt eine behördeneigene Studie vor, nach der das Infektionsrisiko an Schulen geringer sein soll als außerhalb. „Unsere Zahlen sind recht klar: 4:1 Infektionen außerhalb der Schule im Vergleich zu Infektionen in der Schule“, sagt Rabe. Von den 372 Schülerinnen und Schülern, die sich zwischen Sommer- und Herbstferien mit Corona infizierten, hätten sich 292 „vermutlich gar nicht in der Schule“ angesteckt.

Rabe zieht daraus den Schluss, dass Schulen keine Treiber der Pandemie sein können – für ihn ein wichtiges Argument, die Schulen als „sichere Orte“ offen zu halten. Die Auswertung, die Behördenmitarbeiter und Schulleiter aufgrund von Befragungen von Eltern und Schülern erstellt haben, sorgt sofort für Kritik. Dabei geht es um die fehlende Überprüfbarkeit, weil die Studie selbst nicht veröffentlicht wird.

Kritisiert wird auch, dass es sich um „Schönwetterzahlen“ handele, weil das Infektionsgeschehen mittlerweile deutlich dramatischer sei als vor den Herbstferien. In den nächsten Wochen entwickelt sich ein heftig geführter Streit über die Bedeutung der Schulen in der Pandemie. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein Ausbruch an der Heinrich-Hertz-Schule (Winterhude) im September, bei dem fast 40 Menschen infiziert wurden. Dass sich die große Mehrzahl in der Schule ansteckte und die Infektionen wahrscheinlich auf einen einzigen Schüler zurückgingen, teilt der Senat jedoch erst im Dezember mit.

38 Covid-Patienten werden im UKE behandelt, davon 16 in der Klinik für Intensivmedizin. Die Belastung ist größer als in der ersten Welle, aber die Stimmung ist eine andere. „Da trat eine gewisse Müdigkeit ein“, sagt Kluge. „Schon wieder das Ganze“: Das sei die vorherrschende Meinung gewesen. Niemand klatscht mehr fürs Pflegepersonal.

22. November: Der Lockdown light scheint jetzt zu wirken, die Inzidenz sinkt in Hamburg kräftig – auf jetzt 132,6.

25. November: Auf der zwölften Corona-MPK wird der Lockdown light bis zum 20. Dezember fortgesetzt und nochmals leicht verschärft. Nach nach mehr als sieben Stunden Videokonferenz mit den anderen 15 Länder-Regierungschefs und der Bundeskanzlerin meldet sich der Bürgermeister - auch das inzwischen ein Ritual - um 21.25 Uhr per Live-Stream aus dem Rathaus zu Wort. Ohne den Wellenbrecher-Lockdown „wäre unsere Lage sehr viel ernster“, so Tschentscher. Dass die Impfungen eventuell am 15. Dezember beginnen können, mache Hoffnung. Aber die Infektionslage sei noch so instabil, dass auch Hamburg die Beschlüsse 1:1 umsetzen werde.

27. November: Der Senat beschließt die Umsetzung der verschärften Corona-Regeln

27. November: Mal wieder eine Sonder-Senatssitzung an einem Freitag. Danach gilt: Ab 1. Dezember dürfen sich nur noch maximal fünf Personen aus zwei Haushalten treffen, wobei Kinder unter 14 nicht mitgerechnet werden. Es wird „dringend empfohlen, die körperlichen Kontakte auf ein absolut nötiges Minimum zu reduzieren“. Das alles diene auch dazu, ein einigermaßen normales Weihnachtsfest zu ermöglichen, so der Bürgermeister. Der Plan ist, dass sich zwischen dem 23. Dezember und dem 1. Januar wieder maximal zehn Personen aus vier Haushalten treffen dürfen. „Silvesterfeuerwerk wird am 31. Dezember 2020 grundsätzlich erlaubt sein“, teilt der Senat mit. Böller und Raketen würden nur in bestimmten Bereichen untersagt, etwa an Hafen und am Jungfernstieg. Die Inzidenz sinkt auf 116,3.

Video: "Sind Friseure wichtiger als Kinder, Herr Tschentscher?"

"Sind Friseure wichtiger als Kinder, Herr Tschentscher?"

3. Dezember: Beim Stand von 90,9 erreicht die Inzidenz in Hamburg ihren vorläufigen Tiefststand in der zweiten Welle. Von nun an geht es wieder steil bergauf – warum, ist bis heute unklar. Später wird spekuliert, ob es am Black Friday Ende November liegen könnte. Doch Tschentscher glaubt eher, dass die hohen Infektionszahlen entlang der tschechischen Grenze, also in Bayern und Sachsen, langsam in die Republik hineingesickert sind und jetzt auch den Norden erreicht haben.

4. Dezember: Bürgermeister und Sozialsenatorin stellen das fast fertige Impfzentrum in den Messehallen vor. Leonhard wirbt dafür, sich selbst und andere zu schützen: „Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen und unser Leben wieder so leben wollen, wie wir es möchten, ist eine Impfung geboten.“ Das Impfzentrum, eines der größten der Republik, ist für bis zu 7000 Impfungen am Tag ausgelegt. Der Senat hatte sich bei der Planung an den von der Bundesregierung angekündigten Liefermengen orientiert – als die später nicht eintreffen, ist Tschentscher stinksauer, denn das Impfzentrum ist zunächst völlig überdimensioniert.

8. Dezember: Hamburg verbietet den "Glühwein-Strich"

8. Dezember: Nachdem sich an Wochenenden immer häufiger Menschentrauben um Glühweinstände gebildet hatten und schon vom „Glühwein-Strich“ in der Schanze und in Eppendorf die Rede ist, verbietet der Senat den Verkauf und die Abgabe alkoholischer Getränke für den „unmittelbaren Verzehr“ in der gesamten Stadt. Senatssprecher Marcel Schweitzer wird in der Landespressekonferenz ungewöhnlich emotional: „Es gibt sehr viele Hamburgerinnen und Hamburg, die diese Adventszeit nicht mehr erleben dürfen, und wir diskutieren darüber, ob wir draußen Glühwein trinken dürfen.“ Hamburg verzeichnet zu diesem Zeitpunkt rund 400 Corona-Todesfälle. Die Inzidenz steigt weiter auf 116,8.

13. Dezember: Ausgerechnet am dritten Advent beschließen Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten auf ihrer 13. Corona-MPK, dass doch ein „harter Lockdown“ hermuss. Vom 16. Dezember an – und eigentlich bis zum 10. Januar befristet – muss der Einzelhandel mit Ausnahme der Geschäfte für den täglichen Bedarf schließen. Auch Schulen und Kitas sollen grundsätzlich geschlossen werden oder nur noch eine Notbetreuung anbieten.

15. Dezember: Der Senat darf ausnahmsweise mal an einem Dienstag, seinem regulären Sitzungstag, die MPK-Beschlüsse für Hamburg umsetzen. Die Lockerungen für Familienfeiern gelten jetzt doch nur vom 24. bis zum 26. Dezember, und es darf auch nur ein Haushalt mit Angehörigen eines weiteren Haushalts zusammenkommen, insgesamt höchstens fünf Personen. Nur Kinder unter 14 Jahren sind davon ausgenommen. Und: Der Senat verbietet doch jegliches privates Feuerwerk zu Silvester.

Dass Schulen auf Notbetreuung umstellen sollen, stößt bei Schulsenator Rabe auf wenig Begeisterung – er und Sozialsenatorin Leonhard haben vor allem die zum Teil verheerenden Folgen für die Kinder und ihre Familien im Blick. Aber sie lassen sich vom Bürgermeister überzeugen und tragen die Beschlüsse mit. Die Inzidenz steigt auf 138,3. Im UKE sind mittlerweile wieder 52 Covid-Patienten in stationärer Behandlung, davon werden 23 in der Klinik für Intensivmedizin versorgt.

16. Dezember: Bürgermeister Tschentscher gibt abermals eine Regierungserklärung in der Bürgerschaft ab. „Schon das Wort ,Corona’ können viele nicht mehr hören“, räumt er ein, appelliert aber: „Wir dürfen nicht nachlassen!“ Er versucht, Hoffnung zu verbreiten: „Sobald der erste Impfstoff Hamburg erreicht, können wir ihn einsetzen, um die Menschen in Hamburg vor Corona zu schützen, das ist die positive Nachricht, die uns Hoffnung und Zuversicht gibt.“

Gastronom Gerrit Lerch sitzt nun schon seit sechs Wochen in Grönwohld, fährt nur gelegentlich zum „Galopper“, um nach dem Rechten zu schauen. Er ist jetzt Hausmann und hilft seinen Kindern beim Distanzunterricht. Das Schlimmste für ihn: Er fühlt sich ausgemustert. Seine Frau Dani ist für ihn eine große Stütze. „Wir schaffen das als Familie“, sagt sie. Anfang Dezember hat Lerch als einer der Ersten einen Abschlag der Novemberhilfe bekommen, in derselben Woche das Überbrückungsgeld II für den Spätsommer.

Ein schöner Geldsegen – und für ihn gerade zur richtigen Zeit. Jetzt hat er das Gefühl: „Meine Läden werden überleben, die Versprechen der Politik sind nicht nur Gerede. Es wird weitergehen.“ Er hat nie infrage gestellt, dass die Corona-Maßnahmen richtig sind. „Wenn man das auch noch tut, dreht man völlig durch.“ In Hamburg wurden jetzt mehr als 30.000 Corona-Infektionen regis­triert, die Inzidenz steitg auf 150,8.

22. Dezember: Der Besuch von Pflegeeinrichtungen ist nur noch unter Vorlage eines negativen Corona-Tests erlaubt.

24. Dezember 2020: Die Inzidenz in Hamburg erreicht ihren bisherigen Höchststand: 179, 6

24. Dezember: Schöne Bescherung: Ausgerechnet an Heiligabend erreicht die Inzidenz in Hamburg ihren absoluten Höchststand: 179,6. Das Gute daran: Vom 25. an geht es abwärts. Weihnachten feiert Familie Bruhns wie üblich mit der Familie – ihre Eltern und die Schwiegermutter sehen sie nacheinander.

27. Dezember: Im Hospital zum Heiligen Geist in Poppenbüttel beginnen die Impfungen: Eine 84 Jahre alte Bewohnerin der Alten- und Pflegeeinrichtung bekommt den ersten Piks durch ein mobiles Impfteam. Bürgermeister Tschentscher und Sozialsenatorin Leonhard lassen sich das nicht entgehen. Die Inzidenz sinkt und liegt bei 153,1.

30. Dezember: Auch das UKE beginnt mit den Corona-Schutzimpfungen. Zunächst werden Mitarbeiter der Covid-Intensivstationen, der Covid-Normalstationen und der Notaufnahmen geimpft. Die erste Impfdosis im UKE bekommt Pflegerin Sabine Lange (58), die seit 25 Jahren in der Klinik tätig ist.

31. Dezember: Schanzenwirt Gerrit Lerch feiert mit seiner Familie Silvester, es gibt Raclette. Mit seiner Frau Dani schaut er auf das Jahr zurück – erschöpft, aber auch ein wenig stolz. „Das haben wir geschafft“, beschreibt er das Gefühl. Dank der Staatshilfen ist er mit dem Ausgleich der Kosten im „Galopper“ zum Jahresende im Großen und Ganzen à jour. Lerch hat noch eine Nachricht in die „Galopper“-Whatsapp-Gruppe gesprochen: „Nicht die Köpfe hängen lassen, irgendwann geht es weiter.“ Das Beste daraus machen, in diesem Geist ist Lerch aufgewachsen, so wird das in seiner Familie gemacht.

5. Januar 2021: Das Impfzentrum in den Messehallen nimmt seinen Betrieb auf

5. Januar 2021: Jetzt nimmt auch das Impfzentrum seinen Betrieb auf. Vorerst können wegen des begrenzt vorhandenen Impfstoffs der deutschen Firma Biontech aber auch in den Messehallen nur 500 Bürger pro Tag einen ersten Piks erhalten. Mit 697 neuen Corona-Fällen registriert Hamburg ein Allzeithoch. Bei 126,1 hört die Inzidenz auf zu sinken und steigt wieder an – die erwartete Folge der Weihnachts-Lockerungen. Zum 14. Mal kommt die MPK zusammen und beschließt: Der Lockdown wird bis Ende Januar verlängert.

Auch die Familie von Stefan Kluge leidet darunter: „Das ist eine riesige Belastung für die Familien“, sagt Kluge. „Man kann zu Hause nicht konzentriert arbeiten und zugleich Kinderbetreuung machen“, sagt der Vater von vier Kindern. „Das zehrt an den Nerven.“

Video: So funktioniert die Corona-Impfung in Hamburg

So funktioniert die Corona-Impfung in Hamburg
So funktioniert die Corona-Impfung in Hamburg

8. Januar: Der Corona-Impfstoff, der am UKE getestet wird, erfüllt die Erwartungen nicht. Die weitere Arbeit am Vektor-Impfstoff der Firma IDT Biologika GmbH wird verschoben. Die Impfungen sind sicher und gut verträglich mit geringem Nebenwirkungsprofil, allerdings liegen die Immunreaktionen unter den Erwartungen. Mit anderen Worten: Er wirkt kaum. Hamburg durchbricht die Grenze von 40.000 Infektionen.

11. Januar: Die „Weihnachtswelle“ erreicht ihren Höhepunkt, die Inzidenz liegt bei 162,3. Danach geht es abwärts.

16. Januar: Das Corona-Testzentrum der KV am Hauptbahnhof stellt seinen Betrieb ein – zu wenig Nachfrage. Sandra-Valeska Bruhns’ Vater und ihre Schwiegermutter sind inzwischen geimpft. „Ich fühle mich besser“, sagt die 47-Jährige, die kein Verständnis hat für Menschen, die die Impfung ablehnen. Ihre Angehörigen seien wahnsinnig erleichtert gewesen, durch die Impfung geschützt zu sein. Diese Angst, sich anzustecken, könne jemand wie sie, der die Infektion ausgestanden hat, wohl gar nicht nachempfinden.

18. Januar 2021: Die Verlängerung des Lockdowns wird beschlossen

18. Januar: Die Ministerpräsidenten der Länder vereinbaren bei ihrem 15. Treffen mit der Bundeskanzlerin eine abermalige Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns zunächst bis zum 14. Februar. Je länger der „Galopper“ geschlossen ist, desto mehr stellt Schanzenwirt Gerrit Lerch fest, wie sehr er seinen Job liebt, wie er ihm fehlt. „Ich merke, wie viel Spaß das macht.“ Nun ist seine Frau Dani diejenige, die als freischaffende Buchhalterin für das Familieneinkommen sorgt. Auch wenn der Staat 90 Prozent seiner Fixkosten übernimmt: Ein Einkommen für ihn als Betreiber der Gaststätte ist nicht vorgesehen. Und 90 Prozent bedeuten auch, dass er selbst zehn Prozent berappen muss. Lerch stört, dass die Besitzer der Immobilien nicht stärker in die Pflicht genommen werden.

20. Januar: Der Senat vereinbart, die MPK-Beschlüsse „vollständig und konsequent umzusetzen“. Das bedeutet: In Bussen und Bahnen, beim Einkaufen, bei Gottesdiensten, bei Amtsgängen zu Behörden und bei Gesundheitsbehandlungen müssen grundsätzlich „medizinische Masken“ getragen werden, also OP-Masken oder solche mit dem Standard KN95 oder FFP2. Auf die Arbeitgeber wird der Druck erhöht, Mitarbeitern die Möglichkeit für Homeoffice anzubieten.

Der wohl größte Einschnitt: Nachdem Hamburg länger als andere Bundesländer die Kitas grundsätzlich geöffnet und nur an die Eltern appelliert hatte, dies möglichst nicht zu nutzen („eingeschränkte Regelbetreuung“), wird nun doch vom 25. Januar an nur noch eine erweiterte Notbetreuung angeboten. Sozialsenatorin Melanie Leonhard trägt es zähneknirschend mit. Die Inzidenz sinkt auf 98,4 - und damit erstmals seit dem 3. Dezember wieder unter 100.

27. Januar: In der Bürgerschaft wird erstmals ein kleiner Riss zwischen SPD und Grünen beim Thema Corona erkennbar. Grünen-Fraktionschef Dominik Lorenzen fordert in einer Debatte und per Pressemitteilung, „endlich einen verlässlichen Stufenplan“ zum Ausstieg aus dem Lockdown zu erarbeiten. Der Bürgermeister möchte diese Diskussion hingegen zu diesem Zeitpunkt noch nicht führen – er hat Sorge, dass die Bürger das als Versprechen wahrnehmen, das er dann eventuell nicht halten kann. Die Zahl des Tages unterstützt seinen vorsichtigen Kurs: Mehr als 1000 Hamburger sind inzwischen an oder mit Corona gestorben.

29. Januar 2021: Die britische Variante des Coronavirus wird in Hamburg nachgewiesen

29. Januar: Die britische Variante des Coronavirus wird bei zwei Personen am UKE nachgewiesen – einer Mitarbeiterin und einem Patienten. „Diese Krankheit ist unberechenbar“, sagt Stefan Kluge. „Die Mutationen sind der nächste Schlag.“ Es verdichten sich Hinweise, dass die britische Variante nicht nur ansteckender ist, sondern auch häufiger zu schweren Verläufen führt. „Diese Kombination ist natürlich gefährlich“, sagt Kluge. Auch der Bürgermeister sorgt sich vor einer möglichen dritten Welle.

30. Januar: Der Frust in den Ländern über das Impfdebakel wächst. Mit für seine Verhältnisse ungewöhnlich scharfen Worten kritisiert Bürgermeister Tschentscher die Bundesregierung für die schlechte Versorgung mit Impfstoff. „Gerade teilt das Bundeskanzleramt mit, dass jetzt auch die zugesagten Lieferungen der Moderna-Impfstoffe reduziert werden. Wie soll man da die Impfungen planen?“, schreibt der 55-Jährige auf Twitter. Es habe eine klare Absprache gegeben, dass der Bund die Impfstoff-Beschaffung übernehme und die Länder die Impfungen organisierten, sagt Tschentscher. Doch das Bundesgesundheitsministerium habe seine Arbeit nicht richtig gemacht. Das sei eine „herbe Enttäuschung“, so Tschentscher, der sich damit auch deutlich von Merkel absetzt.

5. Februar: Der Bürgermeister kritisiert das Kanzleramt: Dessen Chef Helge Braun und Kanzlerin Angela Merkel (beide CDU) würden seit Januar die Deutung verbreiten, dass die Infektionszahlen deswegen so hoch seien, weil die Ministerpräsidenten im Herbst härtere Maßnahmen verhindert hätten, sagt Tschentscher dem „Spiegel“. Und weiter: „Sehen Sie sich die Beschlussvorlage des Kanzleramtes vom 14. Oktober an. Das haben wir fast wortgleich so beschlossen.“ Keiner habe im Oktober einen Lockdown gewollt, auch nicht der Virologe Prof. Christian Drosten oder der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

„Ende Oktober hat der Bund den November-Lockdown vorgeschlagen. Ich habe noch gefragt: Was machen wir denn, wenn wir Ende November sehen, dass das nicht ausreicht? Antwort: Das reicht schon, ihr müsst nur konsequent im privaten Bereich alle Kontaktrisiken verringern“, sagt Tschentscher. Er habe es als empörend empfunden, dass später vom Kanzleramt aus der Eindruck erweckt wurde, damals hätte der Bund oder das Kanzleramt einen vollständigen Lockdown gefordert, den die Länder abgelehnt hätten.

6. Februar 2021: Die Inzidenz in Hamburg fällt unter 70 – der voerst letzte nennenswerte Rückgang

6. Februar: Die Inzidenz fällt in Hamburg unter 70 – der letzte nennenswerte Rückgang für Wochen.

10. Februar: Auf der 16. und bislang letzten MPK wird der Lockdown bis zum 7. März verlängert. Nur Friseure dürfen ab 1. März öffnen. Und: Den Ländern bleibt überlassen, ob sie Grundschulen und Kitas schrittweise öffnen. Viele Länder hatten darauf gedrängt, die Kanzlerin war eher dagegen. Auch Hamburg verzichtet vorerst darauf: Für die Hansestadt ändere sich „erst mal nichts“, sagt der Bürgermeister. Die Inzidenz sei immer noch zu hoch, und Hamburg habe ohnehin ab 1. März Ferien – da sei es nicht sinnvoll, kurz vorher noch die Schulen zu öffnen.

Sandra-Valeska Bruhns bangt nun den Ferien entgegen. Wenn das Wetter mitspielt, 15 Grad und Sonne, dann sei es weniger problematisch, sagt sie. Und sie hofft, dass bald eine gewisse Normalität eintritt, dass möglichst viele Einzelhändler, Restaurants und Künstler den Lockdown wirtschaftlich überleben. Und für sich, dass ihre Kinder endlich wieder ohne Einschränkungen die Schule besuchen können, Sport machen und ihre Freunde treffen. „Ich werde dann hier mal richtig aufräumen und sauber machen. Und danach setze ich mich an den Schreibtisch.“ Denn hoffentlich werde sich ihre Auftragslage dann auch wieder verbessern.

Die auf Segelthemen spezialisierte Journalistin beklagt, sie habe einen deutlichen Einkommensverlust erlitten in der Pandemie. Und noch einen Wunsch hat sie, die betont, wie dankbar sie ist für ihre große Familie, für die Zukunft: „Ich hätte gern das Haus wieder mal für mich. Und dann möchte ich mit meinem Mann wieder einen Abend nur für uns haben und gemeinsam essen gehen.“

15. Februar: Gastronom Gerrit Lerch kann es kaum erwarten, den „Galopper“ wieder aufzumachen. Vielleicht ist das nach Ostern möglich? Täglich verfolgt er die Zahl der Neuinfektionen im Abendblatt. Der 48-Jährige weiß aber auch: Ohne staatliche Hilfen macht das betriebswirtschaftlich keinen Sinn. Der „Galopper“ ist nur als Bar mit Gewinn zu betreiben. Der Tanzclub „Jolly Jumper“, da macht er sich keine Illusionen, dürfte in diesem Jahr kaum wieder öffnen. Manchmal möchte Lerch verzweifeln, aber das gestattet er sich nicht. „Es gibt so viele härtere Schicksale, bei mir geht es nur ums Geschäft“, sagt er. Und dass er von Natur aus Optimist sei. „Es wird eine Zeit kommen, in der das Leben wieder normal ist. Langfristig geht es für uns in der Schanze weiter. Ich bin mir sicher, dass die Menschen irgendwann bei uns wieder feiern können, mit Livemusik und allem Drum und Dran.“

17. Februar 2021: Tschentscher rechnet mit einer schnellen Verbreitung der britischen Variante

17. Februar: Der Bürgermeister erklärt im Abendblatt-Interview, warum Hamburg mittlerweile bundesweit die striktesten Regeln hat und länger an den Schließungen von Schulen und Kitas festhält als die anderen Länder. Tschentscher ist sehr besorgt wegen der Ausbreitung der Corona-Mutationen: „Ich rechne damit, dass wir bei den Neuinfektionen schon bald einen großen Anteil der britischen Variante haben werden. Keiner soll glauben, wir sind durch“, sagt der Bürgermeister. „Ich möchte keine Ankündigungen von Lockerungen machen, die wir kurze Zeit später wieder zurücknehmen müssen. Deshalb sage ich: Wir sind noch auf dünnem Eis! Bleibt bitte diszipliniert.“ Die Inzidenz stagniert den zehnten Tage in Folge: 68,1.

18. Februar: Die Infektionszahlen sinken zwar bundesweit noch minimal, und die Zahl der Intensivpatienten geht auch zurück. Überall wird über Öffnungen gesprochen. Doch der UKE-Professor Kluge ist skeptisch. „Mir kommt das so ein bisschen vor wie jemand, der am Strand steht und sagt: ,Es ist alles entspannt.‘ Und wenn dann der andere einwendet: ,Nein, da hinten kommt ein Tsunami‘, dann entgegnet er: ,Ach was, die Sonne scheint, das Wasser ist wunderbar. Du musst dich entspannen.“

23. Februar: An diesem Tag – ein Jahr nach der Wahl – wollte Peter Tschentscher eigentlich die Dankeschön-Party für die Jusos und die vielen anderen Wahlhelfer nachholen. Als die Feier 2020 coronabedingt ausfallen musste, hatte er sich überlegt, sie einfach 2021 nachzuholen – in der Annahme, dass das dann möglich sein würde. War es leider noch nicht. Auch ein Bürgermeister irrt manchmal.

25. Februar: Bilanz nach einem Jahr Corona: Die Zahl der Infektionen in Hamburg hat inzwischen auch die 50.000-Marke überschritten, in den Kliniken werden wieder mehr Patienten behandelt, die Zahl der Todesfälle ist auf über 1250 gestiegen, und die Inzidenz liegt wieder bei rund 80 – über dem Höchststand der ersten Welle. Ein winziges Virus hält die Stadt weiter in Atem. Nächste Woche ist wieder MPK.