Initiative "Maria 2.0"

Hamburgs Katholikinnen proben den Aufstand

| Lesedauer: 6 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Mitglieder von Maria 2.0 protestierten am Sonntag vor dem Mariendom für mehr Frauenrechte.

Mitglieder von Maria 2.0 protestierten am Sonntag vor dem Mariendom für mehr Frauenrechte.

Foto: Michael Rauhe

Frauen fordern gleiche Rechte in der Kirche wie den Priesterberuf – und schlagen Thesen an den Mariendom. Propst stellt sich Debatte.

Hamburg. Wenn Thesen an Kirchentüren angeschlagen werden, kann das eine Menge bewirken – wie die Geschichte beweist. Mehrere Dutzend engagierte Katholikinnen folgten am Sonntag in Hamburg dem historischen Vorbild der Protestanten. Sie setzten Zeichen. Mit Plakaten und Spruchbändern forderten sie gleiche Rechte für Frauen wie Männer in ihren Reihen. Eine „Maria 2.0“ getaufte, bundesweite Initiative tritt dafür ein, dass in der katholischen Kirche Frauen Priester werden können und predigen dürfen.

In sieben Thesen, die im Rahmen einer bundesweiten Aktion auch vor mehr als 20 katholischen Kirchen im Großraum Hamburg verbreitet wurden, ging es um Anstöße und um Meilensteine einer lebendigen, geschlechtergerechten Glaubensgemeinschaft. Zielgruppe: „Alle Menschen, die guten Willens sind.“

Büdnis der Katholikinnen positionierte sich vor Mariendom

Unter diesem Motto war das Bündnis ebenfalls vor dem Mariendom in St. Georg präsent. Um keinen Schaden anzurichten, wurden die Drucksachen vorsichtig mit Klebepunkten angebracht. Zum Ausklang des Gottesdienstes wurde die Botschaft außerdem per Spruchband übermittelt: „Gleiche Würde. Gleiche Rechte. Gesicht zeigen.“

Die Gottesdienstbesucher reagierten verblüfft, danach überwiegend aufgeschlossen. „Bitte mitnehmen, lesen, nachdenken“, hieß es bei Übergabe der Flugblätter. Fast jeder griff zu. Und da sich zudem Dompropst Franz-Peter Spiza als aufgeschlossener Diskussionspartner hinzugesellte, war Aufmerksamkeit garantiert.

„Maria 2.0“: Missstände sichtbar machen

„Deutschlandweit sind an diesem Sonntag mehrere 1000 Frauen vor den Kirchen aktiv“, sagte Eva-Maria Schmitz vor dem Mariendom. Vor der Vollversammlung der Deutschen Bischöfe, alle-samt Männer, in dieser Woche soll ein unmissverständliches Signal erfolgen: „In unserer katholischen Kirche haben alle Menschen Zugang zu allen Ämtern.“

Und: „Mannsein allein darf kein Sonderrecht mehr begründen.“ Die 2019 in Münster gegründete Reformbewegung „Maria 2.0“ wolle auf eklatante Missstände in der katholischen Kirche hinweisen. Es gehe um Zugang für alle zu allen Ämtern, aber auch um Aufklärung, Verfolgung und Bekämpfung der „Ursachen von sexualisierter Gewalt“.

„Wir verlangen sichtbare Schritte“

Auf dem Domplatz in St. Georg stießen die protestierenden Frauen auch deshalb auf Gehör, weil sie aus dem Herzen der katholischen Kirche stammen. „Viele gläubige Menschen verlieren Hoffnung und Geduld“, befand Brigitte Jaschke nach dem Thesenanschlag. Es dürfe nicht mehr nur salbungsvolle Worte und Floskeln geben. „Wir verlangen sichtbare Schritte.“ Brigitte Jaschke, Lehrerin aus Volksdorf und vierfache Mutter, ist ehrenamtlich in der katholischen Frauenarbeit aktiv. Eine erste Maßnahme zur Modernisierung könne der Einsatz von Diakoninnen sein.

„Auch in der katholischen Kirche müssen endlich Frauen und Männer gleich behandelt werden. Weltweit“, ergänzte Young-Ja Bang-Cho aus der Gemeinde St. Sophien in Barmbek. Und Birgit Kühl, Paartherapeutin aus dem Kreis der Kirche Heilig Kreuz in Volksdorf, sagte: „Wenn jetzt keine Reformen kommen, ist die katholische Kirche nicht mehr zukunftsfähig.“

Franz-Peter Spiza plädiert für „offene Kirche“

Übereinstimmend berichten die Frauen auf dem Domplatz von vielen Austrittswilligen. Folgen nicht rasch Veränderungen im System und nicht nur am Rande, sei die katholische Kirche auch in Deutschland bald nur noch Außenseiter.

Nach dem Hochamt stellte sich Dompropst Franz-Peter Spiza der Debatte vor dem Gotteshaus. Das Thema seiner Predigt zuvor passte: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Er könne die Ungeduld verstehen, sagte der katholische Geistliche, jedoch sei „das Thema im Prozess“. Er selbst plädiere für eine „offene Kirche“ und habe kein Problem mit lebhaften Diskussionen: „Im Anliegen sind wir uns alle einig.“

Maria Kettmann: „Wie gerne wäre ich Priesterin geworden“

Nicht jeder und jedem reichen solche Aussagen. „Wir wollen Taten erleben“, sagte Maria Kettmann. Die Religionspädagogin ist Gemeindereferentin in der Pfarrei Heiliger Martin in Pinneberg und Umgebung. Diese sechs Kirchen gehören ebenfalls zum Erzbistum Hamburg. „Ich kann mir wahrhaftig keinen Grund vorstellen, warum nicht auch Frauen Priester sein sollen“, sagt sie. Der jetzige Zustand „kann so nicht von Gott gewollt sein“.

Lesen Sie auch:

Maria Kettmann, eine bodenständige Frau aus der Mitte der Gesellschaft, gehört zu hauptberuflichen Mitarbeiterinnen der katholischen Kirche, die sich hinter die Ziele der Reformbewegung „Maria 2.0“ stellen. Sie stamme aus einer strenggläubigen Familie und sollte ursprünglich in ein Kloster gehen. „Wie gerne wäre ich Priesterin geworden“, sagt sie, „durfte früher aber noch nicht einmal Messdienerin sein oder an Zeltlagern unserer Kirche teilnehmen.“

Brief an Erzbischof Stefan Heße

Selbst wenn sich Letzteres geändert hätte: In ihrem heutigen Zustand könne die katholische Kirche nicht bestehen. „Unsere Kirche kann auf Dauer nicht 50 Prozent der Menschen ausschließen“, sagt Eva-Maria Schmitz quasi als Norddeutschlands Motor der Initiative „Maria 2.0“. Die diplomierte Theologin aus Neuendeich in Schleswig-Holstein ist empört.

Bisweilen hält sie im NDR Rundfunkpredigten. Gemeinsam mit ihrer Mitstreiterin Brigitte Jaschke will Eva-Maria Schmitz in dieser Woche einen Brief an Erzbischof Stefan Heße schreiben. Inhalt: Es müsse nun wirklich einen Termin mit „Maria 2.0“ geben. Seit einer lockeren Zusage von Mai 2019 sei nichts Konkretes geschehen.

Katholische Kirche muss endlich umdenken

„Wir geben nicht auf“, kündigt Frau Schmitz an, „und werden die Verantwortlichen weiterhin darauf aufmerksam machen, dass in der katholischen Kirche eine Menge im Argen ist.“ Der Thesenanschlag habe das Ziel, Großes anzustoßen. Ein bisschen so wie vor gut fünf Jahrhunderten in der evangelischen Kirche.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg