Gesundheit

Was Anfänger beim Eisbaden beachten sollten

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Edgar S. Hasse
Marvin Ciancia (l.) und Daniel Peters nach ihrem Sprung in die zwei Grad kalte Elbe vor der Strandperle in Othmarschen.

Marvin Ciancia (l.) und Daniel Peters nach ihrem Sprung in die zwei Grad kalte Elbe vor der Strandperle in Othmarschen.

Foto: Marcelo Hernandez

Bei nur zwei Grad in der Elbe schwimmen? Das kann gesund sein. Ärzte raten dennoch zur Vorsicht.

Hamburg. Eisschollen treiben auf der Elbe, als sich vor der Strandperle plötzlich zwei Männer entkleiden. Während Spaziergänger in dicken Winterjacken am Elbstrand von Övelgönne flanieren, sprinten sie bis auf Badehose, Mütze und Neoprenschuhe bekleidet in den eiskalten Strom. Die Wassertemperatur liegt an diesem Mittwoch bei zwei Grad Celsius. Brrr!

Daniel Peters und Marvin Ciancia, beide 24 Jahre alt, gehen in ihrer Mittagspause eiskalt baden. „In Corona-Zeiten ist das Eisbaden für uns zum Event geworden“, sagt Daniel Peters, Ingenieur für Verfahrenstechnik aus der Hamburger Neustadt. Immer mehr seiner Freunde machen beim Eisbaden in Elbe und Alster mit. Ist ja sonst nicht viel anderes los. Inzwischen ist die Gruppe auf 20 junge Leute gewachsen, die coronakonform regelmäßig zu zweit dem Eis- und Winterbaden frönen.

Dazu gehört auch Marvin Ciancia, Unternehmensberater aus dem Grindelviertel. Beide kennen einander seit der Grundschulzeit und haben gemeinsam schon einige Eisbad-Erfahrung gesammelt. „Heute ist es seit Oktober 2020 das 20. Mal“, sagt Marvin.

Eben noch schwamm eine junge Frau im Bikini durch das Wasser und ließ sich dabei von ihrem Smartphone filmen. Jetzt hocken die jungen Männer in in meditativer Pose in der Elbe, die Hände auf der Brust gekreuzt. „Sie sollten nicht nass werden“, sagt Daniel Peters. Gut drei Minuten dauert das Bad. Es können auch schon mal vier bis sechs Minuten werden.

Guru der modernen Winterbader heißt Wim Hof aus Holland

Peters ist seit gut zwei Jahren Winterbader. Auf die Idee brachte ihn nicht der Vater der Wasser- und Kältetherapie, Pfarrer Sebastian Kneipp, sondern ein Extremsportler. Der Guru der modernen Winterbader heißt Wim Hof aus Holland. Für ihn ist die Kälte ein wichtiger Lehrmeister. Hof gewann unter anderem den Weltrekord im längsten Eisbad. Es dauerte eine Stunde, 52 Minuten und 42 Sekunden. In dieser Zeit stand der „Iceman“ bis zum Hals im Eiswasser.

Mit der Kälte-Therapie, einer speziellen Atemtechnik und Mentaltraining gelang es dem heute 60-Jährigen, die Trauer nach dem Suizid seiner Frau zu bewältigen. Daniel Peters ist von dieser Methode so überzeugt, dass er Hof-Seminare buchte. Das jüngste fand im August vergangenen Jahres in Lübeck statt.

Positive Stressreaktion

Ein heißer Monat. Zum Glück schwammen aber genügend Eiswürfel im Pool, um Sicherheitsregeln und Atemtechnik zu trainieren. Inzwischen treffen sich Daniel Peters und Marvin Ciancia meist jeden Sonntag zum Winterbaden in der Elbe oder der Alster. Zum einen sei das ein schöner Abschluss der vergangenen Woche, sagen sie. Zum anderen spielten gesundheitliche Aspekte eine Rolle.

Beim Eintauchen in das kalte Nass schüttet der Körper Stresshormone aus. „Die Gefäße verengen sich, Blutdruck und Puls steigen an, und die Atemfrequenz erhöht sich“, sagt der Sportkardiologe Martin Halle. Winterschwimmer oder Eisbader sehen das als positive Stressreaktion und berichten über ein euphorisches Gefühl nach dem Bad. Die Haut wird zudem stärker durchblutet und erzeugt ein angenehmes Wärmegefühl.

Neueinsteiger sollten vorher unbedingt einen Arzt konsultieren

Doch Vorsicht! Neueinsteiger sollten vorher unbedingt einen Arzt konsultieren. Selbst junge Leute gehen auf Nummer sicher und springen lieber gemeinsam ins Wasser. Ein vorheriger Gesundheits-Check-up beim Arzt sei wichtig, ansonsten könne Eisbaden gefährlich werden, raten die Experten.

Lungenfacharzt und Winterbader Stefan Hummel aus Heiligendamm (Mecklenburg-Vorpommern) betont: „Ein medizinischer Check-up ist notwendig, und bei Herzerkrankungen ist äußerste Vorsicht geboten.“ Doch wer einmal bis zum Oberkörper ins kalte Wasser getaucht ist, will es danach meist immer wieder tun.

„Jeder Kaltwasserreiz löst richtig dosiert eine positive Stressreaktion aus, die zu sinnvollen und gesunden Gegenregulationen führt“, weiß Hummel. „Infekte verlaufen deutlich milder, Bakterien und Viren werden wirksam bekämpft. Das Kreislaufsystem arbeitet effektiv, Durchblutung und Blutdruck sowie nervöse Störungen werden durch die Abkühlung normalisiert.“ Außerdem sei langfristig eine Abnahme von rheumatischen Schmerzen und Entzündungen zu erwarten.

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Rund 5000 Menschen, schätzen Experten, sind heute bundesweit als Winter- und Eisbader in Deutschland in Vereinen organisiert. Das Interesse, mitten im kalten Winter in Nord- und Ostsee, im Großensee (Kreis Stormarn) oder in der Elbe baden zu gehen, ist also ungebrochen.

Was Pfarrer Sebastian Kneipp schon vor mehr als 150 Jahren als Königsdisziplin seiner Gesundheitslehre empfohlen hat, bleibt daher ein beliebtes Mittel zur Abhärtung für ein starkes Immunsystem. „Wir fühlen uns fantastisch“, sagen die beiden Winterbader aus Hamburg strahlend, bevor sie wieder in ihre warmen Klamotten schlüpfen. Danach trinken sie einen Schluck heißen Ingwertee aus der Thermoskanne.

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