Pandemie

Corona: Studierende in Hamburg verlieren ganzes Semester

| Lesedauer: 6 Minuten
Marc Hasse
Studentinnen arbeiten in einem Übungssaal an der Abformung eines Kiefers. Solche Praxiseinheiten können derzeit oft nicht stattfinden – das verlängert im schlimmsten Fall das gesamte Studium.

Studentinnen arbeiten in einem Übungssaal an der Abformung eines Kiefers. Solche Praxiseinheiten können derzeit oft nicht stattfinden – das verlängert im schlimmsten Fall das gesamte Studium.

Foto: Picture Alliance

Praxiseinheiten und Prüfungen können nicht so stattfinden, wie geplant. Welche Folgen das nun für Studierende hat.

Hamburg. Neues Jahr, neue Mühen – so geht es Corona-bedingt auch den Hamburger Hochschulen. Der zweite harte Lockdown hat schon die Organisation vieler Lehrveranstaltungen erschwert. Nun bringen die Beschränkungen auch Prüfungstermine durcheinander. Und es regt sich erneut Kritik am Ausfall der Präsenzlehre.

Das betrifft insbesondere die Medizinische Fakultät am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Hart getroffen hat es hier Studierende in dem auslaufenden Regelstudiengang Zahnmedizin: Weil im Wintersemester nicht genügend Praxiseinheiten in der Zahnklinik gelehrt werden konnten, sei es nicht möglich gewesen, Bescheinigungen über die erfolgreiche Teilnahme auszustellen, teilt das UKE auf Nachfrage mit.

Praktische Unterrichtsveranstaltungen wegen Corona nicht durchführbar

Die Folge: „Da die fehlenden praktischen Unterrichtsveranstaltungen im kommenden Semester nachgeholt werden müssen, verlieren die Studierenden ein Semester.“ Das betreffe „potenziell“ 133 Studierende in den Semestern sechs bis zehn.

Coronavirus: Die interaktive Karte

Die Lage sei komplizierter als im Frühjahr, sagt Prof. Andreas Guse, Prodekan für Lehre am UKE. Weil das Sommersemester im ersten harten Lockdown begann, habe man damals versucht, möglichst viele Theorieanteile in die ersten Lehrveranstaltungen zu packen.

Präsenzlehre seit dem 16. Dezember eingestellt

Als dann Lockerungen möglich wurden, hätten viele Praxisanteile noch im Rahmen des Sommersemesters angeboten werden können. Mit der Vorgabe der Wissenschaftsbehörde zum Herbst, so viel Präsenz wie möglich anzubieten, habe das UKE ein hybrides Wintersemester geplant und bis zum 15. Dezember im Mittel immerhin 37 Prozent des Unterrichts in Präsenz durchgeführt.

Wegen der „dramatischen“ Entwicklung des Infektionsgeschehens habe man vom 16. Dezember an dann die Präsenzlehre eingestellt. Nun lassen sich ausgefallene Praxisanteile zumindest im Rahmen des laufenden Wintersemesters nicht mehr nachholen.

Verschiebung von Prüfungen besonders hart für Studierende der Humanmedizin

Zudem verschieben sich laut UKE an der Medizinischen Fakultät 27 Modul- und Semesterprüfungen. Erhebliche Verzögerungen müssen dabei 327 Studierende der Humanmedizin hinnehmen: Für sie wird die vorärztliche Prüfung in den Mai verschoben – bestenfalls. „Für den Fall, dass dann weiterhin nicht in Präsenz geprüft werden kann, kommt nur der September infrage“, so das UKE.

Ein Semester verlieren sollen diese Studierenden aber nicht, sagt Prodekan An­dreas Guse. In einem Brief an das Abendblatt erklären drei Studierende der Humanmedizin, der Ausfall von Präsenzveranstaltungen in den vergangenen zwei Semestern wiege so schwer, dass sie „so keine gut ausgebildeten Ärzte werden“ könnten.

Normales Studium hätte Raum- und Gebäudewechsel zur Folge

Das Argument, die Fortführung der Präsenzlehre erhöhe das Übertragungsrisiko durch infizierte Studierende, ziehe nicht, schließlich dürften viele Medizinstudierende weiter als studentische Hilfskräfte in Kliniken, Arztpraxen und im Rettungsdienst arbeiten. Warum könne das UKE nicht die Präsenzlehre auf die Akademischen Lehrkrankenhäuser in Hamburg verteilen?

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Das UKE antwortet, es stimme zwar, dass Studierende weiterhin als Hilfskräfte in Kliniken und anderen Einrichtungen tätig seien. Aber: Während die Studierenden dabei auf einer abgegrenzten Station arbeiteten und nur mit wenigen Kollegen in Kontakt kommen sollten, seien im Studium „häufige Raum- und Gebäudewechsel durchzuführen“. Das könne dazu führen, dass „wenige infizierte Personen andere Studierende, Lehrende und Patienten gegebenenfalls in großer Zahl infizieren“.

Inhalte der Präsenzveranstaltungen können durch Facharztbildung nachgeholt werden

Das UKE nutze bereits die Akademischen Lehrkrankenhäuser, damit dort zumindest Studierende des 11. und 12. Semesters das sogenannte Praktische Jahr (PJ) absolvieren können. Für die universitäre Lehre nötige Hörsäle, speziell ausgestattete Übungsräume und Laborbereiche seien allerdings „gerade in mittelgroßen und kleineren Kliniken nicht verfügbar“.

Dass wegen Corona viele Präsenzveranstaltungen ausfallen, sei „sehr ärgerlich“, sagt Prodekan Andreas Guse. „Es entzieht der Ausbildung aber nicht den Boden.“ Er gehe davon aus, dass während des Praktischen Jahres und der Facharztausbildung einiges nachgeholt werden könne.

Universität Hamburg: Verschiebungen von Prüfungen nur im Notfall

Der Fachschaftsrat Medizin am UKE erklärt auf Nachfrage, die Reaktion der Fakultät auf das Pandemiegeschehen sei „zwar verständlich, doch sind wir der Überzeugung, dass die komplette Schließung über die Verordnung zur Eindämmung hinausging“. Der Fachschaftsrat sei „bemüht, Lösungen zu finden, die vermehrte Präsenzlehre möglich machen können“.

Das sind Hamburgs neue Corona-Regeln

Während Verschiebungen von Prüfungen für Medizinstudierende in den Frühling hinein schon feststehen, soll es dazu an der Universität Hamburg „nur in Ausnahmefällen kommen“, wie das Präsidium der Hochschule auf Nachfrage mitteilt.

Umstellung der Klausuren auf digitale Formate

Die Uni sei dabei, rund 1100 Klausuren „möglichst flächendeckend“ auf digitale Formate umzustellen, damit die meisten Studierenden ihre Prüfungen auch unter womöglich verschärften Lockdown-Bedingungen im Februar und März absolvieren könnten.

Ob es zu Studienverzögerungen oder gar dem Verlust eines Semesters für Studierende kommen könnte, lasse sich jetzt noch nicht sagen. Nachteile sollten aber, wenn irgend möglich, vermieden werden, erklärt das Präsidium.

Zahl der Studierenden, die Studium verlängern müssen, noch nicht absehbar

In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, die etwa Laborübungen beinhalten, sei die Umstellung auf digitale Prüfungsformate eine größere Herausforderung als in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Ob wie am UKE eine größere Zahl von Studierenden an der Uni unfreiwillig ihr Studium verlängern muss, vermag auch der Uni-AStA noch nicht zu sagen.

HAW Hamburg will Verzögerungen von Studium vermeiden

Die Studierendenvertretung erklärt, sie habe bisher nur von „einigen“ derart betroffenen Studierenden gehört. Probleme hätten sich ergeben, weil Prüfungen nicht stattfanden, wegen technischer Störungen nicht korrekt abgelegt werden oder von Studierenden gar nicht wahrgenommen werden konnten.

Lesen Sie auch:

Verzögerungen im Studium will auch die HAW Hamburg unbedingt vermeiden. „Wir setzen alles daran, dass keine Prüfungen verschoben werden müssen“, heißt es aus der zweitgrößten Hochschule der Hansestadt. Keine Prüfungen sollen an der Technischen Universität Hamburg in Harburg verschoben werden.

Allerdings stellt Hamburgs drittgrößte Hochschule auch nicht überwiegend auf digitale Alternativen um, wie das Präsidium auf Nachfrage erklärt: „Rund 90 Prozent aller schriftlichen Prüfungen finden unter maximalen Hygiene- und Schutzkonzepten an der TU Hamburg in Präsenz statt.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg