Kohlekraftwerk

Grüner Wasserstoff statt Kohle: Vorzeigeprojekt in Moorburg

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Volker Mester
Blick über das inzwischen vom Netz gegangene Kohlekraftwerk Hamburg-Moorburg.

Blick über das inzwischen vom Netz gegangene Kohlekraftwerk Hamburg-Moorburg.

Foto: dpa

In Moorburg soll künftig Energie der Zukunft produziert werden. Die Stadt hat für ihr Großprojekt Partner aus der Industrie gefunden.

Hamburg. Nicht nur die Bundesregierung sieht Wasserstoff als „Schlüsselrohstoff für eine erfolgreiche Energiewende“ an. Einer Studie der EU-Kommission zufolge können in der europäischen Wasserstoffindustrie bis zum Jahr 2050 mehr als 5,4 Millionen Arbeitsplätze entstehen, der Jahresumsatz wird auf 800 Milliarden Euro veranschlagt.

Hamburg hat jetzt die Voraussetzung dafür geschaffen, auf diesem Milliardenmarkt ganz vorne mit dabei zu sein. Ausgerechnet auf dem Gelände, auf dem bis vor wenigen Wochen noch Strom auf äußerst klimaschädliche Weise aus Kohle erzeugt wurde, soll im Jahr 2025 die Erzeugung von Wasserstoff mittels Wind- und Solarstrom starten.

Shell, Vattenfall, Mitsubishi und Wärme Hamburg sind dabei

Gemeinsam wollen der britisch-niederländische Energiegigant Shell, der schwedische Energieversorger Vattenfall, Japans größter Maschinenbauer Mitsubishi Heavy Industries (MHI) und das städtische Unternehmen Wärme Hamburg einen dreistelligen Millionenbetrag investieren, um auf dem Gelände des stillgelegten Kohlekraftwerks Moorburg am Rand des Hafens eine so genannte Elektrolyse-Anlage zu bauen. Mit einer Leistung von zunächst 100 Megawatt (MW) wäre sie die größte in Deutschland und eine der größten der Welt.

„Diese Vereinbarung ist ein wichtiger Schritt für die Energiewendestadt Hamburg“, sagte Umwelt- und Energiesenator Jens Kerstan (Grüne). Am Standort Moorburg wolle man nicht nur „grünen“ Wasserstoff im großen Maßstab erzeugen, sondern dort gleichzeitig eine Drehscheibe für „klimafreundliche Energie“ aufbauen. Das massige Gebäude des Kohlekraftwerks dürfte den Plänen wohl im Weg sein; aller Voraussicht nach wird es abgetragen werden.

Entstehende Abwärme soll zum Heizen genutzt werden

Ein wesentlicher Grund, warum Wasserstoff nach Auffassung von Wissenschaftlern und Managern in der Zukunft eine so große Rolle für die Energiewirtschaft spielen wird, ist die Vielseitigkeit der Anwendungsmöglichkeiten: Er ist ein bedeutender Rohstoff der chemischen Industrie, soll künftig aber auch den Treibstoff auf Erdölbasis für Schiffe, Busse, Lkw und sogar Verkehrsflugzeuge ersetzen. So hat Airbus angekündigt, bis 2035 ein emissionsfreies Flugzeug, das in seinen Turbinen Wasserstoff anstatt Kerosin verbrennt, entwickeln zu wollen. Zudem wird daran gedacht, dem Erdgas, das heute zur Wärmeversorgung Hamburger Haushalte dient, Wasserstoff beizumischen. In Bergedorf läuft dazu ein Versuchsprojekt. Dort wird ein Wärmenetz, das 273 Wohnungen versorgt, mit bis zu 30 Prozent Wasserstoff gespeist. Außerdem soll die bei der Wasserstoffproduktion in Moorburg entstehende Abwärme zum Heizen genutzt werden.

Bisher wird Wasserstoff nahezu ausschließlich aus Erdgas gewonnen, wobei aber erhebliche Mengen des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO) frei werden. Nach Angaben von Airbus lag der Produktionsanteil des „grünen“, mittels erneuerbarer Energien gewonnenen Wasserstoffs zuletzt bei weniger als 0,1 Prozent. Mit dem weltweit kräftigen Ausbau der Wind- und Solarenergie dürfte sich das jedoch schnell ändern.

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Damit würde auch der Kostennachteil des Wasserstoffs aus Elektrolyse-Anlagen abgebaut werden können. Wie der ADAC im Dezember mitteilte, würden für synthetischen Kraftstoff auf Wasserstoffbasis heute in der Herstellung noch rund 4,50 Euro pro Liter fällig. Optimistische Prognosen wie die des Wuppertal Instituts gingen davon aus, dass im Jahr 2030 ein Preis von 2,29 Euro einschließlich Steuern möglich wäre.

Mit dem Moorburg-Projekt hat sich Hamburg nicht nur deutschlandweit auf die Landkarte der bedeutenden Wasserstoffprojekte gesetzt. Projektpartner Shell hat in seiner Raffinerie in Wesseling bei Köln im vorigen Jahr eine Zehn-MW-Elektrolyseanlage in Betrieb genommen, Konkurrent BP plant zusammen mit dem dänischen Energieunternehmen Ørsted in Lingen (Emsland) eine 50-MW-Anlage, die 2024 fertig sein soll, und der Gaskonzern Linde will in Leuna schon bis 2022 eine 24-MW-Anlage errichten. In einer ganz anderen Größenordnung denkt man allerdings in Saudi-Arabien – dort soll bis 2025 ein Vier-Gigawatt-Komplex entstehen.

Gelände in Moorburg verfügt über ideale Voraussetzungen

„Ich habe immer an das Projekt am Standort Moorburg geglaubt“, sagte Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos). Er hatte bereits im September 2019 verkündet, ein solches Vorhaben auf den Weg gebracht zu haben. Damals war aber noch nicht bekannt, mit welchen Unternehmen es realisiert werden soll. Aus Sicht der Partner verfügt das Gelände in Moorburg über ideale Voraussetzungen. So ist es bereits an das nationale 380.000-Volt-Übertragungsnetz angebunden. Die städtische Gasnetzgesellschaft wolle zudem innerhalb von zehn Jahren ein Wasserstoffnetz im Hafen ausbauen und arbeite damit schon jetzt an der nötigen Verteil-Infrastruktur. Im Umkreis des Standorts seien zahlreiche potenzielle industrielle Abnehmer für grünen Wasserstoff angesiedelt.

Norbert Aust, Präses der Handelskammer Hamburg, begrüßte den Plan: „So kann Hamburg europaweit zum Vorreiter beim grünen Wasserstoff werden. Dies ist ein wichtiger Schritt in Richtung eines ‚Energie- und Klimahafens‘, den wir jüngst in unserem ‘Zukunftsplan Hafen‘ gefordert haben.“

Auch aus Sicht der Umweltschutzorganisation Nabu ist das Projekt eine „sinnvolle Folgenutzung des brachliegenden Areals“. Malte Siegert, Vorsitzender des Nabu Hamburg, weist jedoch darauf hin, dass die geplante Autobahn A26-Ost, die zwischen dem Kraftwerksgelände und der Kattwykbrücke verlaufen soll, potenzielle Erweiterungsmöglichkeiten deutlich einschränken würde. Siegert sieht auch einen „erheblichen Zielkonflikt zwischen Sicherheitsaspekten bei der Wasserstoffproduktion und einer in unmittelbarer Nähe verlaufenden, aufgeständerten Autobahn.“

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