Hamburger Messehallen

Corona-Impfung: Über-80-Jährige können sich anmelden

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Andreas Dey und Matthias Popien
Am Dienstag hat das zentrale Corona-Impfzentrum in den Hamburger Messehallen den Betrieb aufgenommen.

Am Dienstag hat das zentrale Corona-Impfzentrum in den Hamburger Messehallen den Betrieb aufgenommen.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Der Start der Impfungen in den Messehallen gilt als großer Schritt. Der Senat spricht derweil von "Disziplinlosigkeit".

Hamburg. Es ist so gekommen, wie es Fachleute befürchtet hatten: Am Dienstag ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Hamburg auf einen neuen Rekordwert gestiegen. 697 Fälle meldete die Gesundheitsbehörde. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg auf 138,4. „Viele Menschen mit Symptomen haben sich über die Feiertage nicht testen lassen“, sagte Behördensprecher Martin Helfrich. „Das wird nun nachgeholt, und dabei gibt es leider auch viele positive Tests.“

Zu Weihnachten waren die Kontaktbeschränkungen leicht gelockert worden. Sollte es dabei zu Infektionen gekommen sein, wird dies nach Ansicht von Epidemiologen etwa zehn Tage später mit einer Zunahme von neuen Fällen sichtbar. In diesem Zeitfenster bewegen wir uns nun. Auch die Zahl der Todesopfer ist gestiegen – von 661 auf 671.

Corona-Impfungen in den Hamburger Messehallen gestartet

Unterdessen wurden in den Messehallen die ersten Corona-Impfungen vorgenommen. Harald Wendpap gehörte zu den ersten Hamburgern, die sich am Dienstag im zentralen Impfzentrum der Stadt immunisieren lassen wollten. Für 10.15 Uhr hatte sich der 88-Jährige einen Termin geben lassen – online. „Hat reibungslos geklappt“, berichtete er, als er in Begleitung seiner Tochter in den Messehallen ankam.

„Ich bin erstaunt, wie großzügig die Räumlichkeiten sind“, sagte der Rissener mit Blick in die riesige Halle A3. Warum er sich impfen lasse? „Zunächst ist das Eigeninteresse, es geht um Risikominimierung“, sagte Wendpap, bevor er sich zur Anmeldung begab, wo seine Daten überprüft wurden. Der zweite Grund: „Man tut auch der Allgemeinheit einen Dienst, wenn man sich impfen lässt.“

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Bürgermeister Peter Tschentscher und Sozialsenatorin Melanie Leonhard (beide SPD) hoffen, dass viele Hamburger so denken. Beide waren am Morgen zur offiziellen Inbetriebnahme ins Impfzentrum gekommen. „Das ist ein wichtiger, großer Schritt in der Pandemiebekämpfung“, sagte Leonhard.

Denn obwohl das Impfzentrum seit dem 15. Dezember startklar ist, konnten aufgrund der geringen angelieferten Impfstoffmengen seit dem 27. Dezember nur mobile Teams die Bewohner und Mitarbeiter in Alten- und Pflegeheimen impfen. Außerdem wurden gut 3000 Impfdosen an Krankenhäuser weitergereicht, die ihre Mitarbeiter in Eigenregie impfen. Mit dem Start des Impfzentrums sollen nun viel größere Bevölkerungsgruppen erreicht werden.

10.000 Impftermine im Januar schon vergeben

Vorerst können wegen des begrenzt vorhandenen Impfstoffs der deutschen Firma Biontech zwar auch in den Messehallen nur 500 Bürger pro Tag einen ersten Piks erhalten – obwohl die Kapazität bei 7000 täglich liegt. Diese Termine sind für diese Woche komplett vergriffen, insgesamt 10.000 Termine für Januar seien schon vergeben worden, berichtete Leonhard.

Sie hoffe aber, das Angebot bald ausbauen zu können. Das Impfzentrum könnte auch unter Beibehaltung der mobilen Teams problemlos in Kürze auf 5000 Impfungen am Tag hochgefahren werden, wenn nur genügend Impfstoff geliefert werde. Personal und Ausstattung seien vorhanden.

„Wir haben zu wenig Impfstoff“, erneuerte der Bürgermeister seine Kritik an der Beschaffung durch den Bund und die EU-Kommission. Dennoch sei er angesichts des Starts im Impfzentrum optimistisch, so Tschentscher: „Es geht voran.“ Zum Abendblatt-Bericht, wonach im Januar jeweils 670.000 Impfdosen pro Woche an die Länder gehen sollen und davon etwa 15.000 an Hamburg, sagte er: „Wenn das so ist, sind wir jederzeit bereit, diesen Impfstoff einzusetzen.“ Bislang hatte die Stadt 29.000 Impfeinheiten erhalten, wovon bis Dienstag 4750 verbraucht waren.

Laut einer Aufstellung des Robert-Koch-Instituts (RKI) gingen davon rund 2700 an Menschen mit „beruflicher Indikation“, also etwa Mitarbeiter in Pflegeheimen oder Krankenhäusern, und rund 2050 an Bewohner von Pflegeheimen. Dass das RKI zusätzlich gut 1700 Personen auflistet, die den Impfstoff aufgrund einer „Indikation nach Alter“ erhalten hätten, sorgte vor allem bei älteren Bürgern für Verwirrung. „Sind wir jetzt auch schon dran?“, fragte sich mancher.

Über-80-Jährige können sich zur Impfung in Hamburg anmelden

Darauf gibt es zwei Antworten. Erstens: Bislang konnten sich Über-80-Jährige, die nicht im Heim wohnen, noch nicht impfen lassen – die vom RKI erwähnten 1700 sind diejenigen der 2050 Heimbewohner, die gleichzeitig älter als 80 Jahre sind – also eine Teilmenge. Zweitens: Mit dem Start des Impfzentrums ist das hingegen sehr wohl möglich. Zwar ruft die Stadt zunächst nur Mitarbeiter von ambulanten Pflegediensten aktiv auf, in die Messehallen zu kommen.

Doch da Über-80-Jährige ebenso zur „Prioritätsgruppe 1“ der Ständigen Impfkommission zählen, können auch sie sich einen Termin im Impfzentrum holen – entweder telefonisch unter 116 117 oder online unter impfterminservice.de. Aktiv angeschrieben werden sie zwar erst in der kommenden Woche – aber wie Harald Wendpap bewiesen hat, muss man darauf nicht zwingend warten.

Bildergalerie: Hamburg startet mit den Impfungen

Zudem ist es für Hamburger auch möglich, sich in einem der schleswig-holsteinischen Impfzentren immunisieren zu lassen, etwa in Bad Oldesloe oder Prisdorf (Kreis Pinneberg). Beide Länder streben, wenn nötig, einen Ausgleich der Impfdosen an. Diese sind bislang nur nach Bevölkerungszahl auf die Länder verteilt worden. Dass dabei Hamburgs Rolle als größter Gesundheitsstandort der Metropolregion ebenso unberücksichtigt blieb wie die Tatsache, dass Tausende Mitarbeiter von Kliniken und Heimen im Umland wohnen, hatte Tschentscher bereits kritisiert.

Hamburger Senat spricht von "Disziplinlosigkeit"

Unterdessen hat der aktuelle Negativ-Rekord bei den Neuninfektionen im Senat Besorgnis ausgelöst. Senatssprecher Marcel Schweitzer sprach am Dienstag gleich mehrfach von „Disziplinlosigkeit“. „Wir kriegen die Pandemie nur in den Griff, wenn wir uns zusammenreißen“, sagte er. Die wirksamsten Mittel seien nach wie vor „Abstand und Kontaktbeschränkungen“. Die Angst vor einem schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung sei deutlich niedriger als im Frühjahr. .

Zudem werden die Situation in den Krankenhäusern immer angespannter. „Die Zahl der stationären Corona-Fälle ist doppelt so hoch wie im Frühjahr. Die Mitarbeiter in den Kliniken sind im Dauerstress.“ Der Senatssprecher machte noch einmal deutlich, dass es darum gehe, Leben zu retten. Gerade die Alten seien gefährdet. „Doch die Zahl derer, die über 70 und infiziert sind, nimmt weiter zu“, so Schweitzer. „Das ist besorgniserregend.“

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In den kommenden Tagen sei mit mal steigenden, mal auch wieder fallenden Neuinfektionen zu rechnen, sagte es. Das hänge mit Nachmeldungen zusammen, mit Nacheintragungen und der Tatsache, dass sich zwischen Weihnachten und Neujahr nicht so viele Menschen hätten testen lassen. Erst Ende der kommenden Woche werde man aussagekräftigere Zahlen bekommen.

Anzahl der PCR-Tests ist zurückgegangen

Die Anzahl der PCR-Tests ist zurückgegangen. An jedem Werktag werden jetzt im Schnitt rund 11.000 Tests durchgeführt, die Rate der positiven Befunde liegt bei 10,1 Prozent. Vor Weihnachten sah das ganz anders aus, da wurden zuletzt werktags durchschnittlich 19.900 Tests durchgeführt. Die Rate der positiven Befunde lag bei 6,4 Prozent – deutlich niedriger als derzeit. Sowohl die Test-Zahl als auch die Positiv-Rate waren vor Weihnachten auf dem höchsten Stand seit Beginn der Corona-Pandemie.

Vom 28. Dezember bis 3. Januar wurden in Hamburg insgesamt 2371 Corona-Fälle erfasst. In 503 dieser Fälle waren über 70-Jährige betroffen. Nur bei insgesamt 684 Erkrankten konnte die Infektion zurückverfolgt werden. Es gab 60 identifizierte Ausbrüche (ab zwei Personen). Die Pflegeheime waren besonders betroffen: Dort gab es zehn Ausbrüche mit zusammen 449 Fällen.

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