Jungfernstieg

Wegen Corona: Gebrannte Mandeln gegen die Sorgen

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Denise und Mike Vogt verkaufen gebrannte Mandeln am Hamburger Jungfernstieg. Sie fürchten sich vor einem harten Lockdown.

Denise und Mike Vogt verkaufen gebrannte Mandeln am Hamburger Jungfernstieg. Sie fürchten sich vor einem harten Lockdown.

Foto: Roland Magunia

Das Abendblatt hat zwei Schausteller auf dem Jungfernstieg begleitet. Wie sie arbeiten, leben und was sie fürchten.

Hamburg.  Eine Duftwolke weht über den Jungfernstieg. Sie lässt sich tragen vom Dampf, der aus einem der Weihnachtsbuden bis ans Alsterufer dringt. Es riecht nach Zimt und Zucker – ein Genuss, der Denise Vogt (34) jahrelang verwehrt war. Das lag an ihrem Berufsalltag. Die Schaustellerin war „geruchsblind“ geworden, sagt sie. Doch dann änderte Corona ihr Leben.

Tagein, tagaus bindet sie sich eine gestreifte Schürze um, versteckt die blonden Haare unter dem Stirnband und brennt dann Mandeln. Solange es noch geht. Bereits zehn Monate haben sie und ihr Mann Mike Vogt (38) in diesem Jahr nicht gearbeitet: Von Januar bis Februar hatten sie frei, im März folgte die Zwangspause vom Geschäft. Coronabedingt. Keine Kundschaft. Keine Naschereien. Kein Zimtgeruch. „Ich habe mich identitätslos gefühlt. Ein bisschen verloren”, sagt Denise Vogt.

Albtraum eines neuen Lockdowns

Seit Ende November dürfen die Vogts wieder verkaufen. Die Auszeit hat den Geruchssinn der Mandelbrennerin geschärft. An den ersten beiden Tagen konnte sie den süßen Duft riechen. Dann nicht mehr. Ein gutes Zeichen! Denn ihre Nase hat sich wieder ans Arbeiten gewöhnt. Aber wie lange würde es andauern? Diese Frage schwebte seit Wochen über ihrer Familie.

Die Stadt hat den Verkauf auf dem Jungfernstieg eigentlich bis Ende Dezember erlaubt. Doch bereits vor diesem Wochenende zeichnete sich der Albtraum eines erneuten harten Lockdowns ab. Das Zittern begann. Schon wieder. Müssen die Vogts von heute auf morgen schließen? Was macht diese Unsicherheit mit ihnen?

Auf dem Jungfernstieg gibt es nur Plan A: Durchhalten!

Denise Vogt steht am vergangenen Dienstag in ihrem unbeheizten Büdchen. Das stört sie nicht. Sie sagt, ihr Beruf sei ihre Berufung, stifte ihr und ihrer Familie eine Identität und Heimat. Vor Corona habe sie nichts – nicht einmal die Geburt ihrer beiden Söhne (11, 14) – länger als zwei Tage vom Geschäft fernhalten können. „Wir leben davon und dafür.“ Doch nun ist es möglich, dass sie wieder Wochen ohne Arbeit sein müssen. Aber Aufgeben ist nicht. Für die Vogts gibt es nur Plan A: abwarten, durchhalten, das Familiengeschäft fortführen.

Um 11 Uhr zieht Denise Vogt die Ladenrollos hoch. Dann nimmt sie einen Holzlöffel in die Hand, der halb so groß ist wie sie selbst. Sie steckt ihn in den Brenner und rührt das Gemisch aus Mandeln, Zucker und Zimt um. Die Maschine erledigt den Rest, brummt metallisch vor sich hin. Die Frau schaut die Masse an und sagt: „Ich könnte zu fast jedem Artikel einen Vortrag halten, warum, wieso, weshalb wir diese Zutat nehmen.“ Ihre gebrannten Mandeln kommen aus Spanien – nicht wie sonst aus Kalifornien. Sie haben einen hohen Fettanteil, sind deshalb weicher im Biss. Der Zimt muss rein, damit der Körper den Zucker besser abbauen kann. Die Schaustellerin nimmt den Kessel in die Hand und leert ihn auf einem Blech aus.

Der Duft lockt Kunden an. „Möchtest du etwas haben, Schatz?“, fragt ein Mann und zeigt auf die Vitrine. Die Schaustellerin fragt: „Was darf’s sein?“ „Eine kleine Tüte bitte!“ Papier knistert. Münzen klimpern.

Auf dem Jungfernstieg ist nicht viel los. Nur alle paar Minuten kauft ein Kunde ein – nicht so wie sonst auf dem Hamburger Dom. Die Schaustellerin wendet die Lebkuchenherzen mit der Schrift nach vorn, drapiert ihre Mandeln in der Vitrine, tunkt Trauben-, Erdbeer- und Bananenspieße in flüssige Schokolade. Heute sogar Käsekuchen.

Auf die Idee hat sie Mike Vogt gebracht. „Mein Mann mag keine Vitamine unter der Schokolade.“ Die Schaustellerin spießt die Kuchenstücke auf lange Holzstäbchen und tunkt eins nach dem anderen in die Wärmebehälter mit Zartbitter-, Vollmilch- und weißer Schokolade. Die Stücke hängt sie an Wäscheklammern mit dem Kopf nach unten auf. Die flüssige Masse tropft ab. Ein Stück ist kaputtgegangen, das isst ihr Mann. Später liegen die heilen Spieße in der Vitrine.

Nähe aufbauen trotz Maske

„Cheese“ steht in Schnörkelschrift mit Schokolade darauf. Wie man es vor der Aufnahme eines Fotos sagt. Ein Appell an die Kunden. „Ich möchte allen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich wäre froh, wenn ich das wiedersehe. Ohne Masken“, sagt Denise Vogt, die in ihrem Büdchen selbst viel lacht.

Sie merkt sich, wer da war, baut Nähe auf: „Ich musste ein zweites Mal hingucken, aber die Augen kenne ich doch!“, sagt sie zu einem Kunden. Neun Erdbeerspieße hat er schon gekauft: erst Zartbitter, Vollmilch und weiße Schokolade, dann zweimal Zartbitter und einmal Vollmilch und nun dreimal Zartbitter. „Für seine Kinder“, sagt Denise Vogt. Sie gibt ihm seine Stempelkarte zurück. Beim zehnten Einkauf gibt es eine Schokofrucht gratis. Der Mann mit den Obstspießen freut sich. Und das freut die Schaustellerin.

Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mehr mitzugeben als nur eine Nascherei. „Wir müssen gucken, dass die Leute fröhlich von uns weggehen“, sagt sie. Und weiter: „Wir wissen nicht, ob wir der einzige soziale Kontakt sind am Tag.“ Das hat sie vom Vater und der möglicherweise von seinem, beide Schausteller.

Schausteller wegen Corona vor dem Aus?

Vor 113 Jahren sind sie ins Geschäft eingestiegen. Mit einem Café am Kurfürstendamm in Berlin hat es begonnen. Dann entschied sich die Familie für die Schaustellerei. Sie zog nach Pommern, flüchtete im Zweiten Weltkrieg nach
Lüneburg. Dort lebt sie seitdem, gibt das Mandelrezept an die Kinder weiter.

Auch die Kasse, der Mandelbrenner und das Büdchen stammen aus diesen vergangenen Zeiten. Sie gehörten dem Vater, Großvater und einem anderen Schausteller. Denise Vogt nutzt die Gegenstände, würdigt dadurch die Tradition. Die Corona-Krise ändert daran nichts. Plan A steht noch an diesem Tag. Wenn auch wackelig.

Um kurz vor 20 Uhr schiebt sie die Ärmel hoch, nimmt eine Schüssel mit dampfendem Putzwasser und geht zur Mandelmaschine. Der Geruch von Spülmittel mit Zitronenduft mischt sich mit der Zimtwolke. Denise Vogt beugt sich mit der Nase voran über den Kessel und schrubbt ihn Zentimeter für Zentimeter mit einer Zahnbürste. Das hat sie schon oft gemacht, weshalb an ein paar Stellen der rote Lack fehlt.

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Eine neue Maschine will sie nicht kaufen. Das wäre schlecht fürs Geschäft, denn sie und ihre Familie glauben, die alten Sachen bringen Glück. „Wir sind alle ein wenig spleenig, aber damit tun wir niemandem weh. Wenn etwas jahrzehntelang gut war, warum sollte es dann auf einmal schlecht sein? Was sich bewährt hat, hat sich bewährt.“ Um 20 Uhr legt sie die Zahnbürste beiseite und zieht die Rollos runter. Ihr Arbeitstag ist vorbei – der des Ehemanns geht weiter.

Mike Vogt schließt die Luken, dreht die Schrauben fest, bringt seine Frau nach Lüneburg und fährt spätabends auf den Großmarkt. Um Mitternacht steigt er aus seinem Transporter, zieht die Maske auf und geht in die meterhohe Verkaufshalle. Es riecht nach Clemen­tinen und Grapefruits. Sie stehen stapelhoch auf Paletten. Mike Vogt bestellt Erdbeeren, Trauben, Bananen und Äpfel, zahlt und trägt die Ware ins Auto. Zehn Minuten braucht er für den Einkauf, eineinhalb Stunden für die Fahrt. Das macht er, weil die Früchte leckerer und nicht, weil die Händler immer günstiger seien. Eine Herzenssache.

Ob das Ehepaar die Kosten – darunter auch die Standgebühren – decken kann, weiß es nicht. Aber in Not? Nein, das seien die beiden nicht. Falls es gar nicht anders ginge, müssten sie ein Auto verkaufen. Eins, das sie für den nächsten Hamburger Dom brauchen. Sie haben Angst um ihr Büdchen, sagt Denise Vogt am Dienstag. Sie fürchtet sich davor, ihre Tradition nicht mehr leben zu können – gerade in der Weihnachtszeit.

Auch am Sonntagabend ist noch unklar, ob die Schausteller während des harten Lockdowns noch arbeiten dürfen. „Wir freuen uns natürlich über jeden Tag, an dem wir öffnen dürfen“, sagt Denise Vogt. „Aber wenn es nicht zu halten ist, dann müssen wir es so hinnehmen.“ Sie hofft, dass ihr „Plan A“ trotz allem funktioniert. Und ihre Nase an den Geruch ihrer Arbeit gewöhnt bleibt.

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