Naturkundemuseum

CeNak-Direktor: Zusammenarbeit mit Bonn „ist eine Farce“

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Marc Hasse
CeNak-Direktor Matthias Glaubrecht engagiert sich seit 2014 für ein neues Naturkundemuseum.

CeNak-Direktor Matthias Glaubrecht engagiert sich seit 2014 für ein neues Naturkundemuseum.

Foto: Marcelo Hernandez

Von Fusion des Centrums für Naturkunde mit Bonner Museum Koenig sollten beide Seiten profitieren. Zuletzt häuften sich Reibereien.

Hamburg/Bonn.  Die Entscheidung galt als Durchbruch auf dem Weg zu einem neuen Naturkundemuseum in Hamburg: Als im Juni die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) des Bundes und der Länder beschloss, das Centrum für Naturkunde (CeNak) der Universität Hamburg ab 2021 in die Förderung der renommierten außeruniversitären Leibniz-Gemeinschaft aufzunehmen, sorgte das für Jubel in der Hansestadt. Denn als Leibniz-Mitglieder profitieren die Hamburger Naturforscher künftig erheblich von Bundesmitteln - wobei dieses Geld auch zur kontinuierlichen Finanzierung des geplanten Ausstellungshauses beitragen soll.

Doch der Jubel ist inzwischen Ernüchterung gewichen, zumindest bei CeNak-Direktor Matthias Glaubrecht. Im Juni hatte er von einer „historischen Chance“ für seine Heimatstadt gesprochen. Nun zeigt er sich „sehr besorgt“.Weil das CeNak allein mit einem Leibniz-Aufnahmeantrag wenig Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, hatten die Hamburger ein „Huckepack-Verfahren“ angestrengt – mit Bonner Hilfe: Das dort sitzende Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig (ZFMK), welches als Stiftung schon zur Leibniz-Gemeinschaft gehört, soll im Zuge einer „strategischen Erweiterung“ mit dem CeNak zusammengeführt werden, zu einem „Leibniz-Institut für die Analyse des Biodiversitätswandels“ (LIB).

Reibereien zwischen beiden Seiten

Das sei eine „Win-win-Situation“, erklärten im Jahr 2019 einträchtig der frühere Bonner Direktor Wolfgang Wägele und sein Hamburger Kollege Glaubrecht. Die wissenschaftlichen Sammlungen und die Forschungen der beiden Standorte ergänzten sich ideal. Man sah sich auf Augenhöhe. Der Plan ging auf.

Zuletzt häuften sich dem Vernehmen nach allerdings Reibereien zwischen beiden Seiten. Das liegt nicht an Verzögerungen infolge der Corona-Pandemie, deretwegen Hamburg und Bonn laut Senat die Ratifizierung eines Staatsvertrags für die Zusammenführung von Januar auf Juli 2021 verschoben haben – und an dem sie „knobeln“, wie die Wissenschaftsbehörde erklärt.

Vielmehr geht es um die Führungsstruktur im LIB. Diese werde „zunehmend feiner“, heißt es aus der Behörde, die zugleich beschwichtigt: „Dass dabei auch Sensibilitäten auftreten, ist normal.“ Man komme „sehr gut und kon­struktiv voran“. Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) betont: „Unter dem Dach des LIB muss es mit Bonn und Hamburg zwei gleichwertige Partner geben.“ Es sei „auch weiterhin die Erwartung beider Seiten, dass sich diese Gleichwertigkeit in den Strukturen des LIB widerspiegelt“.

Mehr Kommunikation und Transparenz gefordert

Die Zusammenführung und die Einrichtung eines neuen Naturkundemuseums in Hamburg zählten zu den Schwerpunktthemen ihrer Behörde, sagt Fegebank. „Das muss gut klappen.“

Gut klappen? CeNak-Direktor Matthias Glaubrecht sagt, er habe andere Erfahrungen gemacht. „Es gibt von Bonner Seite keine Kommunikation und Transparenz zu den wesentlichen Themen, die jetzt – vor der Unterzeichnung eines Staatsvertrags – mit dem CeNak besprochen und geregelt werden müssten.“ Auch ein halbes Jahr nach dem Beschluss gebe es noch keine Geschäftsordnung für das LIB, welche die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten regele. „Gleichwertigkeit wird nicht gelebt. Wir hören bei jeder Gelegenheit von den Bonnern, dass es sich bei dem Vorhaben um eine strategische Erweiterung des ZFMK handele und es deshalb keine Gleichwertigkeit geben könne. Es ist eine Farce.“

Dass die wissenschaftlichen Sammlungen der Universität Hamburg mit rund zehn Millionen Exponaten das Eigentum der Hochschule bleiben sollen und dem neuen Institut nur zur Nutzung überlassen werden, darüber habe man sich mit den Bonnern „verständigt“, heißt es aus der Wissenschaftsbehörde.

Bonner sollen Führungsspitze des neuen Instituts bilden

Fest steht jetzt schon die Besetzung der Führungsspitze – zugunsten der Bonner. Der neue Leiter des ZFMK, Bernhard Misof, soll Generaldirektor des neuen Leibniz-Instituts werden. Auch der amtierende kaufmännische Geschäftsführer in Bonn, Adrian Grüter, soll in dieser Funktion nach der Fusion weiterarbeiten. Zwar hätte eine Entscheidung dazu erst in einem Jahr angestanden. Doch der Bonner Stiftungsrat, der noch kein Gremium des LIB ist, entschied vor Kurzem, dass Grüter zum 1. Januar 2022 um fünf weitere Jahre wiederbestellt werden soll.

Dieser Beschluss sei im Interesse der heutigen Stiftung getroffen worden, aber auch im Sinne einer reibungslosen Erweiterung, sagt der Stiftungsratsvorsitzende Michael Wappelhorst, der im nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium in Düsseldorf arbeitet.

Aus Sicht der Hamburger Wissenschaftsbehörde, die „Gleichwertigkeit“ einfordert, ist an diesen Entscheidungen nichts auszusetzen. Der Sitz der Stiftung und damit der Institutsleitung sei Bonn. Darüber habe man sich mit den Bonnern „verständigt“. Es sei aber völlig klar, dass Misof und Grüter künftig die Interessen beider Standorte vertreten.

„Das Aufsichtsgremium muss aufwachen“

Mit den Bonnern verabredet sei, dass der Posten eines stellvertretenden Generaldirektors mit Glaubrecht als Hamburger Vertreter besetzt werden solle. Zudem sollen zwei von vier Leitungsposten im sogenannten Direktorium, dem „wichtigsten operativen Beratungsgremium der Institutsleitung“, mit Hamburger Vertretern besetzt werden, „damit der Hamburger Standort ausreichend Einflussmöglichkeiten“ habe, so die Wissenschaftsbehörde.

Das betrifft die Zukunft. In der Gegenwart spielt ein weiterer Vorgang, der nach Ansicht von Matthias Glaubrecht zeigt, dass von „Gleichwertigkeit“ keine Rede sein kann. Dabei geht es um den Arbeits- und Finanzplan für das gesamte Jahr 2021. Nach Glaubrechts Auffassung müsste in diesem Programmbudget das CeNak gleichberechtigt berücksichtigt werden, da ja im Juli 2021 das LIB starten soll. Stattdessen werde in dem Entwurf nur das Bonner Museum berücksichtigt, welches den Entwurf dem Stiftungsrat als Aufsichtsgremium zum Beschluss vorgelegt habe, ohne dem Hamburger CeNak eine Möglichkeit zur Korrektur zu bieten. Durch seine Intervention habe er erreicht, dass der Stiftungsrat den Entwurf nur zur Kenntnis nahm, sagt Glaubrecht. „Das Aufsichtsgremium muss aufwachen. Hier geht es immerhin auch um Bundesgelder.“

ZFMK-Direktor weist Kritik zurück

ZFMK-Direktor Bernhard Misof wollte eine Abendblatt-Anfrage zunächst nicht beantworten – und verwies auf die Hamburger Wissenschaftsbehörde. Später erklärte er sich doch zu einem Gespräch bereit und zeigte sich „verwundert“ über Fragen zur künftigen Führungsstruktur. An die zwischen Bonn und Hamburg vereinbarten Spielregeln zum Aufbau des Instituts und die im Antrag dafür skizzierten Zuständigkeiten fühle er sich „selbstverständlich gebunden“, sagt Misof. Den Vorwurf, seine Kommunikation mit dem CeNak sei mangelhaft, weist er zurück.

Zu dem Programmbudget sagt Misof, der Entwurf müsse „widerspiegeln, was wir im Moment haben“. Er handele sich allerdings um ein „Übergangsbudget“, das sich an Texten aus dem Leibniz-Antrag orientiere. Er bestätigt, dass ihm ein Beschluss dazu jetzt schon im Stiftungsrat lieber gewesen wäre. Matthias Glaubrecht habe den Entwurf zwei Tage vor der Sitzung bekommen.

Glaubrecht befürchtet Nachteile für Hamburg

Glaubrecht sagt, formal sei das Vorgehen der Bonner zwar rechtens. „Aber wie soll im LIB eine vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich sein, wo die Bonner Seite unsere Belange in wesentlichen Punkten, gerade hinsichtlich der Führungsstruktur, schon in den vergangenen sechs Monaten nicht hinreichend berücksichtigt hat?“ Der Stiftungsratsvorsitzende Michael Wappelhorst sagt, es gebe seit Juni fast wöchentlich Telefonkonferenzen zwischen Bonn und Hamburg. „Zu einem Nachteil eines Beteiligten kann es eigentlich nicht kommen.“

Da soll aus Bonner Sicht auch für die Auswahl eines Teils der Hamburger LIB-Mitarbeiter gelten. Das CeNak hatte mit vier Millionen Euro von der Stadt sein Personal um 20 befristete Stellen aufgestockt, um „Leibniz-fähig“ zu werden. Die betroffenen Mitarbeiter müssen sich nun neu bewerben. Die Auswahlkommission soll paritätisch mit Bonner und Hamburger Vertretern besetzt sein – der Vorsitz liegt aber beim ZFMK. Die Hamburger Vertreter seien formal „Gäste“, hätten aber ein Stimmrecht, sagt Bernhard Misof. „Insofern wird also gemeinsam entschieden.“

Glaubrecht hingegen befürchtet Nachteile für Hamburg: „Was passiert bei Stimmengleichheit? Dann liegt die Entscheidung beim Kommissionsvorsitzenden, also beim ZFMK.“ Die dauerhaft angestellten CeNak-Mitarbeiter sollen ohne Weiteres übernommen werden.

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Was geschähe, wenn die Zusammenarbeit der beiden Standorte künftig nicht gelingen sollte? Dann wäre das auch für die Bonner von Nachteil, so die Wissenschaftsbehörde. Leibniz-Einrichtungen werden spätestens alle sieben Jahre durch den Leibniz-Senat bewertet. „Uneinigkeiten würden dabei offengelegt werden“, so die Behörde. „Diese Überprüfung kann ein sehr scharfes Schwert sein, weil bei einer schlechten Einschätzung der Verlust der Bund-Länder-Förderung droht.“

Außerdem vertraut die Behörde auf den Stiftungsrat für das LIB. In dem Gremium entfallen neben zwei Sitzen für Hamburg zwei Sitze auf Bonn und NRW (Rektor der Uni Bonn und Vertreter des Ministeriums in Düsseldorf) sowie sieben Sitze auf externe Vertreter, unter ihnen etwa ein Mitarbeiter des Bundesforschungsministeriums. Sie alle, so die Behörde, „werden darüber wachen, dass das Projekt gut läuft“.

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